Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 32 (30.8.1919)
- Date
- 1919-08-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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K Seite 2 Freie Tribüne Nr. 32 pder fasst sie alle — vom Reichskanzler bis zur Ätikehu >-**efrt Omen vor dem Wahrem Antlitz derp-ofetarlschen Diktatur. Dann Mellen wir sie aji die Worte Engeld die ef am zwanzigsten Jahrestage der Pariser Komaiune in die Welt hinausrief, erinnern: ^l)er deutsche Philister ist neuerdings wieder in heillosen Schrecken geraten bei : dem Wort: Diktatur des Proletariat». Nun gut, ihr Herren, wollt ihr wissen, wie diese Diktatur aussieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats. Dk*.. -' i Die inifiratBnB Beratung *) Als wir den Bericht über die Beratung des Weltveibandes Poale-Zion in Stockholm lasen, da erinnerten wir uns unwillkürlich des alten Satzes: Dort wo Begriffe fehlen, da stellt zur rechten Zeit ein Wort sich ein. — Alle langatmigen Entschließungen können ^nmfiicM überiiier ünentschlossenheit der Versam meltön hinwegtäuschen, die ganze dort entfaltete forensische Beredsamkeit kann die Tatsache nicht verhüllen, daß die Wortführer wohl Wort e. aber •nicht die jüdische Arbeiterbewegung zu führen verstehen. Die Beratung stand ganz im Zeichen der Ratlosigkeit. Den Tatsachen des jüdischen Arbeiterlebens standen die Genossen im Verbandsbüro hilflos gegenüber. Unfähig, sich von dem opportunistischen Einflüsse der Ententesoz ial i st e n freizumachen, brachten sie etf schließlich dahin, dem Welt verband tfie Grundlage seiner Existenz zu ent- 'Z i e h e n. Indem durch den ausdrücklichen Beschluß, in der H. Internationale zu verbleiben, den Genossen 4n Rußland die Mitarbeit unmöglich gemacht wurde, 'hat' Sich der Weltverband selbst zu einem Torso •amputiert. Wie wir später erfahren haben, sind außer den ^deutschösterreichischen auch die Genossen in der Ukraine mit den Poale-Zion in Rußland solidarisch. ,*Dje Majorität derlei der Beratung anwesenden Delegierten stellte also in Wirklichkeit eine nicht sehr bedeutungsvolle Minderheit des Jüdischen Proletariats dar. Die überwie g e n de Mehrheit der in.unseren Reihen stehenden jüdischen Arbeiterschaft in Rußland, Lithauen, Ukraine und Deutschösterreich ist mit den Entschließungen der Verbandsbe- ^ratung nicht einverstanden.. r* Wir können*, unserer Wiener Delegation den Vorwurf nicht ersparen^ daß sie, nachdem der Weltverband tätsächlich schon zerschlagen war, noch immer an den Redeübungen teilgenommen, daß sie «nach' der unzweideutigen Entschließung für die FII. 'Internationale auch weiter in der Resolutionsschmiede mitgearbeitet hat. Und erinnern wir uns an den Ausspruch Friedrich Adlers, daß ihn weder * die zweite noch die dritte Internationale befriedige, so will es uns scheinen, daß unsere Delegation an die Lebensfähigkeit beider glaubt. Im Gegensatz zu dieser opportunistischen Auffassung halten wir auch aus taktischen Gründen ein entschiedenes Auftreten für notwendig. Der'Platz der revolutionären Sozialisten ist nur in der dritten Internationale- 5 » j In der Diskussion über den Rechenschaftsbericht «haben sämtliche Delegierte besonders unterstrichen, daß die Verbandsleitung in folgenden Fällen nicht im Sinne des revolutionären Klassenkampfes gehandelt hat; 1. Indem sie im zionistischen Aktionskomitee mitarbeitete. 2. Indem sie die Einladung nichtproletarischer jüdischer ' ' Verbände zur Teilnahme an einer Vertretung des jüdischen Volkes bei dea Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk, nicht ablehnte. 3. Das Begrüßungstelegramm an "Wilson. 4. Appell an die bei der Friedenskonferenz vertretenen Ententebourgeoisien, gegen die Pogrome in Polen einzuschreiten. Unsere Delegation hat es leider unterlassen, unsere prinzipielle und taktische Gegnerschaft zu einer solchen Handlungsweise in einer Entschließung besonders zu betonen. Statt ein Vorgehen wie in den obgenannten vier Fällen schärfstens abzulehnen, hat man der Verbandsleitung das Vertrauen ausgesprochen und so weitere opportunistische Kapriolen ermöglicht. Wir können uns ferner nicht damit einverstanden erklären, daß unsere Delegierten aus Mangel an revolutionärer Arbeit eine resolutionäre Tätigkeit entfalteten. Sie versuchten auf den Stamm der ' II. Internationale ein neues Reis aufzupropfen, indem sie die Schaffung eines Sowjet-Fonds beantragten. Dieser Antrag hätte ganz gut angenommen werden ' können; die Wirkung desselben wäre alles andere als revolutionär gewesen und die Not des russischen Proletariats kaum gelindert worden. ' Psychologisch läßt sich das Verhalten unserer Delegation damit erklären, daß das Wiedersehen mit irden alten Genossen sie versöhnlich gestimmt und °ihre Stellungnahme' in entgegenkommendem Sinne beeinflußt hat. Es ist eben nicht leicht, traditionelle Parteiverbindungen zu lösen. *) Gedruckt auf Grund der freien Diskussion. DR. Die Epoche der sozialen .Revolution erfordert äbef die ^Üeberwifldüitj^ vieler alters Urteile und Vorurteile. Dfen größten Sieg müssfen wir über uns selbst erringen. Ebenso^ wie wir uns von der avvdten internationale losgesagt« haben* müssen wir. auch aus dem Weltverband austretenwenr^ er trotz fides Willens der Mehrheit :;der jüdischen Arbeiterschaft auf seinem Standpunkt-verharrt:. Wir hoffenjedoch, daß der Solidaritätsgedanke.<<j*js jüdischen Proletariats stärker sein wird als die Eigeribrödelei einer Zufallsmettrheit auf &WSr schlecht vorbereiteten und mangelhaft beschicken ^$ftfa^^ . Hoher als aller Tagesstreit Ist die"'Einigkeit der jüdischen, Arbeiter aller Länder. Diese Einigkeit und die Kampfbereitschaft des jüdischen Proletariats für seine Befreiung und die Weltrevolution zu wecken,' ist die Aufgabe der Poale Zion. Der Weltverband hat nur Daseinsberechtigung, wenn er dieser Aufgabe gerecht wird. O-K-L Das neue Koblenz. Als die französische Revolution den großen Kehraus vornahm und die aristokratischen und klerikalen Latifundienbesitzer zugunsten der besitzlosen Bauern enteignete, da sammelte sich die Reaktion in Koblenz, unweit der Landesgrenze, um von dort, aus den Kampf gegen die Revolution aufzunehmen. Wenn auch die Söldlinge der Reaktion und die von den Pfaffen und Adeligen verhetzten Bauern von den Heeren der Revolution aufs Haupt geschlagen und. schließlich vernichtet wurden, so fügten diese Kriege dennoch der jungen Republik unermeßlichen Schaden zu, indem sie sie lange nicht zur Ruhe und zur aufbauenden Arbeit kommen ließen. Eine ähnliche Erscheinung. erleben wir jetzt da die Völker von Mittel- und Osteuropa darangehen,, sich von der Zwingherrschaft abgehauster Monarchen und Junker zu befreien. In Kurland und Lettland sammeln sich starke reaktionäre Kräfte, zusammengesetzt aus dort verbliebenen Soldaten des ehemaligen deutschen Okkupationsheeres, denen Ansiedlungsland versprochen wurde, und den' baltisch-russischen Junkern mit ihren Söldlingen. Ein zwiefaches Koblenz ist es, das unter der Patronanz der Imperialisten des Westens in Osteuropa errichtet wird. Die offenkundige Absicht dieser schwärzesten Reaktion ist die Wieäeraufrichtung des Zarentums in Rußland, um dann einer neuen-Wilhelminischen Aera in Deutschland >zum §iege zu verhelfen, - i Wes Geistes Kinder diese gegenrevolutionären Truppen unter der Führung des Generals von der Goltz sind, hievon gibt der Bericht des Gewährsmannes der Berliner „Freiheit" Aufklärung wie folgt: Unser Gewährmann traf in Mitau in einem Gasthausc mit einem von der-Front kommenden deutschen Unteroffizier •zusammen. Es war am 2. April 1919. Auf Befragen erzählte dieser in der Schule der feingebildeten deutschen Offiziere zur Bestie gewordene Unteroffizier mit sichtlichem Vergnügen: ,;W.ir hatten 163 Gefangene, die zu uns übergelaufen waren. Sie sagten, sie wären 'keine Bolschewiki, sondern eingezogen worden, als sie ihre Waffen abgegeben hätten. Wir haben sie abgemurkst. Die dummen Schweine fielen noch, auf die Knie und baten, wir sollten doch bedenken, dafi sie yerheiratet seien und Familie hätten. Wir haben sie ausgelacht und gesagt: Wir fauchen Eure Rubel!4' Die Bolschewiki hatten bei ihrer Herrschaft in Mitau etwa 70 Personen in Gerichtsverfahren abgeurteilt. Die Deutschen haben gleich an die 200 Mann nach dem nahen Walde geführt und. erschossen. Nach' drei Wochen lagen die Leichen noch da. Die 'Raben haben sich daran gütlich getan. Jeden Tag wurden Leute um Leben gebracht. Auf bloße Anzeige hin wurde sogar eine ganze Familie, M,ann, Frau und fünf Kinder, im Alter -von einem halben bis zehn Jahren, erschossen. Der Kommandant, ein Major, hat furchtbar gehaust. Die ^Mjtauische Zeitung" schrieb, die Indianer seien auch von der weissen Rasse zur „Kultur" aufgefordert und als sie sich dem nicht fügten, ausgerottet worden. Das sollten sjch die Letten merken'. Die deutschen .Zeitungen schreiben immer So viel von den vielen Hinrichtungen in Riga; sie haben geschätzt, daß im gesamten Bezirk Riga 667 Menschen von den Bolschewisten hingerichtet wurden in drei Monaten. Die Deutschen haben ini drei Wochen in Riga allein 5600 Menschen erschossen. Fast nur Letten." Das Empörendste an dieser Verschwörung gegen die zivilisierte Welt ist, daß die in Deutschland einen Staat im Staate bildenden Offiziere die Machenschaften im Osten mit Waffen, Munition und einer weitverzweigten Werbetätigkeit unterstützen. Die Regierung steht diesem Treiben machtlos gegenüber. Sie hat ihre Sache auf die Bajonette des monarchistischen Offiziersklüngels gestellt und muß jetzt schweigen. Sie, die den Mut aufbrachte, Arbeiterversammlungen und Streiks mit Waffengewalt zu unterdrücken, die eine eigene Strategie zur Erstickung jeder Volksbewegung geschaffen hat, muß jetzt mit gebundenen Händen ihres Schicksals gewärtig sein. Von der Arbeiterschaft verflucht, von der MiHtärkamarilla verraten, das igt das Los der Noske-Scheidemann-Regierung. Doch auch die Bäume der Reaktion wachsen nicht in den Himmel. Es kommt der Tag, da alle unterdrückten Völker, die Esthen, Letten und Finnen sich; mit dem deutschen und russischem Proletariat vereinigen werde», izur Begründung der freien Gesel'rschaft der Schaffenden..;> Indessen sind die roten Trupp«n Sowjet-Rüßländs erfolgreich! vorgerückt. Die EinnahfBe , Pskors. durch die russssene Arbeiterarmee hat dfe Hoffnung aller wahren Freande der Freiheit neu gesiärkt. Sehnen sich unsere Sozialdemokraten naefe den Lorbeeren N'oske-^cheideinann? 'Wollen auch sie die Einheitsfront des Proletariats in d'er 'WeUe herstellen, indem sie dem linken Flügel dieser Front vernichten? Läßt sie der Ruhm der ,}Bc/nvinger" der Voiksrnaritiedivision und der republikanischen roten Volkswehr nicht ruhen? Man greift steh, beim Kopf: M es möglich? Die Rote Garde aufgelöst.. Durch wenn? Nicht etwa durch einen konterrevolutionären Staatssekretär. Nein. Der hyperradikale Vollzugsausschuß hat es beschlossen. Und 'wann? Jetzt. Während die Reaktion ^triumphiert". Unmöglich! Urad doch, eis ist geschehen. Auf echt oesterreichische Art. v-; Die Rote Garde War ihnen allen seit jeher ein Dorn im Auge. NiCht etwa deswegen, weil die Rote Garde sich jemals etwas zuschulden 'kommen ließ. Im Gegenteil. Frage man doch die Wiener Arbeiterschaft einzeln und insgesamt, wann und! wo die 'Rote Garde ein Element der Unruhe, der Unordnung, ioder Pflichtverletzung gewesen wäre. Niemals! und nirgendwo'. Aber geradie deswegen war sie allen Ordnungsjmayern" ein Dorn im 'Auge, gerade weil das 41 Baon treue sozialistische Wacht und kühle proletarische Besonnenheit stets bewahrte, sahen sie in ihm ihren gefährlichsten Gegner. Oft genug haben sie die Rote Garde durch grundlose Verhaftungen provoziert, oft genug durch leichtsinnige Herausforderungen zu unüberlegten Taten gedrängt Vergebens. Und so haben sie' blos den „günstigeni( Moment abgewartet, um die Rote Garde nicht mehr von. der Flanke, nicht mehr hinterrücks, sondern frontal angreifen zu können. (3um Spott und Hohn, zum Ergötzen der gegenrevolutionären Meute. Zum Schrecken und Beklemmen aller aufrichtigen, klassenbewußten Proletarier. \ Mögen sie nun die Siegerpose einnehmen. Feig sind sie, wie diejenigen, deren blindes Werkzeug sie in diesem Falle darstellen. . -v Feig! ECht österreichisch: 1 Warum, inahmen,sie nicht den {offenen Kampf auf, als das Sowjet-Ungarn einer Welt von Feinden trotzte. Warum decken sie sich unter dem Schutz des hypperrevolutionären Vollzugsausschuß. Und Wartun haben sie so lange gewartet., bis nach dem 1. August. \ t Schämen sollten sie sieh, die Vortnippe der revolutionären Volkswehr just zu einem (Zeitpunkte" zu entwaffnen, in dem die Rote Armee ejnseits der Leitha von den Henkersknechten des Kapitals entwaffnet und abgeschlachtet wird. Gegenüber diesen österreichischen Methoden, zwingen einem die Methoden des Wels und des Nosk'e Achtung ab. SChmach und Schande! Indem sie die erhabenen Züele der proletarischen Bewegung mißbrauchen, indem sie die Kampffähigkeit des Proletariats zerstören und dabei von der Einheitsfront reden, verrichten sie unbewußt das edle Werk des Helden, der zu Don Carlos spricht: ,,Ich werde dich morden, aber zu deinem eigenen Besten/' Sozial "HipohFitBn. Sie hatten Millionen Menschen in Tod und Elend gestürzt. Nun, maChdejm sie sich bei lebendigem iLjeib aus diesem Stahlbad hinausschonten und sich die ganze Kriegszeit hindurch mit dem s e e 1 i s c h e n Aufschwung statt physischem Niedergang begnügten; — nachdem sie sich aus zusammengeschossener Jugend, zerstörten Städfcn und vernichteten Fluren Siegeslorbeeren um ihr fron tf lern.es Haupt wanden, suchten sie jetzt sich vor. der sehend gewordenen Welt als die Unschuld vom Reiche hinzustellen. Nach' wahrer Mamelukenart wälzen sie — wie früher die Last des Krieges samt seinen Folgen: (Tod u'nfd Verderben — so jetzfdie Schuld an de'm Kriegsausbruch', an seiner Verlängerung, ati dem schmählichen Zusammenbruch — auf andere. Allerdings, wir befinden uns in einer sehr noblen Gesellschaft: bitte, solche Generalmaulhelden wie Czernin, Erzberger, Hetzendorf und solche ehrenwerte Massenmörder und Erzreichsverderber wie Ludendorff, Hindenburg e.tutti quanti. Auch Kleinharl stellt sich zum' Skandal ein, nur der so redselige Wilhelm — hält schweigend „treue Wacht" in Holland als Granddeserteur seines Volkes', in des! gottgesalbten- Leibes Sicherheit. . i Das alles iwürdc uns kaum wundernehmen. Diese größten Verbredher der Weltgeschichte haben nicht einmal das Zeug zur Verbrechergröße. Sie haben nicht den Mut als Verbrecher „durchzuhalten und ihr größtes Verbrechen besteht wohl darin, daß. sie sich zu ihrem Verbrechen nicht bekennen. Soweit ist alles in Ordnung: sie sollen nun als Feiglinge und Schurken in den Atherom der Verachtung hinabsteigen. Aber fwas wollen denn in dieser Gesellschaft die Müller und Bauer, samt( ihrem; deutschösterreichischen Nachschweif: der schwarz-gelben Pfahl-Demokratie? Was soliden« dieses wkWtmd#k|j*d dfrdeut^Chep„R^voluiion", Sammelt für den 5000 Kronen-Fonds der „Freien Tribüne".