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Freie Tribüne · 1919-10-04 · 37 (4.10.1919) · page 3

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
37 (4.10.1919)
Date
1919-10-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 37 Freie Tribüne Seite 3 in che Gesthierrte der vergangenen Epochen Rückschau halten, so (können wir vielmehr konstatieren, daß den jeweiligen an der Herrschaft befind.- üdhen Machtgruppen niemals an der Fähigkeit gemangelt hat, den Schein zu bewahren, als würde ihr Bestehen mit tien „göttlichen Oesetzen" im Einklänge sein. Zu allen Zeiten verbreiteten feile Skrihifaxe die Mar vojm1 Gottesgnadentums, welche von der kfitiklosen Menge willig geglaubt wurde. Den endgültigen Zusammenbruch erlitt der Mythus der gottgewollten Obrigkeit erst dann, als die Herr- •sdrenden alle Mittel in den Dienst ihres Cäsarenwahns stellten, als feie den Mut zur Bestialität aufbrachten und den Oalgen zum: SymboJ ihrer Macht erhoben. Die Machtmittel der monarchischen Exekutivgewalt schwollen immer mehr an, bis sie ihren Meister überragten und nur mehr ihrem eigenen Oes'etze der Unersättlichkeit folgten. Sie entzündeten den Weltbrand, in dessen Feuers'äule der fahle Glorienschein monarchischer Ueberlieferungen ersftarb. Wir erleben hier ein Phänomen, das sich in der ganzen Geschichte der Menschheit wiederholt. Die "Machtmittel werden zur iM'acht selbst, zum mächtigen Faktor weltgeschichtlichen Geschehens, zum Urheber von Heil und .Verderben der Völker. Daß die Funeralien der Monarchie vom ganzen Volke mit Haß und Hohn begleitet wurden, hatte zur Ursache, daß die Mittel der Monarchen imit dem Gesetz der Erhaltung des Individuums und der Art, dem Gebote der Achtung vor dem Menschenleben in Widerspruch geraten waren. Alle Macht auf Erden muß sich diesem obersten Grundsatz der Menschlichkeit beugen oder innerlich zusammenbrechen. Wenn wir nun die Forderung aufstellen: Alle Macht der A r b e i t e r k l a s s e! so bedeutet dies nicht, daß die Macht des Proletariats: sich der alten, in Schim'pf und Schande begrabenen Mittel bedienen solle. Eine kommunistische Gesellschaftsordnung, die die Existenz von Gefängniswärtern und Henkersknechten zur Vorausisetzung hat, trägt den Todeskeim in sich. Denn sie, die durch die Entwicklung der Soziabilität die Lebensdauer und Lebenshaltung des Menschen auf die höchste Stufe bringen soll, kann ihr Dasein nicht mit einer Verleugnung der erhabensten Menschlichkeitsgesetze beginnen, darf nicht den neuen gesellsldhaftlichen Organismus mit •einer Schwäre der Verworfenheit belasten, die ihn schließlich verschlingen muß. — Galgen können nicht Argumente der Proletarierdiktatut sein und Henker nicht ihre Propagandisten. Wer die Fiktion nährf, daß1 Macht und Gewalttat, Recht und Jugtifizierung dasr selbe bedeuten, ist der größte Schäd' Uns: der Diktatur des1 Proletariats. Gegen alle, die die Herrschaft der Arbeiterklasse mit Waffen bekämpfen: kraftvolle Abwehr! Aber keine Ausiiahmsgerichte, keine Todes,- urteite, keine Nachahmung dynastischer Blutprak- .tikert, denn das' is(t Mord! Es gibt keinen gefährlicheren Vergleich als den einer Kommune, die Todesurteile fällt, mit einer konservativen Regierung, die die Todesstrafe aufgehoben hat. Gerade ethisch verfeinerte Individuen Feuilleton. Jakob Dinesohn, jakob Dinesohn wurde* im Jahre 1856 zu Neusager im •Gouvernement Kowno geboren. Er entstammte einer verarmten, vornehmen Familie und (wurde bei seinem Onkel in Mohilew erzogen. Er lernte im Cheder, dann im Betftamidrasch' und wurde nachher hebräischer Lehrer. Seine ersten Briefe .-und Artfkel veröffentlichte er in den hebräischen Zeitungen seiner Zeit: Hamagid, Hameliz und Haschachar. Er schrieb auch einen Roman in hebräischer Sprache ^.Durch der Väter Sünden". Die iZensur entzog diesen Roman dem Lichte •der Öffentlichkeit. Aber bald beginnen in Dmesohn andere Gedanken rege 'zu werden. Er erkannte, wie weltfremd die breiten 'Massen des jüdischen Volkes sind, er sah, wie unsere Arbeiter1, unser Mittelstand, verlassen von •der Intelligenz, zusehends in einen Abgrund von Unwissenheit versinkt. Sein Zorn entbraninte ob der erbarmungslosen Ausbeutung der armen jüdischen Bevölkerung durch ,,ihre" Steuereinheber und Wunderrabis. Dinesiohn erkannte rechtzeitig, wie unzureichend, ja verfehlt die Mittel der Maskilim sind, :um den Massen unseres Volkes emporzuhelfen 4US diesem Jammertale. Die Maskilim verhöhnten das Volk iind seine Sprache. Dinesohn schlug einen anderen, deneinzig richtigen, Weg ein. Er . kehrte der hebräischen Literatur *ür immer den Rücken und begann zu seinen Brüdern in, ihrer eigenen, der jüdischen Sprachey zu reden. Mendale und andere Maskilim taten es auch, aber keiner vollzog es so entschlossen und beharrte stets darauf wie Dinesohn. Seine ersten jüdischen Schriften tragen aufklärerischen Charakter. Er gab einige populäre Broschüren (Donner und Blitz, Regen und Schnee <ü. s. naturwissensdiaftlichen Inhaltes heraus. Die Broschüren waren frei nach Bernstein bearbeitet, sie trugen Viel zur Einführung der jüdischen Massen, besonders der Arbeiter, in die Geheimnisse der Natur bei. könnten sich in diesem Falle von der Diktatur des Proletariats abwenden. Die Abstoßung der Besten wäre das größte Unglück für die Arbeiterrepublik. (Die ungarische Räterepublik ist tot. Erdrückt von den äußeren Widersachern, im Inneren zerfrei&en von der Sabotage der Feinde des Proletariats, hatte sie den roten Terror etabliert, um jeden Widerstand zu brechen. Aber das hieß den Teufel durch den Beelzebub austreiben; denn dazu mußte sie sich der Ausführungsorgane bedienen, die fähig waren, Todesurteile zu vollstrecken. So gesellte sich zu den offenen Feinden des Proletariats ein noch gefährlicherer,, in seinem Schöße verborgener, der an die Wurzeln des kommunistischen Mens(dhheitsideais die Axt setzte. Welch eine Torheit, zu 'meinen, die Räterepublik in Ungarn sei zugrunde gegangen, .weil sie z u wenig Todesurteile gefällt habe. Daß sie überhaupt Justifizierungen duldete, war der Anfang von ihrem Ende. Eine Gesellschaftsordnung, die das Leben nicht als das höchste Gut wertet, kann auf die Oauer nicht bestehen. War die bisherige Geschichte ein ewiget Zirkel, in dem eine blutrünstige Herrschaft die andere ablöste, so 'muß die Geschichte der nächsten Zukunft, die im1 Zeichen der Erhebung des Proletariats erstehen 'soll, diesen blutigen Kreislauf durchbrechen und eine neue Ordnung schaffen, deren oberster Grundsatz die Heiligkeit des Lebens sein wird. Die proletarische Revolution ist «die Abkehr vo m' Blutvergießen, sie ist der Weg, der durch die Menschlichk e i t zur M e n s c h h e i t f ü Ii r t. Der Kommunismus erfließt derselben Quelle, aus der uns 'die Mahnung ward: D u s o Ii s t nicht töten! Gl U c k s in a n n. England. Der große Eisenbahnerstreik in England nimmt an Ausdehnung und Schärfe immer mehr zu. Das Exekutivkomitee des Transportarbeiterverbarides droht mit Anschluß und sieht in der Verschärfung des Konfliktes nicht mehr eine wirtschaftliche, sondern eine eminent p o 1 it is-chc^ nationale Frage. Die wichtigsten Nerven der englischen Industrie werden hiedurch gedrosselt. Die kampfbereite Bourgeois!^ unter der Führung des „arbeiterfreundlichen" Lloyd Georges weiß, daß endlich einmal entschieden werden muß, wer da s Land regiere. Die eigentümlichen Formen, die die fortschreitende Demokratisierung der Betriebe in England angenommen hat, führen^ nicht nur in den Augen der Bourgeoisie, zu einer Sowjetverfassung auch im politischen Leben. So verbinden sich die xweji wichtigsten Probleme der Weltrevolutiion. Dafc Problem der E rgreifung der Mächt durch das Proletariat und das der Verteilung der Produktion geben der englischen Streikbewegung den Stempel. Polen. Die Meldungen, die spärlich, aber nichtsdestoweniger äußerst symptomatisch einfließen, 'künden große Ereigniisse. Die revolutionäre Welle geht Wieder hoch! Sogar die ehauviiiistisch^nnexion'töti&che P. P. S. muß revolutionäre Er übersetzte auch die volkstümliche Geschichte der Juden von Graetz und bearbeitete den ersten Band einer vierbündi^en Weltgeschichte. Im 21. Lebensjahre (1877), veröffentlichte Dinesohn einen großen Roman ,,Der Schwarze Jingermanczyk". Dieses Werk unterschied sich fast nicht von den anderen Werken der Haskala-Periode, sein künstlerischer Wert ist gering. Der Autor selbst erkanjnte es bald, doch erreichte es hauptsächlich wegen seines volkstümlichen Charakters in kurzer Zeit eine Auflage. <von über 10.000 Exemplaren. In seinem nächsten Roman „Ewen Negef" oder „ein Stein am Wege", welcher 13 Jahre nachher (1S90) erschien, sind bereits Kon turen der literarischen Gestalt Dinesohns, wie sje uns in „Herschelc" und ^Jossele" entgegentreten, deutlich wahrzunehmen. , Dinesohn liebte die Kinder über alles. In den Kindern, in der Fortpflanzung menschlicher Geschlechter sah er unser Leben nach dem Tode, unsere Ewigkeit, verwirklicht. Unser Körper bloß wird ins Grab gesenkt, unsere Seele aber lebt von Geschlecht zu Geschlecht in unseren Werken, unseren Kindern immer und immer fort. Deshalb müßten wir unsere Kinde«" Hebert und stets darnach trachten, ihnen ein freies, sorgenlosfes, glückliches Leben /u bereiten. Der gefühlvolle Kinderfreund mußte aber mit ansehen, wie die jüdische Jugend in den Chedarföp und Jeschiwes verdorrt, wie sie körperlich und scelisfch verkrüppelt wird. Der ,,Melamed", in der Regel ein Taugenichts, lehrt viel weniger mit Verstand und Gefühl, als mit dem „Kanczyk" (Knute) und daß dieser ICanczyk immer zufällig die armen Jesselach erreicht«* und die reichen Kinder verschonte, ist selbstverständlich. Zwar zahlt auch die arme Mutter pünktlich das Lehrgeld, damit ihr Kind in einem anständigen Cheder, und nicht in der Talmud/Thora, lerne, aber Jossele wird doch ungern geduldet. Durch ihn leidet das Prestige des Cheders, er wird geschlagen, gehetzt, unschuldigerweisje zum Dieb gestempelt. Dem tüchtigen Jossele werden die Tore des Wissens versperrt; die reichen Kinder aber, auch wenn sie Losungsworte in die Massen werfen, wtfil sie fühlty wje die kommunistische Bewegung um sich greift. So hat der nationalistische „UnaDhängigkeäts"''Arbeiterrat in Warschau angekündigt, daß er am 1. Oktober den Generalstreik proklamiert, wenn die Ostfront gegen die Bolschewiki nicht aufgelassen wird. So drohen die Führer mit Ausein anderjag ung des Landtages und gewaltsamer Ueber nähme der Regierung in ihre Hände. — Die Gründe, die die P. R, S. dazu drängen, liegen in der Zerrüttung des ganzen wirtschaftlichen Lebens des jungen Staatswesens durch die Ungeheuern Fronten gegen alle Nachbarn. 800.000 Mann unter den Waffen, eine immense Arbeitslosigkeit und Teuerung sind genügend sozialer Gärstoff. Unabhängig von den politischen Aktionen, die sich vorbereiten, droht ein breiter landwirtschaftlicher Streik, ferner ein Streik der Warschauer P o s t b ediensteten, sowie der Bediensteten der Straßenbahn, der G a s- und der ET e k t r i z i t ä t s w e r k e und der Setzer. Das ganze Land steht unter dem Flammenzeichen der revolutionären Bewegung, Die Schweizer Partei and die Internationale. Die Ursachen, die das Resultat der Urabstimmung in der Frage des Beitrittes zur III. Internationale zeitigten, sind verschiedener Natur. Erstens waren auf dem Parteitage Delegierte jenes Teiles der organisierten Arbeiterschaft — die Delegierten werden in Parteivcrsammlungen gewählt — die Mehrheit, der an dem' Parteileben regen Anteil nimmt. Durch rege (Diskussion 'über alle zur Entscheidung stehenden Fragen und seine Kenntnis der einschlägigen Literatur ist er berufen, eine Entscheidung zu fällen. An der Urabstimmung beteiligten sich dagegen auch jene Schichten der organisierten Arbeiterschaft, die sjch sonst für Parteifragen nicht interessieren, sich — sagen wir es offen heraus — noch nicht ganz von der bürgerlichen Ideologie losgesagt haben und ihre geistige Nahrung zum Teil auch von der sogenannten „neutralen" Presse vom Schlage des ,,Extrablatt" und des „Der Neue Tag" bezichen, die jeden Tag ihren naiven Lesern einige Kübel voll Greueltaten dieser Mörder- und Räuberbande, die sich Bolschcwiki nennen und den Sitz in Moskau haben, vorsetzen. Und niun (kommt eines schönen Tages, zu einem mit dieser geistigen Nahrung gesättigten „Auchpartcjgenos-, sen" ein Zirkular mit der Aufforderung, sich für oder gegen Moskau zu entscheiden. Was Wunder, wenn er sich gegen Moskau entscheidet? Ferner verbrüderten sich die Zentrumsleute mit den reaktionärsten Sozialpatripten und sonstigen Sesselklebern zu einer einheitlichen Front, um dieses Resultat zu erzielen. Dazu kam noch die Frage der Herbstwahlen. Gen. Humbert-Droz schreibt darüber in vLa nouvclle Internationale": ,jWenn die Interessen der Kandidaten auf dcm Spiele stehen, diskutiert man nicht mehr ruhig, man gerät in Leidenschaft und man seihreckt weder vor der Lüge, noch vor Verleumdung zurück. Die sozialpatriotischcn Zeitungen haben sich eine Geschichte über russisches Geld zunutze gemacht, um die kommunistische Idee zu zerschmettern; und kurze Zeit nachher schon mußten sie die Un^ Wahrhaftigkeit der Tendenzineldung eingestehen. Man prüft nicht die umlaufenden Gerüchte; man greift, wie die bürger-, liehe Presse, alles auf, was die Position des Gegners erschüttern kann, selbst wenn es Schmutz und Lüge ist. Die Leidenschaft allein kann Genossen so weit verblenden, daß slie die Lüge nicht mehr von der Wahrheit zu unterscheiden vermögen." Dummköpfe sind, dürfen im besten Cheder lernen und erfreuen sich stets der Gunst des sonst so unfähigen, Mclamcds. ' Das liebende Mutterherz bricht an der Unmöglichkeit, aus ihrem Sohne „etwas Anständiges" zu machen. Jossele selbst stirbt vor Hunger. Unsere Künstlerzunft hat an den zwei .letztgenannten Werken viel auszusetzen. Aber die beiden Werke erweisen sich viel stärker als alle kritischen Bedenken. Nicht nur heute, sondern noch nach vielen Jahren, werden die beiden Werke zu den meist gelesenen zählen. Die Jugend wird noch lange mit Jossele weinen und leiden. Und auch manchem Aelteren unter uns wird das Schicksal „Josseies" und „Herscheies" eine Träne entlocken. Denn diese beiden Werke entstammen einem warmen Herzen und einer echten, glühenden Liebe für das jüdische Kind. Und Dinesohn machte wirklich Ernst nv-t seiner Lehre. Seine Liebe zum jüdischen Kinde offenbarte er nicht nur in seinen literarischen Werken, sondern auch in seinen« Leben. In Warschan und auch in der Provinz sind auf seine Initiative, nach seinen Entwürfen und unter seiner steten Mitwirkung zahlreiche jüdische Kinderheime und Waisenhäuser für die Prolctarierkinder errichtet werden. Djneson selbst rührten wohl die Leiden seines Jossele so sehr, daß er es sich zum Ziel setzte, diesen armen, bleichen Judenkjhidern nach Möglichkeit ihre Kinder weit wieder zu erobern. Und an der Bahre des gutherzigen, lieben Diesters .Dineson trauern nicht nur die Großen, die ihn kannten, liebten und schätzten, es trauern um Dineson die zahlreichen Kinderchen dieses großen Vaters. Wiö mag sich [Imeson täglich, ja stündlich gefreut naben, wenn er den lustig spielenden Kindern seiner Heime zuschauen konnte. Wie freuten sich stets die kleinen, glücklichen Seelen mit ihrer aller Vater? Nun gilt es von ihm Abschied u/u nehmen. Werden sie ihn vergessen? Nein! Dineson behielt Recht. In unseren Kindern leben wir ewig. Und Dineson wird' in den Herzen seiner vielen Kinder — alt wie jung — fortleben. S. Auf den Tisch eines jeden jüdischen Arbeiters und Angestellten gehört die . „Freie Tribüne«.

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