Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 35 (20.9.1919)
- Date
- 1919-09-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wir k lagen an, daß/ man hier in Wien einen Judenpogrom veranstaltet hat. Einen weißen Judenpogrom. Nidhit etwa deswegen erheben wir diese schwere Klage, weil die Regierung vorgibt1, daranzugehen, die jüdischen Preistreiber und Kriegsgewinner aus Wien abzuschaffen. Nein! Unsere Anklage geht da- 'hlin, daßl, da die Koalitionsregierung absolut unfähig und unwillig ist', den mächtigen Preistreibern und Kriegsgewinnern aller Sprachen und Konfessionen ernstlich an den Leib zu rücken und dadurch die Not desf Volkes1 zu lindern, sie in dieser ihrer Ohnmacht!zu demi »„yaitbe währten" ebenso verbrecherischen, wie selbstmörderischen Mittel einer Judenverfolgung greift1. ■ ■- Zdh'ri Mbnatej lang regiert nun diese Koalition. Zehn Mionate Fang sitzen VerträuertsjmläiTnöf H^T'Ar-- beitersÖhaft in den wichtigsten Staätsiämtern. Und nun fragen wir: ist auCh einem Schuldigen des! Kriegeis) ein Haar gekrüfmlmt? Jfeft;aucfi| ein einziges, durch Wudher und Preistreiberei (im großen Stil) erworbenes) Vermögen konfisziert oder audW nur gebühr rend besteuert? Haft1 man überhaupt irgend etwas wirksamesi zur Bekaimfpfüng des Schleichhandels, der beim Bauern beginnt und beiml jüdischen Händler noch! weit nidht1 aufhört, unternommen? Im Gegenteil1! Gerade jetzt erleben wir die unverschämte,, verleumderische Hetze .gegen diev den Schleichhandel s!o wirksam) und energisch bekämpfenden Arbeiterräte. Gferade jetzt, »während die Not der Maslslen aufisi Höchste gestiegen ist, stürmt das reiche Bürgertum unter — i 'zum! Teile wohlwollenlender, zum Teile ohnmächtiger „Neutralität" der Regierung gegen die Arbeiterräte, weil diese den Schleichhandel überhaupt — ohne Ansehen der Person und der Konfession — bekämpfen. Zehin Monate lang hat speziell der sozialdemokratische Flügel1 der Regierung den Arbeitermassen vorgeredet : wenn (sie nuf» recht brav und schön ruhfg bleiben, dann (werden sie (den vollen „Segen" der Entente genießen, (wenn Ssie nur nicht die Räterepublik errichten, dann werden $je aus, den F1 e i s c h! t ö p f e n A e g y p t e n si genährt. Und nun rächjt; sfidh bitter diese Politik. Nun waren die Arbeiter „brav" und die Not ist1 noch größer geworden, nun siind die Arbeiter im finsteren Aegypten der käpitaliisItisChen WirtsChaftsbrdnuiTg schmachten geblieben, und von den Fleischtöpfen ist noch im'mler nichts), aber schon gar nichts zu sehen. iDie irregeführte Arbeiterschaft hat auf Weiterführung der Revolution verzichtet, in der Erwartung durch) diesen Verzicht, ein sofortiges! besseres Dasiein, slofbrtige Milderung der Not — erinnern wir uösl doidh!, daß dieses Moment der unmittelbaren Notfinderung oder Notjsteigerung das1 Hauptargument gegen die Sowjetrepublik1 war r~ zu erkauf en. Und nun? Nun bringt der Staatskanzler einen Frieden nach Hause, der uns in noch größeres' Elend stürzt. Nun organisiert' sich das reiche Bürgertum) rasldh, damit es1 die schwere Last ihres; Friedensvertrages1 auf die Schultern des arbeitenden Volkes! abwälzen kann. Nun sfind die Arbeitermassen doppelt betrogen: $lie haben weder Freiheit — proletaristdhe Freiheit! — noch! Brot Nun ist man bankerott. Die Eisenbahnen verkehren nidht, die Straßenbahnen müssen stillstehen, die Wohnungen in Finsternis! gehüllt und fort'Winter, unbeheizt bleiben; die Brotration kann nicht erhöht, die MehUration muß dafür herabgesetzt wlerden. Fleisch gibts überhaupt nicht; höchstens), wenn der Arbeiterrat in irgend einem' — nichtjüdisch'eim - iiCriegswucherer-Versteck eines ausfindig macht. Ganz so wie im . . . Sowjetrußland. Mit dem einen Unterschied jedoch, daß in Sowjetrußland die Reichen zumindest ebenso wie die Armen — wenn nicht nodh1 verschärfter — die Not und den Hunger auf eigenem Leibe zu spüren bekommen, während bei uns! im Lande der Volksf reihe it und Minislterverant w ort lieh - k e i t, die Armen in Elend verkommen und die Reichen zu gleidher Zeit im Wohlleben schwelgen. Ansonsten geht es uns, mit delm; Frieden und einem Dutzend befreundeter Missionen Gesegneten, genau so schlecht wie dem kriegführenden blockierten Rußland. Und hier hilft nichts!. Hier muß nach! dem! alten „bewährten" System eine Judenverfolgung herhalten. Eine Verfolgung, die an und für sichi sünn- und zwecfk'lbsi ist, die obendrein nidht die, slo oft mit RleCht .genannten reichen Juden, sondern einzig ' Ün<T älfeiij^die''* g^riz^Arptr e:;ri'-!ritffe - - Ein Judenpogrom reinsten Wassers. Denn das) charakteristische Merkmal) eines Pogroms; ist nicht Immer das) vergossene jüdische Blut, sondern der Versuch, die Aufmerksamkeit der brei. ten Volksschichten von den brennenden sozialen Problemen d e si Tages! auf ein Seitengeleisie, auf einen nebensächlichen Umsltand abzulenken, um; in der Weise sich der Pf licht zu entziehen, dieses! Soziale Problem im1 Sinne der Volks'interessen zu lösen. Daisi dabei die Juden, und zwar die armen Juden, stets! den Sündenbock' abgeben, ist eigentlich1 nicht gerade das) Wichtigste. Wir klagen daher die Koalitionsregierung an, daß! slie die sozialistische Lösung der großen wirtschaftlichen Fragen dadurejh zu verhindern sucht, daß) slie die Unzufriedenheit des! Volkes) auf die Fremden ablenkt und damit die arme jüdische Bevölkerung dem Antisemitlis'mus preisgibt. Wir klagen die Regierung an, daß Sie b isi (he u tie, t!r o t'z d e sl„,S ch11 ö 8)5'e r g e sie t z e s" n oChi k'e i n einzig es: Palais1 einesi reichen Juden besichlagnahmst und der ar m'en Wiener Bevölkerung zum Gebrauch übergeben hat. ( Wir klagen jslie an, daß sie bis heute keine einzige Fabrik eines reidhen J ud e n soz ia lisii e rf, kein einziges jüdisch es Unternehmen vergeslellsdWaftlicht hat. Die Ausweisung der Fremden hat sidh richtig, wie vorausgesehen wurde, zu einem' nanuenIbsen Unglück entwickelt. Unfähigkeit, Schlamperei ijmi Denken, verbrecherischer Mangel jeder berechnenden Voraussidht, das Fehlen jedweder organisatorischen Vorbereitung, zeichnet vornehmlich! die ganze Aktion aus. Sie wäre ein Schlag ins! Wasser und geeignet, den ganzen Behördenkram vom Staatkamt des Innern, über die Landesregierung!, Polizei usw. bis 'hinunter zu den einzelnen Fadhreferenten, heillos1 zu blamieren; sie würde unweigerlich ein schadenfrohes LaChen allüberall! ausllösen, wenn, ja wenn nur die sChiefgeratene Angelegenheit nidht gar sx> ■bftitig trajisiche iRolgen nach sldh ziehen würde ... Alle tragen ihr redlich Maß' Schuld daran: die S o z i a ld e m o k r a t a t i e, die am1 Altare der Koalitionsregiererei mit den Ghristlichsbzialen ihre sozialistischen Grundsätze opfern mußte; die soziaIistisehen Mitglieder der Regierung, die eine durch den Kapitalismus verurs'adhte wirts'dhäftliche Kalamität nicht durch den Aufbau einer Wirtsldhaftsordnung auf1 der Grundlage der Vergesell'schaftlic'hung al'l'er Produkt ions:mittel, also audhi aller produktiven Arbeitst kr äffe, sondern durdh Abschiebung der Fremden zu losen versuchen; die Sozialistischen Redakteure, die berufen sind, in ihrer verantwortungsvollen Aufklärungsarbeit slidhl (mit allen Mitteln gegen die um' sich1 greifende; Fremdenhetze und Judenhaß entgegenzustemmen; das Staats'arat des Aeußeren, das!, die internationalen Verwicklungen voraussehend, nidht energisch genug rechtzeitig die entsprechenden Behörden aufaufgeklärt hat; das ,Staatsamt des! Innern, das1, informiert^ gewarnt und des' öfteren ange^ gangen, trotzdem ünterlasisen hat, alle notwendigen Vorbereitungen, die da siind, Perlustrierung der. Fremden, Verbereitung der Transiportmittel, Vereinbarung mit den Sukzesteionsjsitaaten usf., früher zu treffenV bevor di& ommö^iÄusiw^ maChung. in 'die Welti gesietzt wurde; die L a h cl e sregierung, die dem antislemitishen Drängen von beiden Seiten, von redhfesi und von linksi, keinen Widerstand leistete, am) 1. August eine Aus)weiäungskundmadhung erließ;, umt islie am1 2. widerrufen zu müjssen, und aml 9. September neüerlidh kundmaChte, ohne die Gewähr und die Möglidhkeit der .Diuridhtführung zu haben. 'Sie alle tragen jetzt Sdhiuld daran, daßl sich zwar nach dem 20. September nichts1 ändern wird. Demn die Fremden können Deut'stlhösterreichl nicht verlassen. Es werden keine Wohnungen frei, keine Lebenslmittelmiengen erspart werden. Demgegenüber wurde jedoChl der Stichtag für eine regelrechte Fremdenverfblgung und Pogromhetze gegeben. Ja, dasl haben sie woi'hl erreicht: jeder, der einem Fremden ähnlich sieht1 (die Herren, die das zu verantworten haben, wußten zu gut, wery das sein wird . . .)), kann auf der Straße gepackt! werden: „Sie sind noChl hier?" Erpresser, Verbrecher aller Art», lidhftsCheues1 Gesindel kann jetzt in Flüchtlingswohnungen komlm'en, um die Verhetzten, Verängstigten, der Willkür Preisgegebenen sidh! gefügig zu machen. v Deswegen klagen wir süe an! Klagen slie an vor dem Gewissen der gesitteten Weift! Klagen die Sozialdemokraten vor der Internationale an! Die Gewerkslchaftsisekretäre vor den: Arbeitermaslslen, die durch den Beschluß) des! Arbeiterrates Leopoldstadt bewiesle n ha b e n, d a ß1 d e r gesunde. Instinkt1 des! klassenbewußten Proletariates siöH nidht zu einem1 Solidaritätsibruch imlißibrauchen läbU1. Vior dem Forum! der ujm] eine freiere, gerechtere Zukunfjt, ringenden Menschihe it derArbeit [| klagen wir sie an! Die blindwütende Reaktion feiert am 20. Sepr tember ihren Siegestäg. Nicht umi die Wohnungs¬ und Lebensimittelnot war eis; ihr zu tun. Nicht! lindern will1 jsjie sie. Nur die Empörung, den Groll der Masisen von den wahrhaft Schuldigen ablenken. Mit teuflischer Sdhläuheit weiß die Reaktion dasl Gift desis Judenhasses) in die sozialen Bewegungen einzuträufeln. Denn die slo geartete Unruhe, die Atmosphäre der Pogrome und Dra,ngisa{ierungen! ist ja die richtige für den entscheidenden Schlag der jsftiefei lauernden Reaktion. Genossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die „Freie Tribüne".