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Freie Tribüne · 1919-05-01 · 15-16 (1.5.1919) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
15-16 (1.5.1919)
Date
1919-05-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Freie Tribüne Nr. 15—16 Der Tag der Internationale. Erster Mai 1919. Neuer Tag der ruhehiden Arbeit. Mit dir beginnt (ein neues Jahr der schaffenden \velterlöisendfl(n. Ar- (beit. Der Arbeit dier gesamten Menschheit für die gesamte Menschheit. Tag des internationalen Gedankens, der Völker befreien den proletarischen Tat. Tag unserer Sehnsucht und unserer Erkenntnis/ unserer Hoffnung und unserer Freude, unseres Wollens; und i;ngerer Zukunft. T>er erste Mai. Bedeutet das nicht die sinnliche Grenze zwischen zwei Welten? Der Welt der namenlosen Pein und derejnigen der reinen menschlichen Freude;. 'Bedeutet nicht der erste Mai das Ende aller Leidfcn lund den Anfang alles Heils? ( Jawohili, er würde es bedeuten, wenn... wenn wir den teSen ihm innewohnenden Geckiikeu erfassen und darnach handeln. / Beinahle dreißig Jahre war dieser Tag --- vielmehr sollte er es gewesein sein — das Symbol interjnationalier Solidarität der arbeitenden Menschheit. Dreißig Jahre lang] hiat die, zweite Internationale diesen Tag im Zeichen dier großen sozialistischen Idee gefeiert, ihm jedioch mit dem! Inhalt kleiner sozialer Reformen gefüllt. Vom1 Sozialismus als heraus!chienidstein Traum unserer damals noch fernen Zukunft ist am 1. Mai imtneri sehr schön und sehr viel gesprochen und geschrieben worden. Allein man hat das Proletariat nicht um dieses! Hauptziel sondern um. seine tagtäglichen politischen und sozialen Bedürfinisse an diesem Tage^aufmarschieren lasslen. ' Niehit verurteilien, auch' nicht kritisieren, verstjelhesi wollen wir (eis. Verstehen und lernen. So iwar cbl so mußte es sein. Während das revolutionär-sozialistischte Wort -inu'r dem platonischem Wunsch uu'id die giehobene Fiestesstimmiung 'bildietle, war dier geistige Inhalt und die Kampfesstim'mung den konkreten, demokratiseheti und ökonomischen Forderungen gewidmet. Wie wäre es auch anders1 möglich? War doch'der iganze fnlhalt der zweitem Internationale vom Sozial- Reformismtus lerfül'It; waren doch siämtlichie „Taten", 5>is auf einige, nach schwerem "Kampfe zum "Beschluß erhobenen Resolutionen, den sozialen Reformen lufrid (nicht der sozialen Revolution zugewendet, Iüi|dem "man das Proletariat am 1. Mai nicht um üeli Sozialismus, sondlern Reformismus sammelte, hat man diesem Tag seine© ihm( ursprünglich zugedachten Inhalts, ja seines1 eigentlichen Sinnes beraubt und ihm von einem internationalen, in einem " Inationalien Feiertag dier Arbeit verwandelt. Nur so Wurde os möglich» daß während diet zweite Internationalle in Trümmern darniederlag, während Proletarier gegien Proletarier Krieg geführt, während sozialistische Arbeiter-Partleien verschiedener Länder und Ländergruppen einander bekriegt und! besiegt haben, dieselben Proletarier, dieselbem sozialistischen Parteien dem Mut, ja die unglaubhcne Dreistigkeit aufbrachten das Proletariat ihres eigenen Landes zur Maifeier,, zur Feier der internationalen Brüderlichkeit aufzurufen/Noch mehr, man war auch so betört, diese nein (nationalistische „Du rchh a 11e - M a i f e i e r" als dien Tag der Internationale zu proklamieren. Man sandte brüderliche Grüße 'allen "l'ro e tarier n, de s^its und jenseits; des Schüt: engrabens, riet der Arbeiterschaft eines jeden Landet»' (im besten Falle) gegen den Krieg nichts, aber! schon gar nichts zu unternehmen und wähnte damit seine internationale Pflicht erfüllt zu haben. Also verwässerte man dien Inhalt desl'Maitages, also verfälschire man den Geist, den dieselr Tag Verkörpern sollte; also degradierte man den Tag des. We'tproletariats zu eitnem Tag der Sklaven ic?er Weltbourgeoisie. Denn mit dem Nie die r gange der zweiten Internationale mußte auch das von ihr geschaffene Sym'bol seinen Niedlergang erleiden. Nicht also wollen wir den^ heutigen Maitag feiern, wrir wollen und können es nie fit mehr zulassen daß dieser Tag zu etwas anderem, als' zwm\ großefn Ta,g der unverfälschten, sozialistischen Tat werde. Dieser Tag darf zu nichts anderem als zum A:u's!-< druck internationaler Solidarität dienen. Un'd was das widhf.gjste ist: An diesem Tag soll das Proletariat eines jeden Landes nicht für seine rein „egoistischen", wenn auch noch so bedeutenden Forderungen demonstrieren; neti,, d£efre.u! Tag muß 'die Arbeiterklassfe aller Länder, einzig und allein dem erhabenen Gedanken der sozialistischein Weltrevolution widmen. Nicht einzelne Forderungen an die eigene Bourgeos'e, sondern d.'af große, einheitlichle, alles überragende Forderung an die Bourgeoisie aller Länder soll an diesem Tag erhoben werden; die Forderung: Die gesamte: Macht der arbeitenden und schaffenden MensChhei! Und am heutigen lerSten Mai soll uns nur der eine Heilige Geist der wahrhaft inte>rnaiionaIeinj, keineGrlenzen kennende« Brüc'erlich'ke t, der Geist der neuen sozialistisdhlen Menschheit beseellen. } Damin, aber auch nur dann, werden! wir unsere internationale Pflicht erkennen und die Idee! der Weltrevolution in unserem Lande, in' unserem1 arbelitenden Volke fest verwurzeln. \ . Damin wind auch, der erste Mai seine wahre Bedeutung ein|es Taiges der Internationale wie'dergewiminein. Am ersten Mai wolil|e!n wir uns ganz und gar dem En Jz'ef unr'e esTräu mens und Hofens hingeben. Nidht: sollen uns kleinliche Sorgen bedrücken; keinel mocTi so wicfitigen*Tag:esintleressen sollen an d'el.em Ta:ge unsere .Aufmerksamikieit und unsere Enelrgie: vom hohen Ideal abllenkeen. Der erste Mai gehört eim'zig und allein dejr Internationale1. Im Zeichen der sozialistischen Tat wollen wir ih|n fiele rn. " Der erste! Mai 1919. . . Möge er das Ende der Vorgeschichte* und dem Ajnfang der Gesdhichtte d'er Menschheit bedefuten! Hoch der 1. Mai. Die Welt der Arbeit feiert im.Jahre 1919 diefr 1. Mai unter gänzlich anderen Bedingungen afcj ftt den vorhergegangenen 29 Jahren. Nur die erste Maifeier im Jahre 1890 wurde in einer Stimmujngl begangen, die unserer jetzigen Stimmung ähnlich! ist. Solche Stimmungen lassen sich nicht künstlich hervorrufen. Sie sind dats Erzeugnis hoher soziaTer Spannungen. Wenn wir zurückblicken auf die Tage, die der eisten Maifeier vorausgingen, so vermögen wir erst den Fortschritt abzumessen, den wir seitdem gemacht haben. i Wie ist es denn zu der Idee einer) Maifeietr gekommen? Es ist interessant zu wissen, daß/ zuerst an eine ständige Einrichtung einer Maifeier djer Arbeiter gar nicht gedacht wurde; der 1. Mai ist durch) die Gewalt der Dinge ein Feiertag desi Welt- Proletariats geworden. Zur Geschichte der Entstehung der Majifeier wollen wir an folgendes erinnern: Die Jahrhundertfeier der französischen Revolution führte den internationalen Sozialistenkcfigreß im Juli des Jahres 1889 nladh1 Raris, Auf diesem! Kongreß kamen zum erstenmal nadh dem! Deutschi- Französischen Krieg die, Vertreter der Arbeiterparteien der meisten Länder zusammen. Zu den Gegenständen der Beratung gehörte einmal' die internatioiialie Arbeiterschutzgesetzgebung, zu der die Schweiz die In^ative ergriffen hatte. Es waren namentlich der Vertreter Englands Cuningham, Graham und der Eeügier Cäsar de Paepe, die dem' schvje iß k c ie;n Bi n es1 atei. eifa'.l zo \t\:ti^ 1 e;n w chtigjsien Scntt tat aber der Kongreß durch die Aufrahme eines Antrages des 'Nationalverbandes, der französischen Syndikats'kammern und Genossensehaften, der von ihrem Sekretär Lavigne eingeibracht wurde, uinid( "dier 'Cd'en folgenden Wortlauiti hatte: Internationalje Kundgebung 7jum 1. Mai 1890. Der Kongreß blesdhließt: „Es ist für einen bestimmten Zeitpunkt eine! große internationalle Manifestation zu organisieren, und zwar dergestalt, daß gleichzeitig in allen Ländern und in allen Städten an einem 'bestimmtet! Tagt idie Arbeiter an die ■öffentlichen Gewalten die .Forderung richten, den Ar'beitstag auf acht Stunden festzusetzen und die übrigen Beschlüsse des* inter- Snationalen Kongresses von Paris zur Ausführung zu ibrinigen. Im Anbetracht der Tatsache, daß eine solche Kundgebung bereits von dem Amerikanischen Aribeiterbunld (Federatioii of Labor) auf jenem irrt Dezember 1888 zu; St. Louis abgehaltenen Kongreß für dein 1. Mai 1890 besidhlosslen worden ist wird dieser Zeitpunkt als Tag der internationalen, Kundgebung angenommen. i f Die Arbeiter der verslchiedienen Nationen hab!e)n Idie Kun,dgebung in d|er Art.und Weise, wie sie dfurch (diie Verhältnissie ihnes Landes1 vorgesichriebien wird?, ins Werk zu. setzten." » ' Dieser neue Bastillensturm 'des Proletariats hat nju;n 29 Jahre (gedauert. Er hat: in dien verschiedenen Feuilleton. PaVid PjjiSki. „Unser'* erster Mai. (Aus dem Jiddischen). Idi erzählte dem Anstreicher Perlmann begeistert von dea Manifestationen, wie sie am ers|ten Mai in verschiedenen freien Ländern veranstaltet \veryden_ Ich wollte bei ihm ein Interesse, iln s.einem;Herzen die Sehnsucht -nach Freiheit wecken. Er 'hörte miir fanlscheiriend ironisch zu unfd lächelte. Idt konnte natürlich meine e.nitlmsiastische Schilderung nicht unterbrechen und ijhn um den Grund seines Lächelns fragea Endlich war ich mit meiner Erzählung zu En/de. „Site werden begreifen," sagte er, ,;fdaß ich das alles isdion lange weiiß, tch habe darüber vieles g/elesen unid gehört und ich muß es ihnen offlen sagien, ^ch bin darüber; üfleht sehr entzückft, Freie Menschen in einem freien Land'e veranstalten eilnic Manifestation — mit Fahnen und Gic-, prange — was i!st besonder'es daran? Die Hauptsache, meine ilch, fehlt dabei — sozusagen: die Seele. Sagen sie mte bitte, worüber soll man sich da entzücken? Der „Deutsch" macht eÜnien Bummel, irinkt einige Maß Bier — uM geht dann befriiedigit zu Bejtt. Soll so der erste Mai — der Weltfeiertag — bedangen werlden?" Perlmann geriet in Ekstase und gestikulierte mit Hän-. (den und Achseln. Er fühllte viiel mehr als er es ausdrückeinf konnte, wie er sich dlem Weltfeiertag vorstellte, der ihm bei den anderen^ den „Deutschen" so mißfiel Dem leidenschaftlichen Juden ist diese Gemütlichkeit und Ruhe ein Greuel. Es muß Seele dabei sein und audH s|eine Nerven müssen befriedigt werden. „All sein Gebein muß den Herrn loben", Perlmann erriet meine Ge0anken# „'.Nein, bei uns ist's doch gan^ amfers, viel freieri froher un'd feierlichjer," Unid er erzä'hlte, \vi[e „w i r" den ersten Mai gefeiler^' haben. , Es waren ihrer fünfundzwanzig, Burschen und Mädchen aus verschietdeiKcn;Werkstätiteii, doch alle verbunden und eng befreun;diet> durch ^ci/ne Idee. Zu Pessacli noch wui<d€* im StaiJtwäldchen nach einem verborgenen Pläffechcn Umschau gehalten, daß sie kjbin Teufel ausfindig, machen kountcjS Unid die ganzen zwei Wochen vom Pessacli bis zum ersten Mai wuitle über nichts anderes gesprochen, als über ihre Feier. Es beschäftigte sie Tag^ un.U Nachlt. Nicht etwa, daß sile eine verbotene, gefährliche Sache unternahmen, erregftc die Gemüter. Bewahre, das focht sie nicht im geringsten an. Furcht? Das ,hat|te diese GicseHschaft sChon seit langem vergessien,. Aber der Gedanke, daß sie zum erstamfale tden Wjcltfei'ertag m?t den Proletariern der ganzen We^b feiern, dies'er Gedanke brachte sie in solche 'Erregung daß ste die Tage und Stundtn bis zum Ersten zählten. — Iln (der Nacht vor dem ersten Mai) regndte es bis 8 Uhr frühC Um neuen mußten sijp aufbrechen; es hingen noch immer fliehte Wölken am Himmel und windig war's> Wir machten uns frohgemut auf den Wfebr. ihr fürchtet den Regen? Geht doch, wil* sinVl ja keine Zucl</erpüppchen. Wie oft? mußten wir im dichtesten Platjzrfcgen unter freiem Hfmmel arbeiten? ,-,Dafür gibt uns der „Herr" ein besonderes Trinkgeld!," scherzte der Schlosser Pijikin, bei dem sich die Gesellschaft versammelt 'hatte. Man machte si;ch auf den Wieg, als ob CS schönstes Wetltier wäre. Nur das. „zarte Geschlecht'.' nahm etliche Tücher, daß wir nicht im nassien Grase si|tzen müsseni; „Aber ich versichere Ihnen, ich weiß nicht, ob's dort naß war older .niicht, wor d'aehte damals daran)!" ' » Sie waren alle trunken und wild vom Freiheitsgiefüihf, das sie durchdrang. In der Stadt mußten sie einzeln und zu aweit gehen — wie das sie demtitigjte! Da draußen fühlen sile sich stolz unid frei, einig mit dier ganzen Welt und möchten singen und tanzen, die Welt stürmen — und dort mußt du dich einzeln und verstohlen aus der Sftadt schleichen wie ein Düeb! Doch kaum war der Wialjd erreicht*' fiel es wie schwiere Ketten' von ihnen, auf ihren Gesichjt(errt erstrahlte efriie große, stolze unid wilde Freude .... Perlmann konnte niicht wei/tjer ruhig erzählen, er sucWte seiner Schilld'erung5 tfurch Bewegiungcn Nachdruck zu verlei'hen un|d konnte die passenden Wlortc nicht finden! Sie haben sich Idarnals fürtd ic freiestcu Menschen gehalten, für die ft'ci'esten! Uti(d LJeder haben sie gesungen und Reden wurden gehalten uufcl mau sprach W(orte und Gledanken, daß difc russischen Bäume zittern mußltie.u! Unfd was man nicht tat! man tanzte un|d sprang, riitehlts war ihnen genug! < Der Geist von Simchas-Thorah war in ihnen, dilcselbe Ausgelassenheit, Unticrnehmun<gjslusf unicf (Festesfreude wie am Simchas-Thoräh! AH' ihre Glieder sangfeii und tanz'terr. DFe Welt schien ihnen zu eng. Sie mußten einen Platz: haben, weit wie die Welt und groß wie das Proleitarierelend! ,-,Geht mir doch mit euren Mauif^sftatio'nen,:: schrie Perlmann, „austoben muß man sich, wenn's Weltffejerftag ist! Um'züge, Manifestationen — gimz schön, aber nachher, nadh' 'her Er konnte wieder nicht die richtigen Worte finden, hatte dfe Arme ausgebreitet und die dicken Arbeitshänrie r« Fäusten geballt, „Unid sehen Sie, im vorigen Jahre hatte es damit eirt fenidc Polizei war dahinter gekommen und hatte den Wald am ersten Maii gute 15 W»erst mit Spitzeln umsteMt. Wir mußten also zur Arbeit gellten, — es nichft tun, hieße, sich 'der Polizei in die Händ'e geben, das löhnte sich nicht : Kurz wi'r gingen an die Arbeit -— mit dtem Gefühle eines frommen Ju',den, der arn {Si'mchas-Thoräh arbeiten muß, Fests(timl-.- mung lagt rn allen unseren Gliie'deni. Mir war» als ob die ganize große Armee des Proletariiats hinjter mir stüfndei) i'Ch lebte mit iihr und machte mit ilir a'IP ihne Kuntige.-j bungen mit, ich \tan2He und sang wie damals im Waüdt Und wi'e oft wollte ich die Arbeit und das Gera* zu aflliCni Teufeln werfen!" Er schaute auf niiteh, mit großen, verzück/tlen Augiejfiy daß iteh mich eines Lächelns nicht erwähren konnte, 1 Er bemerkte es und machte eüie wegwerfende Han<& bewegungj, „aCh geht mi|r doch, ihr habt EuCh hal|t -,;vjei^ (deutscht" . . . seiH verdorben; ., . : : "

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