Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 40 (25.10.1919)
- Date
- 1919-10-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 Freie Tribüne Nr. 40 spiellos in der Geschichte; er ist und bleibt das Verdienst der d ö. Sozialdemokratie. Klassenfrieden, von beiden Klassen — Proletariat und Bourgeoisie — durch Unterschrift verbürgt. Wer will noch an Marx glauben, wer an Klassenkampf? Diesen Friedensvertrag zu unterschreiben, ja zu ersinnen, ist unserer d. ö. Sozialdemokratie vorbehalten gewesen. Der Partei, die die Revolution in eine Sackgasse geführt hat. Aus dieser Sackgasse gibt es entweder ein Zurück, d. h. ein vollständiges, wenn auch allmähliches — in Oesterreich wird ja „alles" schön gemütlich gemacht — Liquidieren der Revolution, wie es dem Staatskanzler Renner vorschwebt. Man schaffe eine demokratische Bundesverfassung, in der die Arbeiterräte recht tief — so daß sie niemand mehr gewahr wird — verankert sind, dazu ein Hochverrats-, will sagen Volksverratsgesetz, das diese Verfassung schützt und dann gehe ein Jeder seiner Beschäftigung nach; der Unternehmer derjenigen des Profiteinheimsens und der Arbeiter der Mehrwert-Erzeugung. Volksrepublik nennt es der Staatskanzler. Und jeder Versuch seitens der Arbeiterschaft an dieser, vom „Volke" geschaffenen, Ordnung zu rütteln und eine sozialistische Wirtschaftsordnung durch Errichtung einer Republik der Arbeitenden zu ermöglichen, wäre . . . Volksverrat. So ließe sich die Revolution am leichtesten überwinden. Oder aber, ein Vorwärts, d. h. dem in die Sackgasse mitgeschleppten Klassengegner deutlich zu machen, daß man seinem Wunsche, zwischen christlich-sozialer und sozialdemokratischer Weltauffassung zu wählen, entspricht und sich selbst daran macht, die Welt nach sozialdemokratischer Anschauung aufzubauen. Das hieße allerdings auf die „Mitarbeit" — lies Sabotage — der Christlich-Sozialen verzichten und die Revolution durch kühnes, zielbewußtes Ueberschreiten der selbst errichteten Mauer aus der Sackgasse ins weite sozialistische Freie hinausführen. Nachdem aber heutzutage die „Rechte" der d.-ö. Sozialdemokratie noch allzufeige ist, den Weg der unverhüllten Liquidation zu gehen, und die „Linke" nicht kühn genug ist, den Weg ins Freie zu beschreiten, so „ents chied" (?) man ... in der Sackgasse sitzen zu bleiben. Wie Schafe mit Wölfen. Gewehr bei Fuß. Damit jedoch keiner von den Gegnern in seiner „Ruhe" gestört werde, unterschrieb man den Waffenstillstand zwischen Arbeit und Kapital. Auf die Revolution hat man dabei vergessen. Aus der Internationale. Polen. Das ■zerrüttete, an allen Fronten kämpfende^ junge Staatswesen bereitet immer mehr und mehr den Boden für einen revolutionären Utristurz. Die fbtlind^tigste Reaktion glaubt die finanzielle und wirtschaftliche Katastrophe durch Entfachen nationalistischer Stimmungen in den Massen •wettzumachen. Sie steuert aber unvermeidlich dem Untergang ,zu. Ein schleichender Fieberzustand offenbart sich durch plötzlich aufflackernde Streikbewegungen, die die wichtigsten Nerven des Wirtschaftlichen Lebens lähmen. Heute steht Polen im Zeichen einer sozialen'Bewegung, idie unabsehbare Folgen haben kann. Es begann mit dem Abbruch der drei Wochen dauernden Verhandlungen der Regierung mit der Gewerkschaft der Landarbeiter. Der Z. R. R. (Verband der Landarbeiter) hat ultimativ folgende 3 Forderungen aufgestellt: 1. Enthaftun'g der Agitatoren; 2. Zurückziehung des Ministerialerlasses an die Bczirkshauptmannschaften bezüglich der Unterdrückung der Streikbewegung: 3. die Anerkennung des ausschließlichen Rechtes des Verbandes ialle Beziehungen zwischen den Landarbeitern und den Landbesitzern zu regeln. Die Regierung hat unter dem Drucke der Großgrundbesitzer die Forderungen abgelehnt, und der L an d arb e i t c rs t re i k wurde proklamiert. Darauf hat die Reaktion mit den schärfsten Maßregeln geantwortet. Sie will die Bewegung der Landarbeiterschaft, die sie als im Dienste der Feinde" stehend, \denunziert int Blute ersticken. Die Kommunisten sind die Leiter der Streikbewegung. Solidarisch mit ihnen [kämpft der linke Flügel der P. P,. S. für eine Unterstützung des Ausstandes durch das städtische Proletariat. So verlautet es auch, daß der Generalstreik proklamiert Worden ist. 'Wenn sich auch das nicht bewahrheiten sollte, wenn auch die junge Organisation der Landarbeiterschaft dem waffenstrotzenden Druck der Reaktion nicht wiederstehen und der Streik zusammenbrechen sollte, so ist doch klar, daß das Land solange vom sozialen Fieber geschüttelt werden Wird, bis die unfähigste aller reaktionären Regierungen von einer starken revolutionären Welle des gesamten Proletariats hinweggefegt und bis das Proletariat die Macht ergreifen Svird. Es spricht der Feldherr der „Deutschen sozialistischen Republik". Oberst Reinhard, der deutsche Gallifet, der die Re gierung ein „Gesindel" genannt hat und dies in einem Interview bestätigt, erzählt ferner, wie er das verfassungs- / mäßig gewährleistete Koalitions- und Strejkrecht der Arbeiter schützte. „Ich fuhr Wie ein Donnerwetter drein. Ein paar Rädelsführer, die schlimmsten, Wurden niedergeknallt. So was muß sein. Arbeitszwaug wurde ausgesprochen. Und Sie hätten nur sehen sollen, wie die Arbeiter am nächsten Morgen auf der Arbeitsstätte erschienen! In ihren schwarzen Bratenröcken kamen sie angelaufen. Die Ordnung war wieder hergestellt." Auf die Frage, ob er dieses Rezept dann ganz allgemein anwenden wolle? Antwort: Gewiß! ,,Also Gallifet?" ,Jawohl, Galiifet!" Ucber die äußere Politik äußerte sich der „Sjieger von Oberschlesien" folgendermaßen: .....,, Frankreich und auch England haben ein vitales Interesse daran, mit uns irgendein Arrangement zu treffen, müssen uns die Möglichkeit geben, uns wirtschaftlich herauszupauken. Das können wir aber nur - gemeinsam mit den Westmächten in Rußland. Da sind noch u n ,g c Ii e u r c w i r t s c h a f t 1 i c h c Werte h e r a u s z u h o I e n. Da liegt ja noch so unendlich viel brach : Rußland und das weite, weile Sibirien. Daran müssen wir uns aHo sanieren. Daran kann ganz Europa wirtschaftlich wieder gesunden. Natürlich muß der Bolschewismus erst überwunden werden. Mit sechs Divisionen, sage ich Ihne i^, ist die Geschichte zu m a C h c n. Mit sechs D i v i s i o n n ..... So sehen die Spießgesellen der Ebert, Bauer und Konsorten aus. Die Reaktion unter der Führung der Meluheitssozialistcn! . . . Aus den Arbeiterräten. Wieden. In der letzten Vollversammlung des BezirUsarbciterates Wieden wurde über die K r e i s a r b c i t c r r a t s s i t z u n g, die sich tritt der Koalition zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen befaßt hatte, diskutiert. Genosse M i t, t- I e r (Sozialdemokrat) führte au der Hand der Rede Otto Bauers aus, daß heute wegen der entsetzlichen Lage der Republik die Koalition nochmals versucht werden müßte. Rindl (Kommunist) hielt unter Widerspruch der Versammlung den Sozialdemokraten ihre durchaus verfehlte Taktik vor. Gen. Weiß m'a n n als Sprecher unserer Fraktion präzisierte kurz die Stellung unserer Partei zur Koalition und erinnerte daran, daß es die Sozialdemokraten waren, die im Juni die Räterepublik verhindert und so alle Konsequenzen aus der Niederlage der Revolution in Budapest, München und vielleicht auch Rußland mit den anderen sozialdemokratischen Parteien Europas zu tragen hätten. Die Konferenz der jüdischen Arbeiter In Merchavia. Die in Merchavia Ende Ab abgehaltene Konferenz der landwirtschaftlichen Arbeiter darf mit Recht als eine erfolgreiche nnd interessante Beratung bezeichnet werden. Die Verhandlungen wurden mit großem Ernst geführt, nnd die Berichte liefern wertvolles Material über den Stand der landwirtschaftlichen Arbeiterfrage in Palästina. Etwa 40 Delegierte waren versammelt. Aus den Berichten geht hervor, daß es in Jaffa zur Zeit 100 landwirtschaftliche Arbeiter gibt, von denen 45 stellenlos sind. In Petacli Tikwah gibt es 120 Arbeiter; von denen arbeiten 100 in einer Kwuzah (Arbeitergruppe) auf den Landereien des Barons und einzelner Kolonisten, 20 sind arbeitslos. Von 80 landwirtschaftlichen Arbeitern in Eischon Lezion sind 45 arbeitslos. In Eechobotk gibt es 170 Arbeiter, hievon sind 50 arbeitslos. In Chederah gibt es 40 jüdische Landarbeiter, von ihnen sind 25 arbeitslos. In Sichron Jacob gibt es 50 Arbeiter, 10 von ihnen sind ohne Arbeit. In Haifa gibt es 60 Laudarbeiter, hievon sind 5 ohne Arbeit. Von 550 jüdischen landwirtschaftlichen Arbeitern, die in den Kolonien leben, sind zur Zeit drei hu n d e r t arbeitslos. In derselben Zeit aber sind in den Kolonien Judaas mehr als 4Ö00 nichf^üdische Arbeiter beschäftigt: Die Löhne der jüdischen Arbeiter sind sehr schlecht. Auch der höchste Lohnsatz reicht wegen der herrschenden Teuerung für die Existenz der jüdischen Arbeiter nicht aus. Gewöhnlich beträgt der Arbeitslohn eines jüdischen Arbeiters Eres. 2.50 pro Tag. In Chederah uud Sichron "Jacob beträgt der Lohn Eres. 3.7 5, in itechoboth nnd Rischon Lezion Eres. 4.50 bis 5.—, in Jaffa und Petacli Tikwah Frcs. 6.25 pro Tag. Daß diese Löhnung tiir verheiratete Arbeiter nicht die Möglichkeit bietet, auch nur die notwendigsten Lebensmittel zu erhalten, braucht nicht erst gesagt zu werden. Die Delegierten aus Galillla betouten, daß die Lage der galiläischea Arbeiter ein wenig besser sei. Bedauerlicherweise haben die Wirtschaften dieses Jahr schlechte Resultate gezeigt. Die Ernte war im allgemeinen keine sehr günstige und der Preis des Getreides ist stark gesunken. Auch für das Gemüse gibt es keinen Markt. Viel wurde zur landwirtschaftliehen Ausbildung des jüdischen Arbeiters getan. Guten Erfolg hatte die Gruppenbilduug für Bewaldung und Bepflanzung. (Es wurden dieses Jahr etwa 700.000 Bäume gepflanzt.) Diese Arbeit wird man zu würdigen wissen, wenn man die große Bedeutung kennt, die die Bewaldung für die Verbesserung der Gesundheit im Lande hat. Im nächsten Jahre werden etwa eineinhalb Millionen Bäume eingepflanzt" sein, die etwa 60 Menschen beschäftigen werden. Weitere 100 Personen werden Arbeit finden bei der Entsumpfong in Kinereth und Dagania. Die Vorarbeiten für diese größeren Unternehmungen müssen sofort gemacht werden, da die Arbeitergruppen in Kerkur und Merchavia vor der Beendigung ihrer Arbeiten stehen. Gegenwärtig sind die Aussichten der jüdischen Arbeiter folgende: Im Ganzen beträgt ihre Zahl mit den neu Hinzugekommenen etwa 875 Mann. Hiezu kommen noch folgende: 21 jüdische kurdische Arbeiter in Sedscherah, 00 Sefardim aus Tiberias. die in den Kolonien arbeiten, 240 Jemeniten und etwa 4 00 Mann von den zu demobilisierenden 38. nnd H8. Bataillonen. Im Ganzen umfaßt die jüdische Landarbeiterschaft 159fi Arbeiter. Etwa 2fi0 Arbeiter haben bereits mit dem Arbeitsamt Verträge abgeschlossen. 1^0 Arbeiter stehen noch in Verhandlungen über die Annahme von Arbeiten in Merchavia und Kinereth. Weitere ltiO Mann sollen in Naehlath Jehuda, Kn-Chai arbeiten. Als Taglöhner werden 180 jüdische Arbeiter Arbeitsgelegenheit in Aledschd;!, Jabniel, Sedscherah, Ruch;»mäh, Pon'ah und in den Orangenpflanznngen in Jaffa , finden. Hei den Trockenlegnngsarbeiten in Kinereth imc{\\ Dagania dürften etwa Ion Arbeiter Beschäftigung finden. Weitm-e 200 Arbeiter sollen bei den Vorbereitungsarbeiten auf dem Lande beschäftigt werden. Sanierungsarbeiten. Auf den Nationalfonds-Böden in Emek-Jizreel und in Galiläa sind Assanierungsarbeiten größeren Stiles in Angriff genommen worden. In der Umgebung Merchawj a h s werden alle Sümpfe ausgetrocknet, auf den Sumpfsteilen Eucalyptns-Uaine gepflanzt und die Abflüsse und Wadis, die sich vorn kleinen Hernion in die Emek ergießen, durch in System von Kanälen reguliert. Durch die Assauierungsarbeiten in Kinereth sollen außer den Farmen des JNF, auch die Kolonien Kinereth und Jiethania fieberfrei gemacht werden. Das ganze Ufor des Kinereth-Sees und Jordans soll auf einer Strecke von mehreren Kilometern reguliert uud durch Mauern befestigt werden. Die Ebene zwischen Bethania und Kinereth wird entwässert und die Jordanbucht zwischen Daganiah und Kinereth zugeschüttet. Das durch Dammeinbruch im Laufe der letzten Jahre angesammelte Jordanwasser soll mittels Windturbinen und Motoren in das Flußbeet abgeleitet werden. Auf den Ueberresten des aiten römischen Aquäduktes zwischen Daganiah und Melhamie soll eine Eisenbetonbrücke über den Jordan errichtet werden. Zur A nsiedhing von 100 demobilisierten Legion ä r e n hat die New- Yorker Achusah-Zion- V o m m o n w e a 11 h ein größeres Areal in der Emek-Jizreel gepachtet, darunter auch lOOu Dunam Boden des JNF in Merehawja, wo in kürzester Zeit zementierte Baulichkeiten errichtet werden sollen. Vom Arbeitsniarkt in Palästina. Nach einer Mitteilung der „Jewish Daily News" gibt es zur Zeit in Jerusalem 400 jüdische Schuster, 150 Maurer, 30 Hüusermaler, 70 Drucker und Setzer, 40 Buchbinder, 10 Photographeu, 100 Schreiber, 30 Barbiere, 25 Kürschner. 200 Schneider, 20 Kleinschmiede, 4 j Mechaniker, 50 Kupferschmiede, 60 Milchkitadler, 03 Trager, 40 Müller, 40 Kutscher, 200 Tischler, 40 Schmiede, 30 Uhrmacher, 225 Goldschmiede, 30 Kesselflicker, 40 Bäcker, 90 Weber und Spinner, 20 Glaser und 300 Kaufleute. Ungefähr 1300 Knaben und Mildchen arbeiten als Lehrlinge in verschiedenen Werkstätten. Insgesamtgibt es ungefähr 4000 jüdische Familien in Jerusalem, die sich selbst durch Arbeit erhalten. Die Vereinigung jüdischer Druckerei-Arbeiter in Jerusalem beschloß die Einführung des Acht-Stnnden-Arbeitstages und die Heraufsetzung des Arbeitslohnes von 8 Pfund auf 12 Pfund monatlich. Alle Druckereien in Jerusalem, mit xAusnahme von zwei, haben sich hiemit einverstanden erklärt. Die materielle Lage der jüdischen Schreiber in Jerusalem hat sich in letzter Zeit wesentlich gebessert. Ein Schreiber von Thora-Rollen verdient jetzt monatlich 10 Pfund und hat reguläre Beschäftigung. Vor dem Kriege bekam ein Schreiber für das Schreiben einer Sepher-Thora ca. 300 Francs, heute erhält er 700 Francs. Aus unserer Weltbewegung. Die Sfocbholmer Beratung*) des allweltllchen Verbandes der Jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale Zion. (Fortsetzung.) Der dritte Teil der Beratung des J. S. A. Verbandes Poale Zion tagte vom 24. September bis zum 5. Oktober 1919. Es waren anwesend die Mitglieder des Verbandsbüros: Chasanowitscb, Jarblum, Kaplansky, Locker und die Vertreter der Landesparteien Dr. N. S y r k i n (Amerika)* Rubaschoff (Deutschland), Blumenfeld,Katz- , n e 1 s o n und S c h o c h a t (Palästina), N i r und P i n c h a s (Polen), R e v u t z k y (Ükraina). Gen. B1 u m e n f e 1 d, der leitende Sekretär des Arbeitssekretariates (Missrad Haavodah) in Jaffa erstattete einen Bericht über die Tätigkeit des Sekretariates während der Kriegszeit Der Beratung lag ein gedruckter Geldbericht des Missrad Haavodah bis zum 20. Juni 19IQ vor. Gen. Katznelson referierte über das Problem der palästinensischen Arbeiter - Kooperativen (Kwuzoth), Gen. S c h och at über den »Haschomer\ Die Palästinadelegation berichtet auch über die gegenwärtige politische Lage in Palästina sowie über ihre Besprechungen mit dem zionistischen Aktionskomitee in London betreffs Sicherung des Arbeitsbudgets für Palästina. *) Siehe »Freie Tribüne« Nr. 84 und 37. Sammelt fito den 5000 Kronen-Fonds der „Freien Tribüne«.