Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 18 (17.5.1919)
- Date
- 1919-05-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Proletarier aller Völker vereinigt Euch! REDAKTION und VERWALTUNG: Wien II, Glockengasse 6 Tür 17. Erscheint jeden Samstag, Freie Tribüne BEZUGSPREIS samt Zustellung: Ganzjährig . . . K 15.— Halbjährig . . . K 7.50 Vierteljährig . . K 3.80 Einzelnummer 30 Heller. Oi*f|i3UöL dei? jüdischen Sozialistissc^ex* Ä*toeitei?pa,tttei Foale Zion in DeMtschösteweich L Jahrgang Wien, 17. Mai 1919 Nr. 18 Die Notwendigkeit und die Aufgaben der jüdischen Arbeiterbewegung. i. Es ist sehr bezeichnend' uuiclj im höchsten 'Matte charakteristisch, daß aifr jedier geschichtlichen Stufe der fortschreitenden menschlichen Emanzipation das jüdjsche Volk immer wieder gienieigt ist, diese gerade zu erreichende Stufe als! die höchste und letzte zu betrachten iin'df sich immer wieder von der jeweiligen Emanzipationswelle die volle Befreiung — die ehdjgültige Lösung'1 der Judenfrage - erhofft. Nun, diese historische! Tatsache läßt sich sehr reicht und geme'inverstäudllich erklärten. Sie ist tief begründet in der traurigen jüdischen Wirklichkeit. Ein Volk, tiiessen organische Teile n so viielfe Stücke auseinandergerissen, in so vielen! Ländlern, ja Erdteilen zerstreut, ein Volk, daß so geknechtelt, so gekränkt und so exploitiert wir dl kann die Gewähr seiner Erlösung nur! in der progressiven Tntwicklung der gesamten Menschheit erblicken. Eir| solch unterdrücktes Volk wi,e d(ie Judjen es sind-, kanr| sich seine Befreiung nur ,als Resultat der menschlicheni Befreiung ü b e r h a u p t vorstellen. Es ist daher sehr natürlich, wenn bei ]ed(em Anbiechen .einer neuen Zeit,, bei jeldem Ertön):« eines neuen befreienden Wortes, die jüdischer! Volksmassen leidenschaftlich, auf' clias äußerste gespannt, "ir\ sich konzentriert aufhorchen und sich' immer wi edler 'darnach fragen: ist ^liies vielleicht soh'bn der Ruf dies Messias? das Horn der Erlösung? Aber dieselbe traurige Wirklichkeit zeitigt auch zwei äußerlich zwar entgegengesetzte, ihrem Ursprünge nach jedoch eng verknüpfte an{orrnaIie Ers^ejnVungen. Ber passive Teil der jüdischen Volksmassen — der werktätige Kleinbüiriger — slagt sich: Sobald unser „jüjdiiscbesi" Los' vbn djem Lose der uns umgebendien .geknechteter! Volksmassen abhängig ist, wäre! es eitles; Belgiinnen, iwiehnj wir für di(e Neugestaltung der Gesellschaft arbeiten wollltien. Was könnten wir Juden alleinj ohinje IdJ-e Nachbarvölker oder gar gießen d(en Willen diersfeIben anfangen. Im Gegenteil wir würden diirch unser Mittulni die Freiheitsidfee bei! dien nichtjüdüschjen Volksmas'- sen kompromittieren; wir würdbn s'i e djirfclh unsere Aktivität in; Verruf bringein, als ob diese Idleie eine jüdische Erfindung und njur dazu ersemnefcr wäre, [dJamit dies Juden die „B|ehe,rrschert der Welt bleiben. Wenn wir Juden dem Siege der menschlichen Emanzipation irgendwie verhelfen} wollen, können wir es nur inj der Weiset, indjeni wir uns ganz" passiv verhalten, indem1 wir uns in „fremde" Arjgeiegenheiten nicht einmiseher! und dfiesie „Fremden" überhaupt nicht darauf aufmerksam! machen, daß Emanzipation auch Jud'enemjanzipationt bedeutet. So dlie eine, in unserem d.-ö. werktätigen Judentum heute noch! allgemein vertretene Richfturjgl besser gesagt: Richtuhglslosigkeit. Die zweite, dieser s c h e it n b a r entgegengesetzte Richtung vertrdten durch die jüdischen Arbeiter und Angestellten1 [meint: Da wir jüdische Proletarier nur dann unsere Befreiung erwirkten können, wenrj die uns umgehenlüiai Proletarier frei geworden sind!; da unser jüdisch-proletarisehes- Schicksal mit dem) dies d.-ö. Proletariats innig verbunden, ja von dfemsetben abhängig1 ist und da wir doch genau wissen, d(aß die Interessen, Bedürfrj'ssie, und Ziele der Arbeiterschaft international sirjdi, müssen wir uns in die Reihen iünjserer cfc-S. Brüder stellen und zusammen mit ihnerjfür Freiheit und. Glück kämpfen. Haben unsere! Landesbrüidler mit urtserier in di vidju eilen, tatkräftigen Untersftützurig die neue, keine Unterdriicktug kennende Welt, errichtet, dann sind; auch wir unbeschränkte Nutznießer dieser Zukunftsfriichte. Stellen wir unsf also in Reih und Glied},, leger| wir Hand mit an, helfen wir selbstlos das' Neue zu schaffen. Dort, wo Freiheit herrscht ist auch dier Jude frei. Dort wo ld(as Proletariat Herr seiner^elbst ist, dort wird! auch da's jüdische Proletariat ganz allein über sich gebieten. Also die zweite bei uns in D. Oe. dlominierenc'le Richtung in den jüdischen Volksmasserj. iV&n1 war gewöhnt, die erste konservativ und reaktionär die zweite fort s c1 h r it t l i eh und r e v o 1 lu. ti onär zu nennenj. Beides ist unzutreffend. Denn wenn auch die erste, kleinjbürgerliehe Richtung, Passivität das heißt arev o'l u rt i o n ä r e s' Verhalten proponiert, soist es keinesfalls auf die tatsächlich konservativen und reaktionärer! Interessen und auf die denselben enjtsprechiende1 Gesinnung der kleinbürgerlich werktätiger) jüdischen Massen zurückzuführen. Im Gegenteil, wir haben oben gesehen und es ist stets eirj leichte's nachzuweisen, daß die Interessen der breiter) jüdischen Volksschichten den vollkommendster! menschlichen Fortschritt erheischen. Woher also der Widerspruch zwischen Wollen und! Tun? Denselben Widerspruch könrjenj wir aber auch bei der zweiten, proletarischen Richtung korfstayHeren. Strebt diese d!as jüdische Proletariat von aller Unterdrückung zu befreien, so gesehileht dies nicht in nomaler allgemein wahrzmehmenl'^r Art und Weise, in demdfas Proletariat eines jec'|en Volkers' mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig; zu Werder! trachtet, sondern intern sie dem: jüdischen Proletariat nahelegt, auf jede seibstänidligie jüdische Arbeiterbewegung zu verzichten und sich ap\ d,|ie örtliche A r b e i te r be w e g u n g a n zu 1 e h ne r\. Es ergibt sich eine Situation in der djas an) und für sie h fortschrittliche jüdische, werktätige Kleinbürgertum infolge der anormaler! wirtschaftlichen, politischen und' kultureller! Lage dies jüdischen Volkes, .abseits jed;er fortschrittlichen Bewegung steht. Obwohl mit Herz und Seele d^bei, fürchtet es in die Bewegung aktiv einziuglreifieirl. Gleichzeitig aber stürzt sich idas' jü^s'che Proletariat in den Kampf für Fortschritt, erachtet es jedfoch für igänzlich überf lüssig, diesen Kampf unter eigiene'r jüdischer Fahne zu führen [unid seinje Stimme für die eigene Befreiung zu, erheben. 'Das "jüdische1 Proletariat glaubt auf! die djer internationalen! Arbeitet bevvegung zu eigen gewordene rjationale Form djeis Klassenkampfes vierzTchten zu können und wähto't seine Rechte am besten d!ad{urch wahrge'nomüneri.zu haben, inidjem esrd(iese' dlemrBrudierprölietariat'e! cles betreffenden Landles inj pbhut gi'bit. Wir sehen auch hier besteht zwischen dem sozialistischen Erkenrjen und £'(er dies Erkennerj realisieriefndlen For^n dje's pro- Iietarischen HaridieliTs kei^j innerer logischer Zusammenhang. Beide Erscheinungen — $as ko'r(servative Verhalten des im Grunt:"(e geniomimeni fortschrittlichen Kleinbürgertums und .c'fcr Verzicht des jüdischen klassenbewußten Proletariats auf eine, der internationalen Arbeiterb'e:we-gur(g eigentümliche, selbstständige Form dies Klassenkampfes sind zwei Seiterj einer und derselben schlechter! 'Münze. Nämlich derjenigen der Abhängigkeit. . \Venn der werktätige Bürger eines beliebigeiTj Volkes seine lnteressenj als im Geger!?atz[e' zu den bestehenden Rechtsun;di WirtschaftsformeiTi befindlich erkennt, danrj schreitet er auf sich sejbst vertrauend «an dpi© Umwandluiru'g dieser Lebensformien. Der jüdische schaffende, Kleinbürger a'bier lühlt sich abhängig von der Umge'biinig lurjü wartet stets auf das^ was dje mächtigeren Klas-engenosiseri des Nachbarvolkes tun oder Tassen. Aus demselben Gründen der Abhängigkeit, der NichtSelbständigkeit konzentriert das jüdische Proletariat beim ersten "Erwachen seinies Klassenbewußtseins, sein ganzes' Hoffer) auf das Bruiderproletariat und, denkt zunächst gar nicht daran, dem einzig möglichen urjd allein richtiigem Beispiele dieser Brüder Proletarier zu folgen .utÄf sich seirje setbständige jüdische Arbeiterbewegung zu schaffen;. Erst an einer höheren! Stufe deis Klassenbewußtseins wird beim1 jüdischen Proletariat die logische Kontinuität zwischen» Erkennen uiiid Handeln, zwischen sozialistischen Wollen! und sozialistischer Bewegung hergestellt. Darüber in unserer! weiteren Ausführungen. An der Schwelle der geschichtlichen Epoche, in welcher die Menschheit nach dfem Golgatna des blutigen Zusammenbruches, zur höheren Forim d|es' sozialen Lebens, zum Sozialismus undf Kommiliistaus gelangen soll, wird' der polnische Staat geboreki. Gehegt und! gewartet ivon den kapitalistische« Regierungen der Enteilte, glemästet mit dem Gut und Land eines besiegten großen Kulturstaates^ soll dieses posthume Gebilde! der rCaktionärsteli Bouri, geoisie der Welt, einen Schutzwall bilden, geigeb das Licht aus dem Osten, die Weltrevolution. Und wahrlich, wenn der äußere Scheiti nicht trügt, ist P'olen bereit, alle Hoffnungcii zu erfülfem welche die Mächte der Finsternis auf die Begründung dieser weißen Republik gesetzt haben. Wo die Soldateska der polnischen Hooligans hinkommt, hat das Gesindel der Adeligen und Pfaf- •fen, der uniformierten und micht uniformierten Faulenzer gute Tage. Das werktätige Volk hingleg'e'n zieht sich in seine Wohnungen zurück, in. steter Angst, diaß sein Gut zerstört, sein Haus^ ge'brr.ndschafzt werde. Wenn die „zivilisierte Welt" nicht das Prototyp der überlieferten Heuchtefei' wäre, das sie wirklich ist, könnten die; LYigeheuerlichkleiteni nicht geschehen, die jetzt 'überall in Polen ch der. Tagesordnung sind". Rauchendie Trümmerhaufen, gemordete M!enschenleiber, unendliches Leid, Jammer und Wehklagen begleiten den Weg der „Mandatarei des Westens", dier Prätorianetigarde der Entichtebourgepisie. Wilna, Lemberg Rszeszow und Przemysl! gellt es! uns in, die Ohren. Jeder 'Name e'n Ome'n unermeßlichem jüdischer Leiden' und ein Schctiidmal der vereinigten polnischen Reaktion'. In dieses Bild des1 patriotischen Krctinis;miiSj eines ganzen Volkes fügt sich cüie offizielle polnische Sozialistenpartei trefflich. Abgetackeilte Aristokraten und1 „Intellektuellie", dchlen d!as> Stigma delr Halbbitdlung unverkennbar aufgedrückt ist, haben1 dtfe Führung in der P'artei an &ich! gerflsSs-'ch! und verraten jedjen Tag aufis nenle die Sache de[s: Sozialismus! undl diefe1 polnischen Proletariats1. ■ Doch in den Reihen der geknebelter/, ausgebeuteten, wirklichen Stützen d[er po'iiischein GeselTschaflt ■beginnt es zu tagen. Der Strom' ^fer Ei^kjchintnis! vönl dier Notwendigkeit einer ' Einlijeitsf rciiit geigejti aÜ:e Parasiten und Ausbeuter, wird mit jedem! Tagjel mächtiger. i Esi kann nicht zweifelhaft seil, welchen Wieg) d,as jüdische Volk zu gehen hat. Der Sozialismus hat dier Kämpfer zu wenig. An die Laterne mit drh P;ogromhetzern 1 DPBstlitowsli—Versailles. Nun, da sie dlas deutsche Volk von Brestlitowsk über Bukarest, Ödess!a, Kiew, Charkow, Kowno, Rilga und Helsingforsi nach Versailles gebracht hahaben, stehen sie da unidheratscihlagieh: Unterschreiben oder nicht unterschreibeil? Als ob ihnen heute noch die Wahl freisti'bd(e. Damals als die heutigen Herren Deutschland noch wählen konbtein|,; damate gingen sie frei rjaeh Brestlitowsk. Ja Scheidem#nn ging frohen Mutes' nach Riga und brachte eitle günstigen" Eindrücke nach Hause. Die nach folgen de Ii Züge brachtemi djann das russische Goldi. Damals als die jetzigen Machthaber über das Schicksal DeutschlaiK'fä noch selbst entscheiden konütetn, dä: beslchlosslen sie die ganze Welt soweit und breit dieselbe durch dien deutschen Arm zu erreichen ist sich untertäni;g zw machen. Da. mals holtet sie sich die freien Söhne t'{cs Nordiefrs — die Besten "dfer Bestien und zw:iigle|n dieis'e zur Fronarbeit im buchstäblichen Sinne dies "Wortes'.'Die Helden d(er durch die Deutschjen nili(d(e'rgieworfcfcieii) finnischen Revolutich - viele Tausejndie an dfer Zahl — wurden nach Deutschland gebracht üid zur Sklavenarbeit verwendlet. Als! Geg|enl|eistuhg hiefür lieferten düle Bezwingen dien Wbißterroristcb Fi',nlnlandis Waff en, Kali und andere 'Kriegsartikel. Als, sie sich in Brestlitowsk für die nationale Selbstbestimmung frei entschließen kchjntieu, tfa. emltschiedien sie für die rücksichtslose nationale Lrnt|erdrückung. Heute grollen sie Haß gegfen alle Unterdrückung überhaupt und lassen gleichzeitig ihre schwarz-weißen Gardien München bezwingen. Nun schwören sie d'ie heiligsten Eide dier vollkommensten Völkerfreiheit und schüren gleichzeitig den Kriejg der baltischen Barone und litauischen Schlachzizeln! gegen das Sowejtrußland. Nun wollch sie vor aller Welt aU die treuesten Beschützer der proletarischen Revolution diastehen. Und' als sie wahrnahmen, daß die „Welt" sich nicht mehr von ihnch täuschen läßt, daß die „Feindie" sie erkannt, durchschaut und deme/nfspiie- Genossen und Genossinnen l Leset und verbreitet die „Freie Tribüne".