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Freie Tribüne · 1919-06-07 · 21 (7.6.1919) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
21 (7.6.1919)
Date
1919-06-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Freie Tribüne Nr 21 „Wir sind so schwach, daß man uns für nichts verantwortlich machen darf, Wir haben nichts mehr zu essen, wir haben keine Produktion, keine Rohstoffe, keine Kohle und keine Armee. Die Volkswehr ist ein unverläßliches, revolutionäres Element, eine Söldnertruppe ohne bewußtes politisches Ziel. Unsere Valuta ist so . schlecht, d-ß wir uns auch im Auslande nur dann etwas kaufen können, wenn die Herren uns das O.ld leihen. Dafür aber verlangen sie, daß wir die Ordnung aufrechterhalten. Wir;fühlen ja so seur mit unseren Brüdern in Ungarn und in Rußland, wir sind ja selbst ganz erfüllt von Sehnsucht nach dem kommunistischen Staat, würden ihn lieber heute als morgen aufrichten. Aber wir sind auf die Hilfe der Entente angewiesen, also müssen wir schweigen. Wenn ihr das aber nicht begreifen wollt, wenn ihr wirklich daran gehen werdet, -die Räterepublik gegen den Willen der Entente aufzurichten, dann können wir für nichts mehr einstehen, dann kommt die große, die furchtbare Hungersnot, die völlige Entwertung unseres Geldes, der Zerschmeiterungskrieg der gesamten Ententewehrmacht gegen den Bolschewismus!" Der doppelte Bluff auch dieser Politik könnte nickt klarer sein. Auf der einen Seite, der Entente gegenüber, wissen die Herren sehr gut, daß der Hunger revolutionierend wirkt, auf der anderen ängstigen sie das revolutionäre Proletariat mit dem Hunger. Sie sagen ihm: ..Bis du genug Brot "hast, kannst du daran gehen, dir deine Rechte zu verschaffen," Und sie benützen den revolutionären Geist des Proletariats 7ur Beschaffung von Lebensmitteln, die diesen Geist wieder verwässern sollen. Sie sagen dem Arbeiter; „Arbeite noch ein wenig unter deinem kapitalistischen Ausbeuter, bis er dir geholfen hat, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen und die Kaufkraft deines Geldes zu heben. Dann wirst du dich seiner entledigen!" Und sie sagen der kapitalistischen Entente: „Wenn Ihr uns-genug Rohstoffe gebt, um unsere Fabrikanten in die Lage zu versetzen, Arbeit auszuteilen, so werden die Arbeiter sich damit beruhigen. Denn es ist natürlich am leichtesten, sich einer stillstehenden Wirtschaft zu bemächtigen!•* Sie sagen: „Wenn du dich den Bolschewiken anschließt, wird das Ententeheer dich zerschmettern. Und sie wissen und profitieren davon, daß die Entente keinen Krieg so fürchtet, wie den gegen den Bolschewismus." Sie sichern sich nach zwei Seiten und sind nach allen Seiten hin auf den Zusammenbruch ihrer Politik gefaßt. Sie haben in der rechten Lade ihres Schreibtisches Industrieverträge, in der Jinken den Entwurf einer Räteverfaßung. Wenn bei irgend einer Gelegenheit die Volkswehr auf die Straße geht, ist es wie eine Wette: rechts oder links? Nichts kann sie überraschen. So sehen wir, daß auch die Politik des flehenden Lammes, eine Politik des doppelten Bluffs ist, daß aber auch ihr die Täuschung des eigenen Proletariats die wichtigere ist. Denn weder der nach außen noch der nach innen gerichtete Kopf des Lammes ist so naiv, daß er nicht einsehen müßte, daß diese dauernde Lebensmittel- und Rohstoffabhängigkeit von der Entente für unser Proletariat eine Abhängigkeit vom Ententekapitalismus, und da alles Kapital untereinander zusammenhät:gi,auch von unserem und dem Kapitalismus Oberhaupt bedeutet DieTLrrn sind sich ebenso der Tatsache bewußt, daß der Wiederaufbau unserer Wirtschalt auf dem Boden des Sozialismus nur erfolgen kann im Zusammenhang mit dt r auf diesi m Boden sich aufrichtetiden russischen und ungarischen Wirtsrhaft Diese 1) findet sich wo; 1 n:>ch in ihren Anfangssladien und Int mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Das Dazustoßen des deutsch-österreichischen Proletariats winde ihr ein Stück weiter helfen, einen Teil der Schwierigkeiten aus dem Weg räumen. Die Opfer und Entbehrungen weiche das von ihm verlangen würde sind nicht größer, als welche, die Ent-ntehilfe von ihm verlangt; und sie wären einer besseren Zukunft gebracht. Die Poale-ZiOD-Hoofereaz Im rußlaod.*] Angenommene Resolutionen. Iq Palästinafragea. I. Die Konferenz zieht aus d(er Analyse, der in der sozialen Revolution uind ijn der jüdischen Oiekon(3'mii'k wirkenden Kräfte wfri'd Teindeiizenj folgeiide Schlüsse: 1. Durch die Diktatur des Piroletariats' wird die nationale wirtschaftliche Basiis den: herirsc'hjeinden Klassen entwunden und die Nation! als Arbeitsgemeinschaft neu ausgebaut. 2. Die soz. Revolution wird .einem'freiem Verband aller Airheiter Völker schaffen. Die ganze Weltwirtschaft Avird auf der Grundlage eineir durch die, Völker untereinandeir erfolgein'den Arbeitszuteilujn<g organisiert werden, ciiejrart, daß; jede nationale Wirt.» schaft, die ihr als die entf a 1 tungsfälügsteji abgepaßten Produktionszweige en'twickelt. 3. Die veraltete^ Formen voln Plroditiktion und Handel werden düirch inetie,, aulF eiste Hebung der Arbeitsproduktivität abzielende!ensetzt. 4. Im weiteren Verlauf dler sozialen Revolution wächst — als Ausgangspunkt aller dieser ProzeiSS!e 'die Masse der Arbcitslosien, die aus' "Piroletarpelrn und Prolctarisielrten b|es|t;eht. 5. Die soziale Kolonisationspolitjik verwertet die jgroßen Massen der Airb|eitslosjein zur Erohierulnlg neuer Gebiete dfe|r menschlicheln Kultur und zur Beseitigung der Produktivität der abgelebtten Wirtschaften. 6. Die (Kolonisationslpolitik in der s'ozialisltjseheini Gesellschaft inimimt aiuf die Besonderheiten ühd nationalen Eigiefaartigfoettle'n dies mens'Crdichfen- Kolbnisationsm'aterials Rücksicht. II. Nur durch den Sieg des Sozialismus werden alle nationalen Probleme, auch d(a$ hieikelste — das jüdische — radikal giejtöst werdein. 2. Die Exterritorialität ist der Hauptgrund der Unnormalität der jüdischen ökonomischen Struktur und die HauptUirsachle der jüdischen Ljeiidien. * Siehe Freie Tribüne Nr. 18 u. 19. 3. Die jüdische Nation ist dehalb das geeignetste Objekt für die Konterrevolution und sie leidejt am schwersten bei allen sozialen Zusammefnjstäßen, 4. Die höheren Produktionsformien, welche in der sozialistischen Wirtschaft inbegriffen sind, haben nur wenig Raun* im jüdjischeh ökonomiischenf Leben. Die soziale "Revolution zerstört die Grundlagen der jüdischen Wirtschaft, weshalb die negativen Auswirkungen der sozialen Revolution - im jüdischen Leben am krassesten zu Tage tretein. Die Unerläßlichkeit der Organisation, der durch diese Um \vä 1 zungsp rozess e resu 11i ere nden Auswanderung macht die Umgestaltung der jüdischen Wirtschaft auf neuer Grundlage zur Notwendigkeit. 5. Die Konferenz stellt fest, daß die Umbildung des jüdischen Lebens auf der Grundlage werktätiger Arbeit nur mit dem Aufbau eines jüdischen wirtschaftlichen u'nd territorialen Zentrums möglich ist b. Daß in Hinsicht der objektiven Bediinigluin,- gen 'des Landes und der Tendleniz der jüfcüscheli]| Arbeitereinigration, in Palästina schon eine genjiigeiide' wirtschaftliche Bas;is für den wetteren Ausbau des1 territorialen Zentrums geschaffen ist. Im Sinne der sozialen Revolution stellt sich die Arbeiterklasse an die Spitze dieser historischen Umwälzung;. Wenn die Arbeit des Proletariats in der abgelaufenen kapitalistischen Epoche hauptsächlich in der Regelung der historischein Prozesse bestand1, ist seine Rolle durch die gegenwärtigen sozialielri Möglichkeiten eine aktive, schöpferische. Die Arbeiterklasse übernimmt die Organisation des.'Aufbaues der neuen sozialistischen Arbertsge.sejlschaft und ihrer Herrschaft. III. 1. Die Konferenz protestiert entsChiedehisit gegen alle bourgieöis-zionistische Vjersuche, in Palästina Privilegien zu erlangen und dort eilten jüdischen Staat aufzurichten', ehe im; Lande eine jüdische; arbeitende Mehrheit herangebildet ist. 2. Der jüdische Sozialismus wird einen energischen Kanrpf führen gegen d(en Imperialismus und für dje Befreiung Palästinas u|n;d des ganzen Os:te:n|s' aus imperialistischler Herrschaft. 3. Die Konferenz konstatiert, diaß der Ausbau einer jüdischen sozian'stisChe;n Gesellschaft ijn Palästina ebenso im, Interesse der arlbleiteinden arabischen Landbevölke ruhig liegt uhd daß unsere Forderungen die Arbeits- und Bn]twickluingslfrieih!ei,t/ der einheimischen sowohl wie der eingewanderten Bevölkerung, garantieren, 4. Anknüpfend am das' jedem! Menschen! zustehende Recht auf Arbeit fordert der jüdische Sozialismus dk Freiheit jüdischer Einwandjerunig wind Kolonisation und internatioij|alie Fölrderutogi dler freien Tätigkeit der jüdischen Arbeiterkolonisations'institiutiojiein'; ferner sozialpolitisch© EinjriCn--' tungen, firm' die Produktivität des Landes zu hebejn. Der jüdische SozialisimiuSi vefrlangjt Garantien für seine Mitarbeit an der Kolonisation, durch Verwertung dies Grundbesitzes1 die|r Latifundien und dies herrenlosen G,utie&, welche im; Intenelsse der einheimischen, a'ckerbautirieiblendjen Bevölk'eiruihg, und Feuilleton. Jakob Gordin. Zu seinem zehnten Todestage.*) Einer andierejn Zeit, die mehr Djistaniz zum impulsiven, lebendigjejn Fluß der schöpferische?! Erleiginissle im: ostjüdsldhen Leben g^ewi^nen! wird, muß, (es1 Vorbehalten bleib|en, erfolgreich djejn; Quellen des Schaffens drahgeS im Volke nachzuspüren. Eime an* Ideiiei Z(eit wird (erst ermessen können, wie weift die #i!it dler Entwicklung des Kapitalismus for(tschrieijtiendje siozial(e: Gliiedetiunlg tind SChiChtunjg des! Volkes jund die leTwaChlehdlein Klasse^lgiegensiätzei mit ihrer} innierieln uind offen|e!nj Kämpfen diej Quellen dler schöpferischen Betätigung auslösten und sie zu einem iwilden aufschäumßrtdefri StiurzbaCh anssc^h\v|eHen ließen. ( Eines wird jedoch sofort klar, denkt man über fcÜen Uriprunig der jüdischen Litieratur nach; Diesler (weist aiüf das Erwachen der sozialistischien Bewe- Iglunfel in der jüdischlein Gasse hin, das1 wüe; die, golid^ Btrahljendle Moriglenrötlei bis in die tiefetteni Tiefen! des' iVplks'lebens hineinlieuchtet;e ulud allesi heirvorlhblte, was ati, Hoffen uind Siehlnjeh^ Traumi luinid Ahtien, Emjpiöiiunig! aus in|nie,rst!e!r Not uted Fr|ejh!eitsdur$tt im ^klavienjoch in cjle(n Siejejlejti1 sdhlumimferte. Ijaikoib Gordins geistig^ Wiege stand auch dbrt, wo die luntielrirdüsche Aufkläruüigsarheit der jzahlreidhleh sozialistischen, Origanislatioinlein, djie tiefen; Schächte in .dter jüdischien Volksislejele auf warf. Voll impulsiver L^eio^hsChaftlidhkieit,, von elniem n|mmiermüdien Betätigluinjgsd'ran® g'etrieben^ stand er tttittm drin in a>'r enjgen Gas^e diejs Oistjüdischenj Lief- •) Am tO. Juni 1909 gestorben. bens tind suchte ftach der Tat, die!b!eispielgieb!eii!d die soziale Sehidhtiung seinies Volkes1 beeinflußein sollte. Als Wandleflleh'rer, Schauspielen Hafenarbeiter, schließlich als Baueir in einer dler jüdischen Kolonien in, Rußland!, suchte der von: Tolstoisicihielris Idejen igietraglene jun^ie Relv o l u t ilonär in das erwachende Leblen eine igestalte(nide^ gesll'schafts'aufbauende Formi'hineinzutraigtein. Instinktiv erfaßte e!r die Formiein einer fre.ierjen, reineren, höhleren GesellsChaft'sordjn[ung und rakig] lim/ irgendieine wesienhafte Gestaltuinj^. So gründeft er imi Jahre 1880, 27 Jahre alt im siejcteniriejch'en Rußland „die geist Lieh biblische B rüde'rs1 C!h a f t" (dücJhownobiblekoje bratstwo), die Christ und Jud in .einer sozialireligfiiösein! Gemiemschaft einer liChtenen, idealeren Zukulnlft eln%iegen^- fahren sollte. Und so geht auch schließlich der in Rußland politisch allizusehr Angekreidete, ins gelobte Neulandj, das die Fneiheits'sita.tue dem' Wah:.w derer an der Pfortie, enltgegenführtj, mit dejm Plan[e einer Kolonieigründfulnjg auf k om m unistisc lie r Grundlage im warmblütigen Herzen. Amerika das Land der unmöglichsten MögliChkeitetn sollte auCh seinem utopischen Geistaltujnigjs'drainge Raum: zum Schaffen leihen;. Sein Plan fand keinen A^ldafeiig, Die, harte, brL tere Not preßte seinen leidefnsenaflt lieh ein Dranig nach aktiver Betätigung zwische|n die Kuliss,e|nr wände, vors1 Rampenlicht de'r j ürdisehen Bühne. Ja'koib Gordin trat in den grellen Beleuchtungskegiel der jüdischen Biühhle, als dies'e in progreßiv absteigender Lin^e vojn der „hisitorischew! Oper" zw den verballhornt!e»i ^Klassikjerini", dem! Untergang geweiht zu sein schien. Vo'n setnfem! starken sozialen Empfimdeln gietragen, hat er bein(ahfe unbewußt die Quellen für das jüdische Theater erschlossen, die ihm nenJeis! Leben, neuie! Impulse und einen megeahhten Aufschwun|g verliehieh. ,,Das Theater ist ©ine große siozialie Volk&schiule. Hier sollten Mensche'n ohnje Bücher all das1 lerniei« und studierien, wass;ie sonfst z;u, lelrnielii' keinje Zeitt u«'di keine Möglichkeit haben. Im! Theater soillen slfle; d|as. Lieben der Giesellschaft, delr Fa'mjilie, Idiejs! Indivtld(uiums kennen liernien, hier die Bedlelutuinj^ der sozialelt Erscheinungen, die Erklärung der Lebensprobilemel find!en. Hier soll die breite Masse ihre Gefühle erziehen, ihre Begriffe harmonisieren, ihre Vorstellungen von Gier(edhtigkeit und Ungeirechtigkeijt sozialisier renu — verkündet G or diin als sein künsitlerisChes Bekenntnis. Kein Wundier also, daß die, Wiurzel sei* her imimensen Sehäffejnsfreudie in saftigen) umd fruchtbaren Bodem sdhlugein. In fast zwei Jahrzehnten bühWenschriftsteh lerischeir Tätigkeit, Wen der Verpflidhtung alljähirlüiclh! vier abendfüllendlei Stücke zu liefeirini, sündj eis an Originalen und Bea'rbeitu;ng1en fast 80 Stücke, dtje er hinterließ. Und neben der dramatischen e(Hgjäin(zt die außerordentlich reiche schrtftstellerlis'clhe Tä|tig!- keit: Schilderungen aus dein Leben jüdischer Arbeiter, R«eiser>eirichte, Theateriieizensionen, krlttisCh'e Aufsätze, theoretisChie Auisführunigen nbeir das' Dramia und das Theateir,das Bild seiner rastlos wirjkendien, miitten in politischein wtyd Ii(terairische)ti, Kämpfen stehenden, in Arbeite:rver|e;inen| lehrenden und führenden Persönlichkeit. Emporgestoßen wurde von ihm diö jüdische. Massie in ihlrem du|nklien Drange nach St!eigie!rujngi djer geistigen unjd sittlichen Seelienkräft'e. Br war stärker in seinejm; überreichen Wollen, als in sieiniemi Könnleh, dasj eir n\e{ pflegte, noch je besonders achtete. Als großer rlrzieher des Volkes glriff er ins Theatengeltnebe, ium es zum! Instrument seinieir leideinls,chaftlichdurCh!g,lti('hlten Ideale zu (gestalten. Daß er eis dabei aus dein. Niederungen empolrzog und in die luiftiigen, reinen Höhen, künstlerischen Gestaltems' bleibt wohl ewig sein .unvergängjliches Vejrdielnsit. harag. Sammelt fü^ den 5000 Kronen-Fonds der „Freien Tribüne«.

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