Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 35 (20.9.1919)
- Date
- 1919-09-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Die Sozialdemokraten haben sidh in diese dunkle Sa^kgasise treiben lassen. In zwölfter Stunde mögen sie nodhi erkennen, daß es hier um weit mehr gehit, alisi u!m eine Handvtoll Fremder, die unnütfz gepeinigt1, a'Bs1 um' ein paar Juden, die angegriffen •werden; daß: es' sifcfhl hier um die Früchte der Revolution handelt! Das Proletariat möge auf der Hut sein! Im Trüben wollen zielklare; Fis'dfoer fisidhen. ünd daß man ihnen freie Bahn läßt, da&! k l agcn wir an! Nun ja, wir wissen es wohk wir fühlen es nur allzu gut: die sdWwarz-ro te Koalition regiert. Nioh't 'wir siind es daher, die diese Frage auf die Tagesordnung gesetzt haben. Nein. Die beiden lieblichen Koalierten allein sind es, die jetzt täglich einander „verdrossen" anse'hen und „bedeutungsvoll" fragen: wer regiert? Mit imtaier frecher werdenden Stimme bellt »die /jReidhs'post" die „Arbeiterzeitung' an: wer regiert eigentlidh, die Arbeiterräte oder das Kabinet? Und iwie ein gekränkter, jedoch gebändigter Löwe brüllt diese zurück: wer regiert eigentlich,, die Koalition oder ... ja, hier verstummt der längst bezähmte Löwe, läßt sein grimimiges Haupt sinken und brum'mt im Käfig: ihr .Verantwortungslosen, ihr Verständnis- und Treuibsen, ihr Pflichtvergessenen, wißt ihr denn nidh't wasi ^Koalition" bedeutet und weHrjja!e_ Pflichten eine Ktoälitionstregierung auf eine, in derselben beteiligten Partei auferlegt . . . Hohn und Spott: sWh'aflen der meisterhaften yjUeberredungs'k'unst" der „Arbeiterzeitung* vom freund-gegneris'dhen Lager Herüber. „Verantwort- Wdhlk'eitegefüM," „Verständnis1' und /.Pflicht'' sind iwoM s'e'hV gute und sdh'öne Dinge. Allein derartige Tugenden sind dem bürgerlichen Teil einer Koalitionsregierung nidhlt eigen. Wenn das Bürgertum tsüclhi 'mit irgend Jem'andelm verbündet, wenn es! .mit Jemandem' seine Madhlt teilt, so geschieht dies einzig und allein zu dem Ziweidk, die im gegebenen Moment bedro'hte bürgerlidhe Gesellpdhaftsordnung zu er- Ihlaliten. In dem1 Augenblick' aber, in welchem' das (Bürgertum Wieder festen Boden unter seinen Füßen fü'hlf, dann t'radhtet es' s'o rasch als' möglich den lässigen Mitregenten lps! zu werden; danto trägt es fredh! und unzweideutig:wer regiertf? 'Die „Diskusfeion" über diese sdhitksalslsdh'were' frage, weldhe durdh das! Vörpostengefechit Kunisldh'ak-Adler in der Nationälvenä'amlmlung eröffnet, durdhi die Offensive Steckler-Zerdik fortgesetzt und in der regelredhten Sdhfl'ac'h't „Reidh'spost"—„Arbeiterzeitung", in dem Aufim'arisdh der erfundenen Bfrrger- und Stlände^Räte" iWren Höhepunkt er* reidh't IWat, is'dheint eine selhr gefiäh'rfidhe Wendung zu ne'hlmen. Die sdh'warzen Koalierten sind offensidhtflfc!h! die Angreifer und die „Roten" die Verteidiger. Nun Ihaben wir wiojh'l1 aus! der Ges'dhüdhte der .Völkerlkriege gelernt', daß esi nic'hft imimter nachteilig ist, in der Deffensive zu sein. Aber Was! im Kriege zwisldh'en Staat' und Staat gilt, gilt nidhlt im1 Kriege zwischen Kl'asise und Kilateise. Zumal wenn der Klass'enkrieg nach dem „klassischen" Ausdruck, die Form einer Koalition zwischen den beiden kriegführen-' den Klassen angenommen hat. In der Tat. Die Sozialdemokraten jammern, sie wären durdh den Z u s a m m e n b r u c h der ungarischen Rätediktatur in die Deffensive gedrängt. Nun, leugnen wir zwar nic'ht den Zusammenhang zwischen der Reaktion in Ungarn und dem reaktionären Kurs bei uns', wir ihialten es' jedoch für unsere Pflicht, den arbeitenden Massen hierzulande zu sagen, daß die verhängnisvolle Koalitionsregiererei auch ohne den Sturz der Räterepublik, früher oder später, die Revolution in eine Sackgasse geführt Hätte. In unseren weiteren Ausführungen werden wir dies zu be/weisen versudhen. iDodh Heute gilt es einer anderen Frage. Die Arbeitersldh'aft ist also in die Deffensive, d. h. in Verteidigungszustand gedrängt. Was tun? Was verteidigen? „Die Errungenschaften der Revolution" tönt es uns entgegen. Nun wohl. Wir wollen heute nicht über das Wesen dieser Errungenschaften streiten, s'ondern nehmen es als ausgemacht an: es gilt die Errungensdhaften der Novemberrevolution zu verteidigen. Konkret: es gilt die gegebene Staatsform Deutsdhsöterreiehs gegen einen reaktionären Ansdhlag zu schützen. Aber diese Staatsform setzt ja, dem Sinne und dem Geiste ihrer Schöpfer nach, die Koalition geradezu voraus'. Damit Deutschösterreich' so regiert wird, wie es vom Tage;seines Entstehens bis, heute regiert würde, ist eine Regierung von Arbeiter, Bürger und Bauern notwendig. Nun gut, die iAr-beiter („sehen es ein" (die Bauern aber und die Bürger nidh't. Diese Wollen mehr keine •Koalition, sie wollen die A 1' 1 e i n h e r r s e h a f t der Bürger und Bauern. .Was nun? iWks soll die Arbeiterschaft nun verteidigen? Die Koalition? Diese könnte man gegen Links, gegen Kommunisten sowie gegen Rec'hts, gegen Monarchisten, verteidigen, aber doch nicht gegen die Träger der Koalition, gegen den Mitkoalierten selbst. Hier nützt keine noeji so überzeugende Ueberredungskunst,!Wier nützt kein Appell an das Veran'tvvortungs- und PfhdhtgefüihL Es' is|t eben Klasserikrieg, in dem' es' gilt;, entweder der herrschenden Klasse im Angriffe die Maciht zu entreißen, oder seine eigene Klas'senherrsdhaft gegen feindliche Angriffe zu verteidigen. Die Vjon den Bürgerlichen aufgeworfene Frage: wer regiert, bedeutet, daß die Entwicklung in Deutsfc'hiösferreicW eine Stufe erreidht 'hat, auf der, der Kl'a'ssenkrieg nidhlt 'mdhJr in der Form' einer Koalition zwisdhen Sdh'afen und Wölfen verschleiert werden kann. Esi wird da'her dringendonotwendig. sein, nidht blos1 von „^Verteidigung der Errungensdhaften" zu reden, sondern der Arbeiterschaft diese neueste Phase der Entwicklung zum Bewußtsein zu bringen und sidh vorzubereiten wirkHch'e, greifbare pr o 1 e t a r i s1 c h e Errungen Sc Ih'aft e n z u e r k ä m p f e n. Dauernde öffentliche Ordnung. (Das neue Regierungsprogramm der alten Regierung.), In einer der großen, politischen Auseinander! 1 Setzungen meinte einer der bedeutendsten Sozialdemokraten : Der große Vorteil und das unleugbare Verdienst unseres Staatskanzlers läge eben darin, daß er als Staatsmann die ,,Zeichen der Zeit" nicht verkennt, sich deren Notwendigkeiten nicht verschließt und sich' durch die Ereignisse überzeugen und schieben läßt! Jawohl! iSo sagte er es ausdrücklich: „sich schieben läßt". .Die Geschichte sollte dieses Urteil eines „linken" Sozialdemokraten über seinen „rechten" Genossen - diese merkwürdige Qualifikation eines „Staatsmannes" nachträglich bestätigen. Unser S t a a t s k a n z 1 e r läßt sich schieben. Wohl hatte der linke Genosse damals nicht gerade den jetzigen Rudk nach rechts, sondern das Liebäugeln mit de'm' Sowjetgedanken im Auge. Doch, wenn nun einmal das „S i c h -schiebe n* lassen" den besonderen Vorzug eines Staatsmannes bildet, dann muß auch eine Zeit kommen, wo er sidh nach rechts schieben läßt. Und diese Zeit ist nun einmal da. Nadhdem das' kommunistische Gespenst nach der Meinung des Staatskanzlers für ein Zeitalter wieder gebannt ist, glaubte er nunmehr daran zu gehen, die Revolution gänzlich zu 1 i q u id i e»r e n. Gemäß der vom Staatskanzler selbst seinerzeit — in den Honigmonaten der Revolution — aufgestellten Zauberformel: Frieden, Freiheit und Brot, Sollte man glauben, daß, nadhdem' es ihm' „gelungen" war, als ^Vertrauensmann" aller Parteien Frieden zu sio'Wließen, er nunmehr daran gehen wird, als! Vertrauensmann der Arbeiterschaft Freiheit zu 'sidhern und Brot zu isdhaffen. Wie groß mußte die Enttäuschung des linken Genossen, wie bitter mag seine späte Erkenntnis gewesen sein, als! er auf Umwegen über die „Wiener Abendpost" und über die famose Länderkonferenz, aus1 dem Munde des Staatskanzlers die geflügelten Worte: voiv der unbegrenzten Herrschaft" des Gesetzes', von der Sühne aliler (Art Gesetzesfverletzungen, sowie „daß: jeder einzel'ne in jeder Funktion in ersiter Linie die besiidti'l'ossenen Gesetze zu erfüllen Watf" hörte. Wie mag es diesem linken Genossen zu Mute gewesen sein, als* er aufsi dem Munde des' Staatskanzlers vernahm', daß; Arbeiterräte, Bauernräte und Bürge rräte (Alle drei gleidhl D. R.) sehr berechtigt öind, nur dürfe man diesen berechtigten Gedanken ,i,niid!ht überspannen" (Wie fein! D. R.). Und wie schtul'bubenm&ßig belehrt mußten sich' alle „Linken" vorkommen, a'lfsi is!ie die 'h'ödhsite Weisheit des! Dr. Renner über die gelsdhfwislterildhe Aehnliidhkeit der Arbeit'erräte zu den . . . nun ja . . , zu den HändeIVk'a mim'ern und daß „die Räte unmögl'ic'lhl verwa lten und eine Exekutive f ü'bre n 'k önnen", da dies „d e m Grundge dankend er Vofksif r eibeit und der Mi. Feuilleton. Der alte Arbeiter. von Jakob H eisen. .(Aus dem Jiddischen.) Wojtek geriet in Konflikt mit seinem Arbeitgeber, dem Eigentümer einer großen Druckerei. Unsinn . , . . Grämen sich den ganzen Tag? Hätte es scWweigend erdulden stallen, 25 Jahre gedient, wie ein Hund treu gewesen und jetzt .andere Arbeitgeber suchen?! . ,. Die Arbeit entgleitet seinen Händen und der Werkmeister, ein großer hagerer Mensch mit diele gekräuseltem Schnurrbart, spricht ärgerlich: „Bist heute 'wohl betrunken Wojtek? . . ." Erzürnt über diese Verdächtigung, achtet er (wieder nicht auf den Vorgesetzten und erwidert: „Ich weiß nicht, Iwer da trinkt, ich, oder der Herr . .'4 ," ,,'So? Audi Wir Iwidersprichtst du?" fragt der Werkführer und Zornesröte bedeckt sein Gesicht. „Gut! Gut!! . .. ." Vor diesem „Gut, gut" erschrickt Wojtek so sehr, daß ihn ein Grauen befällt. Er Kveiß, daß vor Jahresfrist in derselben Fabrik dem alten Stach gekündigt Iwurde. Vor einigen •Tagen hat er ihn ganz verkommen mit allerlei Gesindel an üer Brücke herumlungern gesehen . . . iWojtek vergräbt tief, tief in seinem Herzen den Stolz Beiner 25 Arbeitsjahre und spricht, haiblaut: „Lch \veiß wirk- Üclh nicht, Kvarurn mir der Herr 'böse ist! Ist es denn wirklich ein so großes Verbrechen, iwenn man (zuweilen etwas Schnaps trinkt?, ,C" Aber — anstatt das gute Einvernehmen wieder herzustellen;, erjweitert er noch die Kluft. Der Vorge Betete richtet lauf ihn seine großen bösen Augen und schreit: „Wirst du endlich schweigen? Du Lump?" Alles verloren! denkt ängstlich Wojtek und geht zu Steiner Arbeit, indem er das Papier *zur Maschine schafft. Der Weikführer brüllt darauf: „Welches Papier^ Du Uuimp, bringst Du denn?" „Das Unglück schreitet . . murmelt Wojtek und seine Hände fallen schlaff herab. ' Physisch und geistig ermüdet kommt Wojtek nach Hause, Wirft sich auf ein Gestell, das ihm1 und seiner Frau als Bett dient und blickt starr Vor sich hin. „Wirst Du essen?" fragt ihn seine Frau, eine vorzeitig gealterte Bäuerin, mit mattem Blick und eingeschrumpfter Brust. Keine Antwort. „Woher Deine Zerstreutheit?" forscht die Frau,-ihren treuen, flehenden Blick auf Wojtek gerichtet. Schweigen. „Bist Du vielleicht krank?" „jKrank!" höhnte Wojtek. ^Nicht erleben werden das meine Feinde!" Seine Frau verachtungsvoll anblickend, fahrt er fort: „Ein anderes Wort als ,krank" findet sie gar nicht!" Das Weib versucht sich zu verteidigen: „Krank mögen unsere Feinde sein . . , ich meine bloß . . Du bist in Aufregung! . V ." „Aufregung", murm'elt Wojtek, warum bin ich in Aufregung? . . . Ich geriet einfach in einen Wortwechsel mit meinem Herrn . Lj . . Im Laufe von 25 Jahren darf man sich Wohl $,o was einmal erlauben. Bin auch sein Altersgenosse und gearbeitet habe ich Wohl mehr als er . . .? Das Weib erkannte, daß, Wojtek diesmal zu weit ging und ihr Hertz erbebte. Gerne Wollte sie ihm was vorhalten, ihn fragen „wozu?" Doch einerseits seinen Zorn fürchtend, andererseits mit ihm fühlend, sprach sie milde: „Lach doch drüber, entlassen wird er Dich doch nic'ht . . ." „Entlassen! . . bah, möge er mich nur entlassen " wütete Wojtek, „wie lange noch? 25 Jahre gedient. Genug! Ich verlange selber die Entlassung!" Dies sagte er jedoch nur, um seinem Groll Luft 'zu mächen. Dann, mit größerer Besonnenheit: „Genug, 25 Jahre! Ich werde mein Glück anderswo versuchen . ,. ." Am nächsten Morgen erlwachte Wojtek früher als sonst, erschien aber bei der Arbeit um eine Stunde später. Warum die Verspätung? Wahrschein lieh hatte auch hier der Teufel seine Hand im Spiele. Er 'merkt, daß das ganze Gewebe, das die 25 Jahre ges'chaffen haben, iu reißen beginnt. Ein mühsames Gewebe, aber — welche Existenzsicherheit? Nicht einmal der Himmel Weiß, was jetzt geschehen werde! Als er zur Fabrik kommt, hält er irtne, betrachtet die Fenster, die ihm statt der üblichen Grüße, böse anstarren, Iwie gestern die Bücke des gestrengen Herrn,, als er ihn beleidigt hatte. Und das Geräusch der Druckmaschinen hört sich für ihn an, Wie unheimliche Töne. Dreimal bekreuzt er sich, murmelt „Gott mit mir" und tritt in den Fabriksraum. Zu seinem Unglück war dort der Arbeitsgeber. Als Wojtjek ihn erblickt, gerät er in Verwirrung und .'von einem Unbehagen gequält, sucht er tiach einer Ausrede. Jener bemerkt ihn nicht und lispelt mit dem Werkführer. Erst in diesem Momente erkennt er deutlich die Vernichtung des lang gesponnenen Gewebes und weiß, daß er etwas machen müsse. Weiter hier herumstehen habe keinen Sinn . . . Aengstlich und mit zitternder Stimme bringt er hervor: Herr ich wünsche Abrechnung. Wojtek versprach sich von seinen Worten! einan großen Erfolg. Nach 25 Arbeitsjahren eine Abrechnung verlangen, ist wohl kein tagtägliches Ereignis. Aber seine Worte verfehlten die1 erhoffte Wirkung. Er werde es noch einmal sagen, etwas lauter, wovor fürchtete er sich denn eigentlidh? Er sei ja kein Bürschchen. „Ich wünsche eine Abrechnung!" bringt er schroffer her. vor, während sein Herz pochte. „Ich habe gehört" antwortet kalt der Herr, „komme später!" Er nimmt also meine Kündigung an, wundert sich Wojtek. Er kann es nicht fassen. Plötzlich empfand Wojtek seine Unterlegenheit und fühlte sidh ganz klein. Er (Wundert sich nur, daß er, Wojtek, einem so lieben Herrn 25 Jahre dienen konnte. Ein merkwürdiger Irrtum. Mutlos und in sich gekehrt trat er in den Höf, wo er ratlos stehen blieb'. Wohin sich wenden? Nachhause gehen darf er vor 1 Uhr nicht, überhaupt darf er seine Wohnung ■ nicht betreten. Er könnte ja verrückt werden. Aber vielleicht zurück zu seinem Herrn, vor ihm niederknien, seine Beine umschlingen und sprechen: „Herr, lieber Herr! Ich habe ja nur Spaß gelmacht, Warum Sie verlassen? Ich liebe Sie ja, liebe die Druckerei, alles liebe ich so sehr, alles ist m'ü M?* Sammelt filr den 5000 Kronen-Fonds der »Freien Tribüne«. "SM