Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 19 (24.5.1919)
- Date
- 1919-05-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 Auch wir selbst, in erster Linie unsere jü di'si'C'be Bourgeoisie trägt einen großen Teil dieser Schuld. Würden unsere Reichen und Mächtigen diesseits und; jenseits 'dies Ozeans den; Gebietern der Welt in Pari«? unzweideutig, erklären: Für «inen Völkerbund" in dem Pogrommacher und Pogromdulden de Sitz und Stimme haben, keinen Mann und keinen: Groschen, dann würden die Pogrome sofort aufhören. Die breiten jüdischen, arbeitenden Massen Europas und Amerikas, mjüssen diesen wahren Zusammenhang der Ding« [erkennen und durch das einzig.e, ihnen zur Verfügung stehende Mittel des Klassenkampfes überall auf die herrschenden Klassen und speziell auf die eigene jüdische Bourgeoisie, mächtig «einwirken, damit sie dem imperialistischen ..ftäuberbund" ihre Unterstützung' versage. Die J u d en ausrot tun g wird [erst dann aufhören, wenn es dem jüdischen Proletariat gelungen ist. gemeinsam mit dien Proletariern aller anderen Völker, auch des polnischen, die Herrschaft der Arbeiterklasse aufzurichten und: einen wahrhaft frieden- und freiheitverheißenden , j^oletarielrbiiud" zu schaffen. In diesem welterlösendem. Bunde werden die heutigen polnischen Machthaber wiedler Sitz noch Stimme haben. jDenn d'as: wird der Bund /der Freieisten und Friedlichsten Ssein. Das k lassen bewußte, jüdische; Proletariat wird in diesem Bundte als.Gleicher unter Gleichen Bitzen. Oer jüdische bommunistisEhe Oerband Sowjetrußlsnds. Die Nnramer 60 (612) der „Iswestia" vom 20 März 1919 enthält folgenden Diskussionsartikel, den wir der Aufmerksamkeit unserer Freunde auf das wttrmste empfehlen. Zweierlei lehrt uns diese merkwürdige Fragestellung. Erstens: daß obwohl unsere jüdischen Kosmopoliten von der dritten Internationale sich noch immer nicht zu einer, eines Kommunisten würdigen, vollen und klaren Erkenntnis des jüdischen proletarischen Problems durchgerungen haben, obwohl sie heute noch wie in den seligen Zeiten der „Iskra" geneigt, sind. Internationalität mit Anationalitiit zu identifizieren sie tatsächlich aber nicht mehr umhin können, die Notwendigkeit einer in sich organisch geschlossenen jüdischen Arbeiterbewegung anzuerkennen. Freilieh wirkt es _ nUn sagen wir erheiternd, wenn sie dann diese soeben vollzogene Anerkennung dadurch abschwächen wollen, daß sie dem jüdischen Kommunistischen Verband vorschreiben als gleichberechtigtes, jedoch untergeordnetes Glied hi die rußländische kommunistische Partei einzutreten. Zweitens beweist uns diese Diskusion innerhalb der B. K. P., daß die Notwendigkeit einer selbstständigen jüdischen Arbeiterbewegung mächtiger ist als alle verklausulierte, mißverstandene und sich selbst abgerungene kosmopolitische Theorie und daß das jüdische Proletariat ebenso wie in der früheren sozialdemokratischen, auch der heutigen international-kommunistischen Arbeiterbewegung nur dann als voll- und gleichwertiges Mitglied nutzlieh werden kann, wenn es sich auf dem Boden der jüdischen Wirklichkeit zusammenschließt und als ganze fostgeiügte Bruderbewegung in den großen internationalen TJewegiuigsströmen organisch mündet. Aber auch die große jüdische .selbst rindige Arbeiterbewegung aller drr-i Richtungen (Hund, Vereinigte, Poale-Zion) ,,n'ß dieser oclil jüdischen Diskusion liir sieh die einzig richtige f^hrc ziehen : wenn das jüdische Proletariat in der jüdischen sozialistischen Partei seine natürliche all seine historischen Aufgaben umfaßende Vertretung selten und nur an diese selbstsüuidige Form festhalten soll, dann muß die jüdische A rbciterbewegnng nicht um- „m i t. d e r II e v o 1 u t i <> u gehen" sondern, wie jede wahrhaft, sozialistische Bewegung d e r 11 e v o 1 u t i o n v o r a n s c h r e i t e u Im'sI dann werden ein iiir allemal derartige Karikaturerseheinnngen wie „Sektionen" unmöglich f)ie liedaktion. Unser Parteitag soll die Frage des J. K.V.,(Jüdischer Kommunistischer Verband) lösen, der seine Sanktionicrung als Organisationstciil der R. K. P, (Rußländischeii Kommunistischen Partei) beansprucht. Nach dein Oktoberuuisturz bildeten sich bei der ft. K. Pi. in vielen' Städten jiid'ischc Sektionen^ welche sich zur Aufgabe steiften, ideu Kommunismus unter dien jüdischen; Arbeitern zu pitopagiiesrelrä xifcifd irri Zusammenarbeiten mit dem Kommissariat für jüdische Angelegenheiten die1 rückständiger?! Formew der jüdischen national-klerikalen Kultur zu zerstören und die GrUnldlage /fiür eine proletarisch-kommunistische Kultur zulegen. Die Sektionen habe'Mj ihre Bestimmung erfüllt, sie bildeten denjenigen! Gärst oTf, welcher die dichten jüdischen arbeitenden Massen Litauens' und Weißrußlandsnjaclv dereV.i Befreiung von der Okkupation in Be\vegurf>' gesetzt hat. Gleichzeitig reifte in den Reihen des koalttionsfreundlich gesinnten ,,Bunjd", eki;e Spaltung und es trennten sich von ihm die Gruppenj des linken Bund und der Bunfdisten-Kommjunistenf. Im' Jänner d. J vollzog; sich in iMin&k die Vereinigung; dieser Gruppen mit den „Selrtionisiten" nnjd! so wunde die Gruftd- Iagie für die jüdische Kommunistische Partei Weißrußlands geschaffen, welche in die Kommunistische Pa rtei W ei ß ru ß la nd'si als1 o rganis ch e r Tieiil e i nget refen und sich derselben in politischen Besichl'üssenj gefügt hat. Der Name „'Partei" hat keinesfalls diemi Gelis%! der Programm-Statuten der neuen Organisation! eb|tsprochen, er wurde; jedoch1 ans lleiin taktischen Gesicht's'punkten im Kampfe imit. den jüdischem koalitionsfreundlich igesinntenj Parteien angenommen11. IDiie J. K. Pj. Ih'at bei Idfen 'Mas|s.e'n lebhaftes! Iuv tere&se hervorigerulen. Die iOrganisationsarbeit, die Propaganda in deri 'Muttersprache, der tägliche Kampf gegen den Bund und Poale-lZionj — imi Namien des Xomjmunismus' - - dies alleaj (hat die, Massen auflgie rüttelt, so d'aßi s'ile bei (den Wanten in, 'dWe| Sowjets! und Gewerkschaften das1 'Lager der fcüalitionsfreundlic'h Gesinnteinj verlassehi und den Bodejn der sozialen Revolution betreten habfen. Das alte ^Monopol" dies Bund, auf das jüdis'chc Proletariatwar annulliert. Mit der Verschmelzung Litauens und Weißrußland^ sowie Vereinigung der Ukraina mit dem Sowejtrußlaud tauchte von selbst die Frage e»ne& Jüdischen Kommunistischen Verbandes auf, welcher das1 gesamte jüdische Proletariat Sowjetiiußlands umfassen soll. Diese 1 rage wurde auf der am 1. - 3. März! in Minsk stattgefundenerj Kohier.enz einstimmig und im bejahendem Sirjie^schlössen und nun wartet der j.;K. V. das gewiClrt^e Wort des Gesanitparteitages'. Wie sollen wir uns nun am Parteitage un{d ia der Provinz zu dieser Frage verhalten? Vor allem muß man feststellen, daß es sich liier nicht — wie manche Genossen, die Gegner des' J. K. V. sin;d, meinen ' um eine prinzipielle, schdern lediglich um eine organisatorische Frage handle It. Sobald de.r J. K. V. statutengemäß als organischer Teil in djei R. K. P. eintritt, sich deren politischen Bes'cMüsseftf ufi'- terordnet und seine Mitglieder (J. K. V.) [gleichzeitig vollberechtigte und vol'i'verpflichtete Miltgliedeir der i'R. K. P. werden, dann: ist (die Eirjheit der Partei «o(d' deren Prinzipien unj:;*.itastbar geblieben. Vom Standpunkte der Nützlichkeit oder Unnützlichkeit diese»' Organisationsform für unser iJEwdjziel — Triumipf der sozialen Revolution - (ist die Existenz des J. K. V. als Teil unserer Partei wünschenswert, und zwar aus folgenden Gründen : 1. Zur Verankerung der kommunistischen! Idee in den breiten jüdisdheuj arbeitenden Massen,, die tn ganz eigenartigen Km 1 t u run|:l Oase insbedingungen leben unjj die jüdische Sprache sprejchjefi;. ist es unerläßlich jiotwendig, ein|;i:i s'eperaten Organisationsapparat in urjserer Partei zu schaff eh. Die Meinung einiger, daß diese agitatorische Organisationsarbeit von dcUi jüdischen Genosse», die in unseren allgemeineil Partei-Körperschaften leitiejnde Stellungen inkiiehab.e.n, geleistet werden kaitn^ ist ganz und gar irrig,. Ein derartiges iMittet, detiiKommunismns von oben:, durchein „Institut gelehrter Juden" ohne die Selbsttätigkeit der Massjen „zu. säen", ist ein absolut unbrauchbares, bürokratisches Mittel. 2. Schon mehr als zwiei Jahrzehnte ist das! jüdische Proletariat organisierjb in seinen politisidhen Parteien nud Organisatioiien. Sie alle (Bund, Poale- Zion nnd Vereinigte) sind koalitioiisfreundlich gesinnt und für einen erfolgreichen Kampf mit Ihnen ist eine dieser Sachlage anpassungsfähige Organisation, - als organischer Teil1 der K. P.— unerläßlfic'li notwendig. 3. In der ,,jüdis'dien Gasse" steht eine große: verantwortliche Arbeit bevoi,, die Tiicksitändig^ni Formen der national-klieirikallein Kuiltur zu zerstöretn itnd aus'zjumerzen und ah: ih|ne;r: {Stelle neu,ei, prlo'lietarische, im Geiste djes; Komjmunisinus Izm schaffen.. Ohne d;je Mitarbeit und;d(iiei Koinitrollie, des J. K. V. als1 Avantgarde der jüdischen arbeitendeiti' Massen, kann dieisje, Arbeit keinesfalls1 durchgefülhrt wenden. E'rwarten wir, daß( im Intere;s:se; einer iin'te'ns'ive;n ium|d vollkommenen Örganis'atjcf'i aller lebendigen Kräfte; dfeiä Kommiunisnius', unser Parteitag die Hoffnukiigen dief jüdischen Proletariatsf rechtfertigien wird. Feuilleton. Gustav Landauer. Das Unerhörte, s'diier Unmöglic'he, scheint nunmehr Gewißheit. Gustav Landauer, der wunderbarsten Mienschen Einer, ,wiurde in Miülndhen ermorldet. Aller Sdhlnerz, dem wir vier lange Jahlre ertrugen, alsMen&ChenßiegenMenscbeW rasten-, ballt sich, das Herz elrstidcend, znsammien, nns1 wirbelt vor den Anßien, der Mens^hbeit ganzer Jammer faßt uns an und verzweifelt, itränenlos> vetbüllen wir dasJAjittiitz. IDer aiaubei an den Sieg! Ä Geistigten und der Idee, des! Gutenf (un'd Reinen^ wurde, ms hier 2mn letztenmal aus der Seele gerisslen; imd Jdne! Gieistehieihte vom Wiundlerblick (des Mens'chensohnes emtmilt si^h uns jwiedjer als! ^sthuwie Legende - «wenn: -möglidi war, (daß Idern; »mörderischen Untier nW r.f.i u— :A^eranwi, daß es nicht santtt; \ntlitzes seines Opfers andasl Blut; im Iden Adern ward, als es! '[des1 edlen sichtig wurde. Gustav Landauer, war mit Reiter Krapotkin de;r geistig und mensefhliob' ^rksamiste Vorkämpfer des Anarchismus, der boffenden Lehrc von der Fireihejt und Befreiung des) Mensdnen von jeglicher Gewalt und Unterdrückung. ln| seinem kün'dendenj Jugeinidwerk „Der Todespredigieir", Nvie imjeirnsten, we)tthin vor- und rüekschauendetn iEss'ay „Die Revolution , im berrliehlen, einziigien „Aufruf zumi Sozialismus , is!t Uinsi die seltene, ergreiflealde Begegnung, mit einem Autor geschenkt, in dtent Verantwortuin^: Kewußtsein des Sozialisten! und zeitlosen Künstlers mit neißeßiteim und geadeltem Menschentum vereint isit. * Zeit Siemes' Löbens focht und ran& Landauer für die Idee dier VerWiirkliiscShtung detr „neuen Gemeins'dh'aft''; dier Jüngler P.roudliins fordert, als' Unterbau der zu AvoTlenden, durohgeistigiten, hoch'sel'igeu, freien und liebedurdiitrankten, kömmiendeni und sehon gegenwärtigen Wel^ die Schaffung von Arbeits!- und Leblensigemeins'chaftein, Siedlungen, s'oziali&tlisdhe „Insleln", freien Bünden zur .Gütere-rzeuguiig. „Jetzt wird es Zeit, zu der Einsicht, daß ves' keinerlei Indlvidiuum1, sionderu; nur Z,u;sam|menjg;ehö,- rigkeiten und Gemeinschaften gibt . .. . Fangen wir an! Schaffen wir lunsser GemeinsChaftisleben, btildiep wir Ida und dort Mittelpunkte dies neuen Lebens, lösen wir uns los! von dier unsiägjHciheiti Gemeinheit der Mitweltgemeinstihaften. Und vor allem: auch : unser Stolz imuß es! uns wehrejn, von! d!er Arbeit dieslejr Mfitmenschen zu leiben, Und! ihinien dafür den festen: Luxus oder auch den eklen und lüberflüss'igeu Abfall unsiener Hirne zu vejrilcaufen, Lerniejn wir arbeiteji,, körperlich arbeiten, prbdiuk'tiv tätig sein . . . Die Gemeinschaft, nach' d|er Wilr uns' s'ehnen, die wir bedürfen, finden Wir niir, wen)n: wia* Zusammen, gehörige, wir neuej 'Generation, uns von dein alten Gemeinschaften absondern . .. , Dreierlei Gemein - Schäften unterscheide ich: erstens cljie Erbmaclitj als1 dje idh inich selbst finde, wenn ich tief genug in mich selbst und d|e Bergwerkstihächte meines, Innern hineinstetiigfe, um die jpaliänitologischen Schätze dies Universums1 in mtir zui heben, zweitens die! andere Erbmaeht, die von außen her, m?c|hi umklammerjn.. beengen und einsdhließe|ni wtill|, und selhließlich 'dritten© die freien momentanen! Vereiinigjiingieinj Üer Eikizehien da, wo, sfe und ihre Intftrejssiejni einandeir berühren. 'Die erste dies'er drei Gemejinschaften nennt man gewdhnileh das Individuum^ das aber zugleich eine Funktion oder Ersfcheinunigsform des1 unendlichen Weltalls; ist; die •zweite ist die Zwang$gemejrL schaft der bürgerlichen Gesellschaften und Staaten, düe dritte Gemeinschaft fijst die, die erstt komnien soll, und die wir Ersten gleich jetzt anbahnen) und beginnen wollen. . (Aus „Durch Absönderufnjg. zur Gemeinschaft" 1901). So iglühte in seinieni innersten Wesen der übermächtige Urwille zur Nexigestal'tuug der GesieilllschaUsurduuiig. Als dann der Alp des Militarisnius^ und der Gewalt beseitigt, und der Frühling dier F:rje|i[hei(t anzubrechen schien, folgte Gustav Laudauer dem ^Ruf seines Freundes' Kurt Eisner, am Aufbau mjtzuwirken. Der leidenschaftlio;he Antimarxist verließ seinen Stancfpunkt, u. um der Aufgabe der Befreiung willen und in hodhsinlniiigeim' Eifer, Ssiein Maß den, Dijjnf gen anzulegen und; aufzuerlegen, schuf er gemeinsam imit mehr odier minder entfernten thieoreSris'che^i Gegnern das Räte-i'Bayern, 'das' jetzt verstummit ist. Als Volksbeauftragter für Volksaiii'kläriUng nahm er auf sich' die hehre Aufgabe* das Volk für seine.' große Aufgabe vorzubereiten. Zumal während der! Kriegszeit trat Landauer, dem wahrhaftigjen, geistigen! KoshijOpoliten, die Judenfrage nahe und pr befaßte sich wie; immer hfejrizvoll und schürfend: mit den Problemen seines Volkes (in Martin Bubers Zeitschrift „Der Jude"). Eine Konferenz junger, zukunftsfroher Juden» sollte in idiesen Tagen b,ei Ühm [diie P;robliemie, des sozialen Aufbaues des' jüdischen Leibensi in Poljen im,d in Palästina zu lö^en versuchen. Ein, blindwütiges. Schicksal hat dieslen Versuch mi,t all dem; Großen, Leichten und Heiligen, das Gustav Landauer verkörperte, in den Ahgründ geri,sjs|en. Uns^ um diesleni Jahrhundertmenschen Beraubten, bkitft zu; tröstender Aufrichtung nu;r das! Bewußtsein, daß deim? i^roißen! Toten das' Wissen um die Gefahr nicht von jenjer uns Alle einieinden, Arbeit zurückschreckte, welche die Hoffnung! auf die Saat für die neue Menschheit, für den Sozialismus verheißt. Sammelt fiif* den 5000 Kronen-Fonds der „Freien Tribüne".