Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 41 (1.11.1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 41 Freie Tribüne Seite 3 ken*) Auch nachdem die Beratung beschlossen hatte, in der II. Internationale zu verbleiben. Und es sei hinzugefügt, sie waren vollkommen folgerichtig, denn der Beschluß war keine Ueberraschung für sie, wie die „Fr. Tr." ausdrücklich hervorhebt: j,weii ■■wir schon von vornherein das Schicksal unseres1 Antrages besiegelt wußten". Wie kann^ber dann dieselbe vorausgesehene Stellungnahme des .Vierbandes zur II. Internationale nunmehr als Keulenschlag verschrien werden, der alle früheren guten Absichten umstößt? Man zog aus|, um die russische Partei zum Wiedereintritt in den Verband zu bewegen und zusammen mit ihr bei der Weltkonferenz für die III. Internationale zu wirken. Jetzt wird der Wiener Partei empfohlen, ohne die gleichgesinnten Parteien gar nicht zur Weltkoniferenz * zu gehen (Z. in Nr. 34). Dazu die köstliche Interpretation: „falls esi gelingen sollte, die rußländischen Genossen zum' Wiedereintritt in den Verband, auf dem Boden de r III. Internationale zu bewegen, auch wir hrt Verbände verbleiben wollen." Die von uns gesperrten Worte werfen ein ganz sonderbares Licht auf die Vermittlerabsichten .gewisser Parteigenossen. Man will die russische Partei „bewegen", dem' Weltverband ultimative Bedingungen zu stellen. Mit anderen Worten, man will die Spaltung unvermeidlich! machen. Und weil es» keine gute Sache ist. darum wird sie 'mit so schleierhaften, verschlungennen 'Redewendungen und Vorschlägen verteidigt. Wir sind keine bedingungslosen Einheitsmeier, Wenn der Ausdrubk erlaubt ist, keine Fanatiker der Einigkeit um jeden Preis'. Sie ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum' höheren Ziel — zur geschlossenen, revolutionären Aktion des kämpfenden Proletariats. Die organisatorische Umklammerung von •Richtungen, die sich1 gegenseitig in inneren Reibungen aufheben, ist Kraftversdhwendung. Aber die proletarische Einheit ist ein kostbares Gut, für das man 'manches' Opfer bringen muß. Gerade die ersten Schlachten der sozialen Revolution müss'en jeden Einsichtigen in der Ueberzeugung bestärken, daß die intranatioriale Geschlossenheit der sozialistischen Arbeiterschaft ebenso lebenswichtig ist, wie die internationale. Man darf sie nicht leichtfertig preisgeben. Mit dem1 jüdischen Sozialismus' ist es am ungünstigsten beistellt. Seit seinen Anfängen in mehrere Fraktionen zersplittert, kann er auf keinem Gebiete, weder im1 Niederreisisen noch! im Aufibau die geeinte Kraflt der jüdischen Arbeiterschaft gebrauchen. Wir Poale-Zion wissen aus1 unserer eigenen ParteigesChSehte, wie lange unsere Bewggung durdh Fraktionsgezänk zu einem1 Sektendasein verurteilt war, wie schwer wir uns) die Einheit erarbeiten, wie lange wir urh! den Ans'chfluß an die sozialistische Internationale kiäiplpflen mußten. Da rnjüsssen wir uns dreimal überlegen, bevor wir durch Zerreissung der Bande dem bittersten Bruderkam'pi] entgehen. Die unerhörte Schmähung des PoaleiZion-Werbandes im Leitartikel der „Fr. Tr." Nr. 32 (gegen die der flür Öffentliche Verunglimpfung empfindliche Gen. Gllücksmann kein Wort des) Protestes! fändet' O^gibt uns1 eine Vorahnung der Tonart, in der man uns zum wahren Sozialislmus1 zu bekehren suchen wird. -.ii Daß für Kbrnimunisten kein Platz im! Weltjverband mehr ist, wird mit der Behauptung motiviert" die Beratung Watte sich „"in entschiedener — um! nicht zu sagen herausfordernder — Art auf die \l. Internationale festgelegt". Weder der Wortlaut, loch der Sinn der Resolution der Beratung rechtfertigten diese Interpretation. Wir sind auch inbezug lufjdie II. Internationale keine unbedingten Einheitsanbeter. Wir sind für die sozialistische Internationale. Wir haben uns entschlossen, in der sogenannten II. Internationale zu verbleiben — in die wir durch einen Beschluß der Exekutive sthon Anfang Ü916 aufgenommen wurden - weil wir sie als einen Versuch betrachten, die unentbehrliche revolutionäre Einheit des Sozialismus und des, Proletariats wiederherzustellen. Es1 ist nicht wahr, daß sie bloß aus sozialreflorm'eri's'chen Oppurtunisten besteht \ Es sind ihr deutische, französische und englische Sozialisten angeschlossen, deren Haltung im Kriege eine ehrlich und unerschrocken internationale war, deren Willen zur 'sozialen Umwälzung nicht angezweifelt werden darf. Mit diesen sozialistischen Parteien haben wir zuletzt in Luzern zusammengewirkt, um Voraussetzungen für eine Vereinigung, oder wenigstens Verständigung der Proletarier aUer Länder zu schaffen, um1 auch' die zögernden, rechtsstehenden Teile der Arbeiterbewegung zur entschiedenen sozialistischen Tat, zur Betätigung des Internationalismus zu drängen, zu erziehen-.- Denn diese „Bremser" vertreten oft plie Mehrheit der Arbeiterschaft großer Industrieländer, die für den 'Fortgang des gewaltigen und langen Emanzipationskampfes des' Proletariats aufcs'chilajggebend sind. Wo stehen die englischen Eisenbahher, deren „unverfälschter (Klassenkampf" die „Freie Tribüne" (in Nr. 37 v. 4. Okt.) im Glauben bestärkt, daß die „Weltrevolution in Permanenz" ist? Auf dem rechten Flügel *) Einer der Genossen wollte die Mission Übernehmen, zu diesem Zweek nach Rußland zu* gehen. der II. Internationale. Aber es ist die revolutionäre Unruhe dieser englischen Eisenbahner, Kohlenarbeiter, Transportarbeiter, die die englische Bourgeoisie in Schrecken versetzt, die Regierung zwingt, wenigstens die Truppen aus! Nordrußland zurückzuziehen, und die Frage der Nationalisierung und Sozialisierung der wichtigsten Produktions- und Ver« kehrsmittel zu einem akuten Problem des1 englischen Wirtschaftslebens1 erhoben hat. Man kann noch mehrere ähnliche Beispiele anführen. Die II. Internationale ist noch kein fertiges! Gebilde, sie ist in Gestaltung, sie sucht ihre alten Ueberlieferungen mit der in Krieg und Revolution neu gewonnenen Erkenntnis zu versöhnen. Es' igt unverantwortliche Zerstörungswut, die sich revolutionär dünkt, sie von vorneherein als Werkzeug der sozialen Trägheit, der bürgerlichen Versöhnungs'politik hinzustellen. Es ist freilich nicht anzunehmen, daß die II. Internationale das Räteprinzip als die einzige Form des proletarischen revolutionären Kampfes akzeptieren wird. Gerade ihre Linke steht dem Sowjet- System, zweifelnd gegenüber. Niemand in ihren Kreisen ^verkennt die Krise der Demokratie und glaubt, daß der Sozialismus; durch eine Stimmenmehrheit verwirklicht werden kann. Aber noch ist nicht erwiesen, daß das Rätesystem das Produktionsiproblem' löst, und esi hat den Antsch'ein, daß die Sowjet-Diktatur die russische Agrarfrage ebensowenig sozialistisch gelöst hat, wie die französische Revolution. Die Internationale wird kaum ,geneigt sein, eine in den besonderen Verhältnissen der russischen Wirklichkeit begründete, im Kampfe gegen den Krieg volkstümlich! gewordene Form des proletarischen Kam'pfes als1 den einzigen Weg zum Sozialismus zu proklamieren. Uebrigens1 beweist die Haltung der deutschen und italienischen Kommunisten, daß auch die Anhänger der III. Internationale in Anpassung an ihre Landes'verihäitntsse keine schablonenhaften Nachahmer des russischen Vorbildes sind. Wohl aber verlangen die Wiener kommunistischen Poale-Zion, daß wir uns auf die III. Internationale festlegen. Diese Bindung wäre voreilig und unklug. Denn wir können nicht vorbehaltlos die Sowjetmethode als den alleinseligmachenden Glaubenssatz des Sozialismus' hinnehmen. Wir 'wollen nicht durch Zerreissung der II. Internationale den Riß in der Arbeiterschaft zu'm Behagen und Nutzen der Bourgeoisie vertiefen helfen und auf den Wiederaufbau der geeinigfen Internationale verzichten. In Stockholm1 hat noch die Wiener Delegation selber diesen Gedanken nicht zurückgewiesen«. In ihrem! Antrag über die russische Kommission der H. Internationale wird es als1 deren Aufgabe bezeichnet',die Möglichkeit der Vereinigung des' Proletariats .Osteuropas rnit der Arbeiterschaft Westeuropas! zu prüfen". Welche Tatsachen der letzten Zeit haben den Nutzen der Spaltung in der Arbeiterschaft für die soziale •Revolution erwiesen? Und ist es1 nicht dogmatische tRechthaberei, soziale Revolution nur dort zu sehen, wo man die'Räte hochleben läßt? Mit Recht spöttelt die „Freie Tribüne" in dem bereits zitierten Artikel über, die „Bestlbewährten"«. die staunend fragen, wo /die Weltrevolution sei: „solange England und Amerika keine Sowjetrepublik sind, solange können sie . keine Symptome einer Weltrevolution wahrnehmen." Nur passen, die Worte e^ens'ogut auf unsere k'o'mimiinistis'chen Spaltungs'eiferer. In letzter Stunde ist es1 unsere Pflicht, an die Wiener Parteigenossen eine Mahnung und eine Warnung zu richten. Der Weltverband Poale-Zion ver* folgt keine Politik, die der kommunistischen Minderheit das Verbleiben in seinen Reihen unmöglich machen würde. Sie haben die Freiheit der Propaganda, also die Möglichkeit, uns ,zu belehren und zu bekehren, sie können namentlich in den Landesparteien, in denen sie in der Mehrheit sin4, die sozialistische Aktion in ihrem1 Geiste leiten. Dies alles im1 Rahmen unserer Verbands'verfas'süng. Die sozialistischen, sehr bedeutenden Minderheiten in Rußland und Wien, haben das Bekenntnis! ihrer Parteien zum' Kommunismus nicht ,zum Anlaß der Parteislpaltung genommen. Das Verbandsbüro steht der. zur III. Internationale hinneigenden Parteien vorurteilslos, parteigenos'sisch vertrauensvoll gegenüber. Wenn sie aber in diesem entscheidungsvollen Augenblick des sozialen Kampfes), am Vorabend gewaltiger staatsbauender Arbeit für das jüdische Volk in Palästina, den Geist der Spaltung in das' Symbol der Einheit der jüdischen Arbeiterklasse, in den Weltverband Poale-Zion hineintragen, dann fügen sie sich selbst den größten Schaden zu. Eis! wird ihnen nicht gelingen, den Verband zu „sprengen". Die große Mehrheit , der Parteigenossen hält treu zu seiner Fahne. Der Spaltungsversuch wird nur zum Austritt einer kleinen kommunistischen Minderheit führen, der Verband Poale-Zion wird in allen Ländern jüdischer Siedlung bestehen bleiben. Ich hoffe, daß auch die kommunistischen Poale-Zion Wiens' ^och in letzter Stunde ihre Feindseligkeit gegen den Verband als irrig erkennen und aufgeben werden. üebereifBP. Hand aufs Herzl Können Sie, Genosse Ka plansky, ernst daran denken, daß Ihte kriege rische „Warnung" und drohende ^Mahnung" geeignet wäre, in „letzter Stunde" die> Ihrer Meinung — nein, Ihren falschen Informationen — nach, bedrohte Einheit des Verbandes1 zu retten? Sie, der ernste, ruhige, erwägende Exponent des Verbandsbüros', Sie erheben gegen die deutschösterreichische Partei die schwersten Vorwürfe, ja die ungeheuerlichsten Beschuldigungen, ohne die Parteileitung angehört — nein, trotzdem1 Sie die Parteileitung gehört, und von derselben unzweideutig vernommen haben, daß sie den WeltVerband nicht „sprengen" will. Sie glauben sich mit1 dem offiziellen Organ der d.-ö. Partei — der „Freien Tribüne" — in der Weise auseinandersetzen zu können, indem Sie ihr unbegründet „Schmähungen und Verunglimpfungen des Poale-Zion-Verbandes" vorwerfen, ohne mit denn für die Redaktion [verantwortlichen Genossen in direkte Fühlung getreten und die freundschaftliche Aufklärung erhalten zu haben. Sie hätten dann zu Ihrer Freude erfahren, daß die Buchstaben „P. Z." im Leitartikel der „(Fr. Tr." Nr, 32 zum' bitteren Aerger des leitenden Genoss'en irrtümlich anstatt des' römischen Hers gesetzt wurden. Daß gerade Sie, Genosse Kaplansky, der alles zu erwägen tmd zu überlegen gewöhnt ist, solche ungeheuerliche Anklagen gegen die ihre schwere) Verantwortung nur allzu bewußt tragenden Wiener Genossen erheben, ohne dieselben direkt' gehört zu haben, zeigt, daß es wahrhaft ,,;vergiftete Pfeile" waren, die hinter dem1 Rücken dieser Genossen abgeschnellt .wurden, Daß diese Pfeile in Stockholm' auch vergiftende Wirkung ausüben könnten, hätten wir nicht erwartet. Wir für unseren Teil lehnen es ab, von sbl'ch'er Waffe Gebrauch zu machen. '; In Ihrem hastigen Uebereifer, die Spaltung zu bekämpfen, übersehen Sie, daß nicht alle in der „"Freien Tribüne" in freier Diskussion geäußerten Meinungen, diejenigen der „Freien ^Jribüne" sind. In Ihrem .guten, allzu girten Uebereifer polemisieren Sie .gegen Gen. ^lückslmann, und ^glauben dabei mit der „Freien Tribüne" zu polemisieren. Gewiß, Gen. Glücksm'ann hat die Meinung mehrerer ernster und klassenbewußter Genossen zum' Ausdruck' gebracht. Gewiß ist esi auch1 Ihr gutes! Recht; Gen. Kaplansky, Ihre eigene Ueberzeugung derjenigen des Gen. Glückstnann gegenüberzustellen. Waruto sollte jedoch die „Freie Tribüne"., warum' die deutschösterreichislche Partei dafür büßen, daß' die Genoss'en Kaplansky und Glückism'ann in einer Frage zweier Meinungen sind. Gen. Kaplans'k'y, Sie werden herzlich auflachen müs's'en, wenn ich Sie auf ein Moiment in Ihrer Argumentation aufmerksam1 mäche, das Sie in Ihrem Uebereifer nidht bemerkten. Nämlich, fast überall dort, wo Sie die Leitartikel' der „Freien Tribüne" zitieren, tun Sie dies1 zustimmend. Bis1 auf den einen Fall des oben erwähnten peinlichen Mißverständnisses1. Wozu also der kriegerische Ton, wozu die befristete Bedenkzeit? Wozu die unbegründete Kränkung der Wiener verantwortlichen Genoss'en? * Zum Inhalte Ihrer Ausführungen 'hätte ic'rf nicht gar viel zu sagen.; In unserer Artikelserie zur Parteiberatung haben wir versucht — so gut und schlecht wir es' konnten —, unsere prinzipielle sowie praktische Stellung zu den unslere Bewegung beschäftigenden Problemen eindeutig zu präzisieren. Ich Jlade Sie, s!ehr geehrter Gen. Kaplansky, ein, speziell die diesbezüglichen Ausführungen in der heutigen Num'mer aufmerksam und nur durch Ihre eigene Brille zu lesen und uns direkt — nicht erst auf dem Umwege einer Diskussion — Ihre Meinung zu sagen. (Est wird überhaupt beslser sein, wenn wir jdie jeweilige Meinung der Verbandsbüro-Mitglieder über das1 Tun und Lasisen der d.-ö. Partei direkt und nicht erst aus leidenschaftlichen Zwischenrufen unserer rechten Genos'sen erfahren.) Einiges von Ihren Ausführungen kann ich jedoch' nicht unerwidert lassen. Soziale Revolution. Ein Bestandteil unserer Ideologie der sozialen Revolution ist, daß auch' das jüdische Proletariat, und somit auch unsere poalezionistisch'e Weltbewegung der für die Verwirklichung des Sozialismus unmittelbar kämpfenden dritten Internationale angeschlossen sein muß. Also nicht mit der Spaltung, sondern mit der lElinigung der Arbeiterschaft setzt für uns die soziale Revolution ein. Verbands'-Büro. Niemals war es unsere Absicht, die sozialistische Ehrenhaftigkeit unserer Verbandsbüro-Mitglieder zu kränken oder auch! nur anzuzweifeln. Der beste Beweis hiefür ist unsere in Stockholm zum Bericht des Verbandsbüros' abgegebene Erklärung. Auf diesem Standpunkt stehen wir auch heute. Hingegen kennen die Mitglieder des Verbandsbüros zur Genüge unsere Meinung über Brest- Auf den Tisch eines jeden jüdischen Arbeiters und Angestellten gehört die „Freie Tribüne«.