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Freie Tribüne · 1919-10-11 · 38 (11.10.1919) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
38 (11.10.1919)
Date
1919-10-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Fassen den Bericht über die wir nun ^den, an Stockholmer Verbandsberatung angeknüpften Gedankenaustausch zusammen, so ergeben sich im: großen und ganzen zw1 ei Gesichtspunkte. Der eine, der das Verbandsbüro mit dem Verbände, den Verband mit der Allweltll i c h Ik' e i t identifiziert, diese „A l11 w: e 111 i c h - Weit" außer Raum1 und Zeit, über alle großen Probleme der sozialistischen Praxis stellt und somit jeden, der auf diesen Dreigott — GottWer* bandsbüro, Gott-jVerband und GottsAllweltliChkeit —; nicht blind slchwört, zum gefährlichsten Ketzer und daher in Acht und Bann erklärt. Der andere Auch müssen .wir den Genossen von rechte sagen, daß es eine völlige Verschiebung der Diskussion bedeuten würde, wenn wir uns darauf beschränken, einzelne „Schritte" des Verbandsbüros zu verurteilen oder zu rechtfertigen. Die Wiener Delegation hat wohl! davon berichtet, daß andere Landesj'JDelegationen bezüglich einer Reihe von sol* chen „Schritten" das Verbandsbüro heftig angegriffen; sie hat aber ausdrücklich' hervorgehoben, daß sie siCh selbst: an diesen Angriffen nicht beteiligt hat; daß sie vielmehr auf die prinzipielle Haltung des Verbandsbüros hingewiesen und d i e s e, bei voller Würdigung der historischen Verdienste des Verbandsbürogl, als' mit dem Geiste des revolutionären Sozialismus unvereinbar getadelt hat. AuCh' dürfen wir nicht in den Fehler verfallen, grundsätzliche Probleme durch Anhäufung zufälliger statistischer Ziffern lösien zu wollen. Es jmäg wohl sehr angenehm' sein, die eigene Anschauung durch1 eine große Zahl Genossen und Parteien bestätigt und bekräftigt zu finden; allein die Frage, ob viele derselben Meinung sind, darf beim Bekenntnis zu einer bestimmten Anschauung, nicht ausschlaggebend sein. Die Träger aller F o r tsich ritt's'i d e e n waren im'mer zunächst in der Minderheit. GesMpwW, der sich in .der fflOndl&Än;; ffi^„_^,^ beschäftigenden Problems;. i&ilT^ij^^ von der Erwlägung aus!, daß! alle drei — Verbands|- büro, Verband und die Allweltlichikeit selbst — der großen sozialistischen Allweltlichk'eit untergeordnet sind und wir stets! nur diejenige konkrete Formi der Alllweltliohkeit der jüdisdhen Arbeiterinteressen als' die einzig richtige anerkennen, die zugleich die höhere AfweltliChkeit des! internationalen Proletariats' am' besften zum' Ausdruck bringt. 1! iVersudh'en wir nun, uns1 diesen beiden Gesichtsr punkten zu nähern. Zunächst müssen Wir die Genossen, die sidh1 zum ersten Gesidhtslpunkt bekennen, eindringlichst darauf aufmerksam madhen, daß es nicht allzu best'edhend wirkt, wenn sie ungefähr so argumenr tieren: Die Gemeinsamkeit der jüdis'dh'en Ärbeiterinteressen in' der ganzen' Welt läßt sichl einzig und allein auf demi Boden und im Rahmen der zweiten Internationale wahren; der alllw'eltliehe Verband „Poale-Zion" ist der organisatorische Aus* drudk dieser Interessen-IGemeinsamkeit; das» Ver* bandsbüro dessen Instrument, ergo: wer an der lauernden „Unfehlbarkeit" — hie und da darf ja auc|h das Verbandsbüro fehlen — des Ver^- bandsbüros zweifelt, der stellt die Existenz des! Verbandes in Frage; der verleugnet damit he Allweltlidhkeit. Also argumentieren heißt: die [dee der Allweltlichikeit unrettbar kompromittieren. Das. durch puren Zufall gerade bestehende Verbandsbüro mit dem1 Verbände zu identifizieren, ieißt den Verband zerstören. Denn wenn unsere üdis'che sozialistische Arbeiterbewegung eine kräf-;ige Dosis BolsChewismüs' nicht vertragen würde md unser Verband nur von den heute beisäm'menjitzenden Genossen verkörpert werden könnte, dann stünde es1 um' die jüdis(dhe Arbeiterbewegung im Ul&emeinen und um1 unseren Verband, als deren )rganisatorische Verkörperung, im1 besonderen aber ijdhbn sehr schlecht. Die Genossen müssen doch ernst erwägen, daß: eine derartige Argumentation, wie: ■! i/Glaubt man, daß wir in der Epoche der sozialen Revolution leben, dann braucht man keinen allweltlichen Verband, dann genügt ein Komitee zur Befreiung des Ostens; glaubt man aber nicht daran, daß die soziale Revolution unmittelbar verwirklicht wird, dann erst wilrd die Not-> Wendigkeit unseres Weltverbandes zur festen Ueberzeugung", rdie poaleUzionistis'Che Idee überhaupt unmöglich macht. In Stodkholm' haben selbst die glühendsten Verteidiger des Verbandsbürosi sich wohlweislich gehütet, also zu argumentieren. iVor allem stellen wir fest, daß die Idee der Allwelt Ii chkeit, die Notwendigkeit ihres organisatorischen Ausdrucket in der Formi desi W e 1 tr Verbandes, außerhalb jeder Disikussion steht. Ferner, daß wir e|s! alsi historische Notwendigkeit betrachten, daß; wjir durch unseren Weltiverband als jüdische Sektion der internationalen Arbeiterbewegung angehören. Die Frage setzt also bei dem1 duridhi die Spaltung der internatio,- nalen Arbeiterbewegung aufgetauchten Problem: zweite oder dritte Internationale, an. Unsere 'konstituierende Parteiberatung hat eine klar urnrissene Plattlfortn1 gewlählt, u. 'zw. diejenige der dritten Internationale. Nun sollte dieser politischen Orientierung auch organisiato(- risteh er Ausdruck verliehen werden. Eine Partei, die auf dem Boden der dritten Internationale steht, in deren Geiste arbeitet und wirkt;, sollte doch ihr au!Ch! organisatorisch angeschlloslsen werden. Diesen organisatorischen Anschluß glaubte unsiere erste Parteiberatung in der Weise zu gewinnen, indem! sie unserem ^Verbandsbüro den Initiativvorschlag vorlegte, ehestens' eine Weit Konferenz einzuberufen, auf der wir den Eintritt in die dritte Internationale beantragen werden. Dieser Beschluß wollte beiden Hauptmomenten unserer Parteipolitik — der Internationalität und der Allwelt tichkeit — gerecht werden, u. zw. insofern, als; SiCh die Idee der Allweltlichk'eit der großen Icjee »der Internationalität unterordnet. Es wäre ganz und gar falsdW, den Beschluß vom1 April in dem Sinne auszulegen, al'sl hätte unsere Parteiberatung die jüdisChj-(proletarjsdhe Al'lweltlichkeit höher als diejenige der zwisdhenvölkischen proletarischen Allweltlidhkeit gestellt; als hätte die programmatische Resolution unsere Zugehörigkeit zum „bestehenden Weltverbande als! um1 jeden Preis unantastbar festgelegt, selbstf um1 den Preis' unserer Zugehörigkeit zur dritten Internationale, auf deren theoretischen und geistigen Boden wir uns stellten. Darüber und nur darüber gilt es zu entscheiden: f Erachten wir unsere Zugehörigkeit zum Weltverband als das1 primäre und unseren Anschluß an die dritte Internationale als* das sekundäre Moment unserer Parteipolitik; oder umgekehrt: meinen wir, daß vorerst und hauptsächlich darauf zu achten ist, daß unsere Partei in den großen Fragen der internationalen Arbeiterbewegung den uns! richtig dünkenden Weg geht und unsere Zugehörigkeit zum bestehenden Weltverbande davon abhängig macht, ob derselbe den gleichen1 Weg zum Sozialismus; betritt, den wir bereits beschritten. Mit anderen Worten: Halten wir die Zugehörigkeit zu dem1 Welt verbände unter allen Umständen — gleichwohl wie und was er tut und in welchem sozialistischen Lager er steht — für geboten, oder wollen wir nur einem' solchen Weltverbande angehören, der seinerseits in den Fragen der allgemeinen sozialistischen Politik demjenigen' Teil der Arbeiterbewegung angeschlossen ist, den wir als den wahrhaft internationalen erkannten? So und nidht andersl steht heute die, Frage. Und hier hilft keine einfache Addition von Zahlen, keine geometrisch-fetatistis/che Berechnung, auf welchem Erdteil mehr Juden wohnen und schon gar nicht die Zauberformel von der „Einheitsfront". Hier nützt auch1 kein Si'ChwVersthlanzen hinter der flormellen Tatsache, daß die Weltkonferenz ersitj stattfinden wird. Denn erstens sind unsi die Kräfte[- verhältnisse innerhalb des' Weltverbandes' ..genau bekannt; zweitens.' wird die der Lösjung fleischende: Frage, wenn wir unsi .jetzt über sie hinwe^madhen, Siofort nadh der Konferenz auftaudhen. Unsere außerordentliche Parteiberatung wird demnach entscheiden müssen: wünjslchlt unsiere Partei einen organisatorischen Ausdruck der allweltlicheri Interessengem'einsamlk'eit desi jüdischen Proletariats1, ohne jede ^Rücksicht darauf, in weichten* Lager der internationalen Arbeiterbewegung diese Organisation — Weltverband — sjteht; oder wüns'dht sie, nur einem' solchen Weltverband anzugehören und' diesen aufzubauen helfen, der ihr gleichlzeitig die Gewiähr dafür bietet!, daß! sie durchi den Anschluß an ihn audh der dritten Internationale Organisator risdh angesichloslslen wird. Und für den Fall als' dies; letzte urimöglÜdh Wäre, will die Parteiberatung, daß! iwir außerhalb der internationalen Arbeiterbewegung bleiben, oder daß! Wir vorläufig selbständig unseren Beitritt zur dritten Internationale anmelden. 1 , Konkret: Wie w a!h r e n w i r unsiere Zug eh ö r i g k1 e i t z u m' W,e It v e r b a n d u n d! wie v e rwirklichen wir unseren Beitritt zur dritten Internationale? Die Frage ist gestellt. In unseren weiteren Ausführungen wollen wir die Lösung suchen. Politischer Kretinismus. Die politische Arbeit war nach der bisherigen landläufigen Erkenntnis ein Mittel, um die Interessen der Arbeiterschaft, so gut es eben ging, schon in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung wahrzunehmen, im weiteren Sinne jedoch bedeutete sie die Benützung der öffentlichen Tribüne zur Propagierung des Klassenkampfes. In jedem Falle glaubte man die Politik in den Dienst des Proletariats zu stellen. Daß das Gegenteil auch möglich sei, daß die Arbeiterschaft in den Dienst einer politischen Idee gestellt werden könne, die weder mit ihren Lebensnotwendigkeiten, noch mit ihren Zielen etwas gemein hat, das zu erweisen war erst einer Epoche vorbehalten, die man in der Geschichte der Arbeiterbewegung vielleicht als die des politischen Kr etinismus bezeichnen wird. Denn politischer Kretinismus ist es ohne Zweifel, wenn man dem Proletariat das Dogma der neugebackenen Dreieinigkeit des Arbeiter-BürgT- Bauernstaates predigt. Es gehört schon der Mut der Verleugnung einer ganzen sozialistischen Vergangenheit dazu, um an die Existenzmöglichkeit dieses politischen Wechselbalges zu glauben. Daß die Koalitionsmeierei auch nur das Geringste* mit Sozialismus zu tun hat, wird selbst der fanatischeste Regierungssozialist nicht behaupten können. Wie sehr aber diese unnatürliche Dreiecksehe der Arbeiterbewegung schadet, wie sie das Vertrauen in die Führer, aber auch jeden Kampfesmut ertötet, wie sie jede Aktion des Proletariats, als gegen die Sozialisten in der Regierung gerichtet, unmöglich macht, davon gibt uns jeder Tag sprechendes Zeugnis. Die Engels'sche Auffassung von der Demokratie hat Recht Genossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die „Freie Tribüne«.

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