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Freie Tribüne · 1919-11-22 · 44 (22.11.1919) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
44 (22.11.1919)
Date
1919-11-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Einmischung in Kußland fern zu harten. Das Gegenteil von dem ist wahr. Durch1 die nunmehr offiziell gepredigte Nkihteintnisdrung will man bloß die Arbeiterschaft einschläfern, und die Blockade, sowie sonstige Unterstützung und Aufhetzung aller kleinen, tolx Englands Vasallen gewordenen, Völkern nodfo schärfer und energischer durchführen. Nach bewährtem, ungarischem Beispiel. Und hier sei auch auf das politische Verbrechen der ungarischen Sozialdemokraten die sich1 öffentlich1 rühmten, die Entente-Befreier ins Land gerufen zu haben^ warnend hingewiesen. Sie riefen nach Demokratie und es kam die Diktatur des Horthy* Friedrich; sie wollten eine Nationalversammlung, und ermöglichten ein Magnatenhaus. Sie säten Freiheit und ernten Reaktion. Frankreich Ueber die Wahlen in Fra nk reich ist man allseits verwundert und vielfach erschrocken. Es gilt jedoch, bloß zu verstehen und daraus für die Zukunft zu lernen. Uns will es scheinen, daß der für die gesittete Welt so traurige Ausgang der Wahlen in erster Linie auf die, durch die unifizierten Sozialisten fünf Jahre lang betriebene anti* sozialistische, den französischen Arbeitern völlig un* verständlich gebliebene Politik zurückzuführen ist. In der Tat. Wenn man fünf Jahre lang den Arbeitern die Heiligkeit des Klässenfriedens und die Notwendigkeit des nationalen Krieges predigt und ton sich für diese Lehre anschaulich betätigt, kann 'man von den Arbeitern schlecht ver* langen, an einem1 schönen Taget just am Wahltage, diesen Grundsätzen zuwider zu handeln. Es geht dann nicht gut an, sich darüber zu wundern, daß diese ^erhabene" Lehre des Klassenfriedens den Klassengegner so mächtig gemacht hat. Es geht aber'auch1 absolut nicjhft an, sich jetzt wieder in IMarxis'db Gewand Zu Wüllen und sich1 hinter die ökonomischen Ursachen, die doch1 stärker afei unser Willen sind, zu verschanzen. Gewiß ist und bleibt die ^Oekonom'ik" die Ursache aller gesellsChaft* flehen Entwicklung, gleichzeitig aber lehrte doch» uns Marx, daß ,,,,unsere Lehre eine Anweisung zur Tätigkeit sei". Und die fünfjährige Tätigkeit der französischen Unifizierten, die, ansttatt die Volks* 'm'aste'en gegen Krieg und dejsfcen Ursachev den Ka* Ditaiis'm'us. aufzurütteln die Arbeiterschaft für den Krieg und gegen den Klassenkampf zu gewinnen bestrebt war, hat sidhi nun gerächt.!Aber auch1 die Bruderpartei diesseits; des; RlWeins hat esi durch' ihr vierjähriges' Kriegs? und einjähriges „revolutionäres" Wirken den französischen Genossen niCWt feidhlt getaiachlt, eine entschied dende siegreidhe Schlacht dem' rmfrerialtemius' zu Tiefern. Mit „Recht" konnten die Wortführer der siegreichen französischen Bourgeoisie das! eigene Volk darauf hinweisen, daß ^ja in Deutschland gar keine Aenderung eingetreten wäriej", daß diejsellben Parteien, ja dieselben Miänner, dijel den Krieg getw.iolft) geführt und verloren haben, das heutige ,.neue" Deutschland lenken. Nun. und wenn die-geschlagenen deutschen Parteien in die Natio* nafversammlung gesandt wurden, ist es doch ge* radezu selbstverständlich, daß die siegreichen französischen f.Vaterfandsverteidiger" ins Parlament gesendet werden müssen. Ja, nur die ruß ländische proletarische Revo* lution war sich von Anfang an darüber im Klaren, daß nur die vollständige Ausrottung alles Zaristischen und Imperialistischen in der inneren, wie in der äußeren Politik, die Arbeiterschaft der siegreichen Zentralmächte aufrütteln' und zur Liquh dierung des Krieges bewegen kann. Die Wirkung dieser proletarischen Politik ist auch nicht ausgeblieben. Die Jänner- und Junistreiks haben den Anfang vom Ende eingeleitet. Auch die deutsche Revolution muß den Proletariern des Westens die= Sres anschauliche Beispiel geben. Hoffentlich werden die französischen Geno-s* sen aus den Wahlergebnissen die einzig richtige Lehre ableiten, daß nicht Stimmeneroberung, sondem MaChteroberung für die .Verwirklichung des Sozialismus erforderlich ist, und daß die Macht nur durch unentwegten Klassenkampf erobert wer* den kann. Belgien das auf der großen Weltstraße liegt, wo die Interessen des englischen, französischen und deutschen Imperialismus sieh kreuzen, hat im Kriege besonders schwer unter dem' Fluch1 des Kapitalisimus gelitten und deswegen hat die klassenbewußte Arbeiterschaft gegen die bürgerliche Ordnung geschlössen gestimmt. Es wäre verfehlt, das' Wählergebnis als ein Vertrauensvotum1 für die offizielle Politik der sozialistischen Partei aufzufassen. Wohl befand siCh diese der geographischen Lage Belgiens wegen in einer schwierigen Situation, doCh werden die belgischen Genossen jetzt beweisen müssen, ob sie es verstehen, ihre jetzig|e' Lage für die reinen proletarischen Klasseninteressen zu nützen. Die belgische Partei dürfte sfch; 'momentan in einer ähnlichen politischen Situation, wie die d.=ö. Sozialdemokratie nach den Februarwahilen, befinden. Wir wollen nun sehen, ob und wie sie die Eroberung der politischen Macht vorbereiten und sichern wird. Dies allein Würde es wert machen, daß man sich des Wahlsieges aufrichtig freut. < 'Besondere Aufmerksamkeit und lebhaftes In* teresse lenkt der glänzende Erfolg der italienischen Sozialisten auf siCh'. Sic, die ihr 'monarchisches Vaterland niemals, auch „in der Stunde der Gefahr" niChft, verteidigen wollten, sie, die es ViersCWmäht haben, diesen Wähilkämpf mit der populären Losung: ^Nieder 'mit den Kriegshetzern!" zu führen, und 'mit ihrer gewohnten Kühnheit in den WählkamipT mit dem Ruf: ,,vH,öch! die Räterepublik!" gezogen sind; die Partei, die auf ihrem' letzten Parteitag unzweideutig erklärt hat, daß sie sich1 von noch so großen Wahlerfolgen keinen Sturz des Kapitalismus erhoffen könne; die offen bekundete, daß es ihre nächste Aufgabe sei, durch die zielbewußte Organisierung des" revolutionären bewaffneten Aufstandes die sozialistische Befreiung zu erreichen: daß gerade diese italienische Partei, die am wenigsten an den Wahrzauber glaubt, au« den Wahlen siegreich hervorgegangen ist, beweist nur noch ein übrigesmal, daß eine Arbeiterpartei nur dann auf das Versltändnis und;die Unterstützung der breiten proletarischen Masjsen rechnen darf, wenn sie auf allen Stufen der geseHschaftliChen Entwicklung zielbewußte Klassenpolitik macht. Alles Weltgeschehen beruht auf dem Wirken entgegengesetzter Klasseninteressen. Arbeiterpolitik fmuß darauf gerichtet sein, xlie Ereignisse im In teresse des Proletariats wirksam zu beeinflußen. Das dauernde historische Interesse der Arbeiten klasse ist, alles Weltgeschehen zur Weltrevolution zu itreiben, damit die schaffenden Kräfte der Gesellschalt, von ihren Fesseln befreit, nicht mehr den chaotisch wirkenden Klassengegensätzen erliegen, sondern in einheitlicher und harmonischer Zusammenfassung frei wirken und walten können. Zum Tode Hugo Hasses. Das Büro des J. S. A. Verbandes J'oalc-Zion Int an die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands nachstellende Beileidkundgebung drahtlich gesandt. „In tiefster Ergriffenheit stellt die jüdische Arbeiterschaft mit deutschem Proletariate schmerzerfüllt an der Bahre Haases, des igiroßen Vorkämpfers der deutschen .Revolution. Die gesamte Internationale verlor einen klarblickenden, tatkräftigen Führer, der jüdische Sozialismus — einen treuen Freund. Haäses Andenken bleibt neben, Bebel und Liebknecht unvergänglich in unserem Herzen. Jüdischer Sozialistischer Arbeitender band Poale-Zion." Zu den ürbeitePFatswahlen. iBei den Arbeiterratswahlen, die noch1 nidht ab> gesCh'lossen sind, wurden bisihler in folgenden Bezirken unsere genossen gewählt: Im I. Bezirke 2 (aus1 mittleren Betrieben). Im' II. Bezirke 24 (8 aus mittleren Betrieben, 4 in Berufsver&atnmlungen, 12 Arbeitslose), Inn I.V. Be* zirk'e 2 (aus BerufeVers'ammlungen). Inn VII. Bezirj^e 1 (aus mittl, Betr.). Im XIX. Bezirke 17 (aus Berufs.Versamlmhingen). Im XX. Bezirke 6 (Arbeitslose). Insgesamt bischer 42 Arbeiterräte. Feuilleton. Das erste Arbeltsjahr des Kommissariates für Voiksanfkllärnng (Knltnskommissariat)- Von H. K. Krupskaja (Moskau) *) ■I. Unter äußerst ungewöhnlichen Umständen begann das Kommissariat seine Arbeit. Im großen Saale des1 Ministeriums' für VolkSaufklärung (Kiultusl-Ministerium) an der Ts'ohewiik off-Brücke waren nur Hausdiener und Boten versammelt, um den sein Amt als Volkskommissär entretenden Genössen Lunatscharski zu begrüßen. Sämtliche Beamte des ehemaligen Ministeriums für Volksverdummung hatten sich geweigert, mit dem Vertreter der Arbeiter- und Bauern-Regierung zusammen zu arbeiten. Es kam nidht einmal jemand, um die Arbeiten zu übergeben. Das Staatskomitee wollte gleichfalls nichts mit der neuen Regierung zu tun haben. Lunatscharski sandte an eine ganze Reihe von Personen, die früher auf dem' Gebiete der Volksbildung tätig "waren, eine Aufforderung 'zur Arbeit im Kommissariate. Er bekam keine Antwort. Nur eine Person antwortete ihm' in grober, ausfälliger Weise in den „Ruskije Wjedomosti". Der allrussische Lehrerverband agitierte gegen die neue Behörde. An semer Spitze standen Mitglieder der Kadetten - Partei, rechte Sozialrevolutionäre »und Menschewiki. Die Lehrerschaft stand hinter ihr». Das ist ganz verständlich, denn die aus den ti zu verlässigsten Elementen" gewählte Lehrerschaft war in ihrer Masse keineswegs von revolutionärem Geiste angesteckt. Die Sabotage begann. In Moskau währte sie mehrere Monate lang; der Unterricht würde zwar fortgesetzt, jedoch die Schulen verwandelten sich in einen Herd für antibolschewistische Propaganda, und die bolschewistischen Lehrkräfte wurden aus dem Lehrerverb'and ausgeschlossen. Die nächsten Mitarbeiter Lunatscharskis waren in der Hauptsache Kommunisten, welche in den städtischen Verwaltungen Petrograds gearbeitet halten. Doch tun' die Wahr- *) Wir entnehmen diesen ttußerst lehn pichen Bericht der Berliner Zeitschrift: „Die Aktion11. Weit zu bekennen, hatten wir alle keine allzu große Erfahrung. In der Administration mußte dieselbe in der Praxis erst gesammelt werden. Aber „wem Gotit ein Amt gibt, dem' gibt er auch Verstand", bald waren hinsichtlich der Ver_ W'altung große Fortschritte, gemacht, und in gleichem Maße mit der fortsdhreitend/en Arbeit besserte sich mehr und mehr deren Organisation, sowie;auch die des Kommissariates selbst. Nicht umsonst jedoch wurde all diese Erfahrung gesfajmmelt. Die Uebersicdelung nach Moskau unterbrach die Arbeit 'für einige Zeit. Der Kommissär für Volksaufklärung setzte seine Tätigkeit in Petrograd fort, und seine Abwesenheit war in der Arbeit des Kornmtissariatc-s sehr zu spüren. Ein Teil der Mitarbeiter war auch in Petrograd geblieben, und so mußte man neues Personal zusammenstellen. Wieder mächte sich der Mangel an Menschen unangenehm bemerkbar. Der Boykott war zwar schon zu Ende, jeder nahm mit Vergnügen im Komimissariat Arbeit an. Die wertvollsten Kräfte wurden herausgesucht, aber doch verging viel Zeit, bis diese sich eingearbeitet hatten. .. Die Massen Avurden mit dem Programm des Kommissariates, mit jeder seiner Reformen^ mit jedem Dekret direkt bekannt gemacht. Kommissär Lunatscharski legte auf den Meetings in Zirkus ^Modern" periodisch den Arbeitern Rechenschaft ab über die Tätigkeit des Kommissariates. Es 'wurde besonders Wert darauf gelegt, die Ansichten des Kommissariates nicht etwa nur in speziell pädagogischen Jounale zu entwickeln, sondern auch vor allem in den allgemeinen Sowjet-jZeitungen, um so die Fragen über Volksbildung vor den Massen und nicht nur vor der Lehrerschaft zu erörtern. Das ist der Grund, weshalb so auf der Herausgabe der „Beilage" zu den „Iswestije" bestanden wurde und weshalb die Weigerung der letzteren, wegen Papiermangel« die Beilage weiter mit herauszugeben, dem Kommissariate besonders schmerzlich war. Es wurde Verbindung unterhalten mit jedem kleinen Kreise von Arbeitern oder Bauern, der sich an das Kommissariat um Hilfe oder Ratschläge gewandt haltte. Wenn es sich darum handelte, eine wichtige Entscheidung zu treffen, so wandte mlan sieh jedesmal zuerst an die Arbeiter selbst. Es sind zu diesem Zwecke in der Staatskoiumission Vertreter der Berufsverbände usw. anwesend. Das Kommissariat umfaßt die Abteilung für proletarische Kultur, welche unter den Arbeiterorganisationen wirkt. Allein während des ersten halben Jahres übergab das1 Kommissariat der Abteilung für proletarische Kultur (Proletkult) 9 Millionen Rubel. Die Abteilung besitzt ihre eigenen Klubs, Studien (künstlerische Theater) und eigenen Verlag. Gemäß Dekret des Kommissariates für Volksaufklärung wurden bei den Abteilungen für Volksbildung Räte für Volksbildung ins Leben gerufen, in Form von beratenden und Kontrollorganen. In. diese Räte für Volksbildung wurden die Delegierten von allen solchen Körperschaften gesandt, deren Vertreter auch in den Arbeiter-, Soldaten- und Bauern-Räten anwesend sind. Ferner sind Delegierte von Lehrern und Schülern vorhanden, jedoch darf ihre Anzahl ein Drittel der gesamten Mitgliederzahl des Rates nicht übersteigen. Der Rat für Volksbildung ist dasjenige Organ, durch dessen Vermittlung die Abteilung für Volksbildung ihre Ansichten unter die Massen bringen kann. Da die Räte durch die Wahl zusammengestellt werden, so geben später die erwählten Delegierten an den einzelnen Orten Berichte und machen auf diese Weise die breite Masse der Arbeitenden mit der Tätigkeit der Abteilung für Volksbildung bekannt. In den Räten für Volksbildung arbeitet die Bevölkerung zusammen mit den Lehrern, während früher die Bourgeoisie. immer bestrebt war, die Lehrerschaft von der Masse zu trennen. Wir (wollen ihre gegenseitige Annäherung, denn das ist eines der wichtigsten Mittel; die Lehrerschaft zu nutzbringender Tätigkeit zum Wohle des Volkes zu erziehen. Das Kommissamt hat viel Kraft und Mühe auf die Propaganda unter der Lehrerschaft angewandt. Der „Bund der internationalistischen Lehrer", welcher sich sofort nach der Bildung des Kommissariates für Volksaufklärung gegründet hatte, unterstütz^ diese Arbeit sehr. Es ist bezeichnend, daß die Volksschullehrer, welche ja auch nach ''Herkunft, Lebensart und Lebensauffassung den Arbeitenden nahestehen, verhältnismäßig schnell auf die Seite der Sowjet herrschaft traten, Während die Lehrer der Mittel- und höheren Schulen fortfuhren in ihrem äußerst feindlichen Verhalten der neuen Regierung gegenüber. Die Berufslehrer, welche mit Schmerzen sahen, wie in der früheren Schule die Kinder körperlich sowohl wie geistig verkümmerten, gingen zur Sowjet-Regierungj über; sie begrüßten die einheitliche Arbeitsschule mit Begeisterung. MD* Sammelt fürden 5000 Kronen-Fonds der „Freien Tribüne". OBf

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