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Freie Tribüne · 1919-11-22 · 44 (22.11.1919) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
44 (22.11.1919)
Date
1919-11-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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PPO/-frAA/€« <£\LLB/=L L/^/0£Q^ ^/£GL£/K/<jT £{^Cm/ ItlUlltlMlIfHltlMUltlllMlfMlin I» MrtMt(t|hUClinl|tttffnillttt|lt||lflffflltl|I |U'III Hilf (III tUllMl MUn'lMMIHlmM Kl llt*tl\ltlhu[t\ltUlUjiyi\Ul\Hil\{lll{nrt\l1lll\\ltmiiUm,m*U IREII TRIBÜNE Organ der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale Zion in Deutschösterreich. REDAKTION und VERWALTUNG: Wien, 11., Glockengasse Nr. 6, Tür 17. Bezugspreis samt Zustellung: Ganzjährig K 15 — .... Halbjährig K 7.50 .... Vierteljährig K 3.80 . Erscheint jeden Samstag. Einzelnummer 30 Heller I. Jahrgang Wien, 22. November 1919 Nr. 44 Nach der Pnrteiberafung. Die letzte Parteiberatung hat endgültig die erste Epoche unserer Existenz als revolutionäre Partei des jüdischen Proletariats in Detitschösterreich! zum Abschluß gebracht. Noch, im April konnte man im' Zweifel sein, ob die auf der konstatuierenden Beratung angenommenen Beschlüsse nicht doch vielleicht bloß der Ausdruck einer geringfügigen, revolutionär gestimmten Minderzahl sind, der es geilungen ist, die etwas wiUenss'dhwä* chere, indolente Mehrheit mitzureißen. Nun ist es aber über allen Zweifel klär geworden, daß nahe», zu alles, wasin unserer Partei aktiv islf, auf reyolütionärem' Boden steht. Ja, wir mußten uns überzeugen, daß gerade einem großen Teile unserer rührigsten Genossen der Rahmen unserer Tätigkeit nicht' mehr genügt, daß sie viel' entschiedenere Schritte nach! vorwärts fordern, als wir sie bisher unter Rück'sidhtnahlme auf die älteren und konservativen Genossen machen konnten. Wir konnten uns aber auch davon überzeugen, daß auch die IMitglieder unserer „Redhten" über ihre alten Ueberzeugungen weit hinausgegangen sind und daß eigentlich! nur ein jrewissels! Beharrungsvermögen sowie ^Vasallentreue" zum1 Verbände sie davon abhläflt, die letzten Schlüsse zu ziehen. Nunmehr is!t es die Aufgabe unserer Parteileitung, dein durch den Bcratungsbesdhlüß unreifellhäft jkündgetänen Willen der. Mehrheit unserer aktiven Parteigends* sen, .durch' den formellen Anschluß an die dritte Internationale unmittelbar in die Reihen des kämpfenden .Weltproletariats zu treten, zu voll* ziehen. hMLit der Anmeldung ist es natürlich nicht getan. Solange wir gewispermaßen als, Freischärler für »die Revolution klämfpften, konnten wir uns mit der rasch entflammten Begeisiterung neugeiworbe* ner fem'pfer zufrieden geben. Wir fanden diel Rechte fertigling h'iefür in der allgemeinen Lage djes Lan* des». 'Alle Welt erwartete, die ganzjej proletarisch© Mlasjse erhoffte den Umsturz, der die Macht dem! Proletariat übergeben sollte. Auch seine eifrigsten Beklämipfer, die soziademokratisdhen Führer, hatten sich! geistig auf ihn vorbereitet und waren jedes! mal von neuem1 verwundert, daß. der „bittere Kelch1" an ihnen vorbeigegangen war. In einer stolchen Zeit konnten wir uns nicht auf eine methodische Schulung unserer Kämpfer einl'asisen; wir müßten uns begnügen, sie im' Klassenkampfe die nötigsten Kenntnisse erwerben zu lassen. Nun ist eine andere Zeit eingetreten. De* rosige Optimist m|us^ der von jedelm sdhönen 'Morgen die Ausruf fung der Rätediktatür erwartete, ist versdhwunden. Eines großen Teiles! der Massen, die) früher mit ihrem Elan die Kämpfe befeuert hatten, hat sich) ob der wiederholten Mißerfolge Teilnahmst losigkeit bemädhtigt; ein kleiner Teil verfällt sogar in den Bann reaktionärer, antisemitischer Schlag» worte. Aus der hbffnungsjbes'dh'wingten Angriffst fust Bind jetzt keine Massenkämjpfe mehr zu er* iwaiüen. Was jetzt komlmen kann, sind der Not entjstaJmimende Zusammenstöße, in ihrem Beginn und Anlaß: so iwirr, dhäotischl, hoffnungslos^ wie ihre Ursache, der Mangel in allen seinen Formen^ Daß sie nicht sinnlos! verlaufen, nicih|t zweck* losi enden, muß Sorge jeder revolutionären Arblei» terorganisation sein. - \ , Was haben wir hüebei zu tun? Wir müssen durch einen Kader gut durdhk gebildeter Genossen Einfluß auf die elementar ftntf stehenden Bewegungen zu gewinnen, den Volkse imasjsen Klarheit über den Feind und das; Kampf« Ziel zu bringen sudh'en. Unsere Pflicht Mi es, vor» ausfühlend die revolutionäre Losungauszugeben, aus dem' Zusammenstoß selbst mögl'idhst viel Vor» teil für die Vermehrung und Festigung unserer Reihen zu ziehen. Es [muß uns1 klar zum Bewußtsein kommen, daß die allgemeine Stimmung, das Schwinden po» «tischen Willens, auch manchen unserer Genossen erfaßt hat. Wir müssen dem mit allen Mitteln entgegenwirken. Zunächst durch Schulung, inten* si've Aufklärungsarbeit in den eigenen Reihen^ Erfassung und Erweckung des Interessesi an der Parteiarbeit eines jeden einzelnen Genossen. In dieser Beziehung erwarten wir viel von dem Be> sch'lusise zur Gründung von Gruppen aktiver Genoss'en. Auch in unsere gewerkschaftliche Organisa* tionstätigkeit muß mehr System1 hineinkommen. Es! ist kaum' damit gedient, mehr zufällig erfaßte Gruppen den Gewerkschaften zuzuführen und sie dann sidh selbst zu überlassen. Unsere Aufgabe ist eine höhere. Wir m'üsisen den durch; seinen Instinkt oder durch eine oberflächliche Agitation zum! Eintritt in die Gewerkschaft veranlaßten jüdisdhen Proletarier zum' wirklich klassenbewußten Kämpfer erziehen. Schon sind sich1 einsichtige Ge» werksdhaftsführer darüber klar, daß ihnen die Zeit nach dem1 Umsturz einen größeren Zustrom un» aufgeklärter Arbeiter gebracht hat, als sie verdauen können. Für uns, eine revolutionäre Partei, ergibt sich' die stärkere .Verpflichtjung aus! dem Umjstande, daß wir dabei mithelfen müssen, die bevorstehenden schweren Lohnk'änrpfe aus! dem engen Bereich! des einzelnidn Beruf!e$ in die Höhe umfassenden politischen Kämpfes emporzuführen. Aus der unmittelbaren Berührung mit den Problemen der jüdischen Masjsennot werden wir' neue Kräfte ziehen. "Diese trieben Jetzt deutlicher in unseren Gesichtskreis1. Als die Hoffnung auf raschen Sieg des Proletariats; in Deutschjösterreidh begründeter war, durften wir auf baldige staatlich' enge Verbindung mit den jüdischen Massen im! Osten hoffen, die Möglichkeit erwarten, gemjein» saml mit ihnen die schweren Fragen zu lösen, die die soziale Revolution in der jüdischen Gasse auf» wirft. Auch jetzt bleibt unsere Sache auf den Sieg des Proletariats gestellt] Aber der SÜeg isft in die Zukunft gerückt. Und da meldet sidh! die jüdische Not hierzulande, das' allgemeine Elend der ganzen Bevölkerung, verschärft durch den iVon der reaktionären Opposition und der koalierten 'Regierung genährten Antisemitismus!. . Auf dem! Wege wirtschaftlicher Selbsthilfe werden wir wjei» terschteiten müssen, eingedenk1 dessen, daß er unsf nur zu Palliativen führen kann. Durch industrielle ProduktiVgenossensidhiaften werden wir den Klassenkampf der jüdischen Arbeiterschaft zu erleichtern, ihre Stellung zu festigen sudhien. Die Schaffung landwirtschaftlicher Arbeits» und Siedfungsgenossenschaften wird Teilen der arbeitswilfigen jüdischen Masisen den Uebergang zu , neuen Berufen ermöglichen. [Damit handeln wir auch1 im Sinne der Lösung der Grundfrage desj jüdischen Lebens), der jüdischen Exterritorialität. Soweit es geht — und es scheint, daß sidh die Möglichkeiten der Wände» rung erweitern, — werden wir an der Regulierung der Wanderung iml allgemeinen und nach! Palästina im1 besonderen in den Reihen des ganzen jüdischen Proletariats mitzuwirken halben. , Affe unsere Aufgaben können aber nur erfüllt werden iml Rahmen des großen urtermjüdüchlen Klassenkampfes gegen das imperialistische WeKkapitat und seinen lohn» Heischenden Knecht, das jüdische Bürgier tum; , Berichtigung. In die letzte Doppelnumnier Nr. 42—43 haben sich einige Fehler eingeschlichen. Beim Artikel: nDas Wirtschaf tsprogram in der Kommunisten" wurde irrtümlich der Name des Autors: Miljutin, Mitglied des Präsidiums des 0. V. R. sowie die Nennung der Quelle : „Die Kommunistische Internationale", Organ der Exekutive der III. Int., Heft 3, weggelassen. Zwischen Extremen. Randbemerkungen zur Entwicklang der Weltrevolution. Die großen Ereignisse des Weltgeschehens scheinen oft völlig zusammenhanglos. Nicht selten scheinen sie gar im heftigen Widerspruch zu ein* ander, und doch sind die inneren Zusammenhänge^ die ihrerseits auf einheitlichen Ursprung zurück« zuführen sind, Jjei. genauer Beobachtung deutlidft zu erkennen. Der durchgreifende, die ganze bürgerliche Welt mit Bangen erfüllende Sieg Sowjet-Rußlands über alle seine Feinde im Os/ten, Westen und im Süden., der ausschlaggebende, die gesamte denkende Menschheit in Staunen vernetzende Sieg der fran* zösisldhen imperialistischen Machthaber über das eigene .Volk; wer kann diese beiden Weltgeschichte liehen Ereigniss'e in ihrem1 ursprünglichen Zusammenhang begreifen? Der schöne, mit Stolz erfüllende Erfolg der italienischen sozialistischen Partei, die (vor, während und nach dem Kriege gegen jede Intervention heldenmütig gekämpft hat und der vollständige d.ürdh Lord George eingestandene Zusammenbruch der englischen Interventionspplifik; wer will die innere Logik .dieser beiden ieinander widersprechenden Erscheinungen (verstehen? Einerseits ist es1 der Hunger, der es in Mitteleuropa den arbeitenden Klassen unmöglich machtt, die clurdh Krieg und Niederläge zusamimengebro» dhene Volkswirtschaft auf gesunder, sozialistischer Grundlage aufzubauen; anderseits Isind es; Ueberifluß und Reichtum1, die die amerikanische Arbeiterschaft (zwingen, gegen die durdh den imperialistischen Sieg erstarkte Großbourgeoisie ihre Macjhft- Positionen zu verteidigen und für günstigere Le» bensbedingungen zu kämpfen. Wer vermag diese beiden Erscheinungen auch! nur in einen ursächlichen Zusammenhang zu bringen? fUnd dodh! So verschiedenartig auchl da» Weltgeschehen sidh unsi offenbart, .so ein h! e i t - UM ist dessen Ursache — die soziale und k!ul« turelle Entwicklung, so einhleitlicjhl bleibt audh dessen Ziel — die &,oz i a 1 e und k u 11 urelle Befreiung der Menschheit, Wenn Imän die geschidhltlidhe Bedeutung de» großen russischen Sieges! über die englische Inte** ventionspolitik voll erm'esgen und riclhjtig verstehen Will, dann sehe to'an nach! Ungarn. 'Die von England und Frankreich in Rußland geschürte Konterrevolü« tion war nteiht imstande, die Proletarierdiktatur zu ersdhütt!ern, und hat im1 Gegenteil bewirkt daß auch die sozialistischen Gegner der Sowjet=Repu blik sidhi zu deren Schutze gegen die Entente ®rhöben haben. Hingegen ist es der von England und Frankreich geführten rumänischen Soldateska ge» lungen, die Proletarierh'errschaft zu stürzen, und ein Regime des nicht mehr weißen, sondern des mittelärterliidhen sfihfwarzen Schreckens aufzurichten. Dadurch ist die ungarische Arbeiterstfhiaf1 in eine politische Lage gedrängt, in eine psydhio« gische Verfassung gebracjht, aus der nicht so bald und nidht So leidht ein Ausweg zu finden sein wird. Man denke an die sidh vorbereitenden Verhändlungen zwisdhen SowjetPRußländ und England als Exponenten der Entente in Kopenhagen und an die .„Verhandlungen" des englischen Vize*Königs Vion Ungarn mit der nichtswürdigen Puppengestalt de» Friedrich1 und den würdelosen sozialdemokratischen Führern und man erkenne den inneren Zusammenhang dieser beiden Ereignisse. Hier sei es am Plätze, vor einer gefährlichen Illusion zu warnen. So erfreulich es ist, daß die kto senbevvußten, heldenmütigen roten Truppen dem Apostel des Kapitalisimüsi Lord George das freimütige Geständnis seiner Niederlage abgezwungen haben, so gefährlich! wäre esl wenn die englk, sehe Arbeiterschaft und mit ihr die Arbeiterschaft aller siegreichen Länder sich der Selbsttäuschung hingeben würden, als wären ihre Regie» rungen aufrichtig und ehrlich bereit* sich von jeder Genossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die „Freie Tribüne«.

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