Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 19 (24.5.1919)
- Date
- 1919-05-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Freie Tribüne Seite 3 Hetiraismus militans. Wie schon vor einiger >Zeit kurz bc rächtet 'wurdehat die zionistische Kommission in Palästina 'Wahlen zu einer jüdischen Konstituante ausgeschrieben. An der Sache selbst wäre natürlich nichts Außerordentliches, wenn nicht der erste Schritt dieser ..neu aufgekommenen Herren'' beweisen würde, wie rasch sie die Leiden 2000 jähriger Knechtschaft vereisen und wie bald und leicht sie sich die imperialistische Tonart ihrer englischen Schutzpatrone ■uigiejeignet haben. In der von ihnen erlassenen Wahlordnung findet säch ein Passjus, der für das! Wesen dieser Parvenüs sehr charakteristisch ist. Dort heißt es nämiidh. daß das Wahlrecht (in einer späteren Fassung nur das passive) von der Kenntnis der hebräischen Sprache in Wort und SChrift abhängig ist. Dieser 'Passus''dier Wahlordnung (bezweckt wohl zweierlei: Erdfern; soll dadurch: die hebräische Sprache als die alleinige -und einzige Nationalsprache des jüdischen Volkes festgelegt'Werden; andererseits wird dadurch' der Grundstein für einen neuen Typus im jüdischen Volke gelegt, für die privilegierte Hebriäistenkaste. Bs 'kann uns heule nicht darum gehen, die immerwährend aktuelle Frage, jiddisch oder hebräiscU entscheiden zu wollen, iwir müssen uns aber hart dagiegcn wehren, daß; der erste Schritt zum neuen jüdischen Gemeinwesen mit der Unterdrückung der breiten VolksmassCn und1 der Privilegierung der ^Gebildeten'' anfängt, Ist es doch s'chon ganz unerhört daß in einer Zeil, in der der freie Wille der Voiksmassen sich die .Herrsdhaft in den meisten Staaten der alten und neuen Weilt erobert, in eiueir Zeit, da alle Privilegien abgeschafft werden, sich Meeschen finfcfen; die? audii nur die leiseste Abstellt haben,, die Volksmassen ihres Rechtes auf Selbstbestimmiung zu beraubten, nur deshalb, weil sie nicht die Sprache beherrschen, die "einigen blindwütigen Fanatikern als die allein; heilige erscheint. Uniser Vertrauen zum jüdischen Bürgertum: und sCinjer Politik war nie großmud iunseri' Genossen -•- mögen sie nun zu denpolitischen Fragen des Augenblicks als gemäßigte odjer radikale Sozialsten Stielliung nehmen .haben nie von der katzbuckelndjen Politik der zionistischen Führer et\vas er,vvarteit und sie stets gehörig eingeschätzt. Doch, daß sie so von allen guten vOeisten] verlassen sein werden ihid1 'durch ihre provokanten Verordnungen alle demokratisch [Denkenden zuim : schärfsten Kampf aufrütteln werden, hätte doch niemand geglaubtt. Mit ihren Maßnahmen 'in Palästina iUinjct ihrer Unterdrückung dies Jiddischen fein{d sie: dem Millionen Juden, diei in dien Ostsitaatie'n einiein erbitterten Kampf lim ihr nationales! Recht;, um; ihr Redht au;f Grund 'ih'ner jiddischen Sprache 'ü'hiren* in der schäudlicnsten und unerhörtesten Weise in den 'Rücken gefallen. Für jene jedoCh, die; silcfli immer noch bemüht haben, die Gegtensjätze auszugleichen und die Hoffnuinig hiegteu, Jiddisch unid Hebräisch würden Ün Palästina in den ersten Jahren, wohl gleichberedhtigjt Isiein, das Hebräische mit der Zejit aber doch die Vorherrschaft erlangen, fjüir diese wird dieser SChritt dier hebraisitisCheu Diktatoren eine traurige Erfahrung mehr sein, ein koräk!re:tSe!r Beweis dafür, wie ganz" unmöglich te[s ist, an ein Zus'amimengeheln mit diesem Bürgertum auch nur m denken. Zur rechten Zeit steilen; sich1 auch die Fdlglejn ein: die; harte Le'hrc, die uusleire hebi'äiscih-lieibeiiden Freunde bekommen haben, zeitigt1 bereits ihre Früchte. 1» unserem Newyorker Brud'erorgau, 'dem .Jiddischen Kämpfer", das in; der Sprachenfrage eine sehr gemäßigte Stellung eingenoimlmeil hat, sowie in anderen führenden Blättern Amerikas, iimdet sich bereits eine scharfe Stellungnahme gegen die Wahlordnung der zionistischein Kommission. Es haben sidb bereits verschiedene Komitees gebildet, mit djem Zwecke, den Kampf des Jiddischen in Palästina zu unterstützen. Die Aufriufe dieser Komitees sind'lfast immer von führenden Mandern unterzeichnet, che bis heute dem Hebräischen in Palästina »ehr freundlich gegenüberstanden. Fitiir uns jüdische Sozialisten jedoch bleibt immer tviedier nur der eine Weig, dies|es vom Größenwahn Gefallene B;ür0erturii imnier und; überall! zu bekämpfen, ihm;bei jedter Gelegenheit klar (und deutlich zu tewteisen, daß; wir nicht gewillt sind, der Unter. Irüidkiung der Volk&mas'sen! untätig 'zuzusehen. Für ithsi ist es! seit jeher klar, daß: in Paris! noch nicht das letzte Wort' über die Zukunft der. Völker und über die Zujkunft dels1 jüdischen Volkes; gesprochen wird1. Und wenn sitö sich heute unter dem Patronat Engilandls verkriechen und ujn(t;er dem Schutz der eniglisichen Bajonette daran! decken:, ihr eigenes, Vollf!zu bedrücken^ so 'kann dies für uns1 nur eine nejine|i> Jitdhie Anfiejuerung) zum Kampf für das; Redht der jüdischen Volks'massen und ihrer Sprache, zum Kampf für ein freies1 sozialistisches Palästina sein. Denken die bürgerlichen) Zionismen daran, ihrje verbrecherische Unterdlrjückiungspolitik in derselben Weisei fortzuführen, sof sollen sie auch daran denken, daß Palästina nur mit uftd dürcih jüdisChe Arbleit e;rb'aiut werdfeh' kann; ihre al^s'urden Maßnahmen jedoch würden die jüdische Arbeiterschaft dazu zwingen, Palästina zu meidien. "Aber das Land ohne jüdische Arbeiter würde wüst und leer bleiben, wie es heute ist! Mögen die bürgerlichen' Zionisten darüber nachdenken, ob es sich verlohnt, dem Fetisch einiger Fanatiker zuliebe, diel jüdischen Arbeiter daran zu verhindern, an der Zukunft des jüdischen Volkes in Palästina mitzuarbeiten und so die Zukunft Palästinas aufs Spie! zu setzen. Die FoalB-Zion-RonfePBnz im Zur Taktikfrage. Zur Taktik sprach als Referent Gen. Kendizerski: Vor allem mm} ich betonen, da/) unsere Partei ihren Charakter als unabhängige Partei be'h'alt(ett muß und nicht /nur jüdischen Schattet irgend einer außenstehenden Partei wfcrd<cfT darf. Unser Standpunkt war immer: Mit der Revolution marschieren. So bei der Konstituante: Es gab einje Zeit, wo wir für eine solche waren, weil sie nptig war, als Bollwerk der Revolution undi ihr Ausdruck werden sollte. Damals war sie eine revolutionäre Forderiurjg. Sobald djie Gri'iuduugsversainmlunig aber kontenevolutionären Charak er ai.^iahni, und /um Deckmantel Tür die Bourgeoisie im Kampfe gegen luüis Proletariat wurde hat sich .unsere Stellung zu ihr geändert. Aehulich war uir|scre Stellung zur demokratischen jüdischen Gemeinde: Solange wir sie als ein Mittel ansaherj zum Aufbau des jiVct Lebens, -waren wir für sie; sobald aber — d'auk bewährter Wahlmanöver in ihr einje bürgerlich-klerUcale Mehrheit die Oberhand gewani?|, die die Demokratie verhöhnt hat und jeufc1 Arbeit unjinöglich machte, mußten wir uns vöii ihr lossagen. Es gibt zwei Begriffe von Demokratie: Ein formeller und ein faktischer. Den formellen Begriff hat die jüdische Bourgeoisie benützt, um die■ [Macht in 'd[er jüdischem!Gasslc zu gewinne^. Durch1 B.eseitigunig der Scheindemokratie kommen wir zur .Diktatur und üb er sie zur wahren, faktischen Demokratie. Mit der Verwirklichung des Sozialismus: wirdLauCh verwirklicht diie \vahre Demokratie. Die Sdheindemokratie aber schwächt nur das revolutionäre Bewußtsein^ dier ArbeiterrnasSen, ist doch dier Zusammenbruch dier zweiten Interotatiottale nur eiWe Folge dieser Scheindemokratie. ' Der Krieg ist eine neue Etaplpje füjr, die; gianjzie Menschheit. Er bat! das Alte über d(en Hauflenj geworfen. Die kapitalistische: Wirtsdhaft wirid es1 ntcJhtt wieder instand!setzein|. Wir sehen nur alwiei Möglichkeiten zum Wiederaufbau! d[er Wirtsdhaft: Einerseits den Regierungs'sozialfemus!, clenj man in Deutschland während dies! Krieges! angewenjeiieit anderersits' den gesellschaftlichen Kollektivismus. Jetzt, da es' für uns nur izvvei deutlich atiSige' prägte Fronten gibt: Die der kapitalistischenj Koalition auf der einenj,!d(ie dies: Proletariats1 auf der anderen Seite, müssen wir unj|s en,tsCiiieid|en. Wer jetzt für die Scheindemokratie' ist, arbeitet djerw Regierungssozialis'mus in düe Hände, der ein Gegner der Arbeiterklasse ist. ' Wer aber in der Front d(es riin|gendien Proletariats steht muß sidh audh f ür den gesellschaftlichen Kollektivismus aussprechen. In der njeuen Epoche, welche uns bevorsteht, müssen Rußlanjd ~- dfis Herz der sozialen Revolution — unjd( Deutschland,, — ihr Kopf — zusammenstehen. Auch Frankreich, England und Amerika steuern vor der Revolution1 (Man behauptet, daß nur die Niederlage; die Revolution und inj ihrer Folge deh! Frieden bringt. In den Enjtenteländeiti wird aber der Frieidensschluß die Revolution bringe^ wenn dje heimkehreiidiein Soldaten dlie VerwüstungeiTj des Krieges vorfindein werden. Wir gehen einjer Epoche der sozialen Weltrevolution entgegenj. Die .gegenwärtige Revolution ist .getragieni yon zwei Ideen: Soziale multinationale Biefrjeiujig. Beide haben gleich 'höhen Wert für die!M|e;n|sChheit. Die Räteverfassung -•- die Schöpfung tfor riiss'ischei^ proletarischen Revolution hat beide Momente erfaßt. Während aber diie erste garantiert, uiifd durch juristische Normen verfestigt ist, is)t das zweite nur deklariert. Dies muß ige ändert werden. Die Nationen müssen: alle Rechte und vollste Selbstbestimmung erhalten. Genau; so, wie wir die formelle Demokratie .verwerfen,;wolIen wir auch die formelle nationale .Selbstbestimimung biesieitigen. Die nationale Autonomie muß durchdie Räte Verfassung garantiert werdend Ich formuliere also unseren Standpuhkt folgendermaßen: Diktatur jcljesi Proletariats sjtiatt Scheindemokratie. Diese 'Diktatur finjdjet ihren besjteu A|trsdruck in djer Räte-IMadht. Wir unterstiültzen d!ahje;r die Räteregierung, aber nur als 0;ngan dter ga^zlen Arbeiterklasse und jnicht einjer Partei. Wir fordern d'arumj für alle Parteien, die sich an die genanfcvtein Orunidlsiätzie halten, Freiheit d[efr Organisation und Propagia!n|ö,£<, Wir freuen uns> 'cfaß sich die Räteregieruiijg; und Opposiiton in der letztekr Zeit igenäherlt haben* Wir glauben, daßi es Zeit ist, eine einhiertHctoe sozialistische Front zu schaffen. Dies ist möglich, sobald sich alle sozialistischen Parteien auf die Grundsätze der Räte Verfassung stellen. Das sind die politischen Richtlinien unserer Partei, die immer mit der Revolution gegangien ist ibid auch weiter kämpfen wird, bis zur Erreichung unseres großen Ziletes —- des' Sozialismus. Nach Gen. Kendszerski spricht Gen. Zwi vor* der Kommunistischen Fraktion über dassielbe Thema. Gen. Zwi macht der Partei den Vorwurf der Konscquenzlosigkeit und des Mangels zielbewußter Taktik. Die Partei hat sich die Methoden der Revisionisten zu eigen gemacht, für die dier Weg alles, das Ziel — nichts bedeutet. Wir Kommunisten sind Geghcr jedes Fatalismus; nur Kleinbürger' klammern sich ah Formeln. Das hat audh sein Vorredner getan. 'Schon die Einteilung, formale und' faktische; Demokratie ist falsch. Die Geschichte teilt sich in Geschichtspedoden und die Taktik des Proletariats basiert auf den Beldingungcin einler jeden "Periode. Darin unterscheiden wir uhs von Euch: Ihr'habt die Diktatur erst anerkannt,, als die KonsltituamitC' sich als konterrevolutionär, erwies; wir aber haben die Diktatur schon früher als dias Ziel dier Arbeiterklasse in der gegenwartigen Ges'chichtsperiode erkannt. Euch fehlen die Prünzipien, ihr anerkennjt sie bloß dann,, wenn ihr d[azu gezvvulngen seid. ' In Deutschland haben jetzt die Macfrt diei Sozialisten. Wäret ihr dort für die National Versammlung oder gegen sie? Wir anerkenneh die Räteverfassung als Ausdruck des revolutionären Williens dies Proletariats überall: In Rußland, Deutschlamdl Ukraiha usw. Um Euch aber ist es uns bange, ihr könntet bei eitlem Umsturz auch euere Taktik umstürzen. Wir fordern eine sozialistische Revolution, kCihfc soziale. Der ganze alte Regierungsapparat, diie Diktatur des Kapitals muß vernic'ht:e(t wer'dfen; und die neue Diktatur muß: errichtet werden, diie m?*!t der Klassenherrschaft aufräumen wird. , Ueber der Diktatur zur Demokratie! isjt uusier|e Losung, aber Demokratie nicht erst nadh: der sozialen Revolution, sohderii schon w&hrendi der Uebergangszeit. (Klarheit fordern wir;, ihr aber habet nur; Verwirrung! gestiftet und! diie Entwicklung zum Kommunisimus in der jüd'. Gasse g^he'mfmt. Augenblickliche Aufgaben neuer Wohlfahrspflege. Von miserer Ablehnung der Philanthropie mit ihrer Demütigungdes Beschenkten und ihrer Entwürdigung der Greber (die sich wohl bewußt sind, ihre linke Hand jene Wunden schlecht lindern zu lassen, welche die rechte in Ausübung und Beschirmung der kapitalistischen Ordnung den Menschen schlägt), von dieser Verurteilung nehmen wir jene Fürsorge aus, die nach der Massenflncht aus der Kampfzone die nackten Flüchtlinge bedeckte und beschenkte und brutal zerstörte' Existenzen dem grauseu physischen Untergang entriß . . . Damals war rasche Hilfe eine Fordomng der Stunde. Aber h e n t e reicht langst nicht mehr die milde Gabe zu. Sie birgt, wenn solche Hebung fortgesetzt wird, viel mehr Schaden, ja höchste Gefahr für den Einzelnen, wie für das jüdische Volksganze und die Gesamtwirtschaft und Kultur in sich, weil die vom Zwange des Augenblicks aulgenötigte Unproduktivem zu ungesnndor Dauer sich auswächst. Gegenwärtig tut auch auf diesem Gebiete die längst fällige Erkenntnis not, daß wir alle Kräfte, auch die durch den Krieg entwurzelten und verschlagenen fruchtbar machen müssen. Damit wird auch der neuwdinga womöglich staigenden Brutalität des Antisemitismus aller Wind aus den Segeln genommen. Wir fordern daher die Zusammenfassung und Zentralisierung aller Mittel und Unternehmungen der bisherigen „Fürsorge«; die Dnreht'ähriing und Verwaltung der Aktionen muß in demokratischer Anteilnahme aller Beteiligten und „Beteilten« erfolgen. Die Bürokratie ist auch hier durch Selbstverwaltung zu ersetzen; innerhalb der Armutszentren und auf der Grundlage ihrer Häuserblocks sind Vertrauensleute von den Interessenten in alle Institutionen zu delegieren; de)- Ausbau der Ansätze zu studentischen „Siedeln" nach englischem Muster usw. ist zu fördern. So wird üebersicht und Zusammenhang, enge Teilnahme wachgerufen und erhalten. In einer statistischen Zentrale, welcher Aemter der Praxis wie Auskunttsstellen für Bernfs-' wähl und -Umschichtung, Stellenvermittlung an die Seite treten, erfaßt je ein Ivatasterblatt eiuen Menschen, und bietet papierenej doch wissenschaftlich wertvolle Unterlagen für die unumgängliche Umschichtung weiter Kreise von Büro- und intelekiuellen Berufen und all der Luftmenschen zu werktätiger Arbeit, damit überdies die Grundlage für den Versuch einer Minderung der Ueberfüllung oder des Mangels an Arbeitskräften in bestimmten Bernfsgruppen, für den Versuch, schließlich, die Härte konstanter Arbeitslosenkrisen zu schwächen, Die Ausbildung und Arbeitsschatt'ung in schöpferische i, werterzeugenden Erwerbszweigen durch Prodnktivgeuossenschaften, Hand in Hand mit der Förderung von gemeinsamen Ankauf des Rohmaterials, Arbeiterkücheu, Volksheimen Auf den Tisch eines jeden jüdischen Arbeiters und Angestellten gehört die ) „Freie Tribüne".