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Freie Tribüne · 1919-05-17 · 18 (17.5.1919) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
18 (17.5.1919)
Date
1919-05-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Freie Tribüne Nr. 18 chencl auch behandeln, da altbrannte in ihr|en der heilige Zorn stolzer . . Hohenzollerknecht'e mil sie . . . ballten die Faust. Dieselbe Faust, die vier Jahre lang über das Schicksal Deutschlands ganz allein entschieden unef' es nac7i Versailles gebracht hat. Ja, dieselben Herren, des kaiserlichen Gefolges Fehrenbach-Hirsch, Payer-Ebcrt, Dernburg-Schiei - dernann, Gröncr-Noske, wolleil heute die Weltglauben machen, Deutschland;, wäre neugeboren und sie wären cPie Träger und Bi'urfcen des i:ieuön freien und friedlichen Deutschtums. Noch mehr! Ebert-Sch.eictemann-Nosks appellieren an das intertiatianjalie Weltproletariatt, es möge djoch seine Pflicht erfüllen und dem wahnsinnigen Verbrechen seiner Herrsdiienidiet; 'halt gebieten. Dieselben Männer, dfie idie größte aiiier staatsmännischer Taten, die Trotzkigeste 'verhöhnt, den durch diiese hervorgerufenen Järfti erstreik c!(cr deutschen Arbeiterschaft unterdrückt und die deutschen Arfme/cn in cfas elf mobilisierte, ifriedfeilige rtot|e Rußland marschieren ließen, dieselben M:i;ner verlangen jetzt vom französischen, englischen und italienischen Proletariat ic'.cm Imperialismus das Rückgrat zu brechen. Schek'emann spricht von c#iternalionaler Pflicht! Und; dies zu einer Zeit,, in der er siclbst se'r.e ver-'" CiHammte Pflicht gegenüber 'dem eigenen deutscheil Proletariat auf Schritt iunjd< Trff't gröblich verletz*. 'Denn die erste Pflicht dieser Nationalliberaleir- SoziaEdlemokratcn wäre,,;ein 'für allemal von der Oberfläche zu verschwinden und dadurch der 'Welt, vor alhm aber idjem Wcltproletarlj.at zu veranschauficheii, chiß alles Alte in Deutschland eüdlgiültig ausgermerzt und Platz, eleni neuen sozialistischen Deutschland1 gemacht 'hat. Den einzigen Dienst; dien sie dfem „heißgeliebten deutschen Vaterlande" erweisen können ist, d<je Welt daran viergfefcsen zu machen, d'aß sie, rdie tollgewesenicii Siegiriedlernoch existieren und das Schicksal Deutschlands noch mitbestimmen. Erst dann haben die Proletarier im Ententelagcr dfie Möglichkeit ihren Herrisohern zuzurufien: Die feilertschen Proletarier sind firlei,, auch wir Wolfen frej sein; dje deutschen Arbeiter rg'e'bieten über sich selbst auch wir'lassen nicht mehr über uns regierü.i. Erst djann körinen 'die Proletarier im Westen mit ihren Sieg'friedüern endgültig fertig 'wierdlen unid dem deutschen .Proletariate einen, für dife Proletarier aller Länder siegreichen 'sozialistischen Friied'ej.i apbieten. Als Ebert-Scheidiemann die Koalitionsregierung schulen und dadurch, den Sozialismus' preisgaben, da versprachen sie d'a'für' diem deutschen Volkie unte'r an|d[erem auch einen ^.ehrehihaftien' und „w'ürcljgeiu", wenn auch „schweren" 'Frieidicii. Nun da sie ihr Friedensversprechen, ebensowenig .erfüllen konnten, wie ihr 'Brotunidj" Freiheitsversprechen, muß iefas deutsche Volk! ihnen laut und veihehmlich sagen : Der Mohr (hat cfris' 'seinige nicht getan;, ,der 'Mohr kann d'aher 'um so rascher gehen! Feuilleton. Ein Meeting. Von .f. L. I' * v f ■/.. IJobersefzurisr uns"" dorn .h"uiiiii:he!i. Um 9 Uhr -abernte habe ich die Einladung >.u efitem um, 7 Uhr angesetzten, also vor zwei Strt:ii;fijii eröffneten ,,bewilligten'1 Meeting erhalten. Ein Blick auf 'd{en Poststempel 'zeigt mir, tf«ß der Brief noch von vorgestern ist. Der Briefträger, dfen'ich zun Rede stelle, antwortet mit süßlicher 'Miene'. „Ich muß vierdiäcrhtige Briefe nach 'Möglichkeit aber mindestens einen Tag 'später abliefern." Ich stecke ineinen Kopf dnreh das \geöflnetle Fensterchen. Die Gasse liegt still, ich kann nur aus weiter Ferne tönendes,, eigenartiges Geklingel von Sdilrttenglockcn vernehmen 'in d(en Gassen wird nun nicht mehr geschossen. Das ewige Zuhausesitzen ist schon langweilig. M&i.i fühlt sich von allem Leben abgeschnitten,, verbannt, ganz Gotit. unid Weltverlassen. - Ich gehe. — Der Schnee knarrt nicht :'n gewohnter Weise unter meinen Füßen. Ueber meinem Haupt spannt sich ein kalter, iindlurchsichtiger, dunkelst ahlgrauer Himmel, mit einem 'mattsilhernen Halbmond,, e!ess!en zweite Hälfte weggebissen od|er weggeschossen scheint und. so wandert er fort, e'n Verkrüppelter. Hie und da, wie durch einen Schrecken zusammerige drängte Sternhäufehen. Die Gasseti -- leer, cliie Läden - gesperrt. In einem Winkel stehen zwei in Grau geß'leieliete! Soldaten. Es ist kalt und langweilig. Sie stampfen mit dem Füßen, gähnen. Während ich mich ihnen nähere ,sagt der einle zum anjd(erh: „Ich habe jetzt große Lust zum Schießen!" ,,Langweilig" meint der andere. - 1--- Endlich bin ich am Ziel. Eine dicht gedrängte Masse. Irgendfwer der zweite oder dritte Redner Daß die Demobilisierung ein gewisses Maß von Arbeitslosigkeit bringen wirc[. wurde erwartet; es ist d'aher begreiflich, daß die 'Regierungen schon lange vor dem Umsturz über die Arft der Demobilisierung nachdachten. Zuerst wollte man die landwirtschaftlichen Arbeiter nach Hause sc'iicken; dtamit waren die industriellen Arbeiter nicht 'einversiandien; später dachte man ct\ die Familienväter, die zuerst an die Reihe kommen soliticn. Für alle Fälle machte man sich ei(araJuf gelaßt daß bis die letzte Kompagnie nach Hause gekommen ist, miiilestens ein Jahr vergehen wertV- Während mau so über die Demobilisierung beriet, kam der Zusammenbruch undi ihm auf dem Fuße folgte der Umsturz. Die Demobilisierung vollzog sich in wenigen Tagen, allerdings unter Umständet, die katastrophal genannt werden müssen. Das Zurückfluten der Massen brachte eine grolle Arbeitslosigkeit mit sich. In früheren Zeiten pflegte man jdüe Arbeitslosen, soweit1 sie nicht von der Gewerkschaft ihre satzungisgemäße Unterstützung bezogen, ihrem Schicksal zu überlassen. Diesmal durfte man diese bequeme Methode nicht anwenden. Die Regierungen aller am Kriege beteiligten Ländler erachteten es für angezeigt, ohne viel Worte zu machen, von staatswegen eine Unterstützung! der Arbeitslosen einzuführen. Es war eKes noch die billigste Methode, der ärgsten Anarchie vorzubeugen. in Deutschösterr.eich beträgt diese Unterstützung laut VollzugsanWeisung vorn 26. November 1918 soviel wie das gesetzliche Krankengeld in der betreffendien Versicherungsklasse. Anspruch auf die Unterstützung hat jeder, der Kraiikenversicherungspilicht unterliegende, Arbeiter. Diese Bestimmung gilt auch für heimgekehrte Sokraten, wenn sie demobilisiert wo rdie n sind. Die Familienange hörigen : Frau, Kinder unter 14 jähren, ferner Eltern und Großeltern, soweit sie nicht eine anderweitige "Unterstützung 'beziehen,.erhalten eine Zulagt ven je. einer Krone täglich. Behufs Geltend^na.chung seines' Anspruches hajt sich der Arbeitslose bei der von der Bfezirkskomm'ission bezeichneten Arbehsvermittlunglssuelle seines Aufenthaltsortes (Arbeitslosenann't) zu melden und sich mit einer Bestätigung seine« letzMi Arbeitsgebers auszuweisen /daß er bei diesem 'keSn'e Beschäftigung findet. Diese Bestätigung, die auch die Flöhte des letzten Arbeitsverdienstes zu einthalleh hat,, muß jeder B.etriebs'inhaber ausstellen, iwiejnn er einen Arbeiter entläßt odjer einen früher bei ihm beschäftigten, nunmehr aus' idiemi Militär rückkehrf.iideiii Arbeiter keine Beschäftigung geben kann. Die Arbeitsvermittlungsstelle wird' "zunächst, versuchen, dem Arbeitslosen .Arbeit zu beschaffen. Ist dies unmöglich, so setzt sie das Ausmaß der gebührenden Unterstützung fest und' stellt eine Bezugsanweisling aus, auf Grunidf eieren die Unterstützung von der durch die Bezirkskomnvission bekanntgegebenen Zahlstelle wöchentlich im nachhinein ausbezahlt vvirdl Zur Sicherung seines Unteretittzung'sansteht auf der;Red!n,ertribüiie und spracht. Klagend und( scheltend hallt es durch d(en Rauim. „Ihr habt Häuser gebaut, aber nicht eUrLu gewohnt . .. Bäume gepflanzt iiind derei.i Frucht nicht gekostet! Ihr habt Kleider gewebt für fremde Leiber, während eure; eigieiiien ui Näsise ivfid' Kälte erschauerten. Korn un':!( Weizen habt ihr gemahlen iuk\' euch niemals noch satt gegessen! Und eure Söhne und Töchter hat man euren Iiämdien einrissen, unczu fremder, ischwencr Arbeit getrieben."'Ich erkenne iei;en groß.Ui Fluch, der auf meiunem. Leiben 'lastet. Uiiii doch meint der Redner nicht mich. Ebensowenig mciiu er jg.ei-adie mich, vvenii iei' mit stahihartevr Stimme, die sich an der Balken die cke dröhndid bricht, rul'i: „Nun ist eine Stunde gekommen! Ihr werdet nun die Richter sein.. Ihr werdet richten.. Gleiches mit Gleichem!" Dies klingt wie die Trompeten -über Jerichos Mauern. Aber er meint nicht mich. Ich spini ie in ich in den Gedanken, ob die Stunde schon wirklich so nah sei. — In Moskau ist Schweiger. - -die Barrikaden sind zerstampft schülcKiges, nnd unschuldiges Blut ist von reinem, unschuldigen Schnee bedleckt. Der Bahnstreik ist mißlungen, Oer allgemeine Sireick gleichfalls. Die Rente ist gestiegen. Die ausländische Presse wünscht dem Grafen Witte Glück, ciienn sieine Papiere sind auch gestiegen. Dornowa steigt noch höher als Witte. Die Gefängnisse undf Spitäler s.'/id überfüllt. Von den einzelnen Zirkein steigen Hilferufe zum Himmel empor. - Ein wahnsinniges Wehgeschrei, wie das'' der Sodoniiter! Nur schien Gott und die Engel nicht herunter. Ich möchte wissen, ob dpte Menge dem Redner glaubt. "Ich mnst'ere d(>e Menge .und plötzlich erlaßt auch mich der Glaube. Die Zahldler Abtrünnigen, der Uebferläufer ven der anderen Seite überführt mich. „Die Ratten vorlassen dias sinkende, Schiff". Und solche Ratten überfüllen in Menge den MeUingsaal. - ■ — Spruches hat sich der Arbeitslose wöchentlich mindestens zweimal bei der Arbeits'vsrmittlungss'.telte zu nield[en. Unterläßt er dies oder weigert er sich, eine ihm angebotene di'tspriechehidie Beschäftigung anzunehmen, so verliert er dfen AnspraiCh auf Unterstützung. Die Zahlstellen sind die gewerkschaftlichen Organisationen und Verbände. (Nach Galizien und\ Kongreßpoleii zuständige arbeitslose Arbeiter undi Handelsangestellte habe*! sich zur Erlangung d'pr Arbeitslosen Unterstützung in der sozialistischen Organisation der jüdischen Arbeiter PoLens und Galiziens, Bäucrkgasse Nr. 2ü (au Samstagen zwischen!L) \ui'<} 12 Uhr) zu melden.) Zur Leitung aller dl'eser Arbeitslosenfürsorgle betreffenden Angelcglenheiten sind die mit Vollzugsanweisung jc'es Staatsrates vom 4. Nov.. v. J. errichteten Industriellen Bezirkskommissiciiein beruften. Sie haben insbesondere Weisungen zur Bestimmung der Höhe des durchschnittlichen Krankengeldes der einzelnen Berufsgruppen zu crteilieh un.Jt Ano.rdinur{gen zur Verhütung dies Miß braue lies der Arbeitslosen Unterstützung zu erfassen. Die Kosten Oieser Arbeitsloscniürsorge wer ben vom Staate getragen. Inwieweit der Arbeitgeber zu "B\:iträgen heranzuziehen, wird gesondert geregelt. Die Voll/.ugsanweisung, betr.eff.en:;3 die Unterstützung der Arbeitslosen trat am; 18. Nov. v. J. in Kraft,, so d,;aß dtie erstmalige Auszahlung der Unterstützungen ani 23. November erfolgen konnte. Die Bezirkskornmissionen setzen sieh zusammen aus vier bis acht Mitgliedern, und zwar zur Hälfte- Vertreter di'er Arbeiter. Diiesia, Mitglieder der Kommissionen wie die Vorsitzenden werden vom"Staatssekretär für'soz. Fürsorge ernannt. Ihre Aufgabe ist, alle Maßnahmen der Arbeitslosen ursonge durchzuführen. Solche Bezirkskommissionen bestchic»i in Wien, Wiener Neustadt, St. Polten. Linz, Graz, 1 eoben, Klagenfurt, Innsbruck, Reichenberg. Komotau und Mähriseh-Schönbcrg. Durch eine Vollzugsanwelsung vom 20. November "wurfclfe die1' ArbeitsIosenunters'LÜtzung auch auf die nach Deutschösterreich zuständigen Angestellten (Beamten) ausgedehnt. Als Arbeits lose \iam,t für die Angestellten gilt das Gremium! der Wiieneir Kaufmannschaft, Wien IV., Lothringerstraße 10. Für Arbeitslose, die nicht nach Deuts'chösterreich zuständig sind, gelten die gleicheil Blestimmlingen c'(ann, weiiW mit ihrem/ Heimatstaat eine le^tsprechend|e Vereinbarung getrbfflcfi wurde. Ursprünglich war die Arbeitslosenunterstützung bis zum 15. Februar 19118 in Aussicht genommen» aber wie sich düe 'Dinge gesTaltetien, mußte1 die Frist verlängert wierfe'len. Eine Vollzugsa?:iweis;u«ig vorn 14. Februar 1919 erstreckte id.ie Giltigkeitisdfeuer bis zumi 31. März 1919. Gleichzeitig wurdlen djie Bestimmungen über die Unterstinzung s'triengejr' gefaßt. Der Anspruch auf die Unterstützung: besieht seitdem, abgesehen von den übriglch Voraussetzuingen, nur ins'olangie, als d[urch den Entganfg des Ar-' beitsverdienstes der Leblensunterhalt cles Arlbei'tslo- Die Leute ei'er Presse, die dort in nervöser Ungedluld bei der Reielnertribüne auf die Sprecherlaubnis warten, sind die heutigen, modernen Gelehrten. Dies hier wiedler sind nicht die, die in stiller Einsamkeit,, die Zukunftsieleien &pnncn. Es sind die, dfie während des Tages und für den Tagarbeitlen! Einzelverkäufer . . . aus di'er zweiten in di|e dritte: Hand. Deshalb, oder trotzdem Menschen mit der feinsten Witterungsgabe. .Das hier sind; die Seeieuträger der verdammten. Seelen jener, die jstlets djer 'Gegenwart u'nd ihricn Hochgeborenen dji.encn. die Sieiclenträger der von Gott verfluchten, unreinen Seelen jener, die einst diie Knechtschaft verteidigten, die einsit klar bewiesen,, dfaß Gott .selbst die Herde, den Hund als ihren Wächter und den Hirt, der die Hen;i!e scheren soll, geschaffen habe. Oj'erd^ß die Unterscheidung Herr, Knecht und zwischen beiden die Polizei, etwas Gottgewolltes wäre. Das sind die Seelenträger der zur Läutferung aus' d'em Himmel vertriebenen Seelen jener, die später unter dem Banner dies bürgerlichen Libb.ralismius' die* heilige Macht des ^freiwilligen" Kontraktes gepredigt hatten. Die einst die Rechtmäßigkeit diieseir unsichtbaren Schwindelketten bewiesfen nnd gleichzeitig die schmutzige bürgerliche Wäsche "in gelehrtem Seifenschaum gewaschen iund' zu re.'nioLn sich bemüht haben. Undl diese sind heute auch hier! Heute schlagen sie eine Brücke aus ge-!ehrteni Spinngewebe, über d|em Abgrund zwischen Sattsehv und( Hunger, zwischen Licht n.hd Finsternis. Und - sie wissen warum! — Pech und Schwefel schleudern die Zungen der Rediner, glühenden Auges, mit doppelscbneidigem Schwert jagen sie, wie einst idile Cherubim,, die Bourgeoisie aus dem Paradies. Ihr •'Privileg, die gemaischte Arbeit, muß abgeschafftl werdlen, denn dreifach ist der Fluch der Lohnarbeit! . . . „Denn jede Arbeit, die nicht ihnen gainize[n Wert erhält, wird nur mit Verdruß geschaffen. Zorn und 00?" Sammelt fiii* den 5000 Kronen-Fonds der „Freien Tribüne". "3M

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