Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 32 (30.8.1919)
- Date
- 1919-08-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Gendarmerie weigerte sich jedoch die Juden zu schützen und sagte, sie habe höhere Weisung nicht einzugreifen. (Aus einem Zeitungsbericht.) Auch die ungarische Gegenrevolution will jüdisches Blut. Auch sie will die heldenmütige Erhebung des un?arländischen Proletariats in jüdischem Blut ersticken. Die wilde Junkerbestie will sich an den Juden rächen. Judenprogrome wüten im schwarzen Ungarn. Sollen wir protestieren? Aber wie protestiert man gegen ein Tier, das sich auf sein wehrloses Opfer stürzt? Es hieße ja gegen die Natur sich auflehnen, wollte man dagegen protestieren, daß blutrünstige Tiere blutrünstig sind. Revolution triumphiert, dort sind Pogrome un möglich. Deswegen ist es unsere heilige Aufgabe, überall für die Idee der großen proletarischen Weltrevolution zu kämpfen. Gegen unsere eigene jüdische Bourgeoisie und gegen alle anderen Proletarier- und Revolutionsfeinde. Dör jüdischen Bourgeoisie aber, die zusammen mit Manfred Weiß uud dem Grafen Bethlen zu den >b esten« Revolutionshassern gehörte, die es wieder einmal zustande brachte, vor den Toren Jerusalems um das goldene Kalb zu tanzen, wollen wir ins Stammbuch schreiben: die Revolution, die siegreiche Proletarier-Revolution tötet keine Holzhändler, schlitzt keine satten Bäuche auf; sie macht sie bloß unschädlich; die Revolution macht aus Holzhänden —Menschen, gute Menschen. Zu ihrem eigenen Wohlergehen und zum Wohleigehen aller Mitmenschen. Proletarischer Klassenlirieg. Diktatur des Proletariats, wie sie geübt wird. Sollen wir um Hilfe rufen? ..... ,-Aber wo.jNärerudie .,,Edle^-4^J^e^^ auf unseren Ruf herbeieilen und der wilden Bestie Halt gebieten? Die Reaktion hat ihre schwarzen Flügel über ganz Europa ausgebreitet, alle Straßen und Wege, alle Wohnstätten unsicher gemacht und wir laufen Gefahr, daß unserem Hilferuf ein verräterisches Raub und Mord verheissendes: Ich komme! widerhallen wird. Hat doch die von unseren „Freunden" nach Polen gesandte Hallerarmee zu den vielen jüdischen Progroms nur noch unzählige hinzugefügt. Haben doch alle Friedensapostel, alle Völkerbefreier, alle Beschützer der kleinen Nationen von dem „heiligen* Völkerbund bis zur auferstandenen P.-Z.-„lnternationaleM bloß soviel Mitleid für die gerechte Sache des jüdischen Volkes aufgebracht, um Untersuchungskommissionen nach Polen zu entsenden, die scheinbar den strikten Auftrag erhalten, keine jüdischen Pogrome in derVergangenheit zuzulassen. Sollen wir uns wehren? Aber wie kann sich Jung-Löwe wehren, wenn Vater-Löwe aus allen Wunden blutend, gefesselt zu Boden liegt? Was vermag das mehrfach bedrückte, von fremden und von eigenen Blutsaugern zu Tod gemarterte jüdische Proletariat, wenn das heroische klassenbewußte ungarische Proletariat dem Wüten des weißen Terrors machtlos zusehen muß? Was kann das schwache winzige jüdische Proletariat gegen jüdische Pogrome unternehmen, wenn die große internationale Proletariergemeinschaft nichts, aber schon gar nichts gegen den großen, einheiilich geleiteten, permanenten Arbeiterpogrom unternehmen kann. Jawohl, wehren sollten wir uns gegen die schwarze Pogrombestie. Das wäre das richtige. Aber da zeigt es sich wieder, daß wir jüdischen Proletarier nur dann wehrfähig sind, daß wir uns nur dann sowohl gegen unsere eigenen Bedrücker — g^egen die jüdische Bourgeoisie, als auch die fremden Revolutionshasser erfolgreich wehren können, wenn unsere großen proletarischen Brüder aller Länder in ihrem Kampfe gegen die Weltreaktion — gegen die imperialistische Bourgeoisie — erfolgreich sind. Das jüdische Proletariat kann an diesem wie an so manchem Beispiel deutlich erkennen, wie eng sein Schicksal als unterdrückteste Klasse des unterdrücktesten Volkes mit dem Schicksal des Weltproletariats aufLeben und Tod verbunden ist Ueberall dort, wo die klassenbewußte Arbeiterschaft siegreich ist, überall, wo es dem Proletariat gelungen ist, die Macht an sich zu nehmen, dort sind Pogrome einfach unmöglich. Denn Pogrome sind die schauerlichste Form, der unverfälschte Ausdruck der Gegenrevolution. Pogrome sind die Reaktion selbst. Dort, wo die der ungarischen Sowjetrepüblifc durch den ReichsvoHzugsausschuß , der Arbeiterräte im März mit der „aufrichtigen" Erklärung des Staatskanzlers anläßlich des Zusammenbruches der Räteregierung im August so findet man, daß die deutschösterreichische Sozialdemokratie einen sehr starken Ruck nach . . , rechts gemacht hat. . Am 21. März bedauerte der Reichsvollzugsausschuß, daß es ihm in Deutschösterreich noch nicht nicht vergönnt ist, dem Beispiel der ungarischen Genossen zu folgen. Nach dem 1. August bekundete der Staatskanzler, wahrscheinlich eingedenk seines Lehres und Meisters Marx, vor aller Welt seine Frende darüber, daß für Deutschösterreich nunmehr die große Gefahr des kommunistischen Gespenstesendgiltig gebannt sei. Die lehrreiche Rückentwicklung der Sozialdemokratie konnte man ja täglich bei aufmerksamen Studium der Arbeiterzeitung deutlich wahrnehmen. Niemals hat die Arbeiterzeitung auch nur ein gutes Wort für die Genossen jenseits der Leitlia gefunden. Oder hat die Arbeiterzeitung schon damals gewußt, „wie es wird". . .?, hat sie schon damals davon Kenntnis gehabt, daß die »alten" Genossen nur zu dem Zwecke in die Räteregierung gingen, um diese unmöglich zu machen? In solchem Falle wären ihre bösartigen, haßerfüllten „Rückenstöße" allerdings verständlich. Erinnert man sich, wie die Arbeiterzeitung täglich sämtliche Bluturteile (?) der Revolutionsgerichte gegen Diebe, Schleichhändler und Arbeiterfeinde sorgfältigst registriert und sie in einer derartigen Aufmachung den Arbeitern aufgetischt, daß jedem Klassenkämpfer das Herz blutete. Erinnert man sich feruer, daß es just die sonst so gut unterrichtete Arbeiterzeitung war, die nur Böses von Räteungarn zu erzählen wußte, dann begreift man, warum zwischen Arbeiterzeitung und Arbeiterschaft eine derartige Kluft entstand. In der Tat. Vernehme man doch die Stimmung der Arbeiterschaft und die Stimmen der Sozialdemokratie. Die Bezirksarbeiterräte fassen einer nach dem anderen Beschlüsse, dahingehend: sie bedauern lebhaft den Sturz der ungarischen Räteregierung, sie betrachten die Niederlage des ungarländischen Proletariats als ihre eigene und als Niederlage des Weltproletariats. Genosse Renner aber ist höchst erfreut, daß die nachbarländische Räteregierung, die trotz aller Verleumdungen so magische ideelle Kraft auf Deutschösterreich ausübte, endlich gestürzt und das kommunistische Gespenst endgültig gebahnt ist. Wahrlich, einen tieferen Abgrund zwischen der Regierung der Arbeiter-Bauern und Bürger und zwischen dem klassenbewußten Proletariat kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Es ist jedoch kein Wunder. Selbst nicht willens und unfähig die Diktatur des Proletariats zu erkämpfen, will man die Welt glauben machen, die Diktatur des Proletariats müsse etwas schönes, etwas gutmütiges, die Barmherzigkeit selbst, ja überhaupt keine Diktatur sein. Sie versuchen daher an Hand der konkreten Tätigkeit der Sowjetregierung zu beweisen, daß die geübte Form der Diktatur nicht schön, nicht barmherzig und daher auch nicht existensberechtigt sei. Die Idee, das Ewige, das wahrhaft Menschliche und Schöne, das die Diktatur des Proletariats schafft und zu schaffen fähig und berufen ist, das wollen sie überhaupt nicht bemerken. Wie anders Marx. Im Gegensatz zu dem Geheul der „guten* Gesellschaft versuchte er die Pariser Kommune trotz ailler ihrer 'natürlichen Mängel als die Verkörperung des wahren Volkswillens zu erkennen. Es gelang ihm auch, alle Greuelmärchen auf das richtige Maß zu ^duz|er^ ^,Die eingewurzelten Gewohnheiten, die den ■ Soldaten unter der Zucht der Feinde der Arbeiter beigebracht wurden, verlieren sich selbstredend nicht in demselben Augenblick, w© diese Soldaten zu den Arbeitern übergehen - schreibt Marx in seiner Adresse des Generalrates über den Bürgerkrieg in Frankreich, , Und weiter: „Das Zentralkomitee und die Pariser Arbeiter waren ebenso verantwortlich für die Erachiessung von Clement Thomas und Lecomte, wie die Prinzessin von Wales für das Geschick der bei, ihrem Einzüge in London im Gedränge zu Tode gequetschten Leute". Marx grblickte seine Pflicht darin, die historische Aufgabe der proletarischen Diktatur — die bürgerliche auf Klassenunterdrückung beruhende Ordnung zu zerstören und eine neue vollkommene Freiheit verbürgende Ordnung herzustellen — vor aller Welt zu veranschaulichen. Im Lichte dieser welterlösenden Bedeutung der Diktatur sieht er auch alle großen und kleinen Mängel der Kommune und versucht sie auch darnach zu werten. So heißt es in der Adresse des Generalrates: „Die Mannigfaltigkeit der Deutungen, denen die Kommune unterlag und die Mannigfaltigkeit der Interessen, die sich in ihr ausgedrückt fanden, beweisen, daß sie eine durch und durch ausdehnungsfähige politische Form war, während alle früheren Regierungsformen wesentlich unterdrückend gewesen waren. Ihr wahres Geheimnis war dies: sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfes der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte." Also glaubte Marx die geschichtliche Rolle der gegebenen Form der proletarischen Diktatur nach deren Niederlage auffassen und erklären zu müssen. Wo bleiben heute die idealen Schwärmer für die Diktatur des Proletariats, die „echten" Kommunisten vom Schlage Max Adlers. Warum schweigen sie, die sich zur Diktatur so oft bekannten, denn heute, da diese Diktatur so verunglimpft, verleumdet und zusammengebrochen ist Warum treten sie nicht hervor und erklären nicht den wahren Sinn, die geschichtliche Bedeutung des «ungarischen Beispiels*. Warum lassen sie denn den BRoßbezähmerM auch das Gespenst des Kommunismus bannen, Jetzt, wo es gilt zu bezeugen wer für und wer gegen ,den Kommunismus ist. ' Genossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die „Freie Tribüne".