Mannheim
Compact Memory

Freie Tribüne · 1919-11-15 · 42-43 (15.11.1919) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
42-43 (15.11.1919)
Date
1919-11-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2827798-2827856-2827891--176-2828211
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 Freie Tribüne schon hm Kommunisltischen Manifest vortrefflich klargelegt war) gegen die kleinbürgerlich-spießbürgerliche Theorie der Evolution vertauscht. Die Revisionismen (insbesondere die Bernsteinianer) haben den Grundsatz aufgestellt: „Das Ziel ist nidh'ts', die Bewegung — alles". Dem1 Minimalprogramm wurde eine hervorragende, ausschließliche Bedeutung beigelegt. Der Kamtpf für den achtstündigen Arbeitstag, die Schiedsgerichte, das allgemeine Wahlrecht usw. wurden für „Realpolitik" der Sozialisten erklärt, der Sozialfeimus an und für sich! aber war für „Fesftitage" da,; ter wurde im' „Silbersdhrank" aufbewahrt und nur bei besonders feierlichen Anlässen hervorgeholt. Auf der Bühne figurierte die berüchtigte Theorie von dem Flicken und Erneuern der bürgerlichen Ordnung, von dem schmerzlosen Uebergang zur sozialistischen Ordnung und dergleichen. Diese liberale Politik in der Arbeiterbewegung, die durch1 eine ganze Reihe objektiver Ursachen bedingt wurde, hat, wie wir nun sehr .gut wissen, in der Existenz der gesämten II. Internationale eine verhängnisvolle, unheilbringende Rolle gespielt. Das Sidhhinreißenlassen vom1 Erreichen geringer Ziele, das Zusammenwirken mit der Bourgeoisie, der parlamentarische Kretinismus — is'chufen sch'ließlidh eine ganz bestimmte Richtung in der Tätigkeit der Mehrheit der II. Internationale. Der Prozeß der Zersetzung ging innerhalb vonstatten und äußerte sidh deutlidh im1 Augenblick der größten Weltkrise der kapitalistischen Ordnung — beim1 Ausbruch desi Weltkrieges von 1914—1917, Bloß eine verhältnis'miäßig kleine Gruppe Sozialisten blieb dem1 alten Banner treu und vergaß nicht das Hauptziel des! Kamfpfes1 — den Sozialismus. Als die Frage von Sein oder Nichtsein des Sozialismus! auf die Spitze getrieben wurde, erwies sich die OberscMdht der sozialistischen Bewegung in der JI. Internationale blind angesidhtsi der Aufgaben des historischen Augenblicks1, erwies1 sidh •materiell und psychologisch dermaßen eng verknüpft 'mit der Existenz der kapitalistischen Ordnung, daß! sie sich1 durdhl Treubrudhl, durch Verrat an den Interessen des Proletariats1 der ganzen Welt — auf die Seite der Bourgeoisie aller Länder und jedes Landes im!' besonderen stellte. Das! ^M'aximal1- Programim" wurde zum! Ojfer gebracht, wurde wegen der „realen" Interessen der Bourgeoisie, die' in „nationale Interessfen" oder in ^Interessen der Nation" umbenannt wurden, verworfen. Der BruCh zwischen denen, die für die Notwendigkeit der .Verwirklichung der proletarischen- Diktatur waren, für die Unvermeidlichkeit des Ueberganges zu einer neuen Gesellschaftsordnung in dem1 Augenblick1 des tiefgehenden .Verfallest der kapitalistischen Ordnung (was eigentlidh! der Krieg darstellte), und zwischen jenen, die isidhl an die untergeheno^e bürgerliche Ordnung klammerten und be- Jnitülht waren, die Flut,der historischen Bewegung zurückzuhalten, war unvermeidlich. Und er kam) zustande . .;; Bezeichnend ist, daß! diejenigen, weldhle, wie z. B. Kaütslky seinerzeit,!sb boshaft und treffend Bernstein sieiner revisioniSitisCh'en Passionen wegen verhöhnten, jetzt vlöl'hg den Standpunkt» des letzteren einnehmen. Für Kauts'ky und diejenigen, die ihm! folgen, blieb der Sozialismus! im „Silberstdhran'k", für stfe blieb er eine nackte Phrase und wurde Zu keinem1 lebendigen System1, das! seine, Verwirklichung fordert, i , 'Die Entwicklung der sozialen Revolution entscheidet den Streit gan'Z bespm!m|t. Und diejenigen, Kür Welche die wissenschaftliche Theorie aes Soziälisim'usl kein tiotesl, trockenes1, nebelhaftes! Schema ist, sondern eine Widerspiegelung der lebendigen Wirklichkeit und der revolutionären Praxis* für alle diejenigen ist die Liösiung, die von der Geschichte unserer Zeit bereits, bestätigt worden ist, vollkontm'en War. ' -Der Sozialismus! ist für unsere Ziele, für ynsere Epoche — Praxis^ ein Werk', das seine alltägliche Durchführung fordert. Unter solchen Umsttländen ist aber die Teilung des Programlmesl in ein Maximal- und ein Minimal- Programhi jeglichen Sinnes bar. Diese Teile vereinigen sich zu einem1 einheitlichen, (harmonischen Ganzen. In der Praxis gesfdhah es auch und wird ferner gesldhehen. Seit dem' Augenblick desi Uebergangefe der Macht in die Hände des Proletariats! wird das alte Minim'um-iProgramm verwirklicht, d. h. alle Forderungen bezüglich der Einführung des adhtstündigen Arbeitstages, des1 ArbeitsChutzes, der Nationalisierung von Grund und Boden und dergleichen werden praktisch) durdhgeführt. Gleidhzeitig mit dem1 Uebergang der Macht in Hände des Proletariats! werden aber völlig neue Forderungen an die Tagesordnung gerückt, welche das alte Minimäl-Programm!, das: an die .Verhältnisse der kapitalistischen Ordnung angepaßt war, nicht enthielt und nicht enthalten konnte. Vor allen Dingen sind es die Fragen" der Verwaltung, die unvermeidlich auf völlig anderer Grundlage aufgebaut wird wie in der bürgerlichen Gesellschaft. Dann die Fragen der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, der Organisation der Verteilung, der Arbeit. Das ist sChon der Beginn der Einführung einer sozialistischen Ordnung. Das ist nicht Sozialismus in der vollen Bedeutung des Wortes, das sind die ersten Schritte, ist seine Grundlage. In dieser Beziehung beginnt die Praxis^ die unmittelbare Wirksamkeit, bald die frühere Theorie des Sozialismus zu überholen, indem sie dieselbe konkretisiert und vervollkommnet. Die sozialistische Ordnung hat nun bereits ihre Entwidklungsetappen, die Vervollkommnung geht auf Grund aller Ergebnisse schneller von statten als es jn den vorhergehenden Epochen des gesiellsch'aftlidhen Lebens der Fall war. Die Entwicklung der produktiven Kräfte fordert nach dem Abwerfen der kapitalistischen Formen in der sozialistischen Ordnung ein System solcher Maßnahmen, die . die maChtvollslteN intensivste Steigerung der Produktion, die beste Ausnutzung der Arbeit, eine harmonische Vereinigung der verschiedenen Wirksam keits f ormen auf wirtschaftlichem Gebiet und eine zentralisierte Verwaltung ermöglichen. Eine der wichtigsten Aufgaben des Sozialismus ist die organisierte Befriedigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse. Die Verwirklichung dieser Aufgabe erfordert eine •entsprechende Organisation der Produktion. Die scharfsichtigsten Forscher haben niidht vorausgesehen, was; m'it dem wirtschaftlichen Leben im1 Augenblick des Ueberganges zur neuen Ordnung geschieht und Isiie (konnten es nicht voraussehen. Die ganze Aufmerksamkeit selbst solcher Giganten des Gedankens! Wie Marx und Engels, —- und naCh ihnen audh der anderen — konzentrierte sich nur darauf, daß die ^sozialistische Ordnung eine noCh' nie dagewesene Blüte und Entwidklüng der produktiven Kräfte hervorruft. In Wirklichkeit aber liegt zwischen de'm'fAu'sgangsjpunk't,— dem Ende des Kapitalismus1 — und dem1 Punkt der endgültigen Errichtung des Sozialismus! die schwerste Uebergangsperiode, in welcher dasl kapitalistische System zerfällt und zerstiebt, die neue Ordnung aber sidh erst bildet und in welcher ein zeitweiliger, aber tiefer Verfall der Produktion und eine Zerrüttung des wirtschaftlichen Lebens unvermeidlidh is't. OaS haben die Lehrer des* Sozialismus' nicht in Betracht gezogen., Darauf 'mußte man aber in der Praxis, in Wirklichkeit stoßen und daher ist audh der wichtigste Auslgangsjpunk't des' neuen Program'- m'es vor allen Dingen die Hebung der Produktion. iSowjet-Rußland hätte zuerst den ungeheuren Schwierigkeiten auf diesem1 Gebiet zu begegnen und dieselben durdhl die größte Anspannung der iKriafte Zu überwinden, — in der A"tmbsphäre des Kamlpfesl sowohl gegen die russische Burgeoisie als auch' im! besonderen gegen die internationalen (Räuber des Kapitalismus. lUnd IaiÄsdesItipweniger gelang eß SowjefTRußfand trotz jeglicher Phroplh'ezeiungen unserer Feinde nicht nur die wirtsdhkftlidhc Lage zu festigen, sondern in einigen Beziehungen 'zu deren größtem' .Verdruß1, dieselben zu verbessern. In dieser Beziehung ist das Beispiel Sowjet-Rußlands (äußerst bezeidhnend . {! Wenn wir uns zu den Haupt zweigen der Industrie wenden, slo hieltet sidh uns! folgendes Bild. ,1'm! Laufe des Jahres! 1918 und in de|m! ersten Halbjahr 1919 wurden bis 'Zweitausend größter UnHernehm'en nationalisiert, mit anderen Worten, bis 90 Prozent der gesamten Industrie. Hier 'muß man bemerken, daß die durdh die bürgerliche Presse verbreiteten Nachrichten, daß der Kleinbetrieb nationalisiert worden siei — von Anf ang bis zu Ende eine falsche Auslegung und Lüge ist. IDie Mehrzahl der Unternehmen arbeitete und arbeitet im'(Laufe der ganzen Zeit. Nach einer Enquete, die Ende 1918 vorgenommen wurde,, hat sidh die Zähl1 der Arbeiter im1 Durdhsidhnitt um 30 Prozent verringert, häuptsäChlidh' aber in den .demobilisierten Unternehmen und in den mittleren und kleinen Betrieben. In einer Reihe großier Unternehmen ist die Zahl der Arbeiter gesitiegen. Und nidhlt nur das^ Der oberste Rat für .Volkswirtschaft hät neue Unternehmen organisiert und den Bau von 15 neuen großen Unternehmen fortgesetzt. 1919 wurde die Einrichtung einer großen Fabrik für Lofkbmbtivenbau in Podolsk beendet (die Fabrik ist in Gang gesetzt); est werden zwei neue Elektrizitätswerke gebaut, vermittels! welcher man beabsichtigt, die Elektrizitätsversorgung des Bezirkes Moskau durchzuführen. In Saratow ist der Bau einer ungeheuren Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen begonnen. Die größten Schwierigkeiten Watte Sowjet-Rußland mit dem H e izuna t e r i a 1, diesem wichtigsten Faktor der Produktion und des .Verkehres, auszustehen und hat es nodh1 jetzt. > Die Feinde Sowjet-iRußlands richteten, in dem' [Bestreben es zu schwächen, ihre Hauptst(reicfie darauf hin. Gewöhnlich wurde das Heizmaterial aus folgenden Orten geliefert: das Donfez-Becken gab die größte Menge Kohle (bis 1J200 Millionen Hid). Aus dem' Bezirk' Baku wurd\e Naphta geliefert (von der gesamten Produktion jvon 600 Millionen Pud - bis 400 Millionen P-ud). Gerade diese '/ Teile Rußlands waren im Laufe des ganzen Jahres 1^18 abgeschnitten und von Sowjet-Rußland ge. trennt: im Donez- Becken herrschte, unterstützt von der frarizösfcchen Bourgeoisie, General Krasnow, der eifrig!die ^Grubenarbeiter hängte* Baku wurde, von den Engländern ergriffen und befindet si'Ch noch! jetzt in ihren Händen. Sowjet-Rußland verlebte das ganze Jahr 1918 und das erste Halbjahr 19Ü9 auf Kosten der ge. ringen früheren Vorräte und konnte 1918 aus Baku mur 66 Millionen Pud Naphta ausführen, ferner gewann es (im Laufe desi Jahres 1918) 58 Millionen Pud Torf, beutete im1 Bezirlv Moskau etwa 2—3 Millionen Pud Stein k o h I c monatlich aus, was bis 30 Millionen Pud Kohle für 1918 ausmacht, und versorgte sich mit 2 Millionen Kub. Holz. Nur durdh eine außerordentlich sparsame Verausgabung des Heizmaterials! gelang es, den Verkehr und die Produkten zu erhalten. Das Pröduktionsprogramlm für 1919 .äußert* sich in der Beschaffung von 60 Millionen Pud Torf, 30—35 Millionen Pud Kohle (das Donez-B;ecken nicht mitinbegriffen), 5—6 Millionen Kub. Holz. Das Donez-BeCken liefert bis 40 Millionen Pud Kohle. Es ist klar, wie schwer es ist; unter solchen Umständen die Produktion zu „hfcben." Betreffs des E i n k1 aufs v o n Roh s t off und •der .Versorgung damit hat die Lage sich in allen Hauptzweigen im' Vergleich mit 1918 zweifellos g e b e s s e r t, obgleich' auch hier der räuberische Ueberfall des Generals Koltschak im Osten die rechtzeitige Lieferung eines slo wichtigen Materials wie Baumwolle störte. Jn Turkestan ist für 1919 bis 5 Millionen Jj,ud Baumwolle eingekauft, die ersten Eisenbahiizüge sind bereits; eingetroffen. Flachs wurde 1919 vier Millionen Pud eingekauft, mit den früheren Vorräten zusa'mimen gibt es» bis 5 einhälb Millionen Pud; 2 (M i l11 i o n e n lJ u d Fla c h s k a n n bequem für den auswärtigen Markt geliefert werden. Wolle ist schon im ersten Halbjahr 1919 bis 2 Millionen Pud eingekauft worden, während die Fabriken alljährlich 3 Millionen Pud bedürfen, also sind die Tuch- und Wollstoff-Fabriken mit Rohmaterial versorgt. Es ist eine bedeutende Menjge Leder, Felle, Hanf und dergleidhen aufgekauft worden; ein Teil davon ^konnte exportiert werden. 'Mehr oder minder normal verläuft die Versorgung mit Metall, obgleich auch hier das Ergreifen des Donjs! und des1 Urals schwere Folgen hatte. Soldher Art waren die Bedingungen der Versorgung der Unternennten mit Roh1miaterial. Für die widhltigsten Materialien und Produkte (Metall, Flachs, Wolle, Koks» ist - df Staatsmbnopol eingeführt. Die Produktion verlief /äußerst ungleic mläßig infolge der verschiedenartigsten Gründ Mangel an Nahrungsmitteln und Heizmaterial, Zufuhr des Rohmaterials u. dgl.; '< iDennotdh hat sie sÜdh jn gewissem; Maße zw fellbs gebessert. Bis 10 Prozent der Ünternehm haben nadh den Ergebnissen der induistriell Statistik von 1918 ihre Produktion im1 Vergleich an 1917 gesteigert. « IDer Oroßbetrieb spielt eine domlinierende Rol In S o W j e t - IR u ß 1 a n d haben sidh in alk 5Haup;tzWeigen staatliidhe Trusltls gebildet und j> festigt: ein ungeheurer staatlicjhler Trustt in "3 Metallurgie und dem'IMasdhinenlbau, , jZeritrokupfei „Zentrogum'mr', bis 20 ,[ZWeig"-(Vereinigungen der Textilindustrie usw. . . . Die größte Zentralisation der Produ tion im1 Sinn ihrer Vereinigung nach einzelnen B triebszweigen und Grupp,en dieser Betriebszweig und ihre Konzentration in den besten Betrieb einheiten audh im1 Sinn sdhnellster Ausführung d wirtschaftlichen Aufgaben". So lautet das Pr gram'm. Alle Maßnahmen und ausführlicheren Pr grammforderungen nidht nur die Industrie, sonde au'dh die Landwirtschaft betreffend (in erster Reil aber die „Einridhtung von Sowjetwirtschäften, d. großer sozialistischer Landgüter"), sogar das Hau gewerbe betreffend („ein schmerzloser Uebergai dieser rückständigen Produktionsform zu einer h heren masdh'inisierten Großindustrie zu schaffen^ — sind auf die Verwirklichung des obenerwähnten einheitlichen Planes der Entwidklüng der Produktion ürri staatlichen Maßstäbe gerichtet. Wir wissen sehr gut, daß die Kleinindustrie und der Kleinbetrieb sowohl in~der Stadt und besion ders auf dem' Lande noch sehr lange Jortbestehen und existieren wird. Der Uebergang 'Zu neuen Formen wird iäußerst langsam' vor isicÜ gehen. Nur die Erfährungen, durdh freiwillige Anerkennung der .Vorzüge der Vereinigung zu Groß betrieben und der Methoden derselben, aber nidh durdh Gewalt — das wird im1 Programm! besonder: hervorgehoben — ist dieser Entwicklungsgang möglich'. Die Verwirklichung neuer wirtschäftlidher Auf gaben erfordert eine ungeheure Anspannung de Kräfte. Einen Verwaltungsapparat zu schaffen an Stell» des alten bürgerlidh'en Apparates bot derartig» i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.