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Freie Tribüne · 1919-11-15 · 42-43 (15.11.1919) · page 5

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
42-43 (15.11.1919)
Date
1919-11-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr 42- 43 Seite 5 Trägern dieser „sozialistischen'* Republik abgeschlachtet werden, damit bürgerliche Ruhe und kapitalistische Ordnung wiederhergestellt werden? Wer vermag eine „revolutionäre" Entwicklung zu erforschen, deren Endziel die Liquidierung der Revolution ist? Und unsere deutschösterreichisehe Novemberrevolution"? Wer kann deren Sinn und Bedeutung verstehen, wer will ihre Aufgaben mit ihren Resultaten in Einklang bringen? - Lasfeen wir heute alle Nörgelei beiseite . . . Versuchen wir es mit erkenntnistheoretischer Wertung, mit Selbsterkenntnis' und Selbstkritik. Ein Jahr nach der rußländischen erleben wir die mitteleuropäische, somit auch deutsehösterreichisehe proletarische Revolution. Genau wie die rußländische ist die deutschösterrcichische aus dem wirtschaftlichen u. politischen Zusammenbruch: der bestehenden kapitalistischen „Ordnung" geboren und von dem' Bedürfnis und Bestreben getragen, an Stelle der zusammengebrochenen eine; neue sozialistische Ordnung aufzurichten. Beide geschichtlichen Ereignisse entstammen gleichgearteten geschichtlichen Ursachen und streben den gleichen geschichtlichen Notwendigkeiten zu. Nur . . . der Weg zum' Ziel sollte diese beiden Revolutionen unterscheiden. Nun, wie sieht es bei uns in Wirklichkeit aus? Daß das Merkmal und Ziel einer proletarischen Revolution im 20. Jahrhundert sich nicht darin erschöpfen kann, Orden und Titel abzuschaffen (selbst, wenn man annimmt, daß es bei uns in Lfeutschösterreich der Fall ist.), gleiches Wahlrecht zu verkünden und alte bürgerliche Freiheiten zu erringen (geschweige, daß selbst diese bei uns rnj Füßen tgetreten wenden), ist ja allen sozialistisch Denkenden klar. Selbst die ehrlicheren bürgerlichen Gelehrten waren im! November vorigen Jahres der Ueberzeugung, daß das Ziel dieser Revolution die V e r g e s e 1 f s c h a f 11 i c h ung der Produ k t i o n sei. Kurz: die S o z i a Ii s i e r u n g. Nun möge doch jeder, der es mit dem Sozialismus, ernst meint, sich fragen: Ist der Weg, den unsere „Revolution" gewählt hat. derjenige, der am kürzesten zum Ziele führt? Die Antwort wird heute ein Jahr nach der Revolution — nur demjenigen nicht schwer fällen, der, wie unser •Kanzler, darüber hocherfreut ist, daß das kommunistische Gespenst in Europa „gebannt" (?) ist. Alle, die aufrichtig denken und sozialistisch: fühlen, mjüialsen schweren Herzens sagen, daß der vermeintlich leichtere Weg nicht gangbar ist; er fuhrt überall hin, nur nicht zum Sozialismus. Diejenigen aber, die noch imjrner zweifeln, mögen doCh das vorjährige November-Programm der „Linken", das in den markigen Worten zusammengefaßt war: „die Regierung müsse ein Revolutionsausschuß zum' Weitertreiben der Revolution, die sozialdembk'ratisehen Vertreter in derselben Beauftragte des Proletariats se:n", mit dem heutigen Programm nicht des Gen. Otto Bauer, nein, das ist doch das Programm',, das nicht erfüllt werden kann, sondern des' Gen. Renner, - das Ruhe, u. zw. bürgerliche Ruhe, und Ordnung, u. zw. kapitalistische. Ordnung predigt, vergleichen! Und nun frage man sich doch: welch anderen historischen Sinn hätte unsere Novemjber-Revolu- .< Im Rayon Samara sind auf den Eisenbahn* Stationen politische Bureaus organisiert worden, die die durchziehenden Truppen mit Literatur versehen und Meetings', [Vorlesungen und Unterhaltungen veranstalten. Beinahe in allen Heeresteilen gibt es Agitätionszellen, die revolutionäre Propaganda greift auf das Lager des- Gegners über und erzielt oft bessere Resultate als das Feuer der Geschütze: ganze Regimenter der Weißgardisten gehen auf die Seite der Sowjets über. Die. ro+e Armee vernachlässigt, selbst unter dem Gewehr stehend, die höheren geistigen Inter* essen nicht. Ununterbrochen holt sie das in den schwarzen Jahren der Selbstherrschaft .Versäumte nach. Fast täglich werden in den verschiedenen Teilen Schulen für Analphabeten und Soldaten mit "ungenügender Bildung eröffnet. Aber der sozialistische Soldat begnügt sich nicht damit, ihn über= 5nannt der geistige Hunger. Und so wird an der Frorst eine Universität für Rotarmisten gegründet (bei der polnischen Abteilung des Stabes der N* Armee); die Vorlesungen werden von Mitgliedern des Kriegsrates, Mitarbeitern der politischen Abtei* lung und kommunistischen Lehrern gehalten. Diese unaufhörliche Mobilisierung des Geistes verleiht der jungen kommunistischen Armee die Hilfe, die die beteten technischen Einrichtungen der •weißgardistischen Banden, die nun schon zwei Jahre lang die heldenhafte Arbeiterrepublik bekämpfen, mcht bredhen können. Die Bildungsorganisatiftnen der, Rotarmisten sind die weittragenden Geschütze, die die vollkommensten Batterien des internationalen Kapitals zum Schweigen bringen werden. tion als deutlich zu veranschaulichen, daß, wenn man zum S o z i a l i s m u s e n d l i c h .g e l a n g e n will, ein anderer Weg afsderjeinige der proletarischen Diktatur nicht gangbar ist. Ja, es gibt geschichtliches Geschehen, das nicht anders zu verstehen ist, als eine Art Anschauungsunterricht, wie man Revolutionsgeschiehtc nicht m^n soll. "In diesem Sinne feiern auch wir den 12. November 1918. Diese Erkenntnis soll der erste Schritt auf dem Weg sein, der zur Diktatur des Proletariats auch in Deutschösterreich führt. Arbeiterratswahlen. Jüdische Proletarier! Zum zweiten Mal schreitet die deutschösterreichische Arbeiterseihaft an die Wahl von Arbeite rräten. Der Arbeiterrat, geboren im revolutionären Kampfe zwischen Arbeit und Kapital, hat durch seine bisherige Tätigkeit bewiesen, daß er die einzige Körperschaft ist, dazu berufen und auch/ befähigt, die Lebensinteressen aller Arbeitenden und Schaffenden zu wahren. Sind alle gesetzgebenden und Verwaltungskörperschaften hierzulande Nationalversammlung, Landtag, Gemeinde durch das Gegeneinander wi r k e n aller gesellschaftlichen Klassen - der Ausbeuter und Ausgebeuteten - - dazu verurteilt, die furchtbare Erbschaft des' Krieges anzutreten und die lebendigen schaffenden Kräfte des Volkes in unerbittlichem Klassenkampf zu verzehren; sind sie bis heute nicht imstande gewesen, sich an die Milderung der großen Vojksnöte auch nur heranzumachen; hat die Gemeinde bis heute nicht vermocht, die Woh!tiungsnot durch gerechte Inanspruchnahme der zu Hunderten leer und halbleer stehenden reichen Paläste zu lindern; war die Landesregierung bis heute nicht fähig, das im' Lande befindliche H o 1 z g 1 e i c h'm ä ß i g und g e r e c h t zu verteilen; konnte die. Nationalversammlung sich bis heute nicht dazu aufraffen, die wichtigsten Produktionsmittel des Reiches in den alleinigen Besitz der arbeitenden und schaffenden Reichsgemeinschaft überzuführen und dadurch die einzig mögliche Voraussetzung für den Wiederaufbau der Volkswirtschaft zu schaffen: so bleibt es unsere - der Arbeitenden — einzige Hoffnung, daß es der aus unseren eigenen Reihen Iiervorgehjende, der Arbeiterschaft Wohl und Wehe teilende Arbeiterrat schaffen wird. Hiezu ist es aber notwendig, daß der Arfreiterrät nicht nur ein Kontrollorgan der beste« henden k a p i t a 1 i s t i s Ch» e n.Verfassun g bleibt, condern, daß die aus der gesamten arbeitenden Bevölkerung gewählten Arbeiterräte g e s e t z g e - bende und vollziehende Gewalt zugleich besitzen-. Die Arbeiterräte, die die Not und die Bedürfnisse des Volkes aus eigener Erfahrung kennen, sollen die Aufgabe, ja die Pflicht (haben, die Gesetze zur Linderung der Not und die .Verordnungen zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse selbst Die Lage der lernenden Jugend Die lernende Jugend in Rußland lebt in Verhältnissen, die ihr erlauben zu lernen, ohne mäterielle Not oder irgendwelche andere Entbehrungen zu leiden. Das Komimissariat für Soziale Fürsorge übernimmt den Unterhält der Lernenden. Von den Bcjjülern und Studenten wird nur eine gewisise Arbeitsleistung (im Lernen) verlangt, und wenn sie tatsächlich arbeiten, so versorgt sie der Staat mit allem Nötigen: mit Lebensmitteln» kKleidun£, Wohnung und Büchern und verschafft ihnen verständige Zerstreuungen. Kn allen Schulen Rußlands ist seit 1918 der unentgeltliche Unterricht eingeführt. Die Schüler der niederen oder mittleren Schulen erhalten unentgeltlich Lehrmittel, Lehr- und Lesebücher, werden unentgeltlich verpflegt und können unentgeltlich Theater, Konzerte, Vorstellungen, Mu« s'een, Ausistellungen usw. besuchen. Den Lernenden der höheren Lehranstalten wer* den Wohnungen, gemeinschaftliche oder einzelne, angewiesen. Alle Studenten erhalten Darlehen, die nicht zurückerstattet zu werden brauchen und deren Betrag 2. B. in Moskau, auf 1200 Rubel festgesetzt ist. Auf Wunsch wird diese Summe ■in Lebensmitteln oder anderen Bedarfsartikeln aus* Gezahlt. Um den Studenten die Möglichkeit ununterbrochenen Studiums zu verschaffen, ist in den Universitäten dasi Dreisemesiter=System eingeführt worden; dem Herbst* und Führjahrasemester wird noch ein Sommersemester für diejenigen, die ihre Studien nicht unterbrechen wollen, hinzugefügt. Zum 'selben Zwecke werden die Studenten von der militärischen Ausbildung und der Einberufung in die Rote Armee befreit. durchzuführen. Dann erst wäre es möglich, daß der unsere heutige Zeit auszeichnende Zustand schrecklichster Not auf Seite der Arbeitenden und tollster Genußsucht auf Seite der Nichtarbeitenden abgeschafft und die Entbehrungen der Armen durch die Wegnahme des Ueberftusses der Reichen aufgehoben werden. Jüdische Arbeiter and Angestellte! Ihr empfindet die Not der deutschösterreichischen Arbeiterschaft nur allzu schwer. Um so schwerer, als die schwarzen Mächte der Reaktion •jede Gelegenheit benützen, um die auf das Höchste gesteigerte Erbitterung der .Volksmassen gegen die1 soziale Ungerechtigkeit von den die Not verursachenden und vermehrenden herrschenden Klassen auf das Haupt der unschuldigen, jüdischen, arbeitenden und leidenden Massen abzulenken. Die jüdischen Kapitalisten, die erbreichen und die Kriegsgewinner, feiern zusammen mit der echt arischen Bourgeoisie wilde Orgien der Ausbeutung. In ihrem? lakaienhaften Bestreben, ihre jüdische Abstammung zu verleugnen und wettzumachen, gebärdet sich die jüdische Bourgeoisie reaktionärer und volksfeindlicher als die Reaktion selbst. Und für diese ungeheuren Verbrechen der jüdischen Bourgeoisie sollen die arbeitenden jüdischen Massen büßen. Jüdische Proletarier! Euer Schicksal ist innig und unzertrennlich imit dem .Schicksal der Arbeitenden aller Völker und Länder verbunden. Der A ü f s t i e g des Internationalen Proletariats ist Euer Aufstieg. Der Arbeiterrat bedeute1 den Aufstieg der Arbeiterklasse zum Siege des 'Sozialismus. Der Arbeiterrat soll den Willen und die Macht des Proletariats in sich vereinigen, und so die Herrschaft der Ausgebeuteten aller Nationen über die Ausbeuter und Parasiten aller Nationen aufrichten. Der Arbeiterrat soll und wird uns eine Gesellschaftsordnung erriehteu, in der alle Menschen werktätig schaffen und alle .Völker frei sein werden. Jüdische Proletarier! Scharet Euch alle um den Arbeiterrat! Entsendet in dieses: Arbeiterparlament Eure Vertreter, damit sie auch Eure speziell jüdischen Leiden und Wünsche den Arbeitenden Deuttelchr österreichs verdolmetschen, damit sie mithelfen, die neue Gesellschaft zu bauen und damit in der sozialistischen Gesellschaft das jüdische arbeitende .Volk der ganzen Welt — ein vollberechtigtes, nützliches und freies Mitglied der internationalen Gemeinschaft werde. Jüdische sozialistische Arbeiterpartei „Poale-Zton" in DeutsChösterreicht. Oas wirtschaftliche u. soziale flhtionsppogramm der Sozialdemokratie. Eine Ökonomische Betrachtung. Die sozialdemokratische Partei Deutschösterreichs hat am 30. Oktober bis 2. November ihren Parteitag abgehalten, auf dem zu den entscheiden- F.ragen der Zeit Stellung genommen wurde. Es kamen dabei nicht bloß die äußeren Widersprüche unserer Zeit, der Zeit des durch den Krieg1 untergrabenen Kapitalismus, sondern auch die inneren Widersprüche der sozialdemokratischen Partei zum Ausdruck. Den äußeren Widerspruch in unserem Wirtschaftsleben charakterisiicrre Otto Bauer in ausgezeichneter Weise in dem1 Gegensatz zwischen dem' bestehenden Mehrwertstitel und dem mangelnden Mehrprodukt: der Eigentümer von Produktionsmitteln hat kraft seines Eigentumsrechtes Anspruch auf Mehrwert, das Mehrprodukt aus denr der Mehrwert realisiert werden soll, ist aber nicht vorhanden, aus dem einfachen Grunde, weii nichts pro- ' duziert wird. Dieser Gegensatz läßt die Aufhebung des Eigentumsrechtes, die Expropriation der Expropriateure als eine objektive Notwendigkeit erscheinen. Dies gilt aber nur von den besiegten Staaten, den Siegerstaaten hingegen verkündet Otto Bauer die fortgesetzte Erstarküng des Kapitalismus und eine „ungeahnte Prosperität/" Dazu kommt noChj, daß wir politisch wie wirtschaftlich von diesen Mächten abhängig sind, sto daß wir die Expropriation, die objektiv notwendig erscheint, nicht durchführen können, trotzdem wir die Macht dazu hatten. Deswegen kommt Bauer zu dem Schlüsse, daß die nächste und wichtigste Aufgabe der Sozialdemokratie, die Förderung unserer Produktion" sei. Weitere Aufgaben der Sozialdemokratie seien „der Ausbau der Arbeiterschutzgiesetzgebung und der Arbeiterversicherung/' Es ist wohl das erstemal, daß in einem sozialdemokratischen Aktionsprogramm die Hebung: der Produktion verlangt wird. Ist dies Zufall oder ist das* .in der sozialistischen Anschauung begründet? Wir glauben, daß es kein Zufall' i&t. Das Proletariat ist wohl von der Produktion abhängig, aber nicht an der Produktion schlechthin, sondern an der sozialistischen Produktion. Die Förderung!, der kapitalistischen Produktion hat das Proletariat

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