Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 37 (4.10.1919)
- Date
- 1919-10-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Während die großen Parteien des Proletariats unentschlossen dastehen und passiv zusehen, wie die „Anderenu — die Bourgeoisie aller Lander — aktiv Geschichte machen; während die Gelehrten des Sozialismus in ihrer geradezu fatalistischen Beschaulichkeit sich darüber den Kopf zerbrechen: woher der freiheitverheißende . Erlösungsruf" erschallen wird .— vom Osten oder vom Westen —, schlägt das Weltproletariat seine großen entscheidenden Schlachten. Auf allen Fronten. Weile auf Welle folgt und vereinigt sich mit den bereits zum Sturme erhobenen Wellen. Europa und Amerika gleichen einem brausenden Meere. Die Erde bebt unter den Füßen der gegenseitig sich bekämpfenden Legionen. Die Welt erzittert vor dem Getöse der Schlachten. Schlachten, die nicht im Feindesl.ande, nicht in der weiten Perne und nicht von „fremden11 Völkern geschlagen werden. Nein! Zu Hause! Daheim! In jeder Stadt und in jedem Dorf; gar oft unter einem Dach — zwischen Bewohnern eines und desselben Hauses; manchesmal sogar zwischen den Angehörigen einer und derselben Familie. Im eigenen Lande und zwischen verschiedenen Teilen des eigenen Volkes toben die Schlachten. In Italien, in Amerika und in England. Ueberall dei selbe große geschichtliche Kampf. Der Kampf der erzeugenden gegen die aneignenden Klassen - der Kampf der gesamten produktiven menschlichen Arbeit gegen das gesamte kulturvernichtende parasitische Kapital. Der Klassenkampf in seinen mannigfachen Formen. In Frankreich waren es die Transportarbeiter, die Kommunalbeamten und die nach Rußland entsendeten Matrosen, die sich zuerst gerührt haben. In Amerika sind es die Metallarbeiter, die den Angriff gewagt haben. In Italien ist es der weitaus größte Teil der Arbeiterschaft, der um seine Befreiung vom Kapitalismus heldenmütig ringt, und in England liefern jetzt.die klassenbewußten Eisenbahner efne große Warnungsschlacht der Bourgeoisie. Ueberall der gleiche unverfälschte ''Klassenkampf! Und unsere „bewährten" Gelehrten sehen zu und fragen: Kommt endlich die Weltrevolution? Und wenn, von welcher Seite — vom kapitalistisch entwickelten Westen oder vom rückständigen* Osten? Sie, die Sozialisten, sind noch im Zweifel. Und mit diesem Zweifel vergiften sie Herz und Hirn der Arbeiterschaft und lähmen ihre Tatkraft. Die Bourgeoisie alper, sie weiß es, sie fühlt es: die Weltrevolution ist es — die Weltrevolution in Permanenz. Deswegen.rüstet das Kapital allüberall zum entscheidenden Kampf. Deswegen bedient sich die Bourgeoisie aller Mittel. Sie weiß: In diesen Schlachten handelt ,es sich nicht mehr bjoß um gewöhnliche Lohnkämpfe. Es geht ums Qanze. Um Kapitalismus oder S p z i a I i s m u s. So sehen wir, wie die französische Bourgeoisie es versucht, durch Aufpulvern des Siegestaumels, d.urch die-.-Erjialtimg einer ungeheuren Armee spwie durch teilweise, unbedeutende.Konzessionen dje Arbeiterschaft niederhalten. So sehen wir, wie die italienischen ParaHtenJdassen ihre Herrschaft zu erhalten trachten, indem sie das Volk noch einmal in naljonalchauvinistisrhen lsle.be! hüllen. Und so erleben wir, d£ß die stets konsUjante, stets nachgiebige und dadurch immer auf ihre Rechnung kommende, englische Bourgeoisie heute eine förmliche Mobilisierung gegen „ihre1" Arbeiterschaft vornimmt Es scheint, a's ob gerade diese Umstände unsere großen Gelehrten verwirren. Sie scheinen deswegen unentschlossen, weil sie die Befürchtung hegen, daß die Mobilisierung des Kapitals über die noch nicht mobilgemachte Arbeit siegen wird. Nun wohl! Besonnenheit gehört zu den Tugenden des Proletariats. Aber dort, „wo kühn Kräfte sich regen" — dort, wo die Arbeiterschaft der Welt gegen den Kapitalismus bereits an&türmt — dort obliegt uns nur eine Pflicht: die Kräfte des Proletariats restlos zu mobilisieren und sie zu einem, auf das gleiche große Ziel gerichteten Schlag zu vereinigen. Es gilt eben: «lle nationalistischen Dünste zu .zerstreuen, alle Versuche der Bourgeoisie, durch scheinbare Nachgiebigkeit die Proletarier zu versöhnen, durch sozialistische Kampflosungen zu entschleiern unJ 2U entkräften. Es gilt besonders, die Kampfmetiioden der Bourgeoisie durch die Kampfbereitschaft des Proletariats zu durchkreuzen. Ueberall sind die großen sozialen Probleme aufgero'It und überall ist d e Arbeiterschaft für die sozialistische Lösung dieser Probleme in den Kampf getreten. Und unsere Bestb' währtesten staunen und fragen: wo bleibt die von Moskau aus „prophezeite * Weltrevolution? Solange England und Amerika keine S6w,etrepubliken sind, solange können sie beim besten Willen keine Symptome einer Weltrevolution wahrnehmen.. Genau so, wie sie seinerzeit irt den Jänner- und Junistreiks nicht den Anfang der deutschen und österreichischen Revolutionen sehen wollten und dies* großen Bewegungen auf die Bahn der Kleinkompromisse drängten, genau so bemühen sie sich jetzt zu Hause und auf ihren zwlscnennationalen Kongressen, die unterirdischen Stöße, die tiefwnrzelnden proletarischen Kämpfe auf die friedliche Bahn der Klassenversöhnung zu drängen. Die mächtig ansteigenden Wellen versuchen sie — d»e Stets- und Allesbesserwisser — mit scheinbar Marx'scher Gelehrsamkeit zu glätten. Wie anders Enfgels! In seiner II. Vorrede zum k »mmunistischen Manifest meint er: rWenn die russische Revolution das Signal zu einer Arbeiterrevolution im Westen wird, so daß beide einander ergänzen, dann kann das heutige russische Gemeineigentum zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung dienen." Unsere Aufgabe ist somit vorgezeichnet: Sorgen wir dafür, daß das aus Moskau gegebene Signal gehört und richtig verstanden wird; sorgen wir dafür, daß die russische Revolution zum Ausgangspunkt einer Arbeiter-Weltrevolutioh wird. Vereinigen wir alle kühn sich regenden Kräfte für dieses große Ziel! Dann schlägt die Stunde der proletarisch en Weit revolution. III. Die Debatte geht munter weiter. Und knimer deutlicher wird es*, daß die Diskutanten ihre eigentlichen Rollen verwechselt haben. Dterienige, der der Angreifer sein sollte, ist in die .Verteidigung gedrängt. Und um-gekehrt. Derjenige, der die .Verteidigung innehaben sollte, gefällt sich in der Rolle des' Angreiferfei. Die Sozialdemokratie in der Verteidigung. Die größte, die 'mächtigste und die am1 besten organisierte Partei wird von der kompromittierten, volksfeindlichen und kläglich zusammengebrochenen Partei hart bedrängt. Die Christlichsozialen greifen an. v Wie trefflich meinte die „Arbeiterzeitung": „iJVSatajX der JMann, der sich damals (bei Ausbruch des Kriegesf. D. R.) erdreistet hat^ die Mitverantwortung für (Riesen Krieg zu übernehmen, müßte sich heute wohl ins letzte Kellerloch! verkriechen, damit niemand seiner gewahr werde, niemand ihn, der sich zur Mitverantwortung gedrängt hat, nun auch wirklich zur Verantwortung ziehe. Und heute geht dieser Mann in Versammlungen und hat nochj die Stirne hineinzusthreien, die Sozialdemokratie sei daran scIhuM, daßl wir keine Kohle und wenig Brot haben." Nur vergißt die Arbeiterzeitung, daß esi gerade die Sozialdemokratie war, die zu einer Zeit, als! sie die heilige Pflicht und auch die dazu nötige Macht hatte, den IMataja zur Verantwortung zu ziehen, sie dies nicht, nur unterlassen, sondern eben diesen Mann zum Staatssekretär des Innern erhoben hat. Es wirkt anmutend, zu hören, wie die „Arbeiterzeitung" die Herren erstaunt fragt: was ihnen zu Diensten steht? und dabei vergibt, was! Slie selbst' zwei Tage vorher in der Bihelslpraeh'e entdeckt' hat; nämlich:* „Auf dasi Juds'ein kommt es! nicht an und' auf das1 Nichtjudsein kömmt esl nicht an, sondern auf den Dienst des! Geldsackes1 k o mmt e s an." Diese Feststellung hindert die „Arbeiterzeitung" nicht, daran anknüpfend auszurufen: Weiß, die Bourgeoisie, wasl ,.s!ie tut? Sieht sie nicht, was' sie durch sovlch e ,Schürung. des ..klasVeVjfta.s's.esT h e rauf b e$p'j£\y ö Als: ob die Bourgeoisie eine andere historis'che Rolle, als die ,.Schürung" des Klassen.kam'pfes hätte, als ob die Bourgeoisie geschichtlich zti etwas Anderem berufen wäre^, als däzu^ sk(hl selbst zum!. Totengräber zu werden. Wahrliidfy wenn man hört", wie die „Arbeiterzeitung^ die Bourgeoisie! zur Vernunft bringen m'öcihte, wie' sie' ihr;zuredet, vfäl sie sie überzeugen willl1, jjtifl e r im! i t d e m F e ae r. spie11, hat es.jsfich1 se 1 bst zuzuslch'reibe n, wenn er in F.Jammeri ünfergeht"1; wenn man diese Ueberredungsjamst aufmerksam, verfolgt und kritisdi. überlegt, dann müßte m'ah die Kla's^'enkampflehre bezweifeln und an Saint Simon wjretfer glauben. Mit analytisidher Schärfe versucht die „Arbeiterzeitung", alle s'chweren /.'Sünden" der Ghnstlich!- s'ozialen aufzudecken. Sie geht so weit,' eleu lieblichen Koalierten der vorbedachten Sabotage zu zeihen, umi dann die Frage : ,yWäs s t e h f a l'sio den Herr e n z u Die n st e n?" auf zuwerfen. Es; ist wirklich' verwunderlich, d£ßi man in der Wienzeile noch1 nicht darauf gekoihmen ist. Es laßt s'icih1 ja so einfach "erklären: Solange das1 komlmunistiscjhe (jespenst Deutschosterreich beherrscht und angezogen'hat, insölange miußten die Bürgerlichen aller Schattierungen s' i '£ h i m' Kelle r l o cHhl verkriechen, d. hi. s5chl hinter der Sozialdemokratie verstecken, dainiii sie ^den Massen nicht sichtbar werden. Und solange die Sozialdemokratie den Kommunismus bekämpft hat, war ihr das1 unbegrenzte Vertrauen und die aktive Unterstützung dea gesamten Bürgertums1 gesichert. Nun, ,da der Mfofht dasi seine getan, da der kömtnünistische Gedanke äüs: den Köpfen der Arbeiterschaft herausgetrieben scheint, da der Staatskanzler das! ko'mmtinistis'dhe Gespenst gebannt; wähnt, meint das' Bürgertum;, daß der Möhr bereits1 gehen kann. Jetzt kann die Sozialdemokratie — also urteilt das .Bürgertum1 —- die Regierung dem] Bürgertum! überlassen und isidhi wieder in die Schranken einer beachtenswerten Opposition zurückziehen. Jawohl', wie sagte nur die , Arbeiterzeitung": auf den Dienst d es G e 1 ds;ack'e s koin'tri11 es) an. Einzig und allein. Und deswegen ist das Bürgertum: so frech geworden Und fragt:' wer regiert? Hier wird keine noch' so geschickt und scharfr sinnig geführte Diskussion helfen. Hier wird die Sozialdemokratie, die' so. ^tapfer" gegen den Kömmunismüs gekämpft hat, endlich einmal1 auch den Kampf gegen die Bourgeoisie wagen müssen. Den unverfälschten Klassenkampf, der nicht nur in der Redaktion und in den Klubzim'mern des; Parlaments, sondern auf der offenen geschichtlichen Arena zwischen Arbeit und .Kapital1 geführt ^verden muß. Genossen und Genossinnen! Leset und verbreite* die »Freie Tribüne".