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Freie Tribüne · 1919-08-23 · 31 (23.8.1919) · page 3

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
31 (23.8.1919)
Date
1919-08-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 t Freie Tribüne Seite 3 Die zweite Internationale ladet .daher diese Parteien ein, ihre Vertreter zur Mitreise zu nominieren und haben die der zweiten Internationale angeschlossenen Parteien die Pflicht, auf ihre Regieruncgn den schärfsten Druck auszuüben, damit auch den Vertretern der kommunistischen* Parteien die Reise nach .Rußland ermöglicht wird. Nur dann, wenn beide miteinander streitenden Richtungen in der Arbeiterbewegung .ihre in. Rußland gewonnenen Erfahrungen der Wielt gleichzeitig bekanntgeben, wird es möglich werden., sich ein objektives Urteil über den Heldenkampf des rußländischen Proletariats zu bilden und di> richtigen Folgerungen abzuleiten." Mit diesem Antrag sollten wir sonderbares erleben. Zunächst wollten mehrere Genossen (darunter auch ein Mitglied des Verbandsbüros) uns unterstützen. Im' Verlaufe der Aussprache kamen sie jedoch auf den majestätischen Gedanken, unseren Antrag derart zu verstümmeln, daß durch dessen Annahme das Gegenteil von dem erzielt würde, was wir anstrebten. .Sie wollten niimjlich nicht alle der dritten Internationale angeschlossenen europäischen Parteien sondern bloß dte Italiener und Schweizer zur Teilnahme an der russischen Kommission einladen. Das wäre die Fortsetzung des edlen Werkes Macdonalds - der Versuch, die dritte Internationale zu zertrümmern. Es blieb uns nichts anderes übrig, als auch diesen Antrag unter Protest zurückzuziehen. III. Der jüdische Arbeiter Weltkongreß 1. In Anbetracht dassen, daß die Ereignisse und die Liquidierung des Krieges die Probleme der jüdischen arbeitenden Massen noch mehr verschärft, deren, allweltlichen Charakter noch deutlicher veranschaulicht haben, so daß die jüdische Arbeiterschaft — die aktivste und kampffähigste Klasse im Volke — die Gemfeinsamkeit ihrer Interessen und Aufgaben in der ganzen/ Welt und dije- Schädlichkeit ihrer Kräftezersplitterung imm|er mehr begriffen hat, bringt die Beratung ihre Ueberzeugung zum1 Ausdruck, daß dte Zeit , der Koordinierung sämtlicher wirkender Kräfte der jüdischen Arbeiterschaft behufs Lösung aller speziellen Aufgaben des jüdischen Proletariats auf ökonomischen, politischen und kulturellen Gebiet bereits reif ist. Die Beratung beauftragt das Verbandsbüro, im Einvernehmen mit unseren betreffenden Land'esparteien in, Verbindung zu treten mit den verschiedenen jüdischen Arbeiterparteien und Organisationen, damit in allernächster .Zeit ein jüdischer Arbeiter- Weltkongreß auf breitester Basis einberufen wird. 2. Die Beratung beauftragt das Verbandsbüro, im Sinne der obigen Resolution für die 'Idee einer jüdischen Arbeiter- Weltorganisation zu wirken und hierüber eine Abstimmung der Zentralkomitees zu veranstalten. Zusatzantrag zur Frage des judischen Arbeiter Welt-Kongresses. (Serpow und Genossen). „Die Verbandsberatung meint, es1 sei dringend geboten^ daß unsere Landesparteien überall die Idee der jüdischen Arbeiterräte für rein jüdische Landes- und Weltangelegenheiten propagieren, daß sie im' Einvernehmen ,mit den anderen jüdischen Arbeiterparteien so rasch' als möglich solche jüdische Arbeiterräte ins Leben rufen; damit wird der moderne gesunde Boden .für die allweltliche jüdische Arbeiterorganisation geschaffen." Diesen Antrag wähnte die Beratung schon, aus dem einfachen Grunde ablehnen zu müssen;, da ja unser Verbandsbüro für Arbeiterräte bekanntlich seit jeher große Sympathien besitzt.; . Es mag ironisch klingen, Tatsache ist es aber, daß während man sich in Worten istets für die Sowjiets ereiferte, man es aufs Peinlichste vermied, sich irgendwie für den ■Gedanken, der Arbeiterräte zu exponieren oder gar festzulegen, i Man.war eben bestrebt, sich „nach jeder Richtung" hin freie Hand zu lassen .... IV. Zionistisches Aktionskomitee. „Die Beratung beschließt den Vorschlag der Londoner zionistischen Konferenz, einien Vertreter mit beschließender Stimme in das große Aktionskomitee zu entsenden, abzulehnen. Die Beratung hält es nicht für wünschenswert, daß das Verbandsbüro auch weiterhin im Aktionskomitee, sei es mjt beratender, sei es mit beschließender Stimme, eine Vertretung unterhält. Die Beratung beauftrag^ das Verbandsbüro, über die Frage;, ob (die Vertretung des Verbandsbüros im zionistischen Aktionskomitee mit beratender Stimme aufrecht zu erhalten ist, eine Abstimmung der Landesparteieu durchzuführen." Zu diesem; Punkt hat unsere Delegation eine dahin lautende, motivierte Erklärung abgegeben, daß wir es gerne gesehen hätten, wenn die Frage unserer Beteiligung an der zionistischen Organisation in ihrer ganzen prinzipiellen Bedeutung aufgerollt worden wäre. Die eingebrachte Resolution ist danach angetan, die wichtige; prinzipielle Seite dieser Frage zu vertuschen und sie 'mit einer kleinlichen. Frage der jeweiligen Zweckmäßigkeit zu verwechseln. Aus diesem Grunde würden wir, uns an dieser Abstimmung nicht gerne beteiligen. Da es jedoch, wie aus dem Briefe des Genossen Rudel deutlich hervorgeht, der Wille vder Minorität innerhalb unserer deutschösterreichischen Partei ist, daß unser Verbandsbüro sich an dem Londoner Aktionskomitee nicht beteiligt und da anderseits unsere ablehnende oder enthaltende Stimme bei dem gegebenen Stimmenverhältnis diese Resolution zu Falle bringen wird, werden wflr für dieselbe stimmen. Wir halten es jedoch für geboten, die Beratung darauf aufmerksam zu machen, daß der dritte Satz dieser Resolution in hellem Widerspruche zu den ersten zwei Sätzen steht, so daß wir für diesen keinesfalls stimmen können. V. Reorganisation. Zum Schlüsse wurde ein fünfgliedriges Sekretariat des Verbandsbüros gewählt, wobei betont wurde, daß falls eine Komplettierung des Sekretariats erforderlich Wird, dieselbe in erster Linie durch Zuziehung eines Vertreters der linken Richtung erfolgen soll Dem Verbandsbüro würde auch empfohlen, eine Kommission nach Palestina. eine nach Rußland und einen Genossen nach Amerika zu entsenden. Die betreffenden in Betracht kommenden Genossen wurden angemerkt. Proletarischer RlassenMeg. („Schöne" und „häßliche" Revolutionen.) Erinnern wir uns doch noch lebhaft an die „schöne" russländische März-Revolution vom Jahre 1917. Damals schien es, als ob das ganze große ausländische Volk tatsächlich zu einem Volke von Brüdern geworden sei, daß alle Klassenstände und nationale Unterschiede vollständig aufgehoben und es nur noch ein einziges einiges freies Volk gibt. Damals, als noch die Miljukow, Gutschkow Seite an Seite mit Tscheidze, Zeretteli und Tschernow sprechen und jubeln konnten, als der Dumavorsitzende Chomjakow tränengerührt von dem heiligen gutherzigen und „neue" Welten bauenden rußländischen Volke sprach. Wie „schön" war diese bezaubernde Revolution. Später. Im Oktober. Als dasselbe Volk Peters-, burgs, das den Zaren gestürzt und Chomjakow erhoben, dieselben arbeitenden Volksschichten Rußlands, durch die Politik der bürgerlich-sozialistischen Koalition zur Verzweiflung — richtiger gesagt, zum Klassenbewußtsein gebracht, daran gingen, die revolutionäre Macht, die sie zeitweilig in die Hände der Kerenski-Koalition gelegt hatten, an sich selbst zu nehmen, da sprach man nicht mehr von Revolution, sondern von einem Putsch; da hieß es nicht mehr, das heilige Volk erheischt sein Recht, sondern Mordbuben haben sich der Gewalt bemächtigt. Die Oktober-Revolution wird als die „häßliche" abscheuliche geschildert. Als im Oktober 1918 die Völker Mitteleuropas, darunter auch das Ungarische, dem Beispiel Rußlands folgend, die buntfarbigen Tyrannen davojagten, da jubelte.. die ganze Welt: die „Schöne" Revolution ist da, Ueberall gelangten die wirtschaftlich herrschenden Klassen offen oder in verhüllter Form zur Macht und bewunderten die Völker, die derartige „Wunder" gewirkt. Später. Als die Arbeiterschaft Deutschlands daran ging, die Macht, die sie zeitweilig in die Hände oer falschen Freunde gelegt, an sich selbst zu nehmen, da hieß es „Bürgerkrieg", ja „Bruderkrieg". Wie häßlich! Und wozu in die Ferne schweifen. In unserem lieben guten Staate (noch immer nicht Republik) Deutschösterreich. Wer erinnert sich nicht an die „schöne" November-Revolution. An die Tage, da Dinghofer, Hauser und Seitz Seite an Seite zum „Volk" sprachen. Zum guten, gemütlichen Wiener arbeitenden Volke. Sie alle sprachen von Freiheit und jeder dachte dabei an eine andere Freiheit. Aber keiner sagte es offen heraus. Und so wurde das „schöne" Idyll nicht gestört. Alle glaubten sich frei und alle waren zufrieden. Später als ein Teil der Arbeiterschaft sein Recht auf Freiheit geltend machte und meinte: Freiheit bedeutet für uns auch wirtschaftliche Freiheit, da färbte Blut — Arbeiterblut — die Straßen Wiens. Und die Revolution wurde . . . „häßlich." Ungarn sollte eine Ausnahme werden. In Ungarn sollte sich auch die politische Revolution des Proletariats «schön" gestalten. So schien es am Anfang. Als beide Teile der organisierten Arbeiterschaft sich brüderlich die Hände reichten und einig und gemeinsam die Macht ergriffen. Leichtgläubige wollten damals sogar wissen, daß die Bourgeoisie und die Junker sich mit der Diktatur des Proletariats abfinden werden. Die Geschichte wolltediesen naiven Aestethen der Revolution nicht recht geben. Und so entbrannte auch in Ungarn der . . . Bürgerkrieg, der dann in einen — welch „häßliches" Wort! — Bruderkrieg ausarten sollte. Ein Bruderkrieg, eingeleitet und genährt von — welch böse Ironie! — den Marxistischen Aestethen selbst, von den guten, braven Sozialdemokraten. Denn sie gingen — nach ihrem nachträglichem feigen Bekenntnisse — in die Sowjetregierung nur zu dem Zwecke, die schöne Proletarierherrschäft zu untergraben. Und wenn sie heute den Mut finden zu schildern ,wie es ward" und wenn sie heute in ihrer kläglichen Rechthaberei triumphierend heulen: „seht die monarchistische Frucht der kommunistischen Saat", so wollen wir ihrer verbürgerlichten, jämmerlichen Geschichtsauffassung den .ersten Versudf Marxens, ein Stück Zeitgeschichte vermittelst seiner materialistischen Auffassungsweise aus der gegebenen ökonomischen Lage zu erklären", gegenüberstellen. Am 28. Juni 1848 schrieb Marx in der Neuen Rheinischen Zeitung: „Der letzte offizielle Rest der Februarrevolution, die Exekutivkommission, ist vor dem Ernst der Ereignisse wie ein Nebelbild zerflossen. Lamartines Leuchtkugeln haben sich verwandelt in die Brandraketen Cavaignacs. Die Fraternite, die Brüderlichkeit der entgegengesetzten Klassen, wovon dieeine die andere exploitiert, diese Fraternite, im Februar proklamiert, mit großen Buchstaben1 auf die Stirne von Paris geschrieben, auf ejdes Gefängnis, auf jede Kaserne — wahrer, unverfälschter, ihr prosaiischer. Ausdruck, das ist der Bürgerkrieg, der Bürgerkrieg in seiner fürchterlichsten Gestalt, der Krieg der Arbfeit und des Kapitals. Diese Brüderlichkeit flammte vor allen Fenstern von Pjaris am Abend des' 25. Juni, als das Paris der Bourgeoisie illusinierte, während das Paris des Proletariats verbrannte, verblutete, verädizte. Die Brüderlichkeit währte gerade so lange, als das Interesse der Bourgeoisie mit dem Interesse des Proletariats verbrüdert war. —/ Pedanten der alten revolutionären Ueberlieierung von 1793. sozialistische Systematiker, die bei der Bourgeoisie für da.s Volk bettelten und Idenein ertaubt iwjirde, lange Predigten zu halten und (sich so lange zu kompromittieren, als der proletarische Löwe in Schlaf gelullt werden mußte, Republikaner, welche die ganze bürgerliche Ordnung mit Abzug des gekrönten Kopfes verlangten, dynastische Oppositionelle, denen der Zufall an die Stelle eines Minis temvechsete den Sturz einer Dynastie unterschob, Legitimisteti, welche die Livree nicht abwerfen, sondern ihren Schnitt verändern wollten, das waren die Bundesgenossen, womit das Volk seinen Februar machte. — Die Februarrevolution war die< schöne Revolution, die Revolution der allgemeinen Sympathie, weil die Gegensätze, die in ihr gegen das Königtum1 ekl'atierten, unentwickelt, einträchtig nebeneinander schlummerten, weil der soziale Kampf, der ihren Hintergrund bildete, ,nur eine lustige Existenz gewonnen hatte, die Existenz der Phrase, des Wortes. Die Junirevoliution ist die häßliche Revolution, die abstoßende Revolution, weil an die Stelle der Phrase? die Sache getreten ist, weil die Republik das Haupt de»1 Ungeheuers selbst entblößte, indem sie ihm die schirmende und versteckende Krone abschlug. — Ordnung! war der Schlachtruf Guizots. Ordnung! schrie Sebastian^ der Guizotin, als Warschau russisch würde. Ordnung! schreit Cavaignäc, Cdas brutale Echo der französischen NatibnalVersiamlpilüng,; Cund der republikanischen Bourgeoisie. Ordnung! donnerten seine Kartäts'ch'en; als sie dien Leib' des Proletariats zerisseit Keine der zahlreichen Revolutionen der französischen;' Bourgeoisie seit" 1789 tvvar (ein (Ait(entat auf die Ordnung, denn, sie ließ die bürgerliche Ordnung bestehen^ so oft auch die politische Förth dieser Herrschaft und dieser Sklaverei wechselte. Der Juni hat diese Ordnung angetastet. Wehe über den Juni!" (..N. Rh), Z."!29. Juni ,\M&.) Endlich verriet die Juniniederlage den despotischen Mäeilten Europas das Geheimnis), daß Frankreich unter allen Bedingungen den Frieden nach außen aufrechterhalten müsse, Ulm den Bürgerkrieg nach innen füheen zu können. So wurden die Völker, die den Kampf \\m ihre nationale Unabhängigkeit begonnen hatten, der T/ebermächt Rußlands, Oesterreichs und Preußens preisgegeben, aber .gleichzeitig wurde das Schicksal diese/ nationalen Revolutio'nien dem .Schicksal der "pro letarisehen Revolution unterworficri, ihrer scheinbaren Selbstständigkeit, ihrer Unabhängigkeit von der großen sozialen, Umwälzung beraubt. Der Ungar -soll nicht frei sein, nicht der jPiole, «ich tder Italiener, solange der Arbeiter Sklave bleibt! Endlich nahm Europa durch die iSiege der heiligen Allianz eine Gestalt ah, die jede neue proletarische Erhebung, in Frankreich mit einem Weltkriege unmittelbar zusammenfallen läßt. Die neue französische Revolution ist gezwungen, sofort den nationalen Boden' zu verlasse'n und das europäische Terrain zu erobern!, auf dem allein die soziale Revolution des neunzehnten Jahrhunderts sich durchführen kann. Erst durch die Juniniederlage also wurden alle Bedingungen geschaffen, innerhalb deren Frankreich die Initiative der europäischen Revolution ergreifen kann. Erst in das Blut der Juni-Insurgenten gcauchtt, wurde die Trikolore zur :Fahne der europäischen Revolution — tfjur roten Fahne. Und wir rufen; Die Revolution ist tot! - Es lebe die Revolution! Aus der Jiminiederlage des französischen Proletariats Jm Jahre 1848. glaubte Marx die Lehre von der Weltrevolution ableiten zu müssen. Aus der zum großen Teile selbstverschuldeten Augustniederlage des ungarischen Proletariats glauben die Sozialdemokraten die einzige Lehre für sich abzuleiten, nämlich: wenn eine schöne Revolution unmögliotf' ist, dann lieber gar keine; wenn die proletarische Re\&>- lution, d h. die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat nur durdi den Bürger-, ja Bruderkrieg möglich ist, dann wollen wir lieber darauf verzichten und bleiben bei der schönen, die bürgerliche Ordnung nicht antastenden Revolution. ' *" \ Sie möchten die Welt vergessen machen, daß die Ueberwindung der häßlichsten aller Ordnungen— der kapitalistischen — nur durch den Klassenkrieg zu vollbringen ist. Die Revolution ist tot, rufen sie in die Welt hinaus' Es lebe die ftevotöfiofc! rufen wir ihnen entgegen' Auf den Tisch eines jeden jüdischen Arbeiters und Angestellfein gehört die ■ „Freie Trifafune"," rti . ■■ . ' ' t,

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