Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 33 (6.9.1919)
- Date
- 1919-09-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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v Seite 2 Freie Tribüne Nr. 33 meisten das Schicksal des internationalen Sozialismus in eurer Hand. Die klassenbewußten Arbeiter der ganzen Welt blicken mit Zuversicht auf euch. Und wir sind gewiß, daß ihr eure Pflicht, allen Ratschlägen der französischen Scheidemänner zum Trotz, tun werdet. Arbeiter Deutschlands! Arbeiter Oesterreichs! — Jetzt seht Ihr, daß ihr keine andere Wahl habt, als unverzüglich die Regierung von Verrätern, die sich Sozialdemokraten nennen, tatsächlich aber niedrige Agenten der Bourgeoisie sind, zu stürzen. Ihr seht jetzt, wozu euch die Politik Scheidemanns und Noskes geführt hat Ihr seht, daß eure einzige Hoffnung die proletarische Weltrevolution ist. Aber diese proletarische Revolution hemmen die Scheidemänner und Ebert aus allen Kräften. Wenn die Scheidemänner und Noske in eurem Namen sich mit einem Aufruf an das internationale Proletariat wenden, werden sie keinen anderen Widerhall finden, als Verachtung. Die Leute, die auch nicht ein Wort des Protestes gegen die Erdrosselung des Räte-Ungarn durch Gutsbesitzertruppen fanden, die Leute, die bei Libau auf Seiten der deutschen Barone gegen die lettischen Arbeiter und Knechte kämpfen, die Leute können nicht auf die Unterstützung des internationalen Proletariats rechnen. In eurem Namen dürfen jetzt nicht Oraf Brockdorf von Rantzau, nicht der Verräter Landsberg, nicht die Henker Noske und Scheidemann sprechen. Solange die jetzige deutsche Regierung am Ruder steht, bleibt der Streit zwischen Berlin und Paris nur ein Prozeß zwischen der Bourgeoisie zweier Koalitionen. Die ganze Gewalt in eurem Lande muß schneller in die Hände der Arbeiterräte übergehen. In eurem Lande müssen die kommunistischen Arbeiter die Stimme erheben. Dann, und nur dann könnt ihr euer Land retten, könnt ihr auf vollsten Beistand von Seiten der Proletarier aller Länder rechnen. Die Zeit der Schwankungen ist vorüber. Jetzt ist es bereits jedem von euch klar, daß es schlimmer nicht werden wird, daß die Regie/ung der Sozialverräter euch an den Rand des Verderbens geführt hat. Arbeiter Deutschlands und Oesterreichs! Wisset: Die Proletarier aller Länder werden nicht der deutschen offiziellen Sozialdemokratie Glauben schenken. Ydie kein Wort des Protestes im Augenblick gefunden hat, wo die Regierung Wilhelm Honenzollerns Sowjet-Rußland den Brester Frieden aufzwang. Arbeiter Deutschlands und Oesterreichs! Wisset: Wenn der Brester Frieden, der Rußland im Jahre 1918 aufgezwungen wurde, so schnell ein Ende nahm, so geschah es deshalb, weil die russischen Arbeiter und Bauern die Regierung der Bourgeoisie und der Sozialverräter stürzten und die Gewalt in ihre Hände nahmen/ Nur dadurch gelang es den russischen Arbeitern, das Vertrauen und die Sympathien der Proletarier aller Länder sich zu erobern. Nur dank diesem Umstände gelang es ihnen, verhältnismäßig bald die Brester Schlinge zu zerreissen. Die proletarische Weitrevolution — das ist die einzige Rettung der unterdrückten Klassen der ganzen Welt. Die Diktatur des Proletariats und die Konstituierung der RHtegewalt — das ist der einzige Endschluß aus der Versailler Lektion für die Proletarier der ganzen Welt. Solange der Kapitalismus lebt, kann es keinen dauernden Frieden geben. Der dauernde Friede wird auf den Trümmern der bourgepisen Ordnung geschaffen werden. Es lebe der Aufstand der Arbeiter gegen ihre Unterdrücker! Nieder mit dem Versailler Frieden, nieder mit dem neuen Brest! Nieder mit der Regierung der Sozialverräter l Es lebe die Rätejrewalt in der ganzen Welt! Der Präsident des Exekutiv-Koraitees der Kommunistischen Internationale 13. Mai 1919. G. SinowjJPw. LUZEM.*) V on A. Thalbejmer, in Luzern fand in diesen Tagen die zweite Konferenz der gelben Internationale statt. Wenn äußere Formen einen lebenden Organismus ausmachen, so lebt die gelbe Internationale. Sie hat ein Statut, sie hat Sekretäre, sie hat Kassierer, sie hat einen internationalen Exekutiv-Ausschuß, sie hat noch eine ganze Menge von Einrichtungen auf dem geduldigen Papier, das sie Statut heißt. 4 Noch mehr: sie hat sich sogar eine Art Programm gegeben. Eine Art Programm allerdings, das ihrem Wesen, eines verwesenden Leichnams, vollkommen entspricht. Keine der Fragen, die die Revolution aufgeworfen hat, die zur Entscheidung zwingen, ob revolutionär, ob konterrevolutionär, keine dieser Fragen hat die Luzerner Konferenz zu entscheiden gewagt. Sie ließ sie alle in dem unbestimmten Nebel, - *) Wir entnehmen dies« trefflichen Ausführungen über ftie Konferenz der II. Internationale in Luzern der von Roöa Luxemburg und Franz Mehring begründeten Wochenschrift für Praxij* und Theorie des Marxismus: ,,Die Internationale", Heft 11—12 des 1. Jahrgangs. in dem Revolution und Konterrevolution sich harmonisch vereinigen, in der Nacht, in der alle Katzen grau sind. Diese programmatische Zweideutigkeit ist nicht von ungefähr. Sie zeigt an, daß die revolutionären Kräfte innerhalb der Internationale derart an Stärke gewonnen haben, daß die gelbe Internationale nicht mehr wagen kann, sich schroff gegen die revolutionären Losungen zu erklären. Diese Zweideutigkeit jedoch ist keineswegs harmlos Sie ist weit oefährlicher und verderblicher für das Proletariat, als es die schroffe Kriegsansage an die revolu tionären Losungen wäre. Sie ist der Sumpf, der die Anstrengungen der Proletarier, auf das feste Land der Revolution zu gelangen, weit wirksamer hemmt, als es die offene Proklamierung der Konterrevolution tun würde. Es ist wieder wie einst. Das marxistische Zentrum gibt die theoretischen Formeln, die offizielle Theorie, die Sozialpatrioten bestimmen die offizielle Praxis. Das marxistische Zentrum funktioniert als deckender Schild des Sozialpatriotismus. Diese Rolle des marxistischen Zentrums wird in grotesker Weise unterstrichen durch den Anlauf eines Versuchs zur Opposition durch die deutschen Unabhängigen gegen die Sozialpatrioten deutscher Kouleur. Diese Kritik war von vornherein nur ein taktisches Manöver, hervorgerufen durch die deutschen Bedürfnisse der Unabhängigen. In der Tat, der anscheinende Gegensatz zwischen der innerdeutschen Politik der Unabhängigen gegenüber den Scheidemännern und ihrer internationalen Politik, wenn man von Politik überhaupt reden kann, kam den Massen so deutlich zum Bewußtsein, „daß etwas getan werden mußte4*. Der Anstoß ging aus von der Berliner Organisation der Unabhängigen. Die Kritik der Kommunisten hatte hier gewirkt. Es galt, diese Kritik verpuffen zu lassen Und so kamen denn die Kautsky und Hilferding auf die echt marxistische Idee, von der gelben Inter- . nationale den Ausschluß der deutschen Scheidemänner zu verlangen. Der deutsche Sozialpatriotismus sollte also durch den französischen, englischen, belgischen usw. Sozialpatriotismus ausgetrieben werden. Dieser Anlauf ist kläglich mißlungen, wie er naturgemäß mißlingen mußte. Die Anträge der deutschen Unabhängigen auf Ausschluß der Scheidemänner aus der Internationale wurden stillschweigend in einer Kommission begraben. Es ging ja auch gar nicht anders. Die wieder geflickte 2. Internationale beruht ja auf dem Prinzip: Ich verzeihe, du verzeihst, er verzeiht usw. Sobald die gegenseitige Duldung gegenrevolutionärer Verbrechen in dieser 2. Internationale aufhört, muß sie in alle Windrichtungen auseinanderstieben. Wenn die Sozialpatrioten der Entente die deutschen Sozialpatrioten sollen ausstoßen dihfen, so sind diese selben Patrioten damit moralisch hingerichtet. Wäre der Versuch der unabhängigen Biedermänner ernsthaft gewesen, so wie er von vornherein unernst gemeint war, so hätten sie von der Erfüllung ihrjs Ausschlußantrages die Mitarbeit an der Konferenz abhängig machen müssen. Sie taten nichts dergleichen. Während irgend eine Kommission im stillen Kämmerlein diesen ihren Antrag in Behandlung nahm, saßen sie ruhig Seite an Seite mit den Scheidemännern aller nationalen Farben und berieten Statuten und Programme, schmiedeten entrüstete Resolutionen und demonstrierten damit aller Welt, daß sie auch anders können. Die Konferenz zog daher nur die Konsequenz aus dem Verhalten der Unabhängigen, wenn sie ihren Ausschlußantrag stillschweigend begrub. Dam'it war sowohl die nationale wie die internationale Rolle des marxistischen Zentrums nicht nur von Deutschland, sondern in allen Ländern, drastisch gekennzeichnet. Wie die deutschen Unabhängigen Herrn Eberts getreue Opposition sind, deren Existenz gebunden ist än das Leben der Scheidemänner, so ist auf internationalem Maßsiab das marxistische Zentrum der Sozialpatrioten allergetreueste Opposition. Die Unabhängigen haben diese ihre Niederlage ruhig geschluckt. Arm in Arm gingen sie mit den Scheidemännern von der Konferenz und nun werden sie wieder auf deutschem Boden den trutziglichen Kampf gegen ihre internationalen Brüder beginnen. Um mit den Sozialpatrioten zu brechen, mußte man selbst eine klare programmatische Stellung in den entscheidenden Fragen der Revolution einnehmen. Kurz, man mußte wohl oder übel sich entscheiden für die bürgerliche Demokratie, oder für die Diktatur der Räte, für den Völkerbund oder für die revolutionäre Vereinigung der Proletarier gegen die imperialistische Koalition. Es macht das Wesen des marxistischen Zentrums aus, daß es die PoI6 der Revolution und der Gegenrevolution harmonisch vereinigt im Sumpf abgedroschener theoretischer Phrasen. Dieser Sumpf ist die eigentliche Grundlage, auf dem die 2,'Internationale nicht so sehr steht, als daß sie tiefer und tiefer in ihm versinkt. Die Konferenz brachte es fertig, den Völkerbund Wilsons, der heute den breitesten proletarischen Massen sich als eine imperialistische Koalition enthüllt hat, zur Drehachse ihrer internationalen Aktion zu machen. Der Völkerbund soll revidiert werden, d. h. es werden die imperialistischen Herren gebeten, sich zu vereinigen. Es ist klar, daß dies ein schamloser Verrat an der Revolution, ein schamloser Betrug am Proletariat ist. Der Völkerbund, in den die besiegten imperialistischen Staaten aufgenommen sind, kann nur die vollendete Verschwörung der internationalen Bourgeoisie gegen das Proletariat bedeuten. Und die 2. Internationale enthüllt ihren wahren Charakter, indem sie diese internationale Verschwörung zum Ziel ihrer vergeblichen Anstrengungen macht. Sie enthüllt sich als der Schatten, den der absterbende Imperialismus auf das Proletariat wirft Derselbe schamlose Verrat gegenüber dem Vertrag von Versailles. Auch hier war das Ziel die Revision: die Revision nicht durch revolutionäre Aktion des Proletariats, sondern durch die Verständigung dt* herrschenden imperialistischen Mächte. Mitten in die Beratungen des internationalen Konzils von Luzern fiH die Niederwerfung Räte- Ungarns durch die Mächte des Völkerbundes, Selbst diese flagrante Tatsache vermochte die Diener ihrer Herren nur zu einen sanften papierenen Protest aufzuscheuchen. Der klägliche Zerfall dieses lebenden Leichnams der 2. Internationale zeigt sich am klarsten in der Frage der Räte, Ein schüchterner Anlauf der deutschen Unabhängigen, den Kongreß in dieser Frage zu veranlassen, Stellung zu nehmen, versank lautlos im Sumpfe. Die Frage : bürgerliche Demokratie oder Rätediktatur ist offensichtlich in allen Ländern zur Frage Gegenrevolution oder Revolution geworden Die bürgerliche Demokratie ist die Fahne, um die sich in allen Ländern die Bourgeoisie sammelt, irn von da den Uebergang zur nackten Militärdiktatur zu finden. Die Konferenz entrüstet sich gegen die Militärdiktatur im Falle Ungarns, sie findet kein Won gegen die bürgerliche Demokratie, die in der revolutionären Phase nur das erste Wort der Militärdiktatur ist. Der vollendete Sozialpatriot Vliegen erklärt die Frage der Räte sei eine reine Organisationsfrage innerhalb des Proletariats und mit dieser lächerlichein Redensart findet sich der Luzerner Kongreß in der entscheidenden Frage der proletarischen Revolution ab Gemäß dem Grundsatz der allgemeinen Bruderliebe, der diesen Kongreß beherrscht, findet kein Mensch einen Anlaß, sich mit der Aktion des 21. Juli: zu befassen. Auch hier herrscht die Losung des aUgemeinen Verzeihens der gegenseitigen Sünden. So endete der zweite Kongreß der gelben Inte: nationale abermals mit einer Komödie der allgemeinen Verzeihung, der begonnen hatte mit einem Scheinversuch des Bruchs mit den Scheidemännern Aeußerlich hat der Kongreß einen organisatorischen. Rahmen für die Tätigkeit der gewesenen Männer der 2. Internationale geschaffen, innerlich hat er noch drastischer als der Berner Kongreß seine Verrottung offenbart. » Die 3. internationale zuf Luzerner Konferenz. Resolntiou der 3. Internationale vom 4. Juli 1919». Das Exekutivkomitee der 3. kommunistischen Internationale hat in einer Sitzung, in der die Frage der Luzerner Konferenz der gelben Sozialisten besprochen wurde, folgenden Beschluß gefaßt: Da die Berner Konferenz die gelbe Internationale als Agentur des verbrecherischen Völ kerbundes entlarvt hat, da die Parteien, die zu dieser Internationale gehören, im besten Falle die Revolution bremsen, im schlimmsten. Falle aber schmählichen Verrat an der Arbeiterklasse üben, da ferner die Luzerner Konferenz durch. Kompromisse versuchen wird, des zusammenbrechenden Kapitalismus letzte Stütze zu seirr, so sind alle Parteien, die der 3. kommunistischen Internationale angehören, verpflichtet, die Luzerner Konferenz zu boykottieren und eine Carrypagne zur Kennzeichnung ihrer wahren Rolle gegen sie zu unternehmen. Der Vorsitzende S i n o w j e w. - Eine missratene Hritih/j Die Verbandsberatung, die in Stockholm stattgefunden hat, hat eine Flut von Kritik und Diskussionen in unseren, Reihen erzeugt, eine Erscheinung; die Jeden freuen kann.' Aber schon artet die Kritijk' in ein gefährliches1 Wühlen gegen die Existenz des Verbandes 'aus, das, wenn nicht bald Einhalt geschieht, unserer Wiener Organisation die Daseinsberechtigung und Daseinsmöglichkeit entzieht. Darum muß diesem mißratenen Beginnen des Artikels „Die mißratene Beratung" (Fr. Trr Nr. 32) sogleich entgegentreten rwerdeml. Was hat den', oder die Artikelschreibier (Gi. K. L.) ztini Angriff veranlaßt? Der (magere ^Bericht in'der „Fr. Tr.", der nur die angenommenen und abgelehnten, Resolutionen, aber nicht eine einzige auf der Beratung gehaltene Rede, keine einzige dort stattgefundene Diskussion wiedergab, hat dennoch die volle Phantasie der Verfasser ergriffen, daß sie „d i e ganfce dort entfaltete f o renßisch e Beredsfalkn'lk e Vi wahrnehmen" und sie nun vor uns reproduzieren, sogar mit den Detafts(, 1. B. ,,In der Diskussion über den Rechenschaftsbericht haben sämtliche Delegierte besonders unterstrichen" usW. Woher diese so genaue Wissenschaft der Angreifer? Doch wichtiger ist, was sie vorbringen und hier muß dreier-. *) in Fortsetzung der freien Diskussion; SÄ"" Sammelt fIii» den 5000 Kronen-Fonds den „Freien Tribüne". "SM