Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 29 (2.8.1919)
- Date
- 1919-08-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Freie Tribüne Nr. 29 MinoFitätenscliütz. Der Vertrag «wischen den alliierten Großmächten und Polen. Zwischen den alliierten Großmächten und der polnischen Republik wtitäe am 28 Juni ein Vertrag über den Schutz der Minoritäten innerhalb der polnischen Reichsgrenzen abgeschlossen) Der Vertrag umfaßt vier Hauptgebiete: die Gleichberechtigungsfrage, die Schulfrage, das religiöse Gebiet und die Garantie des Völkerbundes. Hinsichtlich des Gleichberechtigungsartikels ist besonders zu bemerken, daß hiermit die sogenannte Litwakifrage endgül* tig gelöst wird. Die Kurzsichtigkeit und Undankbarkeit der polnischen Machthaber hatte bekanntlich den unseligen Beschluß gezeitigt, Zehntausende von russischen Juden, die in den letzten 4—5 Jahrzehnten nach Polen eingewandert sind und in ihrer neuen Heimat Industriezentren von Weltbedeutung geschaffen, ohne weiteres auszutreiben. Der Pariser Traktat erklärt die eingewanderten Litwaki, die bis zum I.August 191Q in Polen ihren Wohnsitz haben oder hatten, als polnische Staatsbürger, soweit diese hiergegen keinen Einspruch erheben. Die Bestimmungen über das Schul- und Erziehungswesen anerkennen das Projekt einer einheitlichen staatlich zentralen Schulverwaltung für ganz Polen, wie es die jüdische Delegation in Paris verlangte, nicht. Nur die einzelnen Gemeinden erhielten die autonome Schulverwaltung. Die von den jüdischen Gemeinden eingesetzten lokalen jüdischen Schulkomitees erhalten aus öffentlichen Mitteln die Kosten »zum Zwecke der Sicherung der Organisation und der Leitung ihrer Schulen.« Diesen Schulen steht es frei, den Unterricht in der von ihnen gewünschten Sprache zu erteilen, während die polnische Regierung das Recht hat, den Unterricht in der polnischen Sprache auch in diesen Schulen für obligatorisch zu erklären. Eine empfindliche Lücke ist es, daß diese Wohltaten sich nur auf die Elementarschulen beziehen. Zwar erkennt der Artikel 8 den Minoritäten das Recht zu, »Schulen und andere Erziehungsanstalten zu gründen, zu leitenundzu überwachen,« jedoch unter der wesentlichen Bedingung, daß diese Anstalten auf eigene Kosten erhalten werden müssen. Der Sabbath-ATtikel (§11) besagt: »Die Juden können nicht zu irgend welchen Handlungen gezwungen werden, die ihren Sabbath verletzen.« Durch den Garantieartikel (§ 12) wird dem Rate des Völkerbundes das Recht und die Pflicht auferlegt, für die Durchführung des Traktates Sorge zu tragen. Die Unterhändler in Paris, 4ip ^'r WpH den tieptM. rfp«»',ii««r«mne{iw».. jreüen uer weil ucn Frieden Dringen wollen, sind bei den Forderungen von 1789 nach individuellen Menschenrechten stehen geblieben. In der Epoche des Selbstbestimmungsrechtes der Völker kann für das jüdische Volk die Gleichberechtigung des Einzelnen nicht genügen. Was wir fordern, ist das Recht des jüdischen Volkes auf sein nationales Leben in der Form der nationalen Autonomie. Das Zugeständnis an die einzelne Gemeinden, die Schule nach eigenem Willen einzurichten, wirdeine kurzsichtige Kirchturmpolitik in dieser Lebensfrage zur Folge haben, 46 daß uns'ere» Elerftörftarforderung nach der Einheitsschule in Frage gestellt erscheint. Nur die nationale Autonomie gewährleistet die Möglichkeit einer großzügigen Schutpolitik in erzieherischem" Geiste. Es sei noch bemerkt, daß wir der Garantie dieses Völkerbundes, bei dem Kapitalsinteressen im Vordergrunde sind, sehr skeptisch gegenüberstehen. Die Antwort Lord Robert Cecils auf die Anfrage über Pogrome in Polen mag als Beweis dienen. Die revolutionäre Arbeiterschaft wird dem prolelarischen Selbstbestimmungsrechte zum Siege verhelfen und wird auch für das arbeitende jüdische Volk die Möglichkeit für ein freies nationales Leben schaffen. —v-£=g aus der Internationale. Deutschland. Die Mehrheit in der Nationalversammlung, weiche zu ihrem Leidwesen immer mehr erfahren muß, daß das werktätige deutsche Volk dem Theaterspiel in Weimar keinen Beifall zollt, hat ein starkes Bedürfnis nach Sensationen. Nur sio ist es zu erklären, daß Zentrumsleute und Mchrheitssozialisten, welche die wahren Stützen aller Regierungen während der Kriegszeit gewesen sind, und fromm für die Kredite gestimmt haben. Sich nun plötzlich als die irregeführten, unschuldigen Lämmer hinstellen und alle Schuld an. Üer Schmach des Vaterlandes auf die längst überwundene abgctackelte Vaterlandspartei und die politisierenden Generale schieben möchten. 1 Die Verantwortlichkeiten für den Zusammenbruch Deutschlands werden nicht mir durch die aus den Archiven zutage geförderten Dokumente festgestellt. Daß. die Junker und die Schwerindustn'elleii einen Siegfrieden wollten und die höheren Offiziere und Regierungsmänner gianz unter ihrem Einflüsse standen, war niemals ein Geheimnis. Die Unabhängigen hatten im früheren deutschen Reichstag,,wiederholt auf diese Tatsache hingewiesen und sich1 von seiteu der So'zialpatriotcn nur den Vorwurf des Hochverrats geholt. Verantwortlich für den Krieg bis ans bittere Ende sind eben auch die Mehrheitssozialisten, welche, als es noch £'oit war, nicht die Charakterfestigkeit besaßen, aus den ihnen bekannten Tatsachen die notwendigen Folgerungen zu ziehen. Daß die Vergewaltigung der Proletarier in Deutschland noch unvermindert fortbesteht, davon bringt jeder Tag der Herrschaft der Mehrbftj^c^io^gWn. -{^^hä wn.Ho.- Beispiele. I> IlTlwiCr größer wird das Monument der Schande, das sich die Militärjustiz in Bayern gesetzt hat. Die schrecklichen Verbrechen, deren sich die -Regierungstruppen des PseudoSozialisten Hoffmann bei ihrem Einmärsche in München schuldig gemacht haben, bleiben ungiesühnt. die Männer aber, welche die Befreiung des Proletariats zu ihrem Ideal erhoben haben, werden an ' Leben und Ehre gemordet oder in die Kerker geworfen. Nach efer scheußlichen Hinmordung Landauers und Levines die drakonischen Urteile gegen Toller lind Wadlcr, Neurath und Axelrod, Welch letzteren das „heilige" Land Tirol ausgeliefert hatte. Im Gegensatz zu dieser schmählichen Haltung der Mehrhcitssozialisten, welche den Gedanken des Sozialismus in den Kot zerren, vollzieht sich eine immer deutlicher werdende Einigung der Unabhängigen mit den Kommunisten in der Forderung der Räteverfassung. Dieseim Vollzu^srate der Arbeiterrate Groß-Berlins klar zutage getretene Richtung« führte schließlich zum Austritte der Demokraten und Mehrheitssozialisten und gab dem Vollzugsrat den revolutionären Charakter wieder, den er zufolge seiner geschichtlichen Aufgabe besitzt. Ob sich Deutschland unter der Leitung Noskes zum Gendarm der bürgerlichen ,.Ordnung" in Europa entwickeln, oder ob es die Bahn des aufbauenden Sozialismus beschreiten wird, hängt wesentlich davon ab, ob die Proletarier alier Völker sich der Internationale der papierenen Resolutionen oder der Internationale der Tat anschließen werden. Die Arbeiterklassen aller Länder mögen sich aber darüber klär sein, daß ebenso wie der Sieg der Arbeiter in einem Lande einen Schlag gegen den Weltkapitalismus bedeutet, jeder Erfolg der Reaktion der Sache des Weltproletariats unermeßlichen Schaden zufügt. Sowjet-Ungarn in Bedrängnis. Die Haltung der kapitalistischen Westmächte Sowjet- Ungarn gegenüber, weiche zu den größten Schändlichkeiten der Geschichte gehört, hat die junge proletarische Republik - gezwungen, den Versuch zu unternehmen, mit Gewalt ihr Rech t zu leben durchzusetzen. Daß dieser Versuch vor. läufig mißlungen ist, tut der Berechtigung desselben keinen Abbruch. Die Bojarenherrschaft in Rumänien wird ihres Pyrrhussieges nicht lange froh 'werden. Die geknechteten Landsklaven Rumäniens 'werden unter dem Einfluß der beiden Räterepubliken bald der Herrlichkeit ihrer Peiniger ein Ende bereiten. Daß die tschechoslowakischen Pseudosozialisten mit ihrem Minister Tusar an der Spitze, ihren proletarischen Brüdern in Ungarn den Fuß auf den Nacken setzen wollen, ist eine Folge des chauvinistischen Ueberschwanges, der die Hirne der tschechischen Arbeiterführer unfähig zu proletarischem Denken macht. Auf die brüderliche Note Bela Kuns, der an das Klassenbewußtsein Tusars appellierte, antwortete dieser in dem Tone des berüchtigten Ultimatums Oesterreichs an Serbien. Die tschechischen Regierungssozialisten laden die schwere historische Schuld auf sich, die ersten w i rk:.l i »dhfe-n Emanzipationsversuche des Proletariats gewaltsam verhindert zu haben. Diejenigen tschechischen Arbeiter, welche in der dritten Internationale vertreten sind, besonders die klassenbewußten 60.000 Männer und Frauen in Kladno, werden den „Führern" die Schändlichkeit ihrer Handlungsweise vor Augen führen. Der Sozialismus aber wird sich durch nichts auf seinem siegreichen Vormarsch aufhalten lassen. Glossen und Notizen. Der Protektor England. Die „F r c i h e i t" meldet betreffs der Palästinafrage vom Nachrichtendienst der Delegation der jüdischen Nationalräte in Paris, daß jeder, der 'zur Zeit der Unterzeichnung des Friedensvertrages in Palästina Wohnt oder im Laufe der nächsten zwei Jahre dorthin einwandert und keine andere Feuilleton. Zum zehnten Todestag 3abob Bordins. Trotz der Hunderttausende, die das Publikum bilden, kann die Zukunft des jüdischen Theaters einen machtvollen Dichter nicht erhoffen, so lango die Autoren Leute sein werden, wie ich, die also nur durch Zufall Dramatiker geworden sind, die Stücke nur schreiben, weil die Bedingungen ihres Lebens sie dazu zwingen. Jakob Gordirj. In der Geschichte des jüdischen Theaters und des jüdischen Dramas wird Jakob Gordin stets eine der wichtigsten Stellen einnehmen. Sein Vorgänger auf diesem1 Gebiete, Ab'ra- Iha'm (Goldfaden, War wiohl der erste, der Ende der siebziger IJahre des vergangenen Jahrhunderts die Idee des jüdischen •Theaters zu. verwirklichen, versuchte, aber er konnte nicht 'durdhgreifen, sein Theater in Odessa Twar bald von der russischen Regierung gesperrt, Goldfadens eigenen historischen Operetten vom Typus „Barkochba" ,.Sulamith" sind literarisch izit (minderwertig. Jakob Gordin ist es, der da den eigentlichen grundlegenden Baustein einer weiteren Entwicklung gelegt hat. Freilich ist es jetzt leicht, von der Warte europäischer Dramenkunst uns'ern Dichter von oben herab' anzusehen, lauf seine greifbaren künstlerischen Mängel mit dem Finger hinzuweisen — Im'an darf aber über dem allgemein künstlerischen den spezifisch historischen Wert nicht übersehen, Über dem Suchen nach Ewigkeitswerten, den beschränkten iZeitjwiert nicht vergessen. : Jakob Gordin ist 1853 in Mirgorod, Gouvernement Pol- Itahva, in Rußland geboren. Dort verlebte er auch die jüngere Periode seines Lebens. Er wechselte mehrere Berufe: war russischer Journalist, Lehrer, Schauspieler, Hafenarbeiter und Schließlich Baiser in einer jüdischen Kolonie. Von der Tolstoischen Ideenwelt durchdrungen, trug er sich mit großen reloririatorischen Plänen herum und gründete sogar im Jahre 1880 eine „geistlich-biblische Bruderschaft", die Judentum und Christentum auf dem Hintergründe des Urchristentums Verbinden und versöhnen sollte. Im zarischen Rußland War aber kein. Raum' für Reformpläne, Gordin wurde politisch verdächtig und Wandertc — schon fast ein Vierziger — nach Amerika aus. Hier Wollte er anfangs eine Kolonie auf kommunistischer Basis gründen, fand aber nirgends Verständnis für Üie Sache und mußte bald den Plan aufgeben. Auf der Suche nach Erwerbsquellen kam nun der gewesene Journalist und Schauspieler auf den Gedanken, Stücke für das jüdische Theater izu schreiben. Sein erstes Stück hieß „Sibirien" und Ivvurde 1892 in Newyork aufgeführt. Im Laufe der folgenden zWanzig Jahre seines Lebens schrieb' Gordin über 80 Theaterstücke. :Um ihre Prudklcgung hat er Bich Weniggekümmert, es sind auch bei Weitem nicht alle im Drucke erschienen. Es' War eine fieberhafte Tätigkeit für den Tagesbedarf, bei festgesetzten! Lieferungstermin, mit der notwendigen Rücksicht auf den Augenblickserfolg — ein Hasten und Jagen ohne Rast und Ruh. Seine besten Dramen dürften wohl sein: „Mirele Efros". „Gottl Mensch1 Teufel" und;,Elisa ben Abuja". — Dabei hetätigte sich noch Gordin in hervorrarjajgi'cjiicljem Maße ■auch' als Schriftsteller auf anderen Gebieten: als Novellist, Satiriker, Publizist, Rezensent und trat auch lauf als Agitator, als Versamhilungsredncr, als Vortragender, als Popularisator. Als Dichter War Gordin, keine ursprüngliche, keine schöpferische Natur. Alle seine Dichtungen tragen den Stempel der Zufälligkeit» des Nachempfindens und Nacherlebens. Sein Schaffen Wurzelt nicht im weltanschaulichen Ringen einer großen Persönlichkeit, es steht vielmehr in losestem Zusammenhang mit seinem inneren Erlebnis, So läßt sich für jekles1 Drama Gprdins sogleich ein Vorbild in der europäischen Literatur nachweisen. Um nur einige Beispiele zu erwähnen: „Gott, Mensch und Teufel" — in Anlehnung an Goethes „Faust", ,,Der Unbekannte" ist eine Bearbeitung von L. AndrejcWs „Das Leben eines Menschen", „Die Schewye" — von Gerhart Hauptmanns ,,Fuhrinann Henschel", (ähnlich: „König Lear", ,,Sappho", „Medea" usw. Ein Dramendichter scheint ihn besonders und ein« für allemal gefangen zu haben: nämlich der Russe Ostrowski, der in den Siebziger- und Achtzigerjahren des vergangeneu Jahrhunderts die russische Bühne beherrscht hat — ein „Dichter des Kaufmannsstandes", wie ihn die russische Literaturgeschichte Wegen des ausschließlichen Mi. Heus seiner Dramen nennt. Den Ostrowski kannte und viel. leicht auch spielte Gordin schon in seiner russischen Lebensperiode, und von ihm scheint er in der Moral sowie in der gesamten inneren Konzeption seiner Dramen stark beeinflußt zu sein. Es (wird wohl mit diesem Vorbild in Zusammenhang stehen, Wenn Gordin merkwürdigerweise nur ein einziges Milieu in allen seinen Dramen kennt — das bürgerliche Kaufmannsmilieu: hier entstehen und 'lösen sich alle seine tragischen Konflikte. \ Was uns also eigentlich Gordins dichterische Gesamtschöpfung bietet, ist eine Uebertragung mannigfacher fremder Motive und Probleme auf den Boden jüdischer Wirklichkeit. Es ist aber keine mechanische Uebertragung, sondern, 'zugleich auch eine Anpassung, eine geschickte Stilisierung. Dieser Milieuwechsel bildet nicht etwas Einzigartiges in der Geschichte der Dichtung: ein naheliegendes Beispiel dafür ist Ankehgruher, der die IbsensChe Problematik im österreichischen, Bauernmilieu zu diskutieren versuchte. In Verbindung mit dem Theater sind zwei Begriffe nicht zu verwechseln: Dramatiker und Theatraliker. Die ewigen Zwiespälte des Seins' bilden die eigentliche Wurzel des dramatischen Schaffens;, der Wahre Dramatiker ist in seinem Wesen dualistisch gerichtet, er denkt und fühlt antithetisch. Der Theatraliker dient* vor allem dem' Theater« und Bühneneffekt, er ist in seinem Tun vor allem Techniker, der gewisse Mittel der Beherrschung seines Publikums Von der Bühne aus kennt und ausnützt. Die Dinge und Verhältnisse des Lebens berührt er nieist von der Oberfläche, auch Wenn er sich tief!zu sein gebärdet; er spricht nicht aus der Weltanschauung heraus 'zur Weltanschauung, er (Wühlt nicht innerlich' auf, er ist aber farbenreich, witzig, gefällig moralisierend, amüsant, verständlich' und bloß für den feineren Geschmack — aufdringlich, schreiend, platt, anödend ,..(... Das Schaffen unseres Gordin liegt im ganzen auf diesem Gebiete des Theatralischen. Tragische Konflikte in eigentlidher, tieferer Bedeutung des Begriffes kennt er nicht: an. statt des Tragischen — bloß das Traurige. Auch die Anlehnung an große Schöpfungen anderer Dichter bringt ihn nicht aus diesem Geleise. Goethes Mephisto hat es Wahrlich nicht leicht mit seinem Doktor Faust gehabt, der es ergründen Wollte, „was die Welt im Inneren (zusammenhält": der arme Teufet wird ihm zum Sklaven und keine seiner |^ Sammelt für den 5000 Kronen-Fonds der „Freien Tribüne".