Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 37 (4.10.1919)
- Date
- 1919-10-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Freie Tribüne Nr. 37 Die „Arbeiterzeitung will dieser Notwendigkeit ausweichen. Sie versucht es3 die Bourgeoisie zunächst zur „Vernunft" zu bringen und wenn ihr dies nicht gelingt, dann droht sie der Bourgeoisie mit dem .... Kommunismus. Einerseits mahnt man die Christlic'hsozialen an ihre Pflicht als Regierungspartei, andererseits* erinnert man sie daran, daß es ja die Sozialdemokratie war, die den Kommunismus im Keime erstickt hat und bei dieser Gelegenheit m'alt man ihnen wieder den Teufel an die Wand. Aber die Vernunft kann wohl im Klassenkampfe als eine sehr nützliche Waffe gebraucht werden, sie kann jedoch den Klassenkampf nicht ersetzen. Es hat noch keine herrschende Klasse aus Gründen der Vernunft auf ihre Herrschaft verzichtet. Und der Kommunismiis, den doch die Sozialdemokraten selbst vorgeben, erdrosselt zu haben, flößt der Bourgeoisie keine Angst mehr ein. Den Dank für die Liquidierung der Revolution weiß der Christlichsoziale Staatssekretär der S ozialdemokratie folgendermaßen zu quittier e h: Es gi 11 zu entscheiden zwischen Christlichsozialer und sozialdemokratischer Weitanschauung. Klipp und klar. Es1 gilt zu entscheiden zwischen Arbeit und Kapital Hic Rhodus! (Hte satta! - Hier ist die Rose! Hier tanze! Es (handelt sich schon, nicht mehr darum, zu entscheiden zwischen Koalition und Arbeiterräten. Nein! .Die Bourgeoisie verlangt jetzt alles. Sie will nicht 'mehr die »Mapht teilen. Sie will vielmehr reine, u n v e rh ü Ht e Klasse n herrsch a¥t. Sie will selbst regieren. Ueber und gegen das1 Proletariat. Nun, da die Bourgeoisie die Koalition ablehnt, (muß die Sozialdemokratie zeigen, ob sie noch andere Formen des1 Klassenkampfes außer der Koalition kennt. Es gilt eben zu entscheiden zwischen Klassenherrs'chäft der Bourgeoisie und Klassenherrs>chatft des Proletariatisl Und 'hier gibts; nur ein Mittel den reinen unverhüllten Klassenkampf. Zur Diskussion über den Heltverband.*) Genosse Bloch hat es unternommen, den sozialreformistischen Weltverband und konsequenter Weise mit ihm die II. Internationale zu verteidigen. Es scheint dem Gen. Bl. merkwürdig, daß die radikalen Genossen den Austritt aus diesem fV^eltverband1 fordern. Nun, so merkwürdig ist diese natürliche Erscheinung nicht, denn, wenn •wir, die wir luns auf den Standpunkt der III, Internationale gestellt haben, aus diesem Welt verbände jauch nur deshalb austreten — wenn wir an seiner Politik sonst nichts auszusetzen hätten — Weil er sich' zur II. Internationale bekannt hat, so erfüllten wir damit das erste Gebot der Achtung Vor uns selbst, wenn wir nicht der Lächerlichkeit verfallen wollen. So sehr es mir widerstrebt, heute noch über die II. Internationale zu sprechen, sehe ich mich nach den Ausführungen des Gen. Bl. doch dazu gezwungen. Die II Internationale ist am 4. August 1914 schändlich zusammengebrochen, als sich die ihr angeschlossenen Parteien in den kriegführenden Ländern zur V a t er i an d s ve r t e i d i - glung, Will sagen zur gegenseitigen AbsChlachtung der Proletarier im Interesse des Imperialismus, bekannten,., urtd den Burgfrieden, will sagen die bedingungslose Auslieferung des Proletariats in die unumschränkte Gewalt der Bourgeoisie verkündeten. Sie, die Parteien der II. Internationale waren es, die den Imperialisten aller Länder ermöglichten!, 4einhalb Jahre lang die Proletarier zur Schlachtbank zu führen. Mit ihrer Zustimmung wurden 20 Millionen Proletarier ermordet und verstümmelt. Sie alle verleugneten die internationale Solidarität der Proletarier aller Länder, indem sie die Solidarität mit der eigenen Bourgeoisie höher stellten. Nun sahen sie endlich ein, daß ihnen das Proletariat, wenn sie es offen so weitertreiben, eines schönen Tages die Gefolgschaft verweigern und sie jeglichen Einfluß auf die Arbeiterbewegung verlieren werden und entschlossen sich zu einem neuen Verrat — und als solchen müssen wir das Bestreben, die II. Internationale zu (galvanisieren,, bezeichnender allen ihren bisherigen Taten die Krone aufsetzt. Das Proletariat, durch die Politik ihrer Führer zur Ohnmacht verurteilt, begriff erstens^ daß die Internationale als Organisation tot ist, zweitens^ daß eine Internationale, wenn sie die K a!m p f p rga n is at i on des Proletariats stellen und das Proletariat zum Siege führen soll, auf der revolutionären Kampfbereitschaft der Proletarier aller Länder beruhen mußj. Daß, {um sie aufzubauen, nicht die Durchhaltepolitiker Scheidemann, Ebert und Konsorten, die späteren Henker der deutschen Revolution, oder die französischen Munitionsminister — zum Rechenschaftsbericht über ihre Tätigkeit für die InternatUoriale beim nächsten „internationalen" Kongreß sollten diese' „Genossen" einige Exemplare ihrer Fabrikation zuschicken — d$e berufenen Männer sind, ist ohne weiters klar. Eine Internationale, djle von dieser Sippschaft zusammengekleistert wird, wird vielleicht eine Filiale des Wilson'schen „Völkerbundes", dieser Organi- •) Ia Fortsetzung der freien Diskussion, siehe Freie Tribüne Nr. 32, 38, 34, 35 und 36. sation des internationalen Imperialismus, oder eine Schwatzbude für senile marxistische „Theoretiker", kaiserliche Minister und solche, (d(ic es werden wollen^ oder durch ihie Stellungnahme ge^en den Bolschewismus eine Zuhälterin der Gegenrevolution, kurz alles andere eher, werden, als die den Interessen des internationalen revolutionären Proletariats entsprechende Kampforganisation. Und wenn das Büro des allweltlichen jüd. soz. Arbeiterverbandes Poalc^Zion zu dieser elenden /Wache die Hand gegeben hat, wenn es im Namen der jüd. Arbeiterschaft, die immer in den ersten Reihen der Revolution stand und stehen wird, Vertreter zu Konferenzen dieser gelben Internationale geschickt hat, so ist das, - ich kann mich leider nicht eines so gelinden Ausdrucks bedienen wie Genosse Z. — Verrat am Sozialismus, Der Anschluß an die II. Internationale wird von den rechtsstehenden Genossen u. a. auch damit begründet, daß das Verbandsbüro nichts anderes als den Beschluß einer früheren Wcltkonfcrenz vollzog; dabei vergessen, sie, daß es sich damals im Beschlüsse der Weltkonfercnz um eine Internationale gehandelt hat, die sich zur Aufgabe stellte), wie es in der Stuttgarter Resolution heißt: ,. . . ,fFalls doch ein Krieg ausbricht, sind die Sozialisten verpflichtet, stich zu seiner schnellsten Beendigung einzumischen und mit allen Mitteln die durch den Krieg hervorgerufene wirtschaftliche und politische Krisis zur Aufrüttelung des Volkes zu benutzen und den Fall der kapitalistischen Herrschaft zu beschleunigen." Daß die .^Stützen" der II. Internationale buchstäblich das Gegenteil getan haben, wird doch hoffentlich auch Gen. Bl. nicht bestreiten. Und nun Einiges 'zur Politik des Verbandshüros. Da muß ich aber vorausschicken, daß wir;, meiner Mehring nach, nur dann eine Existenzberechtigung als sozialistische Partei haben, wenn wir uns ohne Einschränkung auf den Boden des Satzes im Kommun. Manifest stellen, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur ihr ureigenstes Werk sein kann. Wir fragen nun: Hat das Verbandsbüro in diesem Geiste gehandelt, wenn es Vertreter in das zion. Aktionskomitee geschickt hat? Dieser Vorwurf ist nämh'ch nicht, wie Gen. Sokal meinte, dadurch erledigt, daß beschlossen wurde, keine Vertreter ins Aktionskomitee zu schicken; vielmehr hat die Konferenz beschlossen, die Entscheidwig über diese Frage den Landesparteien zu überlassen, also unsere Führer wollen noch nicht endgültig auf die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Zionisten verzichten. -- Hier möchte ich die Worte des Genossen Bl. unterstreichen: „Für die Beurteilung einer politischen Partei ist nicht ihre Theorie, sondern ihre Praxis »maßgebend." Mag man noch so oft das Wort Sozialismus in den Mund nehmen, man versündigt sich gegen den Sozialismus, wenn man mit seinen gefährlichsten Gegnern unter einer Decke steckt und sich seine Forderungen aneignet. (Die 14 Punkte .Wilsons.) Das hier über die Tätigkeit des Weltvcrbandes, der sein Schicksal an dasjenige der II. Internationale gekettet hat, Gesagte, wird der (,,einzige" Grund sein, warum sich unsere russischen Genossen von ihm losgesagt haben. Hätten wir heute hier in Deutsch-Oesterreich eine Räterepublik, würden uns die rechtsstehenden Genossen beispielsweise in Amerika verleumden, daß wir dazu gezwungen wurden), vielleicht wird es deshalb gut sein, hier zu erklären^ daß wlir uns zum Bolschewismus bekennen, ohne daß uns — sagen wir — Zar Renner Idäzu zwingt. Komme man uns nicht immer und immer wieder mit dem hysterischen Geschrei nach der Einheit der proletarischen Bewegung. Gibt es einen ehrlichen Sozialisten, der nicht die Spaltungin der deutschen Sozialdemokratie, die die deutsche Arbeiterbewegung vor der völligen Versumpfung bewahrte,' begrüßt hat? Ist einer unter uns radikalen Genossen, der nicht zu Liebknecht stand, als er erklärte, daß wir schon aus Reinlichkeitsgründen die Trennung von den Unabhängigen durchführen müssen? 'Wie kann man heute von der Einheu der Arbeiterbewegung sprechen, wenn die einen für die Ergreifung der politischen Macht durch das Proletariat kämpfen, während die anderen bereit sindi, sogar m,jt einem Friedrich oder Rei nh art die Macht zuteilen, um dies zu verhindern. Bl. meint: ,,Wenn aber einmal die Wand zwischen Rußland und dem übrigen Europa fallen wird, was dann? Wird es von nun an V— vom Standpunkt des Prinzipes der AlKveltlichkeit — schon zulässig sein, einen neuen Weltverband nebeu dem bereits bestehenden ins Leben m ruten?" . . . und weiter: „'Dann werden wir, wenn das Vorhaben der russischer, und deutschösterreichischen Genossen ins Leben treten soll, nicht zwei nebeneinander bestellende Weltverbände vor un.; haben, sondern einen ost- und einen westcuropäisch-amerik >. nischen Verband". Stellen |wir die Gegenfrage: „Sollen etwa wir Kommunisten unsere Prinzipien über Bord werfen und ins Fahrwasser des Pseudo-Sozialismus hinübersegeln, weil wir nicht den Mut aufbringen, im Interesse unseres Endziels zeitweilig allejjn 4u marschieren?" Und was die zwei Verbände anlaugt, glauben Wir, daß sieb einem kommunistjiL schen Weltverband nebst der russischen, ukrainischen, deutschösterreichischen auch ohne Zweifel die polnische Partei und höchstwahrscheinlich Minderhcritti' ücr amerikanischen und englischen Partei anschließen werden. Wenn das Letztere nicht der Fall sein sollte, so verweise ich hier auf den Ausspruch eines jüdischen Politikers: D<e Ostjuden sind der Kopf, das Heri, die Hände und Füße des jüdischen Volkskörpers, und was sonst noch zurückbleibt, sind die Westjuden. Nun meint aber Gen. Bl.: „Warum dann den Verband sprengen? Warum nicht üuwarten, bis günstigere Kommunikationsverhältnisse eintreten und dann zusammen mit den russischen Genossen dem 'Weltverbande «las eigene Gepräge aufzudrücken?" So einfach ist die Sache nicht. Von einem Fallen der Scheidewand kann so lange nicht die Rede sein, bis nicht die Schlacht zwischen Kapital und Arbeit endgültig geschlagen, so daß es in absehbarer Zeit nicht möglich sein wird, die russischen mit den amerikanischen und englischen Genossen an einem Tisch zu vereinigen. Und nur, wenn wir auf dem einmal beschrittenen Weg weiterschreiren, und uns nicht von opportunisttischen Schlagwörtern beirren lassen, werden wir zum Ziele gelangen, werden wir gemeinsam mit dem internationalen Proletariat, die jüdische Arbeiterschaft zum Siege führen. M. Katz. Mittel der Diktatur oder Diktatur der Mittel? Mit dem Verfasser vollkommen darin einig, daß „die proletarische Revolution die A bk e h r v om.Blutvcr g i e ß e n, der We g durch d i e Mens chl i c h k e i t zur Menschhei t" ist, müssen wir dessen theoretischen Gedankengang, insofern derselbe mit dem ,,ungarischen Beispiel" begründet zu werden versucht die klare Erkenntnis Marxens und Engels gegenüberstellen. In seiner Einleitung zur Adresse des Generalrates der Internationalen Arbeiter-'Association über den Bürgerkrieg in Frankreich vom IS». März 1891, schreibt Engels: „In Wirklichkeit aber ist der Staat nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als in der Monarchie; und im besten Fall ein Uebel, das dem im Kampf um die Klassenherrschaft siegreichen Proletariat vererbt wird, und dessen schlimmste Seiten es, ebensowenig wie die Kommune, umhfri können wird, sofort möglichst zu beschneiden, bis ein neuen, freien Gcsellschaftszuständcn herangewachsenes Geschlecht imstande sein Wird, den ganzen Staatsplunder von sich abzutunK" .Wir sehen: Engels läßt sich weder von den bürgerlichen Humanisten, die bereit slind, die gottgewollte, Tod und VerMerbcn ausstreuende „Ordnung" bestehen zu lassen, damit ja kein Todesurteil gegen einen Volksfeind gefällt Wird, noch von den Christlich- und mosaischgläubigen Anarchisten, die mit der Losung: Heiligkeit des Lebens" auf den Lippen, dieses Leben millionenfach vergewaltigen und versklaven lassen, einfangen. Es genügt nur noch das Urteil Marxens darüber zu hören, damit 'wir die gewiß gutgemeinte Selbstkritik nicht zu einer 'Waffe gegen die Revolution werden . lassen. In der Adresse des Generalrats heißt es wörtlich: „Als Thiers, wie wir sahen, schon von Anfang des Kampfes an die menschliche Sitte des Ersehießens der kommunistischen Gefangenen in Kraft setzte, blieb der Kommune nichts übrig, zum Schutz des Lebens dieser Gefangenen, als zur •preussisChen Sitte des Geiselugreifens ihre Zuflucht zu nehmen. Das Leben der Geiseln War aber- und abermals verwirkt, durch das anhaltende Erschießen von Gefangenen durch die Vcrsailler. Wie konnte man ihrer noch länger schonen, nach dem Blutbade, womit Mac Mahon's Prätorianer ihren Einmarsch in Paris feierten? Sollte auch das letzte Gegengewicht gegen die rücksichtslose Wildheit der Bourgeoisregierungen — die Ergreifung von Geiseln — zum bloßen Gespött werden?" Und an einer anderen Stelle : „Die Kommune sollte daher als Hebel dienen, um die ökonomischen Grundlagen umzustürzen, auf denen der Bestand der Klassen und damit der Klassenherrschaft ruht. Einmal die Arbeit emanzipiert, so wird jeder Mensch ein Arbeiter, und produktive Arbeit hört auf, eine Klasseneigenschaft zu sein." Einmal die Arbeit befreit, wird auch der Mensch frei und das Leben heilig. Der Kommunismus erfließt eben derselben Quelle, aus der uns die Mahnung ward: Werde frei! Werde Mensch! Werde! D. R. Um allen Mißdeutungen vorzubeugen, wollen wir gleich' erklären, daß es unsere Absicht nicht sein kann, dem! gefällten Löwen der ungarischen Proletarierdiktatur, nach bürgerlicher Soldschireiberart, einen Eselstritt zu versetzen. - Wir haben jedodh das Recht und die Pflicht, eben int Interesse der Arbeiterdiktatur zu untersudhen, ob abgesehen von den bekannten äußeren Widerständen der Proletarierherrsthaft, nicht auch1 innere Momente des Verfalls! wirksam waren. Obwohl 1 es nicht in unserer Macht liegt, ein Zusammenballen alles Hasses und aller Feindschaft gegen die Diktatur des Proletariats außerhalb ihres Bereiches urimöglidh zu /machen, so müssen wir doch das höchste Maß von Selbstkritik aufbringen, um zu verhindern, daß slidh in dem Körper der. Arbeiterrepublik selbst Todeskeim'e festsetzen, die ihre Entwicklung dauernd unterbinden. Der Untersuchung der inneren Zustände in der ungarischen Räterepublik dürfte eine Prüfung der Ursachen förderlich seih, an denen die bisher in die Versenkung der Gesidhidhte geratenen HerrsChaftsw formen innerlich zusammengebrochen sind. Es wäre dann unsere Aufgabe, festzustellen, ob und in welcher Intensität diese Ursachen auch' in der jüngsten Kommune fortwirkten. Es wird wohl niemand glauben, daß die absoluten und konstitutionellen Monarchien bloß an der Absurdität der ihnen zugrunde liegenden Idee Schiffbruch gelitten hlaben. (Sofern hier überhaupt von Ideen gesprochen werden kann.) Wenn wir Sammelt für den 5000 Kronen-Fonds der „Freien Tribüne".