Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 17 (10.5.1919)
- Date
- 1919-05-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2827798-2827856-2827871--077-2828092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 17 Freie Tribüne Seite 3 arbeitenden Volkes, das selbst die wirtschaftliche und politische Leitungan sicli nimmt und niemandem — dem König nicht, dem Beamten nicht, dein Kapitalisten nicht und nicht dem geeichten Parteiführer — gehorsamt, arbeitsfron leistet und stillschweigend in die Fabriken zurückkehrt ... als ob nichtsge sehehfii wäre. Bswaltfriede?! Jn nagender Sorg« sind unsere Augen auf den Spkgelsaal in Versailles gerichtet" ächzt eis täglichl in der „N. Fr. Pr." Uinld er m|eint seine nag|ende: Sor^e iim die Zinsschieine der kranken Milliarde^ und" den Bestand „unsieres1 Üd'atit[eßfM.. Dfort in Versailles sitzen siie beis/ammien, die Totengräber dies! .Kapitalismus, und können sich nicht einigien,, ob sie 4em endlich vernichteten Konkurrentein, dessen To-;dles2uckungen siie mit ungeheuchelte'r Befriedigung! betrachten und fördern, eine Kriegselittlschädigfungl von 250 oder 245 (Milliarden auferlegen sollen. Schiejr wie die um dien gefesselten Gefangenen, versammeltem Kannibalen, diie mit der Beratung, ob sie iltoj^ kocht, gebacken odier faschiert verspeisein wollen» nicht fertig werden können. Und fast die gesamte; Arbeiterschaft läßt sich wieder von den Neuein Freien Pressen des ganzen Reji'chjes^ von^Ihr Sel'blslt,' tois zum Berliner Vorwärts1, in ihnen ideologischen Bann zwingen und vor dem j.Giewaltfrieden" yüterm machen. Und sie sollte hofften ... Sie sollte hoffen, daß diesler Gewaitfriefden so maßlos sein möge, so wahnwitzig, wie die in Selbstaufhehung begriffene kapitalistische Ordnung ihn nur immer aushecken könne. Denn ein' küeilier Gewaltfriede würde angenommen werde(n. Ein großer aber müßte dlem deutschen Volke jefnen einzigen iBmpörungu-schrei entioeklen, der über Nacht die jetzt noch zersplitterten proletarischen Massen zu jener eisernen Front zusammenschmievien würdse,, die allein im Stande ist, solchic Gewaltfrieden für immeü' Xinmötglich zu maenen, dem Kapitalismus den Rest zu lieben. t In Rußland waren es die'deutschen, in Ungarn Kreits die ententistischen Kapitalisteb, die di'el To- -tfehigräiberrollte des Kapitalismus' zu "Ende gefühbt;- Ein Funke in das deutsche P&iSVierfaßj gesehleuderilj, igie^iügt, um auch dort die Wogen der kommunistischen Revolution in großartiger Un'bezwjng'barkeit iu; entfesseln; und somit die Welitrevollution. Der 'Gewaitfriede ist der Geburtshelfer dfer frieiuen Gesellschaft .... S;o sebriieben wir, bevor er wirklich kam: d c r G ei w a 11 f r i e!de. Nun ist ien da! In einer monumentale^i Aufmachung wurde er im1 Triauon 4er laus che nic'ien Welt verkündet. Und: man muß .bekennten: s?o girausani kennte sich deinJGe- [waltfrieden kleine, noch so blühendje Phantasie ausmalen. Die zügellose Bestie des wahnwitzig gewordenen kapitalistischen JmpeiriaÜisimfus1 hat das in alleta Jiheralen und freiheitlichen' Farben schilfernde Wil1sonseiie Mäntelchen flreicli beseitigt und steht tw&i jd'a voir aller Welt, nackt, in ihrer verruchten1. Unerbitftlfchkeit! Wiiirjd jetzt der erlösende Schrei der Empörung, diie! unterirdisch grolleiidlen Kräfte der sozia llen Wie 11 ir e v o 1 u t i o in entfesseln? Wird das deutsche Proletariat nach jdieslem fÜrchtierhehen Stoß sich aufbäumten und einig und stark uvid unbezwii/glich die Blrandfackel des Kampfies auf Tod und' Verderb giegien den noch triumphterendjen Kapitalismus ergreifen und in die Welt' schleudern? Werde« die. zu Boden Nie der gedeckten sieh aufraffen zum entisehei'denden Ringen, Seite an Seite der kämpfendem III. Internationale? Rot glüht ideir Himmel über Deutschlands Erde! Ist eis der Sonnen unter gang der Besiegten od'eir Sonnen a u f ig a jn g dj'er diem Siege des Sozialismus entgegenstü'rmlenden? iis sagen die Sozialdemokraten dazu? Wir alle erinnern uns noch dies von deii! Sozialdemokraten einstimmig angenommenen Stadtratsb!eschTu!sSjes', laut welchem! mit Rücksicht auf dien: Zuzug, von Fremden aus dien östlichen1 Nationalstaaten, die die Wiener Hotels uri[d Pensionen überschwemmen und zum) Teil einen Aulwand treiben, dler im Gegensätze zu djer Not weiter Kreise: dier einheimischen Bevölkerung steht (laut amitlicher Verbreitung), den hier wohnende« Kriegs- und 'Pogromflüchtlingen, die Lebensmittelkarten entzogen werden und,,von dem Auswieisungsrecht ausgiebiger Debraucb zfr machen" ist. „Und wird bieblei auf Standes- und Vermögensunterschiede nicht Rücksicht genommen werden." Und richtig, kaum vierzehn Tage spater drängen sich die Sozialisierungsiflüchtlinge mit sichleifmigieir Aufdringlichkeit an die Öffentlichkeit — ihr Dank zu sagen .. „Die Halle des Wiener örand Hotel ist das Hauptquartier dieser Ungarn". „ ... Einer der größten Budapester Restaurateure sagt: „Das nackte Leben habe ich ige rettet, mein mjühevoll erworbenes Hab und Gut ist mir geraubt worden." In den Ausdrücken schärfster Verurteilung wird über die Räteregierung gesprochen und die Geflüchteten sind glücklich,, in Wien eine sichere! Gaststätte gefunden m haben. „Wir wollen an die Wiener Bevölkerung und an die Behörden ein öffentliches Dankschreiben richten/' sagt der Führer einer Gruppe, ,',daß man: uns in unserem Unglück in Wien aufgenommen hat. Wir wissen das um so höher zu schätzen, cla es uns ja, bekannt ist, daß es in Wien .auch1 nicht gut geht, daß die Wiener mit schweren Nahriingssorgen zu kämpfen haben." Doch das Auge des Gesetzes' wacht. Am nächsten Tage schon meldet ein fettgedruckter Tite'J!: Polizeiliche Razzia int Grand Hotel". Was tat sie dort, die Polizei? Wohl die Fremfden aus den östlichen Nationalstaaten ausweisen, _ darunter auch einen der größten Restaurateure Budapests', deir, da ihm sein mühevoll erworbenes' Hab und Gut geraubt wurde, im Wiener Grand Hotel zu logieren gezwungen ist! Doch der Bericht vermeidet anders: „Die Polizeibeamten ließen "die Ausgänge "deisä Hotels schließen und begaben sich in die einzelnen Zimmer, in denen sie offenbar nach einzcrtTenHeirreii zu verlangen schienen. Nachdem Revisionen vorgenommen worden waren) wurden diie VolksbeaufJ tragten der ungarischen Räteregierung Kondor umd> Ruß u'nd der Budapester Dr. Szasvary auf die: Polizei mitgenommen." Was sagen die Sozialdemokraten d^zu? „Mir san ja eh reinsten Lamperl'n -- — —". --s=* i |; , j Aus der Bewegung. Unsen Maifesi. Die schieir enldlose Kette regneirischer und kaltejr Tage' wurlde just am ersten Mar von einem echten/ rechten Frühlingstage unterbrochen. So sitand unsere Maifleie,r von Anfang a;ii urfter den günstigsten Auspizien. Um 9 Uhlr vorm,, versammelten wir uns in igehobeneir Sti!mmiung im igroßien Saale des) Hotel Arco. Genosse Alexandieir hielt di|e beg(eiiste,rte Festrede, d|e'r jqr d'asi Motiv!zugru(ndie glelieigt hattie, daß; diese'!* einsltle Mai1 'klein Feiiertagi, sond|ern ein Kampftag se?. Noch vqr Schluß seiner Reide trafien unslere Getnos'- sien aus!djem 20. Bezirke, rnjit Tafleln mnid Standartietni, in ges!chlossenem Zuge lein. Mit ihn|en bildeteti wiir dann wnseirien Diemoinistratic^sziuig. Eime Reihie vonj Stainidarten veirkümdlete, unsierie Lpsuinigehrf so vor allem : „Alle Macht dem Arbeiterrätlen!" „Hoch die sozialistische Weltrevollution!!" „Es' liebe die dritte komniiunisitische Intiernationalje!" „Proletarier alH|er Völker vereinigt Euch!" „Hoch das soz. Palästina!" usw. Durch die; Straßen der Leopoldstadt ging es nun z^um Platzei vor der Votivkirche, wo die komimuiiistischie Piarteii Dieuts'cbös'terrei.chs ibrie Maifeie;r angieisaglt hatte. Der Platz w,ar erfiüllt von einer ungeheuren Miensc'hienm;chg!e, aus welcher der Wald roter Stangen und Hmbleme, farbenfroh hervorragte:. Neben den Rednern der K.-P. ergriff auch; Genosse Nagler das Wor;t. Er spraeb im Namfen dfes in dfer jüd1. soz. 'Arb,,-Rart. Poale-Zion organisierten jüdischen Proletariats Deutischösteriieichs1 die heißesten Grüße; zum Festun'd Kampftage des' iht;e!rnationata|ni Pnolletariats aus uufd gab die Versicheriunig, daß das jiild. Proletariat mit demi deuts'chösterreichische^ glemeins'am d;e(n Kampf um den Steg d|es internationalen Kominubismus lflühreu 'werde. Djenn nur dilesier körnte das int'eirnationale Proletariat und somit auch das zweifadr, ja dreifach elende, jüdische Proletariat befreien. Der baföl 'darauf folgende Abmarsch bot ein erbehendes Bild 'von d(e|r * Stärke der Sozialrevolutionären Bewegung Wiens1. A)n dem Zuige^ dier sieb d'eh Ring entlang in Beweguinfg setzte, möglcii siebe'n- bis achttausend Mlenschen teilgenommiem babefci. Der Zug der . R-Z. war, auf ungefähr 1200 Personen angewachsen. Bei der Fierdinandlsbrück'e löste er sich' vom allgem|einie:n Zu,ge ab, marsehiiertie durch (die Praterstraße zum Praterstiem, wo Genosse Alexander noch vom Sockiel des Tegetthoffmionumentes eine anfeuernde Rede hiellt. Hierauf zerstreute sich unser Zug. Den eilhidlrucksivollen Tag beschloß eine Festauffühlrung von Gordi'nsi ,yGott, Mensch und Teufek', ih der („Jüdischen Bühnje". Dieses starke proletarische "Drama, das von der höchsten Warte der miensohlich'en Zusammenbälige in ihren geistigen, sittlichen und wirtschaftlichen, Beziehungen das demoralisierende .Kapital beleuchtet) hat emen tiefen Eindruck hinterlassen. Es war die Krönung unserer Feier der Revolutionsmaiejn. Partßibsratung in Stanislau. Die durch den Zerfall Oesterreichs bewirkte Aenderung der Parteiverhältnisse hat auch unsere Genossen, die in der Westukrainischeu Volksrepublik (Ostgalizien) tätig sind, veranlaßt, die Konstituierung der selbstständigen Partei für diesen Staat durchzuführen und den Anschluß an die Brnderpartei in der Ukraine in die Wege zu leiten. Am 19. April fand nun in Stanislau eine Parteiberatnng statt, in der das Partei Sekretariat, sowie Vertreter Bämtlicher Kreiskomitees teilnahmen. Die P>eratung trug eine» sehr ernsten Charakter und hat wichtige Beschlüsse für die weitere Arbeit gefaßt. Wie aus dem nachfolgenden Perichte zu ersehen ist, hat die Partei in der West-Ukraine trote der überaus schweren Bedingungen, die eine ordentliche Tätigkeit fortwährend hemmen, sicli sehr gut entwickelt und berechtigt uns zu den besten Hoffnungen. Auf der Tagesordnung der Beratung stand. 1. ) Bericht. 2. ) Politische Lage. 0. ) Organisation und Presse. 4.) Parteikonferenz. Aus dem Bericht ist zu entnehmen, daß in der West- Ukraino zur Zeit 37 Organisationen bestehen, die in sich 3400 Mitglieder vereinigen. Die fortwährenden Kämpfe zwischen Polen und ßuthenen und der dadurch bedingte Ausnahmezustand im ganzen Lande nehmen den Arbeitern fast jede Verdienstmöglichkeit, so daß diese sich in größter Not und Elend befinden. Die Vereine sehen sich daher veranlaßt, der Notlage der Arbeiter die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden und mit allen Kräften nach Mitteln zu ihrer Linderung zu suchen. So wurden gegründet fünf Konsumgenossenschaften, zwei grüße Arbeiterküchen und eine Produktivgenossenschaft. All diese Institutionen entwickeln sich sehr gut und es wird nun daran geschritten, ebensolche in allen Städten zu errichten. Durch die schon oben erwähnten Verhältnisse nimmt auch die Verwahrlosung der Jugend in erschreckendem Maße zu, da die Regierung bis heute noch nicht in der Lage war, ordentliche Schulen zu errichten. Die Partei sah sich daher genötigt, auch auf diesem Gebiete 'zur Selbsthilfe zu greifen, und gründete drei Volksschulen; mit den Vorarbeiten zur Errichtung weiterer Schulen sind die Vereine jetzt beschäftigt. Das Parteiorgan „Der Judische Arbeiter" erscheint einmal wöchentlich in einer Auflage von 2000 Exemplaren, die vollständig vergriü'en werden. Eine Vergrößerung, der Auflage ist infolge des Papierinangels nicht möglich uud sieht sich die Verwaltung infolgedessen veranlaßt, die gelesenen Exemplare zurückzukaufen. Doch auch in politischer Hinsicht wurde eine ziemlich rege Tätigkeit entfaltet. Die Partei beteiligte sich an der Gründung der Nationalräte, aus denen sie jedoch infolge taktischer Momente in vielen Städten ihre Vertreter zurückgezogen hat. Die Partei führte einen energischen Kampf gegen die zweideutige Haltung des jüdischen Bürgertums zur politischen Lage im Lande, und suchte zur selben Zeit in einem guten Verhältnis zu den sozialistischen Parteien der anderen Nationen ssn kommen, was ihr auch in sehr großem Maßa gelungen ist. Das Verhältnis zu der anderen sozialdemokratischen Partei (Z. P. S.) ist in vielen Städten ein sehr gutes, wenngleich es auch nicht gelungen ist, zu einer gemeinsamen Arbeit beider Parteileitungen zu gelaugen. Nachdem dem Parteisekretariate das Vertrauensvotum für die bisherige Arbeit ausgesprochen wurde, wurde zur Verhandlung über de» zweiten Punkt der Tagesordnung geschritten. Nach dem Eeferate zur politischen Lage und einer eingehenden Diskussion wurde die folgende Resolution angenommen: 1. DieParteiberatnng beschließt, sich für eine Zusammenarbeit aller sozialistischen Parteien des Landes einzusetzen und für die Schatl'ung einer politischen Repräsentanz der gesamten Arbeiterschaft des Landes zu wiiken. II. Nur an einer sozialistischen Regierung mit einem ganz ausgesprochenen sozialistischen Programm teilzunehmen. III. Erklärt die Parteiberauing, daß unsere Mitarbeit im Nationalrat für Ostgalizien nur dann möglich sei wenn die Zusammensetzung desselben die vollste Wahrung der wirtschaftlichen und kulturellen Interessen des Proletariates garantiere. Da dies jetzt nicht der Fall ist, beschließt die Parteiberatung, die Vertreter der Partei ans dem Jüdischen Nationalrat für Ostgalizien abzuberufen. IV. Die jüdische Konstituante kann nur dann der Ausdruck des gesamten jüdischen Volkes sein, wenn sie auf den allgemeinen, gleichen, geheimen, direkten und proportionellen Wahlrecht basiert. Zum Punkt „Organisation' wurde beschlossen, eine Zentralisierung der wirtschaftlichen Institutionen im ganzen Lande vorzunehmen und eine Einkaufsgenossenschaft zn grüuden. Weiters wurde die Schaffung eines Wirtschaftsreferates beim Parteisekretariat, sowie die Einleitung einer Aktion für Unterstützung der Arbeitslosen und die Errichtung von Gewerkschaften uud Krankenkassen beschlossen. Im Rahmen des Parteisekretariates wurde ein Kulturreferent bestimmt und die Gründung eines Schulverbandes beschlossen. Zum Punkt Presse wurde die Gründung eines Par.tei- Verlages und einer eigenen Druckerei, sowie die Herausgabe des „Jüdische Arbeiter" 'als Taglatt bei der ersten technischen Möglichkeit beschlossen. Zum Punkte 4 der Tagesordnung wurde das Parteisekretariat beauftragt, so bald als möglich eiue allgemeine Parteikonferenz einzuberufen. Nach Erledigung eiuer großen Zahl verschiedener Anträge technischer und organisatorischer- Natur wurde die Parteiberatung geschlossen.