Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 42-43 (15.11.1919)
- Date
- 1919-11-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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St '•*+ 4 Mute ilnndiziiffihr*»n, j*»ner Fadil<>nt<\ die in der bürget liehen Ordnung erzogen worden sind, keine andere Umwelt gesehen haben, sich eine andere gesellschaftliche Umgebung nirht vorstellen können. Deshalb sind sie sogar in solchen Fällen, wenn sich vollständig und aufrichtig ihrer Arbeit hinsehen, von tausend bürget liehen Vorurteilen erfüllt, durch tanaeud, von ihnen selbst nicht wuhiyenoniniHte Fäden mir der absterbenden, in Anflösnng begriffenen und diu um so rasenden Widerstand leistenden bürget liehen ttesellsclmft verknüpft. Diese Schwierigkeiten unserer Aufgabe können uns nicht verborgen bleiben. Von allen Sozialisten, die darüber geschrieben haben, kann ich mich n/icht auch nur eines sozialistischen Werkes entsinnen, ebenso wenig wie einer Meinungsäußerung auch mir e i ne s hervorragenden Sozialisten über die zukünftige sozialistische Oesellschaft, die auf die. konkreten praktischen Schwierigkeiten hingewiesen hätte, die sich der Arbeiterklasse in den «.Weg; stellen, wenn sie die Macht ergriffen hat und sich dann die Aufgabe stellt, die ganze Ma'sse des durch den Kapitalismus geschaffenen, überaus reichen, historisch uns unvermeidlich nötigen Vorrats aji Kultur, Kenntnissen und technischem Wissen aus einem Werkzeug des Kapitalismus in eines des Sozialismus umzuwandeln. Sie erscheint leicht zu bewältigen in einer einfachen Formel, in der abstrakten üegenüberstelhmg, aber im Kampfe -mit dem Kapitalismus, der nicht sofort stirbt und je näher dem Tode, umso heftiger Wi derstaifol leistet, ist es eine äußerst mühevolle Aufgabe. Daß auf diesem Gebiete Experimente vorkommen, daß wir häufige Verbesserungen von Teilfehlern vornehmen, bleibt unvermeidlich, wenn es uns eben nicht gelingt, auf dem einen oder anderen <lebtet der Volkswirtschaft mit einem Ruck die Fachleute und Diener des Kapitals in Diener und Ratgeber der arbeitenden Massen umzuwandeln. Wenn uns dies nicht auf einmal gelingt, kann es auch nicht eine Spur von Pessimismus in uns erwecken, denn die Aufgabe, die wir uns stellen, ist von weltgeschichtlicher Schwierigkeit und Bedeutung. Wir schließen nicht die Augen vor der Tatsache, daß die sozialistische Revolution in e i n e m Lande, wäre es auch unter günstigeren Bedingungen, als nach fünf Jahren eines unerhörten, martervollen, schweren, vernichtenden Krieges, daß in einem Lande aus eigener Kraft die sozialistische Revolution zur Gänze nicht durchgeführt werden kann. Wer sich unter Hinweis auf das offenbare Kräftemißverhältnis von der in Rußland sich vollziehenden sozialistischen Revolution abkehrt, gleicht dem Manne, der, in einem Futteral . eingefroren, nicht über seine Nasenspitze hinaussieht; hat vergessen, daß es keine irgendwie bedeutende historische* Umwälzung oluie eine ganze Reihe von K räftemißverhältnisseu gibt. Die Kräfte wachsen im Kampfe, sie wachsen mit dem Steigen der Revolution., Wenn unser Land den Weg zju den größten, Umwälzungen, betreten hat, so besteht das Verdienst dieses Landes und der Arbeiter-Klassenpartei, die in diesem Lande gesiegt hat, darin, daß wir an die Aufgaben, die früher abstrakt, theoretisch gestellt waren, praktisch dicht herangetreten sind, Dieses Erlebnis, daß die Arbeiter, die jetzt in ihren Gewerkschaften, in ihren, lokalen Organisationen vereinigt sind, praktisch darangehen, die ganze Produktion auf allgemein-nationaler Stufen leiter ' zu ordnen, d i e ses Erlebnis wird man uns nicht mehr nehmen können, w a s i m m e r g e s ch e h e n in a g, w e 1 c h e sc h w er e n W a n d I u n g e n noch der rtissisc h e n R e v o- 1 u t i o n, tl e r i n t e r n a t io n a I e n s o 7 i a Ii s t i s c h e n Revo luti üii besti mint sein mögen! Es ist in die Geschichte eingegangen als eine Errungenschaft des Sozialismus, und auf diesem Erlebnis wird die ."kommende Freie Tribüne internationale Revolution ihr sozialistisches Gebäude errichten! Ich werde mir noch erlauben, auf eine, vielleicht die allerschwerste Aufgabe hinzuweisen, die der O. V. R. zu lösen haben wird. Es ist dies die Frage der- Arbeitsdisziplin. Eigentlich müssen wir, wenn wir auf diese Aufgabe hinweisen, anerkennen und mit Vergnügen betonen, daß gerade die Gewerkschaften, bezw. die obersten Organisationen das Zentralkomitee des Metallarbeitervcrbandes, der allrussische Rat der Gewerkschaften v die Millionen von Arbeitenden umfassen, sich zuerst selbstständig um die Lösung dieser Aufgabe bemüht haben. Sie hat weltgeschichtliche Bedeutung. Um sie zu begreifen, muß man von jenen kleineii privaten .Mißerfolgen, von den unglaublichen Schwierigkeiten abstrahieren, die, einzeln betrachtet, unüberwindlich erscheinen. Man muß sich auf eine höhere Warte begeben und auf den historischen Wechsel der gesellschaftlichen Wirtschaftsformen einen Blick werfen. Erst von diesem Staudpunkt aus wird klar, welch ungeheure Aufgabe wir uns aufgeladen, und welche Bedeutung der Tatsache innewohnt, daß in diesem Falle die fortgeschrittenste Klasse der Gesellschaft die arbeitenden und ausgebeuteten Massen, die Last übernehmen, die ihnen bis jetzt aufgezwungen worden war und die im feudalen Rußland bis zum Jähre 1861 zur Gänze ein Häuflein von Gutsbesitzern gelöst hat, die sie als eigene Sache betrachteten. Damals baten sie die Pflicht, den Staat zu zentralisieren und Disziplin zu schaffen. Wir wissen, daß die feudalen Herren diese Disziplin geschaffen haben. Sie bedeutete Knechtung, Verhöhnung und unerhörte Zuchthausqualen für den größten Teil des Volkes. Denkt au den Uebergang vom Feudalrecht zur bürgerlichen Wirtschaft! Soweit ihr es verfolgt habt, oder da die meisten von euch es nicht selbst studieren konnten, soweit ihr es vonälteren Generationen erfahren habt, war dieser Ucbcrgang nach dem Jahre 1861 zur neuen bürgerlichen Wirtschaft ein Uebergang von der alten feudalen Prügeldisziplin, von der Disziplin der sinnlosesten, der größten Verhöhnung und Vergewaltigung des Menschen zur bürgerlichen Disziplin, zur Disziplin des Hungers, der sogenannten freien Lohnarbeit, in Wirklichkeit der kapitalistischen Sklaverei. Dieser Ucbcrgang schien historisch leicht, da die Menschheit aus den Händen des einen Ausbeuters in dje des anderen überging, weil die eine Minderheit von Räubern und Ausbeutern der Volksarbcit ihren Platz einer anderen Minderheit von Räubern und Ausbeutern der Volksarbeit einräumte, weil die Grundbesitzer den Kapitalisten Platz machten, wobei die breiten Massen der werktätigen und ausgebeuteten Klassen unterdrückt blichen. Und selbst dieser Platzwechsel einer ausbeuterischen Disziplin durch eine andere erforderte jahrelange, wenn nicht jahrzehntelange Anstrengung und Mühe, brauchte eine Uebergangs/eit von Jahren, wenn nicht von Jahr/ehnten. Als die feudalen Grundbesitzer ganz aufrichtig glaubten, daß alles zugrunde gthe, daß ohne das Feudalrecht nicht zu wirtschaften sei, als der neue kapitalistische Herr sich bei jedem Schritte praktischen Schwierigkeiten gegenübersah und die ganze Wirtschaft gehen ließ; wie sie ging, als der schlagendste Beweis für die Schwierigkeit des Ueberganges sich in der Tatsache ergab, daß Rußland aus dem Auslände Maschinen; bezog, um mit ihnen zu arbeiten», es aber weder Arbeiter noch Ingenieure gab, sie zu bedienen, und man in ganz Rußland die besten Maschinen nutzlos herumstehen sah: wie schwer erwies sich der Uebergang von der alten feudalen, zur reinkapitalistischen Disziplin. Wenn Ihr doch nun diese Sache so betrachtetet, Genossen und Euch nicht beirren ließet durch jene Leute, jene Klassen, Feuilleton. Das Hultuiwh Sowjefrußlands .*) Bildung außerhalb der Schule. Mitte Mai fand in Moskau der erste gesamt» russische Kongreß für Außerschülbildung statt. Der Kongreß widmete einigle Tage (12. bis1 15. Mai) der organisatorischen Arbeit in den Abteilungen und Sektionen. Lebhaftes Interesse rief der Bericht A. Bogdanows über die proletarische Universität hervor. Die proletarische Universität gibt sich ganz der Entwicklung des sozialistischen Aufbaues hin. iDie Studenten der Universität (in Moskau) leisten iselion jetzt praktische Kulturarbeit: sie arbeixen unter den Rotgardisten. Gegenwärtig (Mai) sind sie zur Durchführung der Mobilisation abkonrmau* diert. In den anderthalb Monaten des Bestehens der .Universität (sie wurde im April eröffnet) hat sich die Physiognomie der Studenten sowie der Charakter der Arbeit deutlich gezeigt und man kann sagen, daß die Arbeit mit nachahmiuig-.würdiger Rührigkeit durchgeführt wird. Wenn die Hauptaufgabe der Außerschulbildung die Schaffung von sozialistischen Kulturstätten ist, sagte ein anderer Beriditers!tatler so haben wir in der proletarischen Universität eine Musterinstitution. In seiner Resolution fordert der Kongreß alle 'Kulturorganisationen, alle örtlichen und staatlichen Institutionen auf, mit allen Mitteln dieses Unernehmen zu unterstützen, das) aus dem revolutio* *i Aus d.T demnächst im Verlag „Diu Rote Fahne", Wien» erscheinenden Broschüre ,Das Kultuvwerk Sowjotrußlands". Siehe .Freie Tribüne* Nr. 88. uären Kampfe des Proletariates hervorgegangen ist und einen mächtigen Faktor zur Schaffung einer proletarischen Arbeiterintelligenz bildet. Die Arbeiten des Kongresses für Außerschul« bildung wurden in einer ausführlichen Resolution zusammengefaßt; die wichtigsten Punkte sind folgende: 1. Die ganze Arbeit auf dem Gebiete der Außerschulbildung muß wie an Ort und Stelle, so auch im Zentrum, vom Geis'te des Wissenschaft« liehen Sozialismus durchdrungen werden; 2. das grundlegende Element bildet die Selbsttätigkeit der Arbeiter und der werktätigen Bauernschaft; 3. zum staatlichen System der Institutionen für Außer» Schulbildung gehören: das Arbeitsprinzip, die Zugänglichkeit für alle und die unentgeltliche Benützung; 4. allen bisherigen Institutionen für Außers'chülbildung, ist das grundlegende einheitliche gesamtrussische System staatlich zu unterhaltender lusititutionenn vorzuziehen. Zweifelsohne wird der Kongreß das halbelementare Streben des vom hundertjährigen Schlafe erwachten werktätigen Rußlands nach Licht vereinigen, systematisieren und veredeln. Kulturarbeit in der Boten Armee. Die rote Armee ist die Beschützerin des sozialistischen Rußland gegen die wütenden Banden der einheimischen Konterrevolution und des. aus* kindischen Imperialisimus. .Von der bewußten Erfüllung der revolutionären Pflicht der Rotarmisten hjingt der Sieg des Weitproletariats und die Gründung des Weltreiches der Arbeit und Freiheit ah. Deshalb ist Sowjetrußland .unablässig bemüht, die breiten Arbeitermassen, die unter den roten Fahnen kämpfen, aufzuklären. Nr. 42-43 jene Bourgeoisie, jene Dienerder Bourgeoisie, deren Auf. gäbe darin besteht, eine Panik hervorzurufen, Mutlosigkeit j zu verbreiten, und die ganze Arbeit als ganz hoffnungslos hinzustellen! Diese Leute weisen auf jeden einzelnen Fall von Disziplinlosigkeit und Zersetzung hin und sagen steh von der Revolution los, als ob es jemals in der Geschichte eine tatsächlich große Revolution ohne Zersetzung gegeben hätte, ohne Verstöße'gegen die Disziplin, ohne die Qualen, die Erfahrung und Zeit kosten, bis die Masse eine neue Disziplin geschaffen hat. Wir haben uns jetzt einem solchen Moment genähert, da die neue Disziplin, die Disziplin der Arbeit, der genossenschaftlichen Solidarität, die Rätedisziplin tatsächlich durch die Millionen der Werktätigen und Ausgebeuteten aufgebaut wird. Wir erwarten keine schnellen Er folge und rechnen nicht mit ihnen. Wir wissen, daM dieser Uebergang eine ganze historische Epoche in Anspruch nehmen wird. Wir stehen am Anfang dieser historischen Epoche, wobei wir im einstweilen noch bürgerlichen Laude die Disziplin der kapitalistischen Gesellschaft /.erschlagen, vernichten, und 'wir sind stolz darauf, dal! alle bewußten Arbeiter, die ganze, wirklich werktätige Bauernschaft mit allen ihren Kräften bei der Vernichtung mit hilft. Wir leben in einer Epoche, da in den Massen aus eigener Initiative die Ueherzeugung wächst, dal! sie die Aufgabe haben, diese auf Ausbeutung und Knechtschaft der Werktätigen aufgebaute Disziplin durch eine Disziplin der einjgen Arbeit, der einigen, organisierten Arbeiter und der werktätigen Bauern ganz Rußlands, d. i. eines Gebietes von hunderten Millionen, zu ersetzen. Und sie tun est nicht auf Befehl von oben, sondern unter dein Gebot ihrer Lebenserfahrung. Das ist eine ungeheuer schwere, aber eine dankbare Aufgabe, da nur dann, wenn wir sie praktisch lösen, der letzte Nagel in den Sarg der von uns zu Grabe getragenen kapitalistischen Gesellschaft geschlagen wird. ReuoIutionsBPlienntnis. (Ein Jahr.) Die Weltgeschichte reiht manchmal Ereignisse, Gestehennis.se aneinander, die einander völlig widersprechen, einander von Grund auf verneinen, ja sich gegenseitig verleugnen. Und doch wird man bei näherer Betrachtung des tiefen historischen Zusammenhanges dieser einander negierenden Ereignisfee gewahr. Oft scheint es sogar, daß der geschichtliche Sinn des einen Geschehens nur darin besteht, d e n g e s c h i c h 11 i c h en Sinn des A nderen zu veranschaulichen. Wahrlich! Wenn man nach der historischen Bedeutung der wesentlich verschieden verlaufenden, einander vollkommen widersprechenden No- - vember-Revolutionen in Rußland, Deutschland und Deutsehösterreich forscht, dann will es scheinen, daß der geschichtliche Sinn der beiden letzteren sich lediglich darin erschöpft, den geschichtlichen Sinn der ersteren zu veranschaulichen. In der Tat! Wer kann und will den „Sinn" der deutsehen Revolution ergründen, in der ein Jahr später der, durch die Arbeiterrevolution zur Macht erhobene, f,Arbeiter'' Noske den Arbeitern die Feier dieser Revolution mit Gewalt verbietet? 'Wer kann und will den .„Sinn" einer „sozialistischen" Republik verstehen, in der fünfzehntausend der besten klassenbewußten Proletarier in einem „Revolutionsjahr" von den offiziellen Alle Arten und Methoden der in Stadt und Land geleisteten Kulturarbeit werden, den Bedin^ gungen des Kaseruenlebens entsprechend, geändert, auf das .Militär übertragen. Die Leitung der Kulturarbeit in der roten Armee hat die politische Aufklärungsabteilung des Generalstabes in Händen. Bei allen militärischen Bezirkskommissariaten und in allen aktiven Armeen funktionieren Lokalabteilungen. In 133 Heeresteilen bestehen gegenwärtig: 64 komimuiislkchc Zellen, 97 Bildunjgskommissiouen, 50 Klubs, 27 .Volksbildungs3chiulen, 27 Lesehallen und 63 Bibliotheken (37.000 Bände). In Moskau werden täglich zirka 19.300 Zeitungsexemplare unter die Rotarmisten verteilt. In den ersten drei Monaten' dieses Jahres fanden in den Klubs der Rotarmisten Moskaus 108 Vorstellungen, 191 Konzerte und 552 Vorlesungen statt. Dieselbe intensive Kulturarbeit wird auf dem ganzen Territorium der Republik in der roten Armee durchgeführt. Die Anzahl der Bildungsorganisationeu hat sich in vier Monaten dieses Jahres mehr als zwanzigmal vergrößert. In den, den reaktionären Räubern entrissenen Gebieten ist man bemüht, durch fieberhafte Arbeit die geistigen Werte zu ersetzen, die die Weu% g-ardisten vernichtet haben. So hat das) Kiewer militärische Bezirkskommissariat in den wenigen «Monaten, seit die Bauern und Arbeiter der Ukraina sich vom Joche Skoropadkis* befreit haben, 54 Klubs (im Qouv. Kiew 23, Tschernigow 27, Podolien 4)r 67 Schulen (Gouv. Kiew 24, Tschernigow 27, Po* dolien 6) und 264 Bibliotheken (32.00 Bücher und Broschüren) eröffnet. Die Kulturarbeit wird selbst an der Front nicht eingestellt und fas-t unter dem Donner der Kanonen durchgeführt.