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Freie Tribüne · 1919-10-11 · 38 (11.10.1919) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
38 (11.10.1919)
Date
1919-10-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Freie Tribüäe Nr. 38 brüske, breitspurige Auftreten der Monarchisten be merken, 4M sich bis vor kurzem noch im letzten Winkel veijcrochefi haben. Die zeitliche Uebereinstirnmung der Auflösung des 41 er Bataillons, der KprnmunistenverHaftungtn mit dieser reaktionärer Agitation ist nicht zufällig. Die Sozialisten in den Regierung ' iiaben es zugelassen, ja noch begrüßt, daS die verläßlichen Kämpfer gegen jede Reaktion entwaffnet wurden. Sie werden scnwer an den, Folgen des Ueberwucherns der Reaktion zu tragen haben. Schwere Kampfe gegen die vereinigten Mächte der Finsternis stehen dem Proletariats in Deutschösterreich noch bevor in dieser Lage von seinen Führern verlassen zu sein, ist sein Schicksal. Nur durch die Ueberwindung des politischen Kretinismus, durch die Besinnung auf den Klassenkampf als Lebensinhalt der Arbeiterklasse, wird es seine Zukunft frei gestalten können. Glücks in a n n. Aus der Internationale. Für Sowjetrnßlaurl Deutschland. Die Parteileitung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands erläßt folgenden Aufruf für S o W j e jt - R U ß 1 a n d : Neue schwere Gefahren drohen dem deutschen Volke. Die Hungerblockade steht bevor. Unsere Industrie soll keine Rohstoffe mehr erhalten. Die Besetzung des Ruhrgebietes durch fremde Truppen ist in furchtbare Nähe gerückt. Dieser neue K o n f I i!k t m i tr der Entente ist hervorgerufen durch die verblendete Politik der Regierung. Trotz der Warnungen und Proteste der revolutionären Ar-, beiterschaft hat sie K r i e£ gegen Sowjet-Rußland geführt, hat sie die imperialistische Eroberungs- und Vergewaltigungspolitik gegen die ehemals russischen Randvölker fortgesetzt. Im Bunde mit den deutsch^-baltischen Baronen sollte die revolutionäre Bewegung unterdrückt, sollte Rußland in eine deutsche Machtsphäre verwandelt werden.. Zu diesem Zwecke ist im Osten .eine k o 'n t e r r e v o 1 u t i o:- näre Artmee entstanden, die von^ der deutschen Regierung ihre Löhnung, ihre militärische Ausrüstung^ den ganzen Züschub bis in die letzte 'Zfejt erhalten hat. Sie steht in innigster Verbindung mit den zaristischen Generalen, mit den Koltschak und Denikin, die naCh der Niederwerfung des russischen Proletariats den Zlarismus wieder aufrichten wollen. Ein Bund der zurückgekehrten Romanows und Hohenzollern ist das letzte Ziel dieses verruchten Planes. Die Entente hat die deutschen Gewalttaten gegen Sowjet- Rußland geduldet, solange sie darin eine Förderung ihrer eigenen kapitalistisch - lantirevolutionären Bestrebungen erblickte. Jetzt fürdhtet der Ententen-Kapitalismus, daß das erstarkte Bündnis des kont c r r e Vio 1'ut i o■ n,ären deutschen und russüs'Ch en Militarismiiis, den Einfluß der Entente-jlmperialisten in Rußland bedroht. Die Interventionspoliti'k' der Entente ist durch den ausdauern-, den Kampf, den unsere englischen, französischen und italiesdhen Genossen geführt haben, immer mehr erschwert worden. Schon sieht sich die englische Regierung gezwungjen, ihre Truppen aus Rußland 'zurückzuziehen. Die Entente, will aber nicht dulden, daß der deutsche Kapitalismus1 den Nutzen aus der Niederwerfung des russischen Proletariats für sich monopolisiert. Daher ihre Forderung, daß die deutsche Regierung ihre Truppen aus. dem Baltikum zurück-. zieht. Gegen dieses Bestreben erhebt sich jetzt der v e rzWeifelte Widerstand des deutschen Militarismus, der seine reaktionären Absichten und seine Erob'erungsihusionen vernichtet sieht. 1 Dieser Widerstand muß gebrochen werde n. Das deutsche Volk will nicht um des militärischen Machtwahns und des imperialistischen Eroberungswillens feindliche Invasion und Hungerblockade erdulden. Das deutsche Proletariat will nicht das russische Proletariat hinschlachten lassen und dann selbst als nächstes Opfer der Konterrevolution, an die Reihe kommen. Das deutsche Proletariat fordert, daß der Konflfjfkt mit der Entente sofort beendet wird. Allzulange hat die deutsche Regierung ihre Pflicht versäumt. Jetzt muß endlich gehandelt werden. Die rebellischen Truppen dürfen keine Löhnung erhalten. Sie müssen zurückgezogen und entwaffnet werden. Die Verbände sind aufzulösen. Mit S o t\v j e t - R u ß I a n d ist sofort der Friede n s z u s t «i 11 d herzustellen! Es gilt von dem deutschen Volke neues unendliches Elend abzuwehren. Es gilt die gegen SowjetfRußland gerichteten Gcwaltstreiche zunichte zu machen und damit zugleich Deutschland vor der Gegenrevolution zu schützen. So stehen die höchsten Interessen des internationalen und des deutschen Proletariats auf dem Spiele. Dessen wird sich das deutsche revolutionäre Proletariat bewußt sein. Dafür muß es seine ganze 'Energie einsetzen. Frankreich. Jean L o-n g u e t, der Führer der französischen Linken, veröffentlicht einen Aufruf im „Populairc", dem wir folgende Stellen entnehmen: ,i,Lloyd George hatte Unverschämt gelogen, als er sich gegen „die russischen Abenteuer" aussprach und laut verkündete, er überlasse es deni russischen Volk', „selbst seine Verhältnisse zu regeln". Es handelte sich ihm nur darum, Zeit zu gewinnen^ um das englische Proletariat zu beruhigen. Die Verschwörung gegen die Freiheit Rußlands dauert fort, .als ob nichts vorgefallen wäre. Die Liebe der Entente ist von Koltschak, dem „entthronten Ideal" (wie ihn die ,,Daily News" nennt), auf Denikin übergegangen. Nun wollen die baltischen Staaten mit Rußland unterhandeln, manhindert sie daran. Das englische und französische Proletariat muß h an d e 1 n. Die Hoffnungen C h u r eh i 11 s, Lloyd G e ,o r g! e s, Edward Carsons, Denikins und Koltschaks müssen getäuscht werden, die Intervention der Arbeiterklasse d arf nicht „zu spät" kommien! Unsere „Confedcration du travail", unsere sozialistische Partei müssen sofort entschiedenst für die Rettung der russischen Revolution eintreten." Pole«. Unter der Ueberschrift „Nieder mit dem Kriege" veröffentlicht der Oberste Rät der polnischen sozialdemG'l.ratischen Partei einen Aufruf, der folgendermaßen lautet: ,,Der blutige Krieg wütet weiter, es wächst die Zahl der Toten und Verwundeten. Heute, da die polnischen Truppen immer weiter nach Osten vorgehen, da sie niChtpolnisChe Länder okkupieren, da sie bis1 ain die Dünla; den Dnjepr vorgestoßen sind, muß die gesamte Arbeiterschaft Polens die Stimme des Protestes erheben und die Beendigung des blutigen Krieges verlangen. Die Bourgeoisie und ihre Söldlinge hetzen zur Weiterführung des Krieges. Den polnischen besitzenden Klassen geht behalten. Oerade im sogenannten Volksstaat gedeiht die Bourgeoisie am üppigsten. Während sie wirtschaftlich nach Herzenslust brandschatzen kann, müssen die politischen Vertreter des Proletariats, die in der Regierung sitzen, die Arbeiterschaft von jeder revolutionären Tat zurückhalten, damit die „Ordnung" nicht gestört werde. Es ist ein Kretinismus sondergleichen, in einem Moment, da die Bourgeoisie aus der Not des Volkes reiche Münze schlägt, einen Sitz in der Regierungsbank als proletarischen Erfolg zu buchen. Das Proletariat kann in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung nur als Kämpfer, oder in der sozialistschen als Herrscher bestehen. Wenn man es aber in eine Lage zwängt, wo es wirtschaftlich ganz der Willkür der Herrenklasse preisgegeben, gleichzeitig aber zu untätigem Dulden verurteilt ist, so wird die Oefahr eines chaotischen Verzweiflungsausbruches heraufbeschworen, der leicht in die schwärzeste Reaktion münden kann. Die Folgen der Drosselung des Klassenkampfes sind auch nicht ausgeblieben. Das Bürgertum, das anfangs in panischer Angst vor den von d§r Front heimkehrenden Proletariern lebte, hat sich längst von seinem Schrecken erholt und denkt nun, da sich die Sozialdemokraten als festeste Stützen der „Ordnung" erwiesen teben, nicht im entferntesten daran, den Koalitionspakt zu erfüllen und auch nur auf das kleinste Profitchen zu verzichten. Die Drosselung des Klassenkampfes bezieht sich eben nur auf die Aktion des Proletariats. — Die Bourgeoisie läßt sich von ihren Klassenpriviiegien auch nicht ein Quentchen abzwacken. Das beweist schon ihre erfolgreiche Sabotage der Sozialisierung. Ist es ihr sogar gelungen, unsere Bodenschätze, die einzigen Eisenvorkommen in Deutschösterreich, ausländischen Komplizen in die Hände zu spielen. — Der Klassenkampf des Bürgertums ruht nicht einen Augenblick. Wie suchen die sozialistischen Vertreter dem entgegenzuwirken? iq der „Arbeiterzeitung", dem Organ der österreichischen Sozialdemokratie, kann man in den letzten Tagen Beschwerden und Klagen gegen das unbptmäßige Bürgertum lesen, die einen denkenden Sozialisten mit Ekel erfüllen müssen. Als ob es unter uns je einen Zweifel hätte darüber geben dürfen, daß das Bürgertum niemals freiwillig auf den Profit, der sein Leben bedeutet, verzichten wird. Die praktische sozialistische Tätigkeit der Regi$rungssozialisten ist äußerst dürftig. Geradezu als hirnverbrannt muß uns die Auflösung des verläßlichsten sozialistischen Volkswehrhataillons und die Verfolgung kommunistisch Gesinnter anmuten. Durch dje Behinderung des Klassenkampfes werden aber noch lange nicht die Klassengegensätze aufgehoben. Die monarchistische Reaktion hat auch nicht gezögert, diese Tatsache für ihre Wühlarbeit auszunützen. Allerdings sucht sie den angesammelten Klassenhaß auf die Juden zu lenken und dank der Untätigkeit der Regierungssozialisten nicht ohne Erfolg. Insbesondere, da die sozialdemokratische Landesregierung der Reaktion willig, durch die famose Au s weisungskund machung, in die Hände gearbeitet hat. Vergeblich ist das Bemühen, diese Bewegung als rein antisemitisch hinzustellen, jeder kann das Feuilleton. Die einheitliche Arbeitsschale in Sowjetrußland (Aus der demnächst im Verlag > Die Rote Fahnec, Wien, erscheinenden Broschüre, »Das Kultunverk Sowjetrußland «). Ä;üie Arbeit in der Schule muß mit der Produktion verbunden werden, — dann wird sie eine ungeheure erzieherische Bedeutung haben. Nur die enge Verbindung des Unterrichts' mit der Produktionsarbejt der Gesellschaft 'kann den Klassencharakter der jetzigen Schule beseitigen,"— so schrieb Karl Marx im ^Kommunistischen Manifest".. Dieses Prinzip Marxens' liegt allen Reformen, d;ie von der Sowjetregierung auf dem Gebiete der Schule und Erziehung durchgeführt werden, 2ugrunde. Die Schulreform nach der Oktoberrevolution trug vor iahen Dingen den Charakter des Kampfes der Masse um das »Wissen, um die Bildung. Das Kommissariat für Volksaufklärung müßte so schnell wie möglich die alte Schule, die sjich auf Klassenpriviiegien gründete, zertrümmern. Die Schule der vorrevolutionären Periode war im höchsten Grade vernachlässigt. Die „niedere" Schule — die Schule des „einfachen Volkes" — War stark unterdrückt. In bezug auf sie herrschte nicht nur Gleichgültigkeit, sondern däxekt feindliche Gesinnung. Man war ■bemüht, sie zu einem Werkzeuge der Vergiftung «des VolksbeWußtseins, zu einem Mittel der Verbreitung der blinden Treuuntertänigkeit zu machen. Auf ihren höheren . Stufen war die Schule nicht .nur einfach (eine Schule der höheren Klassen, — sie War auch eine Abrichtungsanstalt zur Dressur von treuuntertänigen Aufsehern über die Sklaven aus dem einfachen Volke. Diese alte Schule ist nach der Oktoberrevolution vollständig Verstört Worden und an ihre S,teJle ist eine neue Schule getreten. I Die neue Schule Sowjetsrußlands zeichnet sich durch ihren unmittelbaren Zusammenhang mit dem Wirklichen Vplke, durch ihre innige Verbindung mjt dem täglichen Leben und der Arbeit aus. Die neue Schule ist auf allen ihren Stufen kostenfrei. Sie ist nicht nur für alle zugänglich, sie ist auch obliga* toriseh. Die nächste Generation wird nicht diesen ungeheuren Prozentsatz Analphabeten kennen, der bis jetzt Rußland kennzeichnete. Ferner ist die Schule in Sowjetriißland eine einheitliche und eine Arbeitsschule. Der erste Begriff bedeutet, daß das ganze System der normalen Schule eine Einheit, eine ununterbrochene Leiter darstellt. Alle Kinder treten in ein und denselben Schultypus ein und beginnen ihre Bildung auf die gleiche Weise. Alle haben sie das1 gleiche Recht, sjch auf der Leiter bis zu den höchsten Stufen zu erhebein. Gleichzeitig ist die Söhlde Rußlands auch deshalb „einheitlich", weil sie dem Kinde nicht nur rein wissenschaftliche Kenntnisse gibt, sondern auch erzieht und es an Arbeit gewöhnt. Wer die Einheitsschule beendet hat, wird für das Lebetif,; für die Teilnahme am Leben und an seinem Aufbau völlig vorbereitet sein. ' . , Die Einheitsschule ist aber nicht einartig. Der Staat braucht Spezialisten und die heranwachsende Jugend hat verschiedene Neigungen und Talente. Deshalb teilen sich die Schüler vom 14. Lebensjahre an in verschiedene Gruppen, wobei jedoch die Grundfächer für alle dieselben bleiben. Diese Gruppierungen tragen bis zum Uebefgange in eine spezielle höhere Lehranstalt durchaus keinen abgeschlossenen Charakter. Die neue Schule ist eine Arbeitsschule. Das wird in ihrer ganzen jetzigen Organisation besonders hervorgehoben, da Sowjetrußland vor allem1 Menschen braucht, die zur Arbeit erzogen Worden sind. Die nach diesen Grundsätzen geschaffene einheitliche Arbeitsschule zerfällt dem Alter der Kinder entsprechend, in zwei Stufen: die erste von 8 Ibis 13 Jahren, die zweite von 13 bis 17 Jähren. (Die nächste Stufe bilden die höhere Fachschule und die Universität.) Auf der ersten Stufe basiert der Unterricht auf Prozessen, die mehr oder weniger handwerklichen Charaktere sind, den schwachen Kräften der Kinder angemessen. Auf der zweiten Stufe rücken die Industrie- und die landwirtschaftliche Arbeit, in der Form1 der modernen Maschinenarbeit, an die erste Stelle. Ueherhjaupt ist das Ziel der Arbeitsschule durchaus auch die Vorbereitung des Schülers für die allseitige Bildung, die die Kinder praktisch mjt den Methoden der wichtigsten Arbeitsformen bekanntmacht. Demgemäß erlernt das Kind in Sowjetrußland einerseits alle Fächer, indem es sammelt^ zeichnet, photographiert, modelliert, formt, klebt, Pflanzen und Tiere beobachtet, Sic pflegt und aufzieht. Die Sprachen, Mathematik, Geschichte, Geographie, Physik und Chemie, Botanik und Zoologie haben in der neuen Schule eine schöpferische, aktive Unterrichtsmethode gefunden. Andererseits macht die Schule den Schüler mit den wichtigsten Arbeitsmethoden auf folgenden Gebieten bekannt: Tischler- und Zimmerarbeit, Drechslerarbeit in Holz, Formen, Beschlagen, Gießen, Dreharbeit in Metall, Schmelzen, Löten und Härten der Metalle, Bohrarbeiten, Lederarbeiten, Drucken, verschiedene Zweige der landwirtschaftliehen Arbeit (auf dem Lande) usw. usw. In die Schule der ersten Stufe gehen die Kinder aus dem Kindergarten über. Im Kindergarten bilden alle Beschäftigungen eigentlich nur ein einziges Fach: die Bekanntmachung des Kindes mit der umgebenden Natur und dem öffentlichen Milieu unter Anwendung des Arbeitsprinzips. Die Wißbegierde des Kindes, sein Verlangen nach Bewegung systematisiert und leitet der Lehrer ohne eine Spur von Gewalt so, daß die besten Resultate erzielt „werden. Dal ist das Hauptfach im Kindergarten, — sozusagen, die Kinder- „Enzyklopädie". Je höher der Schüler auf der Schulleiter steigt, desto ernster und tiefer wird er von Spezialisten in der Mutter- BJC" Sammelt für den 5000 Kronen-Fonds der „Fpeien Tribüne". <^M

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