Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 42-43 (15.11.1919)
- Date
- 1919-11-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 der Kapitalistenklasse „Überläsisen. Dies war nicht sein freier Wille, sondern sein historisches Interesse.' Dies wird ganz klar, wenn wir das Aktionsprogramm Otto Bauers auf seine Durchführbarkeit' prüfen. Die Produktion Deutschösterreichs kann gefördert werden, wenn ausländisches Kapital ange: zäogen wrd. Dies ist dann der Fall, wenn die Arbeitsbedingungen in unserem Lande bessere, höheren Profit versprechende sind. Diese besseren Arbeitsbedingungen können entweder in natürlichen Eigenschaften desi Landes, wie Bodenschätze, billige Triebkräfte u. s'. w. oder der Arbeit, wie niedrigere Löhne, längere Arbeitszeit u. s'. w. bestehen. Die natürlichen .Verhältnisse unseres Landes sind gewiß nicht sto verlockend, daß sie eine Anziehungskraft für ausländisches1 Kapital bilden könnten. Es blei: ben also nur die Bedingungen der Arbeit. Die für das Kapital besseren Arbeitsbedingungen sind aber für die Arbeiterklasse die schlechteren. So ist e» ganz unverständlich, Wie mlan zugleich die Hebung der Produktion und Arbeitersdhutz und Arbeiterversidherung .verlangen l<rann. Nehmen Wir an, in Oesterreich wäre der Achtstundentag eingeführt, während jenseits der Grenzen der Neunstundentag beäte'ftt. Die Folge davon wjäre, daß die in Oesterreich produzierten »Waren auf dem' Weltmarkt niChlt konkurrenzfähig wären und die Produktion! würde sich nur auf den inneren Markt einstellen, oder das' Kapital' würde in diejenigen Länder abwandern, wo die Arbeitsbedingungen für die Kapitalisten besser sind. Schön gar keine Rede davon, daß ausländisches; Kapital angeziogen würde. So fragen wir uns .vergebens» wie Otto Bauer beides erreichen will, sowohl die Hebung der Produktion, wie den Ausbau der ArbeitersChutzge - setagebung und ArbeiterversiCherung. Es ist jieute eine Binsenwahrheit, daß der Arbeitersldhütz, wie jede soziale Reform', ebenso ihre Schränken in den internationalen Arbeitsverhältnissen findet, wie die Sozialisierung der Produktion. Kapital und Arbeit sind die Pole der Pro- 4uKtion in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Die Produktion ist ebenjs|o auf beide angewiesen, wie die Klassien, die diese beiden Pole darstellen, von ihr abhängig sind. Aber die Intereslsen dieiser Klassen sind ebensb unvereinbar, wie diese beiden Pole in der k'ap. Ordnung nicht vereinigt werden können. So enthalt das Aktionslprogra'm'm' Otto Bauers1 einen inneren Widerspruch, der der Ausdruck' des inneren Widerspruches! innerhalb der Sozialdemokratie ist, die zugleich Regierungspartei in .einem1 bürgerlichen Staate und Revolutionspartei, zugleich die Hebung, der Produktion und die Förderung der Arbeiterinterestelen anstreben im'uß. Die Produktion ist in der kapitalisftisCben Produktions'weia'e wöM ein Mittel, daß „lüberh'aupt eftorias da istei", sie ist aber andererseits das' Mittel, die 'Arbeiterklasse in KneChtsCWaft 2u erWalten. Das1 wichtigste Machtmittel des1 Proletariats islt ,eben, die Produktion zu stören, um1 sie ine Interessen durchzusetzen. Umso verwunderlicher islt es, daß in de'm1 Aktionsprogramm1 nidhlts enthalten ist, was das Streben der Arbeiterklasse ausdrücken könnte, sich' einen gewissen Einfluß) auf die Produktion zu wahren. Die Form!, unter der dies gesldhehen könnte, ist 'heute noCh nicht gefunden. In Deutschland sollen die WirtsChaftsTiäte diese Aufgaben erfüllen. Ob diese Form1 die richtige islt, wird das Leben zeigen; es im1 u ßi aber eine Form' gefunden werden, die esi detai1 Proletariat ermiÖgliCht, die Autokratie des Bürgertums in der Produktion zu breChen. Erklärt man aber, daß den Sozialisierungs'besfrebungen Schranken gesetzt sind, die in der internationalen Lage begründet sind, so muß man konsequenterweise zugeben, daß auCh der Sozialreform! internationale Schränken gesetzt sind. Wenn 'man so weiterdenkt, ergibt sidh, daß ein eigenes Aktionsprogramm überhaupt überflüssig ist. I Hugo Haase. I in T'T^TTumin i i»iihii in mmhji ii lawm nanifn TriiT»in. iT^TnmTinTftmifflnrBg *"w^"» '■ "'■■m«wa—ag—m Ein unersetzlicher Verlust hat schwer,' nicht nur das klassenbewußte deutsche Proletariat, sondern auch die gesamte internationale Arbeiterbewegung getroffen. In Hugo Haase ist ein unbeugsamer Kämpfer, ein klarer Politiker und lauterer Charakter von revolutionärem Scharfblick dahingegangen. Auf dem Magdeburger Parteitag 1910 stellte er sich an die Spitze des radikalen Flügels der deutschen Sozialdemokratie, als es galt, gegen die Badenser, die im Landtag für das Budget stimmten, eine geschlossene Majorität zu führen. Nach Bebels Ableben wurde er zum Vorsitzenden der Reichstagsfraktion. gewählt. Er führte sie noch über das erste Kriegsjahr hinaus, trotzdem er in der Fraktion gegen die Votierung der Freie Tribüne Kriegskredite stimmte. Er beugte sich der Disziplin solange, bis er die Gefahr der Verleugnung der sozialistischen Grundsätze in ihrer folgenschweren Tragweite erkannte. Entschlossen hat er mit K a u t s k y und Bernstein durch die Spaltung der Partei den Boden für die Novemberrevolution vorbereitet. An der Spitze der „Unabhängigen Sozialdemokratie" war er einer der markantesten politischen Führer in den Revolutionstagen. Der sinnlos grausame Mord, der ihn hinwegraffte, hat eine empfindliche Lücke in die Reihen des kämpfenden deutschen Proletariats gerissen. Wir werden mit der gesamten Internationale ihm treues Gedenken bewahren. Zu neuer Arbeit. Die parteipolitische Entwicklung, die mit unserer Aprilberatung begonnen und durch unsere sedhs'mönatige Tätigkeit wirksam fortgesetzt wurde, hat nun auf unserer außerordentlichen Nove'mberberatung ihren logisch notwendigen Abschluß nach innen gefunden.! Die Zeit vom1 November 1918 bis November 1919 war den großen Problemen der sozialistischen Praxis gewidmet. Es war der Prozeß der geistigen Klärung, der Ideenfestigung und der inneren Samimlung. Und — wir dürfen es .jnit Befriedigung konstatieren — die junge Organisation hat die erste Prüfung glucklich überstanden. Zweierlei Gefahren drohten, unsere parteipolitische Entwicklung ungünstig zu beeinflussen. Die Gefähr gedankenloser Nachahmung, und die inhaltsloser Isolierung. Die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen;, in denen unsere junge Or* ganisation ihre politische Orientierung gewinnen sollte, sind dermaßen außergewöhnlich! geartet, daß sie eine RiChtungs'verwirrung, ein Entweder-Oder leiCht zur' Folge Waben konnten. Das bisherige Fe'hlen einer großen jüdisCWen Arbeiterbewiegung, das Nichtvorhandensein einer inhaltsreichen jüdischen Kultur einerseits', das überragende Interessie an den großen politischen Problemen des Landes' anderseits1, drohten unsere Parteipolitik auf die sinnlose NaChahm'ung einer der beiden sozialistischen Orientierungen zu beschränken. Die große Not der in Wien zusammengepferchten jüdischen Masis'en und das eigenartige, wienerisch-antisemitische Kolorit einer jeden Regierungspolitik drohten unsere Partei auf den fal'sidh'en Weg national-sozialisfiisiclher Politik abzudrängen. Nun sind beide Gefahren glüCklich überwunden. Wir sind auf dieser kleinen Inls'el1 des jüdischen Volkslebens1 zu einer waWhaft internationalen jüdisCh'en sozialistischen Bewegung geworden. Nidht l'eiChlt fiel es unserer kleinen Organisation, den Weg des' unentwegten proletarischen Klassenkampfes1 in einem' Lande zu finden, in dem die überwiegende Majorität der organisierten Arbeiterschaft, burgfriedliCh verträumt, in tief'sfem' jSidMutalm'er liegt. Es war dies umso schwerer, als wir von den großen Zentren der miäiChtigen jüdislCh'en Arbeiterbewegung getrennt sind.!l/nd doCh1 Ihat unsere Organisation aus eigener, innerer Kraft, aus dem1 Bewußtsein^ daß wir, so sChwadh! und jung wir sind, einen Teil des all!- weltliChen jüdischen Proletariat^ und somit einen Teil der großen Nation der Ausgebeuteten .darstellen, den einzig richtigen Weg zur Selbstbefreiung beschritten. Der Weg, der unserer Ueberzeugung naCh zum1 Wiederaufbau der internationalen proletarischen Gemeinschaft und zur sozialistischen Befreiung führen wird. Den Weg der dritten kommunistischen Internationale. * Nun gilt's, die naCh innen abgeschlossene Entwicklung nach außen sichtbar zu machen. Es gilt, durch organisatorische Zusammenfassung aller gleiChgesinnten Bruderparteien die lebendige, jüdische Arbeiterbewegung auf dem1 Boden des revolutionären Klassenkampfes1 zu vereinigen; es gilt, unsere Weltbewegung, die Bewegung des klassenbewußten, jüdischen Proletariats mit der Bewegung der dritten Internationale organisatorisch zu verbinden. Diesem' wichtigsten aller jetzt anzustrebenden Ziele wollen wir uns nun widmen. Unsere Forteiberatung, Am 1. und 2. November tagte in fdem Lokale des Jüdischeir- Arbeiter-Bildungsvereines, II., Blumauergasse 1, die II. außerordentliche. Parteiberatung der jüdischen sozialistischen Arbeiter-Partei (jPoale=Zion in Deutschösterreich. Einberufen zum Zwecke der endgültigen Klärung der mit so größer Leidenschaftlichkeit aufgeworfenen, grundlegenden Fragen in unserer internationalen Politik, brachte sie nicht nur die unzweifelhafte Bestätigung der durch die kon- Nr. 42—43 stituierende Aprilberatung .'festgelegten politischen Orientierung, sondern wies auch Ziel und Richtung unserer weiteren Tätigkeit. In Anwesenheit von 40 Delegierten, 10 Mitgliedern der Parteileitung, eines Vertreters des Verbandsbüros, eines Ver« treters der Jugendorganisation und je eines Vertreter? mit beratender Stimme des jüdischen Arbeiterkonsumvereines und der jüdischen Arbeiterküche, eröffnete Gen. Alexander die Parteiberalung mit einem Rückblick auf die internationale Lage und die politische und ■ wirtschaftliche Situatioi? des jüdischen Proletariats im Rahmen der proletarischen Weltbewegung. Er verwies darauf, daß die Tagung im'. Zeichen des Sieges der Sowjetrepublik über ihre jsregenrevolutionären Feinde im Westen und im Osten stattfindet. Die Beratung gedachte auch des mit dem Tode ringenden üen. Haase und beschloß, eine Sympathiedepesche an denselben abzusenden. Nach der Konstituierung wurden Begrüßungsschreiben des Reichs voll zugsausschusses der A r b e i i e r - räte Deuts chösterreichs, des Verbandsbüros Stock' holm, unserer Bruderparteien DeutsChlands( der Tstfvechoslowakei und Ostgaliziens verlesen. Im Namen und im Auftrage des Verbandsbüros begrüßte die Tagung das Verbandsbüromitglied Gen. Rewutzkj^ ferner die Vertreter unserer Bruderpartei der russischen Ukraine, Gen. Efrossi, Mitglieder der polnischen und sowjetrussischen Bruderparteien. Der Bericht über die Tätigkeit der Parteileitung, erstattet von Gen. Nagler, rief eine lebhafte Debatte hervor, die mit einem Vertrauensvotum (26 für, bei 15 Enthaltungen) beendigt wurde. Das Referat: Anmeldung an das Bureau der Hl Internationale hob folgende Gesichtspunkte hervor: 1. die Notwendigkeit der Eingliederung der allweltlichen jüdischen Arbeiterbewegung in die internationale Organisation des Proletariates; 2. daß die jüdische Arbeiter-Bewegung nur denjenigen Versuceh, die Internationale wiederaufzubauen, tatkräftigst unterstützen darf, der von der Organisation der III. Internationale unternommen wurde und die revolutionäre!} Teile des klassenbewußten Proletariats um sich gesthart hat:. 3. daß infolgedessen unser organisatorischer Anschluß an die III. Internationale als Ausdruck unserer internationalen Orientierung erforderlich ist. Zu diesem Punkte' der Tagesordnung wurde folgende Resolution angenommen: i . , \ Die zweite — außerordentliche — Parteiber.atungbestätigt vollirihalth'Cch die politische Platfbrm1 der konstituierenden P . B'. Die P.-B. nimmt folgende Entschließung an: Die Partei, 'die auf den Boden der III. Internationale steht, in ihren* Geiste arbeitet und wirkt, hat auch organisatorisch der III. Internationale angeschlossen 'zu sein (und beauftragt die Parteileitung, sich mit allen ,auf dem: Boden der III. Internäk tionale stehenden Bruderparteien und Gruppen zwecks gemeinsamen Eintrittes im die III. Internatiortale ins: Einvernehmen zu setzen'. Sollte dies infolge höherer Gewalten, wie Krieg, Verkehrsschwierigkeiten etd., unmöglich sein, vollzieht die Partei — unter Betonung und Begründung der Idee unserer Allweltlichkeit — als Initiativpruppe des revolutionären Teiles des A. J, S. A. Verbandes ihren Eintritt in die III. Internationale, i Nach Erklärungen der Sprecher beider Fraktionen wurde einstimmig zur Kenntnis genommen, daß der Beschluß über die Anmeldung an; das Büro der'III. Internationale den Parteimitgliedern zur Bestätigung durch eine UraiJ^ Stimmung vorgelegt wird. Die Urabstimmung wird von einem' durch die Parteiberatung gewählten paritätischen Komitee durchgeführt. » Das Referat über Unsere Stellung zum Verbandsbüro betonte nachdrücklichst die Notwendigkeit der Zusammenfassung des allweltlichen jüdischen Proletariates im poalezionistischen Weltverbande und ihres Ausbaues zu einer Organisation, die den revolutionären Klassenkampf des jüdischen Proletariates auf allen Gebieten des jüdischen Lebens für die soziale und nationale Befreiung leiten soll. Daran knüpfte sich eine lebhafte Debatte, in der Redner der Minorität den Bestand des Weltverbandes, seiner Einreihung in die Internationale Arbeiterbewegung übergeordnet wissen wollten. Hervorragenden Anteil an der Debatte nahm der Vertreter des Verbandsbüros, der einen selbständigen Beschluß unserer Partei vor der Weltkonferenz verhindern wollte mit dem Hinweis darauf, daß er selbst auf der Weltkonferenz für den Austritt aus der II. Internationale plädieren werde. (Zu diesem Punkte wurde folgende Resolution mit 33 gegen 14 Stimmen angenommen: 1. Die zweite — außerordentliche — Parteiberatung bevollmächtigt die Parteileitung: a) öffentlich, kundzutun, daß wir weder in der zweiten Internationale noch in der zionistischen Organisation vertreten sind. , i