Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 21 (7.6.1919)
- Date
- 1919-06-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Proletarier aller Völker vereinigt Euch! REDAKTION und VERWALTUNG: Wien II, Glockengasse 6 Tür 17. Erscheint''jeden Sam4a& Freie Tribüne BEZUGSPREIS samt Zustellung t Ganzjährig , . . K 15.— Halbjährig . K 7.50 Vierteljährig . . K 3,80 Einzelnummer 30 Heller. Ox?ga*n «Joe? JüdLisohera aozlaliatiselieii. Jii*toeit©i*p»3r?tei JPoale Zion im I>^^4ssohöst©»?x?^ic5lÄ L Jahrgang Wien, 7. Juni 1919 Nr. 21 Die nächsten Aufgaben der flrbßiter- Fä'fB. ii. 'Durch' eine klar durchdachte, den täglichen Bedürfnissen der Arbeittermasserii sowie dem großem Ideal dies Sozia lisrntus' entsp riechen die Aktion innerhalb d;er Ar'beitexräte1, würde die Revolution aus der Sackgasse, in die sie die Sozialdemokratie gebracht hat 'heraus und weitergeführt werden. Eb -gilt dittreh konkrete gesetzgebende — und Verwaltungsarbeit djas zu vollbringen, was die Nationalversammlung nicht vollbringen kar.jn. Die Arheiterräte müssen sich daher sofort an die Lösung: der wichtigsten Tagesif ragen, uh'd zwar im Geistie dies Sozialismus: heranmachen. Ist die Tätigkeit der Arbeiterrälte bei uns dadurch iers'chwert, daß sich überall imi Bezirke (im! Orte), imi Lanldie 'und im Staate die iganze Macht bereits1 in Öleni Händen d!er betreffenden! Parlamente blefinkllelt, so müssen wir uns dein Umstand zu gute machen, daß diese bürgerlichen Instituttonen ihre Unfähigkeit die Eretglntiss|e halbwegs zu m'eistern, vor aller Welt tatsächlich bereits d;okuni;en|tiert haben. An Hamid! der durch diesie Koalitioinlsl-Piarla,- . mentie getroffenen, bezw. imme/r von neuem erlassenjen, iinzulätti'glichen gesetzgebenjd'eii und VerwaltuinigTs'mjaßnahmien müsjslejn die Arbieiterräte dem Plrolietariatie s!tielt&<Vor LAuglen führen, daß es von 'dieser Koalition nichts-, abfeirf schon gar Mühts, zu erwarten, hat. Sie dürfen sich aber kjeinlesjfalfs1 damtt b^gnügien;, sonidlern miüs'slen wiederum an Han'd konkreter LebiönsSbiediürf'nis'ßie demj Proletariat den, Beweis; erbrinigien; id'aß |n|ur Isfle; — die AyihfotteJrrÄte eiinlztg -unidt allein :— f'ähigi und aujcti' willienis: sipdpdtesf&^größ'en! iuind1 kleinen Proble'mie im Geiste desi Sozialismus zu lösen. Genau so wije {djie Koalition! (Tatsachen, schafft — Tatsachen, die die Revolution allmählich liquidierein solid» — .gejriau so müssen die Arbeiter-iRäte ihrerseits Tatsachen s'dhäffeni, und! zwar solche, weldhe ■dSie Riövolutoin stärken und weiterfühirein. In id|i,esier" Hinsicht befinden sich diie Arbieiterräte in günstigerer Situation als die bürgerliche Koalition. Muß diese ihre Kraft tmi in^eiren Kampfe untereinander verzehrten, bevor siei eine volksfremde Maßnahmie beschließt und' durchführt, so könnien; die Arbieiterräte rasche und ganze Arbeit machen, sie tn|üs{s;en sich bloß ihrer .großen gesdhidhtlichen: Aufgabe voll bewußt werdfen. Daß die Arheiterräte allein, ohne jemand zu fragten, neue Gesietze schaffen und verwirklich'eln, ist an und! für sidh leinie revolutionäre Tat, die inj ihrer ten;digültigen Auswirkung zur Uieberhahmie der giesamtien Macht führen muß. Denn durch eine derartige ununtierbroChenie, dien Bedürfnissen! des Volkes angiepaßte revolutionäre Tätigkeit lenken die; Arb.eit^r'räte die ganzfe Aufmerksamkeit der breliten .Volksmassen von djet Nationalversammlung ab, konzentrieren sie auf ihre eigiene Arbelit, schärfen dadurch die Klassengegensätze und das Bewußtsein] und schaffen somit die Situation in! der der Ruf: D i ie ig a n z e M a c h11 d' e n!aA r b ie i t e|ir r ä t e in! auf dien Uppen aller Arbeitendein und Schaffeinjden liejgt. Dann gilt ies diesem) Ruf zu folgen uln'cl die, soziale) Revolution zu vier wirklichen. Unsere jüdischen Arbeiterräte messen sich aber dlessiejn bewußt Wierde«, daß die soziale Revolution nicht njur die Vbraussetzu|nig für die oekojnomische; und! politische Befreiung! der unteir drückten Klassen, isondern auch die leützig mögltche Varbeo*in.-( giung für die nationale! Befneju|n|g djeir unterdlrückten Völker schafft. Und! in dem; Momient als das dieutsdh-österr. Proletariat die ganze Machit in seine eigenen Händje übernimimt und alleinjtger Helrr setnjes Schicksals' wird> hat auch die Stunde der vollständigien Befreiung des jüdischein1 Proletariats gesichlagen. Denn proletarische Hieirrsdhaft bedeutet in dier Wirklichkeit nicht nur die Herrschaft sorn!- dern auCh die volle und gleiche Selbstbestimmung aller Wierktätigien. Diei Diktatur dies Pjroleltanatsi (ermöglicht die währie ptroletarisChe Autonomie des jüdischen Volkes.» Darum müssen sich unsere jüdischen Arbeiterrät.e der besonderen Aufgabe bewußt wenden, die ihr:e)r harnen. Es gilt das jüdische Volksleben auf gesunde, sozialistische ürundIaig.cn uimzubauen. Es' gilt aber auch dafür zu sorgen, daß die jüdischen arbeitenden "Massen genau so wie ihre: Klasseng|eirjos!scin] anderer Völker durch die; sozialistische Neugestaltung tatsächlich von aller Unterdirückung frei und Herren ihrer selbst werden. Es gilt in der grioßeto völkierhefirei.end'eni sozialistischen Revolution für das1 jüdische Proletariat soziale und nationale; Freiheit zu errinigen uind zu sicheii1n{. D i ,e{ s kann n u r S a C h ,e d e s; j ü d i s c h e; u P: r (01 ie t a ir i a t s s e 1 b is11 s1 e i n. Die jüdischen Arbeiteträte müs'sen sich vorbereiten in spezifisch jüdischen1 Anig|elegenheiitet7( das politische, wirtschaftliche und kulturelle, Erb,e der jüdischen Bourgeoisie anzutreten. In' solchen Angelegenheiten, die einzig urid allein dk jüdtsche;r: Voiksmassien berühren, giehört die ganze Macht de'n jüdischen Arbeiterräten. Sie haben dafür zu sorgen!, daß die durch die proletarische' Revolution beidlingte Völkerautonomie im alleinigiein Intjeresse d'cr großen völkierverbrüdernd'en Idee des Sozialismus verwirklicht wirdi. Es ist nun tagtäglich Erscheinung geworden. Keine Sonnenwendung ohne einen Pogrom» Keine Zeitung, ohne eine Pogromnachricht. Heute Polen, morgen Litauen, früh Wolhynien, abends Ukraine. Und so den ganzen Tag. Nun tragen die Pogrome nicht überatl einen und denselben Charakter, bezwecken nicht überall ein und dasselbe Ziel. Wir haben ja gesehen, daß die Polen die unmittelbare Ausrottung^er Juden sich •liiih^'^rnäbene'n^ Zfeie" "gesetzt naVen" Wesentlich anders steht es in der russischen Ukraine. In der Ukraine Pogrome! Wer hätte vor einem Jahre daran gedacht? Wer hätte damals an diese „Möglichkeit" geglaubt? In der freien, selbständigen Ukraine Judenmetzeleien! Das gesamte Judentum blickte voller Hoffnung und stolz auf die ukrainischen Brüder. Waren sie doch die ersten, die sich eine wirkliche volle nationale Autonomie errungen haben. War es doch die Ukraine, die es als Selbstverständlichkeit betrachtete, einen jüdischen Minister für jüdische Angelegenheiten zuzulassen. Das klassische Land der jüdischen Autonomie soll nun das klassische Land der schauderhaftesten jüdischen Pogrome werden? Wie ist es zu erklären? Wie ist es möglich, daß in der Ukraine, wo doch keine derartige judenfresserische Bevölkerung, wie in Polen vorhanden ist, daß dort die Pogrome an Bestialität alles dagewesene weit übertreffen; daß dort die Juden gleich zu Tausenden, ja, zu Fünftausenden hingeschlachtet wurden; daß dort viele rein jüdische Städte heute judenrein gemacht worden sind? Wie war es möglich? Einzig und allein durch die Konterrevolution. In der Ukraine sind die Pogrome weniger ein Bestreben, die Juden als solche zu vertilgen, als ein ausgesprochenes Mittel der Gegenrevolution. Ein stets von neuem sich wiederholender Moment zeigt uns in diese Richtung. Es ist Tatsache, daß die Progrome in der Ukraine entweder knapp vor dem Einzug der Sowjetarmeen, während des Einzuges derselben, oder nach deren Abzug stattfinden. Und es ist ebenso Tatsache, daß überall dort, wo die Bolschewiken - Armeen im Besitze der Macht sind jeder Versuch seitens der Gegenrevolution einen Progrom zu veranstalten mit unbarmherziger Strenge sofort unterdrückt wird. Gestern noch als das ukrainische Direktorium den bewaffneten Aufstand gegen die deutschen Okkupanten geführt hat, waren die Juden hoch in Ehren. Heute da die Petljura-Regierung sich zur alleinigen Aufgabe die Bekämpfung des Bolschewismus gemacht hat, gehen sie daran vor allem die Juden zu bekämpfen. Petljura wandelte den Weg seines kontrrevolutionären Vorgängers Skoropadski, dessen erste Tat nach seiner Machtergreifung es war, die nationale Autonomie abzuschaffen und das jüdische Ministerium zu liquidieren. Das ist nun einmal die Logik der Dinge. Der Weg der Gegenrevolution führt über jüdische Progrome. W Auf dem Wege der Revolution liegt auch die jüdische Wiedergeburt, unsere jüdische proletarische Freiheit. Trotz aller Opfer, trotz aller moderner Inquisitionen wird das jüdische klassenbewußte Proletariat den einmal beschrittenen Weg der Revolution unbeirrt weiter gehen. Bis das Ziel erreicht ist. Die Politik des flehenden Lammes. Der Bluff war und ist das Um und Auf unserer Politik. Vor dem Kriege beteiligten auch wir uns an der allgemein in Europa üblichen Politik der eisernen Faust, welche darin bestand, ein solches Geschrei von der unbezwinglichen Riesenkraft des eigenen Staates zu machen, daß Angst etwaige Eroberungspläne anderer Staaten im Keime ersticken mußte. Also rasselten wir mit dem Säbel, nicht etwa um einen Krieg herbeizuführen, sondern um ihn zu verhindern. Wir zahlten hohe Steuern für Rüstungsvorlagen, dienten in der Armee, drehten Minen und Granaten, alles einzig um des lieben Frieden willen. Konnten die furchtbaren Folgen dieser Politik jene, welche sie verantwortlich ausübten, wirklich überraschen? Haben die Diplomaten sich wirklich gewundert, daß die Kugel eines Gymnasiasten genügt hat, ihr berühmtes europäisches Gleichgewicht zu stören und das, was ein Polizeistreit zwischen Oesterreich und Serbien hätte bleiben können, zum Weltbrand werden mußte, weil Brennmaterial so kunstvoll durch ganz Europa verteilt war, daß der kleinste Funke genügen mußte, um es an allen Ecken gleichzeitig zu entzünden? - Nein, sie dürften sich kaum gewundert haben. Denn sie haben gewiß mit dem ganzen Zynismus von Auguren gewußt, daß die Politik der eisernen Faust ein doppelter Bluff war, einmal nach außen, was aber niemand ernst nahm, weil alle ihn gleichmäßig ausübten, hauptsächlich aber nach innen, gegen die eigene Bevölkerung gerichtet, die man durch die Vorstellung sie unablässig umgebender Feinde in jene Richtung der Entwicklung zwang, in der man sie haben wollte. Denn die Politik der eisernen Faust ist die Politik des Kapitalismus. Die Aufstellung großer Armeen erfordert Milliarden, die Milliarden Steuerträger, die Steuerträger unbeschränkte Verdienstmöglichkeiten. Die Kapitalisten verlangten zum Schutze ihrer Handelsinteressen Armeen und Flotten von dem Vaterland, dem zu dienen sie vorgaben. Diese Politik war der Selbstzweck des Kapitals, er stärkte nicht nur das Kapital des einen Landes gegen das des andern, sondern den Kapitalismus jedes Landes gegenüber seinem Proletariat. * * •> * Seit die deutschösterreichische Regierung den Händen der adeligen Prestigeverbrecher entglitten ist und sozusagen sozialistisch wurde, ist sie von der Politik der eisernen Faust gründlich abgekommen. Ja sie hat sich sogar mit einem halb verwegenen, halb possierlichen Salto mortale kopfüber in deren Gegenteil gestürzt, in etwas das in so kläglichem Ausmaß noch nicht da war und was man ganz gut die Politik des flehenden Lammes nennen könnte. Aber auch das Lamm hat zwei Köpfe, von denen der eine nach außen, der andere nach innen, gegen das revolutionäre Proletariat, gerichtet ist. Der Kopf der zur Entente spricht, sagt: „Wir sind so schwach, daß wir für nichts verantwortlich zu machen sind. Wir haben nichts mehr zu essen, unsere Fabriken stehen still, unsere Armee ist aufgelöst und die Volkswehr ist ein unverläßliches Ordnungselement. Ist es da ein Wunder, wenn die hungernden Menschen sich an die Idee des Kommunismus klammern? Wir würden ja die Ordnung gerne aufrecht erhalten, niemand täte das lieber als wir, aber wenn ihr uns nicht helft, Lebensmittel zu verschaffen, unsere Valuta zu bessern, unsere Armee In irgend einer Form (natürlich einer solchen der Ordnung) zu reorganisieren, — dann, ja dann können wir für nichts einstehen! Wir selbst sind zu schwach, um dem Ansturm des Bolschewismus zu widerstehen." Der andere Kopf aber, der täglich durch die Arbeiterzeitung oder durch irgend einen Genossen zu unserem revolutionären Proletariat spricht, sagt: Genossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die ..Freie Tribüne"