Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 28 (26.7.1919)
- Date
- 1919-07-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Freie Tribüne Nr. 28 bloß eine Vertauschung der Rollen stattgefunden. Die Herren von gestern gehen im Büßergewande einher und die Unterdrückten von ehedem schwingen die Peitsche. Im gegenwärtigen Zustand Europas sind die nationalen Spannungen nicht ausgeglichen, sondern im Gegenteil ungemein verstärkt. Die Anzahl der nationalen imperialistischen Armeen ist größer geworden. Jeder der neugegründeten Staaten birgt eine Irredenta in sich. Der von den kapitalistischen Chauvinisten aller Nationen heiß ersehnte und stürmisch begiüßte Weltkrieg hat sich als untauglches Mittel zur Ausgleichung der nationalen Gegensätze erwiesen. Das als einzige Rettung gepriesene Unheil konnte eben wieder nur Unheil gebären. Wir s^hen also, daß der bourgeoisen Weisheit höchster Schluß, die Balkanisierung Europas, keineswegs die nationale'Frage bereinigt. Immer mehr stellt sich die Unmöglichkeit heraus, volklich einheitliche Staaten auf ethnographisch eindeutigen Territorien zu schaffen. Gar nicht 7U reden von dem Imperialismus der neuen Herrenvölker, die einem solchen Vorhaben mit der größten Feindseligkeit begegnen würden. Die jahrhundertelange ökonomische Zusammenschweißung der Völker in Oesterreich und Rußland hat die ethnografischen Grenzen verschoben und vielfach ganz verwischt. In allen Landesteilen dieser Staaten gibt es versprengte nationale Inseln und ein genaues Schema für die Gliederung großer Staaten nach der nationalen Zugehörigkeit ihrer Bewohner läßt sich gar nicht ausdenken. Durch die von den siegenden nationalen Bourgeoisien geschaffene Situation wird eine Absplitterung bedeutender Volksteile vom Mutterlande geradezu bedingt. Das ist sowohl in Deutschland als auch in Deutschösterreich, Polen, Ukraine und Rußland der Fall. Diese Tatsache ist vom Gesichtspunkte der Kulturmenschheit außerordentlich beklagenswert. Aller Kulturarbeit, die ja nationalen Charakter hat, wird ein schwerer Hemmschuh angelegt. Von einem Schutze der nationalen Minderheiten kann bei dem bis zur Raserei gesteigerten Selbstgefühl der neuen Herren keine Rede sein. Da jede Wirkung vonf Mutterlande aus durch die eifersüchtig bewachten neuen Staatsgrenzen unmöglich gemacht wird, sind die volklichen Minoritäten genötigt, den Kampf gegen ihre Zwingherren aus eigener Kraft zu führen. Sie gelangen niemals zu wirklich aufbauender, schöpferischer Tätigkeit, da sie alle Energien in diesem ungleichen Ringen verbrauchen. Die allmähliche, aber sichere Verelendung der von ihrer Kraftquelle gewaltsam ferngehaltenen Volkssplitter ist die unausbleibliche Folge der Gewaltakte von Versailles und St. Germain. Für das jüdische Volk und insbesondere für das jüdische Proletariat, als den eigentlichen Kulturträger in den jüdischen Massensiedlungen in Osteuropa, bedeutet das Emporkommen der Nachfolgestaaten eine schwere Einbuße seiner kulturellen Lebensmöglichkeit. Das Netz der in gemeinsamer Arbeit geschaffenen Lebensformen, das die Juden von Rußland, Litauen und Polen miteinander verband, wurde jäh zerrissen. Die mustergült'gen Organisationen, die sich die jüdische Arbeiterschaft trotz der Todfeindschaft des zaristischen Regimes geschaffen hatte, verloren durch die neuen unüberschreitbaren Staatsgrenzen jeden Zusammenhang. Eine neue Teilung und Stückelung des jüdischen Volkes fand statt. Die in den einzelnen Staaten eine wehrlose Minderheit gewordenen jüdischen Volkssplitter wurden ganz der Siegerlaune der Herrennationen ausgeliefert und bald waren Judenmeizeleien und Pogrome in Polen und in der Ukraine an der Tagesordnung. Die durch die imperialistischen Unterdrücker für die volklichen Minderheiten geschaffene Lage wäre trostlos und jeder Aussicht auf endgültige Lösung bar, wenn die Balkanisierung Europas das letzte Wort der Geschichte wäre. In diesen schweren Tagen des höchsten Triumphes einer siegreichen Soldateska, da die Gewalt höhnend das Recht und das Leben zertritt, vernehmen wir die Heilsbotschaft aus dem Osten: Völkerfriede, durch VöJkerfreiheit Die russische Räterepublik hat den Anfang gemacht. Den im Räterußland wohnenden Völkerschaften wird das vollständige Selbstbestimmungsrecht gewährt. Man geht hier bis zur äußersten Konsequenz, bis zur Gründung von besonderen nationalen kleineren und größeren Sowjetrepubliken. Die Grenzen der einzelnen Kommunen sind rein ethnographische. Alle umschlingt das einigende Band des zur Tat gewordenen Sozialismus. ' Während in West- und Mitteleuropa die Imperialisten sich abmühen, einen möglichst großen Herd künftiger Kriege und ewiger Zwistigkeiten zu schaffen, während die kapitalistischen Regierungen den nationalen Hader verewigen möchten, wohl wissend, daß dadurch auch dem Klassenkampfe des Proletariats der größte Abruch getan wird, sind unsere Brüder in Sowjetrußland die Schrittmacher' und Wegbereiter der Völkerfreiheit und Völkerversöhnung, der in gemeinsamer Arbeit aufwärts strebenden Menschheit. Der Tag des Sieges^ der Weltrevolution wird der Befreiungstag für die nationalen Minderheiten sein. Dann werden alle Völker geeint und befreit sich finden, bunte Steine in dem herrlichen Mosaik der Welt. ' Die Völker in der Verfassung der ungarischen Räterepublik. Der siebente Abschnitt des Verfassungsentwurfes der ungarischen Republik behandelt die Nationen in der ungarischen sozialistischen Bundes-Räte-Republik. Jede in der Bundes-Räte-Republik lebende Naüon kann ihre Sprache frei gebrauchen und ihre nationale Kultur pflegen und entwickeln. Zu diesem Zweck kann jede Nation, auch wenn sie nicht auf einem zusammenhängenden Gebiet lebt, einen Landesrat zur Entwicklung ihrer Kultur wählen. Diese Organisation kann die auf territorialer Grundlage ruhende Räteorganisation nicht auflösen. Der deutsche und der ruthenische Volkskommissär wird von dem deutschen, bzw. dem ruthenischen Landesrat gewählt. Sic leiten die Angelegenheiten des deutschen, bezw. ruthenischen Landesrates sowie der nationalen Bezirksräte. Die lokale Verwaltung wird überall von den Arbeitenden derjenigen Nationen geleitet, welche in dem betreffeneen lokalen Kreise die Majorität besitzen. Diese örtliche Verwaltung kommt auch in der Sprache zum Ausdruck. Die nationalen Minderheiten können jedoch im Verkehr mit den Ratsorganen ihre Sprache benützen. Wo die Arbeitenden irgendeiner Nation auf einem sich auf mehrere Distrikte erstreckenden zusammenhängenden Gebiete die Mehrheit besitzen, müssen selbständige Bezirke gebildet werden. Besitzt eine Nation auf einem größeren, mehrere Bezirke umfassenden, zusammenhängenden Gebiete die Majorität, so kann sie sich zu einem nationalen Gau vereinigen. Der Flüchtling als Blitzableiter. „Man 'wird doch c?aran gehen müssen, den Bodensatz der Flüchtlinge, die wahrend des Krieges nach Wien gekommen sind, endlich zaw Abwanderung zu bestimmen." („Arbeiter-Zeitung") Der naive Leser würde glauben, das wäre etwa in den. „Wiener Stimmen" zu lesen. Armes Publikum! Die Vermutung stimmt. Es ist in die rohen, antisemitischen ».Wiener Stimmen" aus der „Arbeiter-Zeitung" hinüberzitiert worden. Damit ist Austerlitz unter die Hep-Hep-Schrcier und die ,,Arbeiter-Zeitung" unter die „Wiener Stimmen" gegangen. Verwandte Seelen .... Dieses eigentümliche „Antisemitein" des sozialdemokratischen. Zentralorgans ist für uns nichts Neues, Dieses Huldigen, und Schmeicheln den judenFeindlictien Instinkten des Wiener Pöbels seitens der „jüdischen" Redakteure ist uns schon aus den Uebcrschriftcn a la „Dei - Talmudjudc als Schleichhändler" sattsam bekannt. Ja! Die Flüchtlinge sind vielen ein Dorn im Auge. Die christlich-sozialen Preistreiber sehen isich durch ihre Konkurrenz bedroht — dunkle Elemente wühlen im trübsten Judenhasse, um in ihm die revolutionäre Empörung der Massen zu 'ersticken -- und die „Arbeiter- Zeitung" hat 'keine anderen Sorgen, als dem antisemitischen Klüngel ein Opfer hinzuschleudern. Der Flüchtling soll als Sündenbock dienen. Man hat jetzt leichte Arbeit. Zuerst hat man ihn zu jeder produktiven Arbeit nicht zugelassen, dann hat man ihn durch das schändliche A u s u a h in s g e s e i!/. außerhalb des Gesetzes gestellt ..... als ob Flüchtling eine Schande und nicht ein Unglück \viire — u!m ihn dann wie herrenloses Gut als heimatslose ^igeuncr. in die Pogroniheimat a bzuschiebeu. Die Flüchtlinge haben sciion längst aufgehört Kriegsflüchtlinge zu. sein -- sie sind jetzt Pogromflüchtlinge geworden. Nur die höchste Not: die Lebensgefahr, hält sie au Wien gebunden, sonst hätten sie schon längst dem „Wiener goldenen Herz" den Rücken gekehrt. Die sozialistische Zeitung macht Unterschiede: es sind neue Massen von Menschen, die nur vom ,,Handel" leben Wollen. Also die heimischen Händler muH man sieh gefallen lassen — man muß sie schützen vor der „schmutzigen Konkurrenz". Wahrheit ist, dar) die „Flüchtlinge" leben wollen, es ist Sache der Gesellschaftsordnung, sie von einer produktiven Arbeit nicht auszuschließen. Im übrigen könnte man heute schwer feststellen, wer vom „Handel" nicht lebt. Es handeln alle mit al'em. Nur will die „Arbeiter-Zeitung1" nicht wissen, daß es bereits tauseude und abertausendc Flüchtlinge gibt, die beim Schraubstock lund i'in Laden dieschäftig^iud — und daß eine generelle Ausweisung eine flagranter Verletzung des primitivsten Menschen-rechtes: des Rechtes auf Leben, auf seinem Arbeitsplätze wäre. Nun glaube ich, \vird niemand auf diesen Schwindel reinfallen, daß man damit der Wohnungsnot steuern will, Wenn mau einige hundert schmutzige und armselige Wohnungen zur Verfügung bekommt. Ein Tropfen im Meer und nur falsche Illusionen üi der Masse genährt, die sie ablenken würden von der radikalen Lösung der Wohnungsfrage durclf" die Sozialisierung der Häuser. Die braven „Heimkehrer", von der italienischen Front iwerdeu sich für Flüchtlingsschlupfwinkel bestens bedanken! Es gibt genug in Wien, CottaRc- Viertel, Palais Rothschild und (htüniaun, Liechtenstein und vielen — allzuvielen anderen Reitzes, die noch nicht den Weg zum polnischen Kapitalschutz gefunden haben. Aber die „Arbeiter-Zeitung" vergießt Krokodilsträuen über den Abfall eines reichen Juden, und durch das famose Ausiiahmsgesetz hat die junge Republik vielleicht hunderte Reitzes verloren. Jetzt haben es die reichen Juden nicht eilig. Sie sind zufrieden, ihr Vermögen ist gesichert, sie 'werden auch diese „Polizeivcrordnuno" zu umgehen wissen. Es bleibt auf die Armen abgesehen — auf die jüdischen Arbeiter und Angestellten —- und auf die pfeift die „Arbeiterzeitung". Sie sollen als Blitzableiter für Oesterreichs Nöte dienen. Gegen diese neue Schandtat «Avird das jüdische Proletariat die pflicht-? vergessene Sozialdemokratie vor das Tribunal der Internationale zitieren. { Aus der Internationale. Italien. Trotz der Versicherungen des Ministerpräsidenten Nitti, daß die italienische Regierung sich an den militärischen Aktionen in Rußland und Ungarn nicht beteiligen werde, wurde der Generalstreik in Italien durchgeführt. Selbst die von Jouhaux eingelangte Nachricht von der Aufschiebung der französischen Aktion konnte das italienische Proletariat von seinem festen Willen nicht abbringen. Wie die Versicherungen Nittis von der Arbeiterschaft geweitet werden, zeigt folgende Fragestellung des „Avanti". welche au die Regierung (_«? richtet wurde : 1. Wird die Anerkennung des Zarengünstlings Koltschak, die Orlando im Namen Italiens ausgesprochen hat, aufrechterhalten? 2. Wird diesem reaktionären Heerführer, irgendwelche Hilfe geleistet? 3. Werden noch Waffen, Munition und Ausrüstungsgegenstände an die russischen Reaktionäre gesendet? 4. Wird die Regierung den skandalösen Pakt, welcher zwischen dem italienischen Oberkommando und den Vertretern Koltschaks und Dcuikius in Rom geschlossen wurde, für null und nichtig erklären? 5. Will die Regierung aufhören den reaktionären Emigranten, welche die pseudo-russische Gesandtschaft in Rom umlagern, «materielle und '«moralische Unterstützung angecleihen zu lassen? ' 6. Will die Regierung veranlassen, daß die beschämenden Vorgänge im Lager von Assmara ein Ende nehmen, wo Gefangeue russischer Nationalität gezwungen werden, sich in die Armee Denikins einreihen zu lassen? 7. Besieht die Regierung darauf, dar! 'wir uns jener schadlosen. Blockade anschließen, die ein Volk aushungern will, bloß weil es sein Geschick nach -eigenem Gutdünken gestaltet, ein. Volk, mit dem niemals ein Kriegszustand bestanden hat? S. Stimmt die Regierung der von Frankreich beabsichtigten Aktion gegen Ungarn zu? Man sieht, unsere italienische]] Genossen gehen mit ihrer Regierung scharf ins Zeug und lassen ihr kaum eine Möglichkeit mit schönen Worten über beschämende Tatsachen hinwegzukommen. 1 Wie sehr der Gedanke der i 11 t-e r u ationalen Tat die italienischen Proletarier erfüllt, 'geht aus den Beschlüssen; hervor, die in der in Rom tagenden sozialistischen Partei-- konfcretr.z gefaßt «Wurden. ■ Die von" A rn' s te r d a m ausgehende Einladung zum internationalen Sozialistenkongreß in Luzern am 1. August, wurde abgelehnt, das Amsterdamer Reformprogramm verworfen und dem bereits im Februar in Mailand beschlossenen Bcitr itt zur dritten Internationale zugestimmt. In der Geschichte des Sozialismus wird die unentwegt klassenbewußte Haltung der italienischen Genossen in der Zeit des Krieges und der Siegesfanfaren als bedeutungsvolle proletarische Tat g-ewertet werden. Amerika. Auch in Amerika ist die Auseinandersetzung zwischen den Anhängern der Demokratie und der Diktatur des Proletariats innerhalb der sozialistischen Parteien aus dem Stadium des theoretischen Kampfes herausgetreten und hat praktische Bedeutung bekommen. Auch dort kämpfen die Rechten und das Zentrum mit denselben Argumenten gegen, die revolutionäre Tat das Proletariats, wie bei uns in Europa. Die Rechte warnt die Arbeiterschaft, ihre errungenen Positionen (Gewerkschaften, Konsumgenossenschaften u. s. w.) aufzugeben und sich in das Ungewisse Fahrwasser der Revolution zu begeben. Das Zentrum fürchtet sich vor dein Rückschlag. Aber die Masse der Arbeiterschaft hört unter dem Einflüsse der europäischen Revolutionen, insbesondere in Rußland und Ungarn, nicht mehr auf seine 1 alten Führer, sondern flüchtet in das Lager der Linken. Diese hat sich eine eigene Presse gegründet, die in den Kreisen der Arbeiterschaft weite Verbreitung gefunden hat. Canada. In Canada hat sieh die Arbeiterschaft von den reaktionären Gewerkschaften losgesagt und si'cii der re\olutiouären „Labour Party" angeschlossen. Die ersle revolutionäre Tat dieser Partei >\var die Aufhebung des Streikverbotes. Es bestand nämlich in Canada ein Gesetz, nach welche in bei Lohnstreitigkeiten in einzelnen lebenswichtigen Industrien, sich die Arbeiterschaft dem Schiedssprüche eines Schiedsgerichtes, das aus -einem Vertreter der Arbeiter, einem der Unternehmer und der Regierung bestand, unterwerfen müsse. Nichteiuhalten des Schiedsspruches wurde bestraft. Diese, die Interessen der Arbeiterschaft schädigende Einschränkung des Koalitionsrechtes beschäftigte den Kongreß der Arbeiter und dieser beschloß, dieses Gesetz als nicht bestehend zu betrachten und den Gewerkschaften als Mittel in Lohnstreitigkeiten den Streik zu empfehlen. So Schritt die Arbeiterschaft in einer Reihe von Industrien zur Selbsthilfe und Canada wird von Streiks durch wogt, vor denen die Bourgeoisie zittert. An die sozialistischen Studenten aller Länder Wendet sich folg. Aufruf der soz. Studenten, Akademiker und geistigen Arbeitergruppeu Deutschlands und Deutschösterreichs, Geschäftsstelle Berlin, Charlottenburg, Grohmannstr. WtfF* Sammelf ftii* den 3000 Ki»onen«Fensls der „Freien Tribüne". "SN