Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 31 (23.8.1919)
- Date
- 1919-08-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 Freie Tribüne Nr. 31 Wahrhaftig, wir hätten eine deutlichere, offenherzigere Sprache erwartet. Und vor allem: wir hätten Erwartet, däß unsere Oenossen, die der zweiten Internationale so nahe stehen, die sie bei der Arbeit beobachten, ja die dort bereits mitgearbeitet haben, uns etwäs rriehr zur Verteidigung derselben sagen können. paß sie dies nicht vermochten und trotzdem für das Verbleiben plaidierten, scheint uns eine Politik zu sein, die nicht einmal zweckmäßig genannt werden kann. Es blieb alles beim alten. Vergebens war unser Kampf, fruchtlos unser positives Argumentieren. Revolutionärer Qeist läßt sich eben nicht durch Ueberzeügungskraft übertragen. Sind wir in unseren Hoffnungen getäuscht? Durchaus nicht. Niemand von uns glaubte auch nur einen Augenblick daran, daß der Weg nach Moskau über Stockholm führt Haben wir unsere Aufgabe erfüllt? So gut und so schlecht es eben ging. Denn unsere Aufgabe war, Klarheit darüber zu schaffen, daß auch in unserer ßewegung zwei Weltanschauungen um ihre Herrschaft ringen. Das ist uns vollkommen, gelungen. Wir sind unterlegen, aber das ist keinesfalls unsere Schuld. Dürfen wir mit dem Ergebnis zufrieden sein? Wenn wir uns erinnern, daß der Sieg einer jeden großen Idee die Endetappe unzähliger Niederlagen ist, dann können wir zumindest beruhigt sein. Und, was die Hauptsache ist: Auf dem von uns beschrittenen Weg mit Zuversicht, Zielbewußtsein und Opfermut weiterschreiten. Bis ans Ziel. i Auch bei Behandlung aller anderen Fragen konnte man sich immer wieder überzeugen, daß, obwohl die Beratung stets von neuem betonte, sie wolle sich nicht festlegen — sie wolle in dem großen Streit zwischen sozialdemokratischer und kommunistischer Weltanschauung nicht entscheiden, sie tatsächlich stets von neuem für die Erstere entschied. Wer die zum Beschluß erhobenen Resolutionen und Anträge aufmerksam studiert und sie mit denjenigen, die abgelehnt wurden vergleicht, kann dies auf Schritt und Tritt feststellen. Das Charakteristische der zweiten Internationale und deren Anhänger ist es eben, daß nicht bloß zwischen Wort und Tat, sondern auch zwischen Argumentation und Resolution häufig ein unüberbrückbarer Abgrnnd klafft. Von sozialistischen Worten zu sozialistischen Taten. Dies ist eben der Weg, den zu beschreiten es der zweiten und mit ihr auch unserer kleinen poalezionististischen Inter,nationale" widerstrebt. Er muß jedbeh gegangen werden, wenn wir von einer sozialistischen Partei zu einer sozialistischen Gesellschaft kommen wollen. Die Beratung des allweltlichen jüdischen sozialistischen Arbeiterverbandes Poale-Zion, In der 'Zeit vom 21. bis 29. Juli 1919 tagte in Stockhöhn eine Beratung des a'l I Wie 111 i che n j ü d.-s!,o z. Arbe i t e r v e r b a iri d e s >P,oal(e\^Zion. Vertreten waren: das Verbandsbüro durch die Gen. Chasanowitsch, Locker, Kaplan'ski und Rewutzki; die Parteien Polen (Jahrblum), Tschetfi'o-fSiowakei (Rudolf Kohn), Deutschland (Rubaschow), Deutschösterreich (Alexander Serpow, Michel Kohn-Eber und Malice Sc'horr). Gen. Jahrblunr vertflat gleichzeitig unsere Pariser Gruppe. Es 'wurden auch Vertreter aus England, Amerika und Palästina, sowie weitere zwei Delegierte aus Polen, erwartet, die leider nicht rechtzeitig eintreffen konnten. Es wird erwogen, die Beratung, nach Eintreffen dieser Delegationen, fortzusetzen. Die Beratimg wurde am 21. Juli durch' eine Rede des Gen. Locker eröffnet. Nach einigen Gedenkreden und Begrüßungen erstattete Gen. Chasanowitsch den Bericht über die Tätigkeit des Verbandsbüros. Die Delegierten berichteten üben die Tätigkeit der angeschlossenen Landesparteien. Ueber folgende Themen wurde referiert: Das neue Statut der Internationale. (Im Namen der Kommission: Locker.) Der jüdische Arbeiter-IWeltkongreß. (Chasanowitsch.) Unsere Arbeit in Palästina. (Kaplanski.) Reorganisation des Verbandsbüros und die weitere Arbeit. (Im Namen der Kommission: Rubaschow.) Gen. Kaplanski berichtete auch übfer die Zionistische Konferenz in London und über seine Teilnahme im Aktionskomitee mit beratender Stimme. Ueber den Bericht und über die Referate entwickelten Sjich ausführliche Debatten, an denen sämtliche Delegierten teilnahmen. Folgende Resolutionten und Anträge wurden angenommen. (Ein genauer Bericht wird demnächst veröffentlicht.) I. Zum Bericht des Verbandsbüros. Nach Anhörung des Berichtes konstatiert die Beratung imit Befriedigung, daß das Büro energisch und erfolgreich gearbeitet hat. Die Beratung bringt ihre besondere Zufriedenheit Wit dem Erfolg des Verbandsbürosi bezüglich der Anerkennung unserer Forderungen seitens der Internationale zum 'Ausdruck. Die Beratung bedauert, daß das Verhandsbüro in 'derartigen Bedingungen arbeitend, die eine regelmiäßigjg Verlbindung mit den Landesparteien unmöglich machten, nicht 'alles getan hat, um die Einheit dfes Verbandest zu erhalten; den Stellungen und Stimmungen, unserer Landesparteien nicht genügend Rechnung getragen und öfters beeinflußt von den Tendenzen, die in der sozialistischen Bewegung Westeuropas vorherrschten, einige Aktionen unternommen hat, die mit der revolutionären Entwicklung der jüdischen Arbeiterbewegung unvereinbar sind. i Die Beratung bringt den Genossen Chasanowitsch, Locker Und Kaplanski, die die Arbeit des Büros unter den schwierigsten Umständen des Weltkrieges geleistet haben, ihren besonderen Dank, Anerkennung und Vertrauen zum Ausdruck. Antrag Schorr — Rudolf Kohn. (Von den Antragstellern zurückgezogen). „ Nach Anhörung des Berichtes konstatiert die Beratung: Es Ist dem1 Büro gelungen, die Einheitlichkeit der jüdischen Arbeiterbewegung im Kampfe für soziale und nationale Befreiung voir aller Welt zu veranschaulichen und somit seine große Aufgabe zu erfüllen. Dadurch hat das Verhandsbüro die ganze Welt in ihrem1 Verhalten zum jüäisehen Volke günstig beeinflußt und hat speziell die mei Bten sozialistischen Parteien dahin gebracht, ihre Auffassung in der jüdischen Arbeiterfrage radikal zu ändern. In diesem' Sinne wertet die Beratung auch den Erfolg in der zweiten Internationale. Die Beratung kann jedoch absolut dem opportunistischen Geist nicht 'zustimmen, der die ganze Tätigkeit des . Büros beherrscht und der in einzelnen Fällen unsere Idee kompromittieren, und unsere Bewegung in Gefähr bringen konnte. Die Beratung dankt den Genossen Chasanowitsch, 'Locker und Kaplanski für ihre aufopfernde Arbeit in der schweren Zeit des Weltkriege*«. Nachdem die Mitglieder des Verbandsbüros sowohl unsere als auch die ursprüngliche Resolution der Genossen Rubaschew un^l Rewuzki entschiedenst ablehnten, gab Genosse Rudolf Konto in eigenem; isowie im Namen der Wiener Delegation eine motivierte Erklärung, ab, dahinlautend: Da das Verbändsbüro eine prinzipielle Kritik in der Resolution nicht ziiläßft sehen wir uns veranlaßt, unsere Resolution zurückzuziehen und uns an der Abstimmung nicht zu beteiligen. Wir ermöglichen auch dadurch die Annahme einer* dritten mit dem Verbandshüro eventuell zu vereinbarenden Resolution. Wir erklären, daß unsere Nichtbeteiligung nichts mit der Vcr- oder Mißtrauensfrage zu tun hat. Wir sind vielmehr überzeugt, daß unsere Resolution die großen Verdienste des Vierbandsbüros in größerem Maße würdigt als die Resolution-von rechts. II. Resolutionen über die Internationale. I. Die Beratung konstatiert: Daß die gegenwärtige Organisationoform der Internationale und ihre Haltung in- Üer Frage des Friedens den Aufgaben des historischen . Momentes' nichts entsprechen und das jüdische Proletariat nicht befriedigen. Damit die Internationale ihre Mission, den gemeinsamen Kampf des gesamten internationalen Proletariats für seine politische und soziale Befreiung zu Heiten, erfüllen kann, ist es nötig, sie zum höchsten legislativen und exekutiven Organ der Arbeiterklasse der ganzen Welt umzubauen, dessen Beschlüsse für alle Teile bindend sind. Die Beratung hält es für bötig, daß alle Teile der Internationale, unabhängig von ihrem Standpunkt in der Frage des Rätesystems, verpflichtet sind, die Räteregierungen in Rußland und Ungarn im Kampfe gegen jede militärische Intervention zu unterstützen, energisch gegen jeden Versuch der imperialistischen Bourgeoisie, in die inneren Angelegenheiten der Räterepubliken einzugreifen, zu kämpfen und für die Aufhebung der Blockaden gegen diese Länder sowie für die Aufnahme der normalen Handelsverbindungen mit ihnen einzutreten. Die Beratung beauftragt unsere Delegierten auf der Luzerner Konferenz diese Grundsätze mit aller Energie zu vertreten. II. Die Beratung nimmt den Antrag der deulschösterreichischen Partei, der dritten Internationale beizutreten, nicht an und erklärt, daß der Weltverband auf Grund des bisherigen Zustandes in der zweiten Internationale verbleibt. Gleichzeitig beauftragt die Beratung das Verhandsbüro: a) die mit der Frage der zweiten und dritten Internationale zusammenhängenden Probleme sowie die Möglichkeiten der Vereinigung der gesamten internationalen Arbeiterbewegung zu studieren und b) die Frage der zweitein 'und dritten Internationale sowie alle damit zusammenhängenden Probleme auf die Tagesordnung der nächsten Weltkonferenz?u setzen. III. Damit die Tätigkeit der Internationale produktiv sei, erachtet es die Beratung für notwendig,, daß der Klassenkampf des Proletariats in jedem Lande mit größter Energie geführt wird und verurteilt deshalb die Schaffung von Koalitionsregierungen, in welchen sich gleichzeitig proletari- und bürgerliche Parteien beteiligen. Zur Frage der Internationale. (Serpow und Genossen); „Nach Anhörung der Referate in der Frage über die zweite und dritte Internationale meint die Verbandsberatimg, daß die zweite Internationale durch ihre Vergangenheit, Tradition und ihrer derzeiiigen Zusammensetzung, nicht der wahre Willensausdruck des revolutionären Weltproletariats ist. Auch jetzt ist die zweite Internationale geneigt, die große Idee von internationaler pro! e.t arischer P.o^.i.t.i k au fdem Altar der eng ein separatistischen Interessen der Proletarier eines einzelnen Landes aufzuopfern und somit die Politik der Landesverteidigung" herbeizuführen, die das Wettprolctariat in seine nationalen Bestandteile spaltet. Die zweite Internationale ist daher nicht fähig, den internationalen Kampf des Weltproletariats zum endgültigen Sieg -- zur Eroberung der politischen Macht und Verwirklichung des Sozialismus zu führen. Die Beratung meint, difi die dritte Internationale den gesunden Kern darstellt, um welchen sämtliche revolutionären Kräfte des Weltproktoriats sich scharen müssen und welcher allein fähig ist. die proletarische Weltrcvolution einheitlich und international durchzuführen. Die Verbandsberatung ineint daher, daß dei allweltliche jüdische sozialistische Arbeiterverband „Poale - Zion" sich auf den Boden der dritten Internationale stellen muß und beauftragt das Verbandsbüro, der*dritten Internationale, unseren Beitritt anzumelden." Nachdem die Beratung diesen unseren Antrag mit allen gegen die Stimme der Wiener Delegation abgelehnt hat, glaubten einige Genossen diese Ablehnung noch in einer besonderen Resolution demonstrieren zu müssen, wogegen wir energisch protestierten. Es gelang uns jedoch nicht, die Genossen von ihrem Vorhaben abzuhalten und als wir dann erklärten: diese ü be r f 1 ü ssige g ege ti u.,n s g*e r i clh te t e De.m.o.nstration würde uns ernstlich vor die Frage, ob wir noch überhaupt auf dieser Beratung etwas zu suchen haben, stellen, da glaubten die Genossen, uns eine Kompensation zu gewähren, indem sie uns das Recht „einräumen" 'wollten, unseren soeben abgelehnten Antrag auf die Tagesordnung der nächsten Weltkonferen,' nochmals stellen zu dürfen. Wir konnten uns damit nicht zufrieden geben und forderten, daß das Verbandsbüro unseren Antrag auf die Tagesordnung der nächsten Weltkonferenz setzt. Nach Kampf gelang es uns, dies durchzusetzen. Die Beratung glaubte, uns damit das „größte Entgegenkommen" bewiesen zu haben Antrag für unsere Delegation in Luzern. (Serpovv und Genossen). „Die Verbandsberatung beschließt: unsere Delegation in der zweiten sozialistischen Internationale beantragt in Luzern: Sofortige Gründung* eines. internationalen „SOWJET-FONDS" zur Unterstützung aller Sowjetrepubliken. Der Sowjetionds wird durch und unter der klassenbewußten Arbeiterschaft aller Länder und Völker in natura gesammelt( Lebensmittel, Kleidung, Rohstoffe, Produktionsmittel) und wird regelmäßig & allmonatlich nach den Sowjetrepubliken unter Kontrolle und Begleitung der hie/u bestellten Organe der Internationale befördert. Die Sammlung. hätte in der Weise zu erfolgen, daß die Arbeiterschaft die Lebensmittelration sowie den Lohn eines Tages in jedem Monat dem Sowjetfonds widmet und sämtliche Arbeiterkassen einen gewissen Prozentsatz ihrer Einnahmen für den Ankauf von Naturalien beisteuern. Die sozialistischen Parteien aller Länder zwingen ihre Regierungen, die Naturalien zur (Ausfuhr freizugeben und die Beförderung zu ermöglichen.'' Diesen Antrag mußten wir zurückziehen. Ein sehr „linker" Genosse, der im ersten Moment unseren Antrag unterstützen wollte, stellte später den sonder baren Antrag: Da einerseits die Ablehnung unserer Resolution eine offene Verweigerung unserer, im.Uebermaß vorhandenen, Sympathie für die Sowjetrepubliken wäre, da anderseits die Annahme auch nicht ohne weiters (?) empfohlen werden kann, wird der Antrag der Wiener dem Verbandsbüro übergeben. Mit einer solchen Lösung konnten wir absolut nicht zufrieden geben und wir drängten zu einem offenen Bekenntnis f ür oder ge|gen die Sowjetrepubliken. Dieser unsererseits angestrebten Entscheidung wollte die Mehrheit ausweichen und als wir uns davon überzeugten, zogen 'wir es vor, unseren Antrag zurückzuziehen. Antrag für unsere Delegation in Luzer.n. (Kohn. Eber und Genossen.) Antrag für Unsere Delegation in Luzern. (Kohn Eber und Genossen) „Die von der Berner Konferenz beschlossene, nahe Rußland zu entsendende Kommission, darf nicht den Charakter einer Unters;u chu ng sk ommi ssii on tragen, son- , dern soll mit der Aufgabe hingeschickt werden, die Möglichkeit der Vereinigung des Proletariats Osteuropas mit der Arbeiterschaft Westeuropas zu prüfen und die ^on der Sowjetrepublik getroffenen wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen auf ihre Zweckdienlichkeit sowie auf ihre Änwendungsfähigkeit ijti anderen Ländern zu studieren. An dieser Kommission «ollen daher auch Delegierte der der dritten kommunistischen Internationale angeschlossenen europäischen Arbeiterparteien teilnehmen. s^ei Sammelt für den 5000 Kronen-Fonds der. „Freien Tmbüne"