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Freie Tribüne · 1919-11-01 · 41 (1.11.1919) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
41 (1.11.1919)
Date
1919-11-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Freie Tribüne Nr. 41 Von Salomon Kaplan sky. Unsere kommunistischen Freunde in Wien sind von der .Verbandsberatung enttäuscht. Sie haben mit ihrem Urteil nicht einmal bis zum Abschluß ihrer Arbeiten gewartet. Schon an dem unvollendeten Werk hatten sie genug und erklärten die Zeit für die Spaltung des Verbandes1 Poale-Zion für gekommen. Ein Bestandteil ihrer Ideologie der sozialen {Revolution ist anscheinend die Vorstellung, daß sie mit der Zerschlagung der organisatorischen und revolutionären Einheit der Arbeiterschaft einsetzen müsse. Sonst ist die seif August mit solchem Eifer propagierte Parole des Austrittes aus dem Weltverbande nicht zu erklären. Die bisher von den kommunistischen Genossen entwickelten Gründe sind nämlich so haltlos! und widerspruchsvoll, sind vor allem1 mit der von der Wiener Organisation bei der Konferenz im April vorgezeichneten Taktifk und mit rder Haltung der Wiener Delegation bei der Stockholmer Beratung selbst so schwer vereinbar, daß die „Freie Tribüne" in ihrem Leitartikel ,,Zur Beratung" sie alle sänft beiseiteschiebt'. Sie fühlt sich sicherer auf dem' Boden der allgemeinen Auseinandersetzung, die mit der Stockholmer Beratung nichts zu schaffen hat, ob Anhänger der III. Internationale in einem Verband verbleiben können, der der zweiten angehört. Die Frage wurde von unseren kommunistischen Freunden im April und Juli bejaht. Sie wird jetzt verneint. Ich bin der letzte, den inkonsequent zu lästern, der „heute klüger ist als gestern". Aber so und nur so durfte die Frage den Parteigenossen dargestellt werden. Es' ist eine unzulässige .Verdunkelung des1 Streites' und Verschiebung der Diskussion, wenn man die Beschlüsse der Verbandsberatung oder gar die Missetaten des Verbandsbüros' als1 zwingenden Grund für die plötzliche Frontänderung und „Umgruppierung" anführt. Zunächst die eigenartige Methode, das Wesen des Verbandes1 mit einzelnen Handlungen, mit der Fähigkeit oder Unfähigkeit seines leitenden Büros1 zu identifizieren. Angenommen, der Vorwurf wäre berechtigt, daß „die ganze Tätigkeit .des Büros" vom „opportunistischen Geist" beherrscht wiare, daß „Einzelheiten der Politik des .Verbandsbüros diese als1 dem' sozialistischen Geiste absolut widersprechend erscheinen" ließen. Auch wenn diese schwerwiegenden Anschuldigungen gar begründet sein sollten, wäre es1 kein Grund,, in Gedanken an die bereits .vollzogene oder sebnSiüchtig erhoffte Sprengung des Weltverbandes1 zu schwelgen. Derartige Abirrungen des Verbandsbüros' wären nur ein Anlaß', den Rücktritt dieser lasterhaften Leitung zu verlangen, ihre Absetzung zu betreiben. Und dazu wäre es nicht einmal notwendig, bis' zur Weltkonf'erenz zu warten. Denn es' unterliegt doch1 keinem1 Zweifel1, daß!, falls die Beratung sich der Kritik angeschlossen hätte, die in den letzten Monaten in der „Freien Tribüne" mit einer die Grenzen des Zulässigen überschreitenden Zügell'osigk'eit geübt wird, die für die Politik des Büros verantwortlichen Parteigenossen die Konsequenzen daraus' .gezogen hätten. Hat jemand ernstlich! den Verdacht!, daß fette an ühren „'Aemtern" kleben, von dem' Genuß? der „Macht" nicht lassen wollen? Ware das1 Verbandsbüro der Pfuhl der Sünde, wozu dann die schwer erstrittene Einheit, wenigstens eines1 Teiles1 der jüdischen Arbeiterbewegung gefährden! So erfahrenen Parteileuten, wie unsere Wiener Freunde esl sind, braucht man doch' nicht erst zu sagen, daß man einer Partei nicht den JRücken kehrt, weil die Exekutive Unmut hervorruft. Man wählt einfach1 eine neue. Es ist aber gar nicht richtig, daß das Verbandsbüro all die sehhm'men Dinge sich' hat zuschulden kbm'men lassen, die offen oder versteckt in sein Sündenregister eingetragen werden. Denn es .gibt, leider, auch versteckte Hiebe. So sehreibt Z. in Nr. 43: „Wir können nicht von einem1 .Verbandsbüro vertreten werden, das gemeinsam mit Organen der bürgerlichen Partei die wichtigsten Fragen der proletarischen Politik zu lösen versuchte." Staunend fragen wir uns1, was der Sachliche Hintergrund für diese schwere Verdächtigung sein mag. Mit welchen bürgerlichen Parteiorganen und welche Fragen der proletarischen Politik1 hat das .Verbandsbüro zu lösen versucht? Ich kann ziemlich ^gefaßt von diesen Dingen reden. Denn ich bin in der angenehmen Lage, die volle .Verantwortung nur für die Tätigkeitsperiode xles Verbandsbüros' zu tragen, der die russische Partei sogar in der Stunde der Abkehr mit Worten des Vertrauens gedachte. Dieser vergiftete Pfeil, diese Anklage des Verrats', kann mich1 persönlich kaum treffen. Aber ich finde es unverzeihlich, daß in einer Debatte von solcher Tragweite für die Wiener Partei dunkle Andeutungen ins Treffen geführt werden. Wasimmer damit gemeint sein mag — esi hat keinen Zweck, sich in Vermutungen zu ergehen — ich erkläre den Wiener 'Parteigenossen, darf diese Behauptung jeder tatsächlichen Grundlage, jeder Berechtigung entbehrt. Man muß schon wirklich in jedem Verbandsbüroimitglied einen abgefeimten Macchiavelli vermuten, um* sogar vermeintliche Fehler in dieser die Ehre jedes Sozialisten kränkenden Weise zu mißdeuten, zu entstellen. IRücken wir nunmehr den Vorwürfen zu Leibe, die auf Tatsachen beruhen. Zunächjst wird das V.-B. beschuldigt^ einen .Vertreter ins zionistische Aktionskomitee entsandt zu h&ben. Die Darstellung des Sachverhaltes ist irreführend. Das1 Verbandsbüro hat während des Krieges! keinerlei Aenderung im Verhältnis des Verbandes! Poale-Zion zur zionistischen Organisation veranlaßt. Vor dem Kriege, Anfang des Jahres J914, hat; das' JKiener Büro mit dem1 zionistischen Aktionskomitee eine Vereinbarung getroffen, daß ein Mitglied des \.-B. den Sitzungen des A..-SK., die damals einmal vierteljährlich abgehalten wurden, mit beratender Stimme beiwohnen solle. Der Zweck der Maßnahme war, der Leitung des Verbandes tieferen Einblick in die zionistische Arbeit\ vor allem in Palästina zu gewähren. Der Beschluß wurde von den Zentralkomitees auf denl Wege einer Schriftlichen Abstimmung gebilligt; die russische Partei hat s!ich, wie sonslt in rein zionistischen Angelegenheiten, des' .Votums1 enthalten. Bei der zionistischen Konferenz .in London, im Februar und März d, J., wurde das Aktionskomitee durch die Zuwahi von 7 Vertretern Amerikas, Palästinas und der Fraktionen reorganisiert. Dabei wurde mir für die Poale-Zion der Eintritt in das A.- [K. angeboten. Ich' habe ihn ausdrücklich! mit der Begründung abgelehnt, daß darüber eine Verbandskonferenz beschließen müßte. Die Beratung hat inzwischen das Mandat abgelehnt, und zwar habe ich es1 selber beantragt. Die Beratung wünschte auch' eine Revision der früheren Abmachung. Darüber müssen dieselben Parteikörperschaften beschließen, die sie seinerzeit gutgeheißen hatten, nämlich die Zentralkomitees. Wo bleibt liier der ^geringste Anlaß zu Angriffen gegen das .Verbandsbüro? Höchstens, daß eS! Mitglieder des Büros gibt, -die so rückständig sind, noch im'mer für die Beteiligung an zionistischen Kongresfsen zu sein. Aber die Wiener Organisation mu(3te bei ihrer Beratung im..April und bei der Entsendung Ivon petegfierten nach Stockholm1 wissen, daß der Verband Poale-Zion kraft der wiederholten Beschlüsse seiner Weltk'onferenzen der zionistischen Weltorganisation auf föderativer Grundlage angehört. Und nur eine Weitkonferenz könnte dies ändern. Dann kommt die Anklage, das Büro blatte die Einladung bürgerlicher Verbände zur Teilnahme an einer jüdischen Vertretung bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk' nicht abgelehnt. Gen. Sokal hat bereits auf die Unklarheit des! .Vorwurfs' hingewiesen. Gen.. Glücksmänn M leidejp darauf nicht zurückgekommen. .Vielleicht frageffeinige Bemerkungen zur Aufklärung der Sache bei. Es ist beinahe drollig, hervorheben zu müssen, daß das Verbandsbüro weder die Möglichkeit hätte, irgendwelche Vertretungen nach1 Brest-Litowsk einzuladen, noch zu bestimmen, welche Verbände in irgendeine IDelegation einzuladen seien, die nach1 Brest gehlen sollte. Wir hatten bekanntlich keinen Einfluß auf den Gang der Brester Verhandlungen. Dias; Verbandsbüro konnte also die Einladung us!w. weder veranlasss'en, noch ablehnen. Um1 wäSi es sich handelt, wird in einem1 Bericht des1 Gen. Kasriel erzählt, der allen dem Verbände angeschlossenen Parteien zugegangen ist und in der Preslse im' Frühjahr 1918 veröffentlicht wurde. Die Wiener Parteigenossen 'mußten also von diesen mysteriösen Vorgängen schon vor Stockholm1 unterridhtet sein. Die .Verantwortung des : Verbandsbüros' besteht darin, daß es zur Zeit der Bres'ter Friedensverhandlungen beschlossen hat, Gen. Kasriel nach Petrograd zu entsenden, um' sich imit unseren eigenen Parteifreunden und, wenn nötig, mit anderen jüdischen und sozialistischen Parteien darüber auszusprechen, ob es ratsam ist, die Frage des1 Schutzes der nationalen Minderheiten in den strittigen Randgebieten Rußlands, einschließlich' der indischen Minderheitsrechte, in Brest aufzurollen. Die Instruktion des' Büros war klar dahingehend, daß alle Verhandlungen und sonstigen Schritte nur in vollstem Einvernehmen mit der russischen Partei zu unternehmen sind. Ich habe den Bericht nicht zur Hand und es gehört auCh nicht zur Sache, ob die erwogenen Pläne in allen Details gut oder schlecht waren. Zunächst ist die Sache aus dem Stadium der Erwägung nicht heraus. Wesentlich ist die Feststellung, daß ohne Zustimmung der russischen Partei gar nichts hätte geschehen können. Unsere Kritikerkönnen freilich sagen, daß auch1 auf die russischen Parteigenossen kein Verlaß war. "Aber was war grundsätzlich1 an dem Vorgehen des Verbandsbüros falsch? Sind unsere Wiener Kommunisten gar entrüjsjtet, daß wir Brest-Litowsk ernst genommen haben? So bricht auch diese Anklage an ihrer Willkürlichkeit zusammen.; Vom Telegramm an Wilson habe ich gleich vielen anderen Parteigenossen nicht ohne Unbehagen Kenntnis erhalten. Welch' übertriebenen Kommentare hat man aber an dieses Schriftstück geknüpft! Es ist ein Unrecht, e& als eine Begrüßung an Wilson zu deuten. Es! ist ein Hilferuf gegen die Pogromwelle in Polen-Galizien, mit einigen ein- . leitenden freundlichen Worten an die Adresse der großen amerikanischen Republik. .Vielleicht wäre weniger UeberscbwängliChkeit in der Fassung besser,, aber ist es1 für eine jüdische sozialistische Partei wirklich grundsätzlich1 unzulässig, angesichts1 einer Katastrophe, wie der Lemberger Pogrom;, an den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu appellieren? Man darf auch eine Begebenheit vom Dezember 1918 nicljt mit der nadhträglichen Weisheit ivom Mai 1919 beurteilen. Den Appell an die Entente-Sozialisten, die Hilfe ihrer Regierungen gegen die Pogrome anzurufen» beurteile ich nicht anders als die meisten Parteigenasisen. Aber es! sind auch! in diesem1 Falle keine anderen Konsequenzen denkbar, als< die bereite vom Gen. Sokal erwähnten. Die Beratung hat der in diesem Punkte berechtigten Kritik Rechnung getragen. Gibt es keine andere Sühne für einen Fehler des Verbandsbüros wie die beabsichtigte Zerschlagung des Verbandes? Gerade die Uebereinstimmung der Vertreter verschiedener Richtungen in dieser Frage beweist, daß es sich hier nicht um Gegensätze hiandelt, die die Einheit der Aktion des Weltverbandes hemmen müßten. , Nun gibt es eine Reihe von Parteigenossen, die dem Abfall vom Verbände das Wort reden, nicht weil s5e seiner Leitung den Prozeß machen wollen, sondern weil „neue Tatsachen" diesmal gegen die. Stockholmer Beratung selbst vorliegen. Mein alter Freund Glücksflmann jammert: jDer 'Beschluß der Verbandsberatung, in der II. Internationale zu verbleiben, hat die Einheitlichkeit der jüdischen Arbeiterbewegung, soweit sie poalezioniStisCh ist, unmöglich gemacht. Der Welt'verband hat sic[b dadurch der Mehrheit der organisierten penos(s'en entäußert." Zwar stim'me ich! mit der „Fr. Tr." darin überein, daß die größeren Zahlen bei Bekenntnisfragen belanglos sind. Insbesondere ist die Diskussion darüber, wo die Mehrheit ist, zwecklos, nachdem1 die Redaktion in weiser Voraussicht die Rückzugslinie in Bereitschaft brachte, will sagen das1 Argument, daß „die Träger aller Fortschrittsideen immer 'zunächst in der Minderheit" waren. Nur sollte auch das' Axiom nicht vergessen werden, daß ein Satz nicht richtig bleibt, wenn er umgekehrt wird. Die Wahrheit bleibt off in der Minderheit, aber nicht immer muß wahr sein, was1 von einer Minderheit vertreten wird. x Es ist nämlich1 doch nötig, die Legende zu zerstören, daß die Beratung, weltfremd und borniert^ sich zur Mehrheit der Poale-Zion in Gegensatz setzte. Wir stellen auf Grund authentischer Berichte des! (verspätet eingetrofifenen) Vertreters' der Ukrainischen Partei fest, daß auch diese in ihrer übergroßen Mehrheit in der Frage der* internationale auf dem von der Beratung angenommenen Standpunkt steht. Nur eine kleine koirimunistisSche Minderheit h'at ^idb abgesplittert, wäs! sogar von der russischen Partei mißbilligt wird. Die russische Parteikonferenz wiederumi hat nach1 den bisherigen Informationen den Anschluß an die III. Internationale!mit der knappen Mehrheit von 44 gegen 43 Stimmen beschlossen. Man kann also ruhig sägen, daß sich1 sogar in Rußland beide Richtungen die Wage halten. Also so selbstmörderisch1 und dem wirklichen /Kräfteverhältnis widersprechend war der Beschluß der Beratung nicht. Daran ändert auch die Tatsache nichts!, daß die meisten Landesparteien kommunistische Minderheiten haben. Das beweist nur, daß wir unserer Tradition gemäß die Fragen der sozialistischen Theorie und Praxis mit vernünftiger Toleranz behandeln, solange dadurch die Aktionsfähigkeit des! Verbandes nicht gehindert wird. In diesem Zusammenhange wäre auch zu erwähnen, daß der Austritt der rus'sfeeh'en Partei aus1 dem Weltverbande nicht als Schlußfolgerung aus' der prinzipiellen Frage der Internationale zu betrachten ist. Denn in diesem' Falle müßte das Stimmenverhältnis das gleiche sein. Eis verläutet indesi, daß der beklagenswerte Austrit|tJsbes'chlluß einstimmig angenommen worden "wäre. Die Gründe sind in der Tat infolge der mangelnden Kommunikation vorderhand unbekannt. Es scheint aber iedenfallS1, .daß Nachrichten über irgendwelche Vorgänge im' .Verbände den Ausschlag gegeben haben. Da unsere russischen Parteigenossen sicherlich die gleichen Schwierigkeiten wie wir haben, um1 die Richtigkeit der zu ihnen durchdringenden Gerüchte zu kontrollieren, erlaube ich1'mir zu zweifeln, ob der Beschluß reiflich! überlegt war. Jedenfalls ist, wie gesägt, sein Zusammenhang mit der Stellung zur Internationale durchaus unaufgeklärt und es wäre voreilig, weitgehende politische Schlüsse aus den strittigen Berichten zu ziehen. Wir können nicht umhin, bei dieser Gelegenheit, auf die unerklärlichen logischen Sprünge unserer kommunistischen Freunde hinzuweisen. Der, hoffen wir, vorläufige Verlust der russischen Poale-Zion- Partei für den Verband war schon seit Monaten bekannt Unsere Wiener Parteileitung hätte auch1 eine klare Stellung dazu. Sie lehnte die Nachahmung ab und die Wiener Delegationbilligte durchaus den Entschluß der Beratung, die russische J^artei zu erreichen, die wahrscheinlichen Mißverständnisse aufzuklären und sie zur Rückkehr in den Verband zu bewegen. Die Wiener Parteigenossen waren bis1 zunr letzten Augenblick bereit, dabei aktiv mitzuwir- Sammelt für den 5000 Kronen-Fonds der ..Freien Tribüne".

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