Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 31 (23.8.1919)
- Date
- 1919-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Sie wähnen die Zeit gekommen, die alte, bresthafte, unter der furchtbaren Last ihrer Blutschuld zusammengebrochene Monarchie wieder aufzurichten. In allen Ländern des von den früheren Machthabern geknechteten Mitteleuropa sind dunkle Kräfte am Werke, um die in der größten Götzendämmerung der Geschichte, von der Schaubühne der Weltgeschehnisse weggefegten Herrscherhäuser Habsburg und Hohenzollern, wieder in den Sattel zu setzen. In Ungarn hat die Interessengemeinschaft magyarischer Oligarchen und walachischer Bojaren, der monarchischen Restauration, mit dem Josef Habsburg recte.Alcsüth an der Spitze, zu einem Augenblickserfolg , velmolfen. Von deii Bajonetten rumänischer: Soldaten •;wiöflr^h^fef^sih^ d eingezogen, bereit, das ungarische Volk seinem grimmigsten Feinde auszuliefern, wenn ihnen nur die Ausbeutungsquote gesichert würde. In Deutschland haben die Monarchisten dank dem Verrat des „Sozialdemokraten" Noske, eine rege Agitation im Heere entfalten können, mit der unverhüllten Absicht, die gesammte bewaffnete Macht in den Dienst des Königs von Preußen zu stellen. Auch bei uns in Deutschösterreich sind die Hoffnungen aller verkappten und demaskierten Monar- . chisten erwacht. Was hierzulande aus dem Völkergemetzel reichen Gewinn gezogen hat, sehnt sich nach der „starken Hand", die den Profit protektionieren soll. Hiezugesellt sich noch der ansehnliche Troß der Denkfaulen, deren Weltanschauung sich im „Traum des Reservisten" erschöpft und di eim holden Greislerwahn wieder die Zeit der monarchischen Geistesbenebelung heraufbeschwören möchten. Wir sind wohl frei von dem Verdachte besonderer Schwärmerei für die bürgerliche Republik. Weit entfernt, in den dürftigen Ergebnissen der Novemberrevolution das Kampfziel des Proletariates zu erblicken, können wir doch nicht die Wichtigkeit der republikanischen Plattform verkennen, auf welcher der Klassenkampf erst wirklich ausgefochten wird. Unbeeinflußt von allen überlebten Symbolen des Gottesgnadentums, welches der kapitalistischen Gesellschaft den Nimbus einer „gottgewollten Ordnung" verleiht, soll die große Drohnenschlacht des arbeitenden Volkes gegen seine Ausbeuter anheben. Die Novemberrevolution war die erste Etappe; die Niederringung des feudalen Klüngels, der Fürsten und Generale, der erste Erfolg im Klassenkriege des Proletariates von Deutschösterreich; nun gilt es die Revolution weiterzutreiben, zur Machtergreifung des werktätigen Volkes. Ein Zurück gibt es nicht. Wer das nicht sieht ist mit Blindheit geschlagen. Wir können aber die Errungenschaften der Umwälzung im November, auch nicht preisgeben, weil die erste Voraussetzung des Sozialismus Geistesfreiheit ist. Wir dürfen unsere Kinder nicht wieder der Gefahr aussetzen, in jener Armut des Geistes und Würdelosigkeit erzogen zu werden, welche das Stigma der monarchischen Verfassung bildet. Das Proletariat als Träger einer neuen Weltordnung, als „Fels', auf dem die Kirche der Zukunft aufgebaut werden soll," muß einen geweckten Intellekt besitzen und mit dem besten moralischen Rüstzeug ausgestattet sein; sonst ist der Sozialismus ein Phantom. Nicht zum wenigsten waren die Schwierigkeiten der bislang entstandenen Räterepubliken in der unzulänglichen geistigen Erziehung des Proletariats begründet. Jeder Schritt zur geistigen Emanzipation de/ Volksmassen ist daher ein Schritt auf dem Wege zum Sozialismus. Gegenüber der geisttötenden, geschichtsfälschenden, zum Personenkultus erziehenden monarchischen Verfassung, bedeutet die bürgerliche Republik zweifellos einen gewaltigen Schritt nach vorwärts. Das Proletariat ist die einzige Klasse welche an jedem Fortschritt der menschlichen Gesellschaft ein Lebensinteresse hat. Die Arbeiter waren die Träger und die Paria aller Revolutionen. Die bisherigen Volkserhebungen brachten zumeist bürgerliche Elemente ans Ruder. Doch das revolutionäre Prolerariatb rieht in stetem, unaufhaltsamem Vorwärtsdrängen, Stein um Stein aus dem Gemäuer der Klassenherrschaft, bis die Zwingburgen des Kapitals zusammenstürz en. Daß sie nicht wieder aufgerichtet werden, sei unsere größte Sorge! Die weiße Gefahr droht allerorten. Die Jobber und Junker, die Blut- und Eisen-Wucherer aller Nationen haben ihre Söldlinge mobilisiert, um die um ihr Lebensrecht ringenden Volksmassen in die Ausgangsstellungen von Hunger und Hörigkeit zurückzudrängen. Jetzt heißt es am Platze sein. Keine Errungenschaft der Revolution darf preisgegeben werden, soll die Arbeiterbewegung in ihrer Entwicklung nicht um Jahrzehnte zurückgeschraubt werden. --^E^^ am 21. Juli in der Abwehr der imperalistischeri Attentate gegen die Sowjetrepubliken gefunden haben, muß auch jetzt eine eiserne Phalanx geschlossen werden zum Kampf gegen das dynastische Raubgesindel. Die endgültige Sicherung des arbeitenden Volkes gegen alle monarchischen Gespenster einer fluchbeladenen Vergangenheit, ist aber erst der zielbewußte Krieg der Ausgebeuteten aller Nationen gegen die Parasiten der Menschheit, ist dieWeltrevolution des Proletariats. Nach sechs Jahren. (Zur Weltverbandsberatung.) So hat denn auch unsere Bewegung — die poale-zionistische Internationale" — ihr Stockholm erlebt. Haben sich die Erwartungen, die wir an die Beratungen in Stockholm geknüpft haben, erfüllt? Haben wir selbst die uns übertragene Aufgabe glücklich gelöst? Gelegentlich der Schlußreden meinte ein Teilnehmer der Wiener Delegation, sie könne mit dem Ergebnis der Beratung zufrieden sein. War diese Aeußerung bloß eine aus der Abschiedsstimmung geborene Redewendung, oder gibt sie der wirklichen Ueberzeugung der gesamten Delegation Ausdruck? Wie das internationale Stockholm vom Jahre 1917, sollte auch unsere Beratung zunächst bloß Klarheit über die Anschauungen und gegenseitigen Beziehungen der Parteien schaffen, den Wiederaufbau des Verbandes vorbereiten und eine koordinierte Mitarbeit aller angeschlossenen Gruppen ermöglichen. Die Beratung sollte aber auch eine ganze Reihe wichtiger Fragen unserer großen politischen Arbeit, darunter auch den seitens unserer Partei auf die Tagesordnung gestellten Antrag auf Eintritt in die III, Internationale prüfen und, wenn auch provisorisch, erledigen. Leider war auch rein technisch unser Stockholm demjenigen der zweiten Internationale vom Jahre 1917 sehr ähnlich. Infolge des noch immer andauernden Kriegszustandes sowie der Paß- und Verkehrsschwierigkeiten waren die Delegationen mehrerer großer Landesparteien verhiudert, rechtzeitig in Stockholm einzutreffen, so cjaß die Fortsetzung unserer Beratung mit den bisher nicht vertreten gewesenen Parteien wie Amerika, England und Palästina in Aussicht genommen werden musste. Schon die Aussprache, die auf den Bericht über die Tätigkeit des Verbandsbüros folgte, zeigte uns, daß wir, die Wiener Delegisrten, einsam dastanden. Während die meisten Genossen (besonders der Vertreter Polens) dem Verbandsbüro wegen einer ganzen Reihe von Handlungen scharf zu Leibe gingen, glaubten wir in dieser Beziehung ziemlich zurückhaltend bleiben zu können. Waren doch die Genossen, die die schärfste Kritik geübt hatten, vollständig im Banne der im Verbände vorherrschenden Anschauung, nur glaublen sie, daß in einigen Fällen das Verbandsbüro seiner eigenen Ueberzeugung untreu geworden, beziehungsweise zuwider gehandelt hatte. Wir hingegen wiesen darauf hin, daß die allgemeine Orientierung des Weltverbandes, die sich ganz an den revisionistischen Flügel der Arbeiterbewegung anlehnte, folgerichtig zu solchen, die Einheit der Bewegung gefährdenden Handlungen führen mußte, und es am allerwenigsten denjenigen Parteien, die selbst revisionistisch sind, anstehe, so scharte Kritik zu üben. Unsere Beteiligung an dieser ziemlich fruchtlosen Debatte beschränkte sich hauptsächlich darauf, die sich in Details verlierende Kritik auf das Prinzipielle zurückzuführen. Sonderbar war die Stellung des tschecho-slp- ^akisehen^Delfegierfeii; In seiner: a-flfe'S ver r n?i cjit e n d e n K r i t i k meinte er, daß einzig und allein der in unseren Parteien herrschende opportunistische Geist an allem schuld wäre. Das Verbandsbüro hätte stets nur Diplomatie getrieben, die wie jede Diplomatie, manchesmal — z B. in Bern, Amsterdam u. a. tri. — von Erfolg, noch öfters aber, von Misserfolg begleitet war. Prinzipielle Folgerungen für die ganze Stellung unseres Weltverbandes innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung wollte er jedoch nicht ableiten. * Peinlich enttäuscht wurden wir erst in der großen Debatte über die zweite oder dritte Internationale. Nicht etwa deswegen, weil wir schon von vornherein das Schicksal unseres Antrages besiegelt wußten. Im Gegenteil, das gab uns den Ansporn, mit Einsatz unseres ganzen Könnens und Wissens unseren Standpunkt zu vertreten. Sonderbar wirkte auf uns die laue Verteidigung der zweiten Internationale seitens unserer Genossen von der Rechten. Verte idigung? ... Mit vollem Recht meinte der Korreferent, das offizielle Referat des Verbandsbüros für die zweite Internationale sei wohl die beste Anklagerede gegen dieselbe gewesen. Deprimierend mußte es wirken, ununterbrochen zu hören: »die zweite Internationale wäre alles eher denn unser Ideal; sie sei opportunistisch, besitze fast gar keinen revolutionären Geist, sie sei überhaupt nicht das, was eine Internationale sein soll. Und gleich darauf: deswegen müssen wir in dieser zweiten Internationale verbleiben, wir müssen sie revolutionieren, wir müssen in ihr den in der dritten Internationale im Ueberfluß vorhandenen revolutionären Willen hineintragen. Wir, Poale Zion." So die Argumentation des Referenten. Wahrlich, man wäre versucht, die Geschichte kindisch zu nennen, wenn sie nicht von und für Erwachsene vorgetragen worden wäre. Ueber alle Massen naiv war es, im Verlaufe der Aussprache auf den echt Bernstein'schen Gedanken zu verfallen: wir Poale Zion wären die Berufenen, ja geradezu von der Natur dazu Geschaffenen, zwischen der zweiten und dritten Internationale zu vermitteln und beide zu einer zusammen zu schweissen. Oder war es ein Kokettieren mit dem linken Flügel? Wer weiß, wozu die Sprache der Diplomatie gebraucht wird. Genossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die „Freie Tribüne".