Mannheim
Compact Memory

Freie Tribüne · 1919-07-26 · 28 (26.7.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
28 (26.7.1919)
Date
1919-07-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2827798-2827856-2827877--105-2828126
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

P/qOA5rAA/£fl. <£\LLE/=Z. LA^O£/=L H/=l£ /Av/Q T B (_> C/-// IJIÜIMIMU Itlll IMMIIM'lf UMilM J MMIMIII IhUOHIlH Mf (II Kl IUI UM »UM IIIIII pM Ut MHM111 U?» M H M f IHin111 M IM M H M U Mr t1111 M 1.1 f I IUI 11 1111 f I M11 Hl 11 II I f U Ml»I» 11111 f nt*M FREIE TRIBÜNE Organ der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale Zion in Deutschösterreich. REDAKTION und VERWALTUNG; Wien, IL, Glockengasse Nr. 6, Tür 17. Bezugspreis samt Zustellung: Ganzjährig K 55.— .... Halbjährig K 750 .... Vierteljährig K 3.80.... Einzelnummer 30 Heller Erscheint jeden Samstag. L Jahrgang Wien, 26. Juli 1919 Nr. 28 An dem Tage, den das revolutionäre Proletariat der ganzen Welt erwählt hat, um die internationale Solidarität der Interessen und Kampfziele zu bekunden; an dem Tage, der das deutschösterreichische Proletariat in dem entschlossenen einigen Willen in die Reihen der Weltrevolution zu treten, gesehen hat; an demselben Tage wurden in St. Germain die Friedensbedingungen der kapitalistischen Ententestaaten den Vertretern Deutschösterreichs überreicht. Es ist kein Zufall, daß dieser Tag die revolutionäre Kundgebung der wiedererwachenden Internationale des Proletariates mit dem in seiner hemmungslosen Biutalität, in seiner ganzen scheußlichen Nacktheit, der profitgierigen Macht der siegestrunkenen Beherrscher der Welt, unverhüllt auftretenden Kapitalismus verband. Ks sind eben zwei Mächtegruppen, die sehr zielbewußt zum entscheidenden Kampfe rüsten. Die einheitliche, ihrer Kraft in der internationalen Solidarität sich bewußt werdende Front des Proletariates, und die auf den Sieg und den Besitz der Macht pochenden Bourgeoisie. Der Friede von St. Germain ist der konsequente und logische Ausdruck der heutigen Gesellschaftsordnung. Der Krieg, der ihn gebar und der dem kapitalistischen Imperialismus seinen Ausbruch verdankte, hat zwar die Grundfesten der bestehenden Ordnung nicht nur in den besiegten Staaten, sondern auch bei den Siegern erschüttert. Aber beim Neuaufbau der Welt aus den blutigen Trümmern des Weltkrieges ist sich die in den siegreichen Ententestaaten organisierte Kraft des Kapitalismus vollauf bewußt, daß es vor allem gilt, mit allen Mitteln der Macht die Gesellschaftsordnung der Ausbeutung und Unterdrückung zu befestigen. Der Versailler und der St. Germainer Friede sollen in einem System des vollständigen Aussaugens aller Lebenskräfte der besiegten Völker vor allem die wirtschaftlichen Nöte der Sieger beseitigen und in weiterer Folge den Profitinteressen der Ententebourgeoisie dienen. Was auf der Unterdrückung und Ausbeutung der arbeitenden Klassen aufgebaut wurde, soll durch die Unterdrückung und Ausbeutung ganzer Völker wieder aufgerichtet und in Ewigkeit befestigt werden. Herhalten müssen alle Produktionsmittel, alle beweglichen und unbeweglichen Güter, ja sogar die lebendige Arbeitskraft der Besiegten! Zielbewußt werden lebendige Teile vom Volkskörper abgetrennt, um die Kraft des Widerstandes zu schwächen. Der verstümmelte Rest wird zu einer nicht exploatierbaren Kolonie herabgedrückt, in der Sklaven der Arbeit zu Frondiensten durch den Hunger, die Armut, das Elend und die Unmöglichkeit, eine höhere soziale Stufe zu erklimmen, gezwungen werden. Alle Forderungen dieses „Friedens"Vertrages sind von einem Gedanken getragen: jeder Versuch, das Joch abzuschütteln, muß im vorhinein unmöglich gemacht und vereitelt werden. Das scheinbar wohlwollende Zugeständnis, das Zusprechen eines Teiles des von Deutschen bewohnten Westungarn, soll einen Keil zwischen Deutschösterreich und Ungarn stoßen und die naturnotwendige, vom primitivsten Selbsterhaltungstriebe diktierte Einheitsfront des Proletariates durchbrechen. — Die Forderung, Waffen in die Tschechoslqwakei zu liefern, soll die Reaktion stärken und verhelfen, den dem Ententekapitalismus allzugefährliclien ungarischen Proletarierstaat niederzuwerfen. So sehen eben alle Bestimmungen dieses Diktatfriedens aus. Er ist ein Instrument des gigantischen Klassenkampfes. Da hilft kein Jammern und kein Appell an die Gerechtigkeit oder Billigkeit. Man muß sich klar werden, daß der Friede ja nur eine Kriegsetappe ist im stärker denn je entbrannten sozialen Kriege. Da ist aber auch die unverhüllte Nacktheit der angestrebten Ziele nur zu begrüßen. Sie läßt keine Illusion aufkommen und zeigt klar und deutlich den Weg. Werden aber unsere Friedensunterhändler ihn auch beschreiten? Werden sie eikennen, daß es doch undenkbar ist, daß eine Regierung, in der die Sozialdemokraten die erste Geige spielen, den Verwaltungsapparat für die Ausbeutung des Ententekapitalismus abgeben soll? daß die Regierung gewissermaßen der Aufpasser für fremde Profitinteressen sein soll? Antreiber der Sklavenarbeit! Da dies unmöglich ist, wird eben die regierende deutschösterreichische Sozialdemokratie das Proletariat zur Entscheidung rufen. Und das wird einheitlich und entschlossen, was es schon am 21. Juli kundgegeben hat, in die Reihen des kämpfenden revolutionären Proletariates treten, wohl wissend, daß das internationale Proletariat, das zum entscheidenden Schlage rüstet, mit dem Kapitalismus auch die Machthaber von Paris, Versailles, St. Germain und deren Friedensverträge hinwegfegen wird. Der 14. Juli dieses Jahres war der 130. Jahrestag der Erstürmung der Bastille, des Tages, an dem der Gedanke der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für Frankreich geboren wurde./Diesen Tag wählte die französische Regierung zur Feier des Sieges im Weltkrieg. Seit Wochen wurden die Vorbereitungen getroffen, die Camps Elysees wurden in eine Triumphstraße verwandelt, auf der die Truppen, geführt von Foch und Joffre, defilierten. Die Kostümierung ist immer ein Zeichen der Reaktion in Frankreich gewesen, um das wirkliche Gesicht vor dem nach Freiheit strebenden Volke zu verhüllen. Aber diese Siegesfeier wurde keineswegs vom ganzen Volke gefeiert; die wirklichen Nachfolger der Freiheitskämpfer von 1789, die französischen Sozialisten und die französische Arbeiterschaft verschmäht es, am Siegestaumel ihrer herrschenden Klassen teilzunehmen. Ein ergreifendes Bild von der Stimmung der Arbeiterschaft gibt Pierre Brizon in seiner Zeitung „La Vague": „Nein, nein, wir wollen den „Sieg" nicht feiern. Sieg, das heißt Krieg, und Krieg, das heißt Tod und es gibt schon genug Tote. Ich werde an diesem ganzen Tage auf einem Felde arbeiten und werde mit schwarzen Bändern meinen Zaum umgrenzen", so schrieb mir ein alter Weinbauer, dessen Söhne im Felde gefallen sind. Wir müssen es tun wie dieser Weinbauer; Arbeiten, zu Hause bleiben, uns einschließen und trauern. Unsere Herzen sind traurig im Angesicht der Gräber, unsere Herzen sind traurig im Angesicht der Ruinen. Unsere Herzen sind*traurig über die Not und die Leiden, die die Folgen des Krieges^ sein werden. Ueberlassen wir es den Kannibalen, die „das" gewollt haben, dieses Fest zu feiern, überlassen wir ihnen die Freude. Man feiert nicht den Tod von 10 Millionen Menschen. Man feiert das Leben und sie wollten ja nur leben. Man feiert die Arbeit und sie wollten ja nur arbeiten, arbeiten, wie der alte Weinbauer auf seinem Weinberg. Man feiert die Wissenschaft und das Glück und sie wollten ja nur die Kunst kennen lernen glücklich zu sein. Das goldene Europa, das das Steuerruder führt, hat diese 10 Millionen Toten verfluchten Interessen und furchbaren Vorurteilen geopfert. Es hat sie in das ewige Verderben geführt, es hat sie in den Abgrund des Todes geworfen. Und alle Siegesfeste, alles Jauchzen, alle Fahnen und alles Theater, kann sie nicht mehr zum Leben erwecken. Es wird niemals einen Sieg geben, bis nicht der Krieg für immer tot ist, getötet durch den Krieg selbst. Aber der Krieg kann nicht anders ausgesöhnt werden, als durch den Triumpf der Völker über ihr rein räuberischen und reaktionären Regierungen. Möge die Welle des Sozialismus bald kommen, um die alte Welt zu verschlingen, die die Menschheit so hat leiden lassen und möge dies der Sozialismus des Friedens, der Gerechtigkeit und des Glückes sein. Das wird der wahre Sieg sein. Ihn kann man mit ungeheurer Freude feiern, denn dann wird kein Blut fließen, keine Tränen werden mehr fließen, dann endlich wird man wahrhaft leben können. „Nieder mit dem Krieg!" Und die französischen Sozialisten rüsten zum Kriege wider den Krieg. Am Tage des Siegesfestes fand eine Tagung des Nationalrates der französischen Sozialisten statt, die sich mit den von der Entente den Mittelmächten auferlegten Friedensbedingungen beschäftigte. Sämtliche zur Prüfung des Friedensvertrages eingesetzten Kommissionen kamen zum Resultat, daß sie den Friedensgrundsätzen Wilsons ebenso widersprechen, wie den von der Berner Konferenz aufgestellten. Mit ungeheurer Mehrheit (1420 für, 54 gegen und 114 Stimmenthaltungen) verwarf der Nationalrat die Anerkennung dieses Friedensvertrages. Eine Tagesordnung Daniel Ressoult wurde angenommen, die erklärt, die von den Alliierten begangenen Anschläge auf die Selbständigkeit bedeutender Völkermassen müssen an den Pranger gestellt werden. Es sei zu bedauern, daß Elsaß-Lothringen inmitten dieser Verbrechen an Frankreich zurückgekehrt sei. Wie im Jahre 1871 Liebknecht und Bebel gegen die Annexion Elsaß-Lothringens protestiert hatten, müssen heute die sozialistische Partei gegen das Schicksal, das der Bevölkerung des Saarreviers bereitet werde, protestieren und über das gesamte Friedensinstrument die schärfste Verurteilung aussprechen. Die französische Republik hätte der deutschen Republik einen ehrenvollen und gerechten Frieden geschuldet, sie hätte ihn nicht gegeben. Aus allen diesen Gründen erteilte die sozialdemokratische Partei ihren Erwählten den formellen Auftrag, gegen die Ratifikation zu stimmen. Der Vertrag müsse nicht eine Teilrevision sondern eine vollständige Umgestaltung erfahren. Allein die sozialistische Partei könne den Völkerfrieden herstellen und sei deshalb einig mit den russischen und ungarischen Revolutionären, deren Sieg über di e „H orden" der Entente man b e g r ü ß e, u n d e i n i g mit der durch ihre Aktion verstärkten Internationale werde die Partei den revolutionären Kampf gegen die kapita listische Gesellschaf t a u f n e h m e n. Auch die elsässischen Sozialisten schlössen sich dem Protest gegen den Friedensvertrag an und protestierten auch gegen die Gewalttaten der französischen Militärbehörden im Elsaß. Die Idee der Internationale gewinnt neues Leben. Es schließt sich die eherne Kampffront des Proletariats aller Länder. Die revolutionäre Arbeiterschaft schart sich um ihre Vorkämpfer in Rußland und Ungarn. Auf dem Wege der Weltrevolution geht unaufhaltsam die Entwicklung bis zum endgültigen Siege des Sozialismus. Die flölher und der Kommunismus. Die nationale Frage war in den Staaten Mittel- und Osteuropas das größte Hindernis für die Entfaltung der sozialistischen.. Propaganda Sie führte schließlich zur Zwietracht unter den Arbeitern der verschiedenen Nationen und zur schmählichen Burgfriedenspolitik, welche die erste taktische Voraussetzung des Weltkrieges bildete. Wenn wir nun nach getaner Blutarbeit die von den Bourgeoisien der Siegerstaaten erzwungene ,.Lösung" des nationalen Problems betrachten, so sehen wir auf den ersten Blick, daß eine wirkliche Lösung gar nicht gesucht, nicht gewollt war. Es hat Genossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die „Freie Tribüne"-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.