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Freie Tribüne · 1919-03-28 · 11 (28.3.1919) · page 3

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
11 (28.3.1919)
Date
1919-03-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 Freie Tribüne Seite 3" So berichtet das Volkskommissariat in Angete^einihteiten der Völkerschaften unter dem 22. Dezember: „Die Abteilung des jüdischen Kommissariate ini <)reB'iübternahto in eigene Verwaltung' die jüdisclile Arbeitsschule ersteir Stufe» 'die in das allgemeine Netz der Regierungssch'ulein eingiesdhlossen ist und 150 Schlüter zählt; ferner dien Kindergärten mit 56 Kindlern, den jüdischlen kommunistischen Klub mit 250 Mitgliedlern, sowie die Bilbiliofhlellf und Lesehalle zum' Andenken J. L. Pierejz. Alle jüdischen1 Gesellschaften und Organisationen *ind liquidiert, ihre Punktionen, sind an das jüdische Kommissariat übergegangen." Unter dem1 15. Dezember meMet das1 jüdische Kommissariat: „Die Abteilung für Flüchtlinge hat Maßnahmen getroffen, den im Ptawlbwe,r Possäd (Mosk. Guv.) angesammelten Flüchtlingen Hilfe: zu feisten und diese i n d i d'iv ild^uie!!1! in diie Heimat zu befördern. Der Zug mit den baltischein 'Flüchtfingen, unter denen, sich' sehr viele Juden befinden, die.nach Riga zurückkehren^ Ist in Retsdhitzei stecken geblieben. Die FlüchftIinge. werden: in Baracken untergebrachi: un'd "die Abteilung d'efe Kommissariats! strengt alle Kräfte an; ihnen Hilfe zu leisten." In diesen zwei scheinbar nicht viel* sagenden Beispielen kann ein efrnsier Bvedbachter den Keim1 einer wahrhaft proletarischen Völkelrautoniomie erblicken, in der das jüdische arbeitende Volk, wie alle anderen Mtniderheiitsvölker, jene sozial-politiäc'foen und kulturellen Angeliegeinheiten suverän verwaltet, die einenj re|in nationalen Chjarakter tragen. NDäs Sowjet-Rußlanld entzieht diese Fragen nicht h:\r der Einwirkung der „herrschenden" Nation, ..ionidern' auch dem' unheilvollen Einfluß de'r sogenannten „unterdrückten" Bourgeoisie!. Weitere Fakten und Daten aus dem' jüdischen Leiben im' Lande der Diktatur fölgiein. Alexander Serpow. Der vorbereitende Waad der Ortsgruppe Wiei' der zionistischen, vol'ks'sozialistiiseben Partei „Hapoe'k h'azajr" wendet sich' mit einem zum Beitritt auffordernden Aufruf an die „Juidlen". Auls dessen Clit'hyramlbieins'dhwiiing, in dem es Don Quichoteschle Hie'ibe nach alllein' Seitejn rejgniet, abfwechselnd nach teidhtis und naef}1 links, ielnfeirsieits jgegen;diej'iüdis;dhen Kapitalisten, anfdienerselts^igegjeini idie [Marxistein, sieieln ^einige Blutern herä.üsfgelesein! unid unserien Gelnossen! vorgelegt. So hieißt eis! .darin: Wollt ihr Idu'ldfen, diaß; in. Erez Is'rael eine andere Sprache heirirsdhe, als die her" .IbräiseWe?" Niufti!, Swir glauben ulnis izu (erinnern, solche Redensarten aus dem1 Muindie Deutsdhradikaler ^gjehlö'rt zu, haben, idie ihr -Publikum — mit einem giftigen Seitenblick auf . die Tsdhecheh — so zu ha rangieren - pflegie:^ „Wollt ihr cMdiemj,. daß in, Wien eine anldere Sprache herrsche als die deutschei?" In dem Munde eines „Volkssiozialisten'V dessen gif- tiger Seiten'blick nunmehr seinem eigenen Volke j$M, scheint sie uns dodh ein wenig — deplaziert. Ja, wir fürchteiri sogar, diese Nichtd|uldung einer .anderein alfe der hebräischen Sprache werde so weit gehen, daß die „Volkssozialistein" (in klassenkampfloser Uebiereinstimmiung 'mit gar manchen, bürgerlichen Zionismen) alles daran setzen werden, das jüdische Volk von Erez Israel möglichst fern ziu halten, wie.il es dort die P|est des iJüdischen unaius'rottbar, ^herrsc'h'end", verbreiten •könnte, und an seiner Stelle vor .altem' die Einwanderung von alten und jungen. Gymnasiasten und Klein: und Großiblürgern des Westens fördern werden. Vielleicht sind darauf die sich häufendfcn Aeußerunigien zurückzuführen, daß Pfalästina für eine Masseneinwand enuingi!nicht in 'Betracht ikom'me. Doch weiter. Der „Hapoel hazair" kämpft also yfiür soziale Gerechtigkeit" aber „gegen den' Klassenkampf gegen alles, was nicht jüdisch iistt". Böslwifce köritotefn hier allerdings leinen ganz einzigartigen» Chiauviinisirnlus herauslesen!. Wir wollen tuns AUr gegen das kindische Schlagwort wenden, den Klasseinkampf abzulehnen, weil er „unjüdisch" s|ei. * /. Wir wollen nicht Sophistik treiben und dem! H. h1. nachweisen, diaß sein Programm „für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen", den Klassenkampf 'beinhalte, da wir bis jeti^t [noch jnie die Klaislse der Kapitalisten für „soziale .Gerechtigkeit" kämpfen sahen. Hat er uns doch bis jetzt nur durch« Phrasen; gezeigt, wie Idas' Ziel der sozialen Gerechtigkeit andlers zu; erreichen ist, als Sdürch den Klassenkampf.- IDach wir wollen: uns* ja nur dageigen wenden, daß der Klassenkampf „unjüdisch" genannt werde. i Nicht weil wir darin vielleicht auch eine Entwertung; sehen, sondern weil der Klassenkampf ejbleinjsiow^enigi iunjüd&seh wie undeutsdh, weil er international1 ist. Die erste wissenschaftlich fundierte, glroßziügjg organisierte, herrlictfe Bewegung zur ■Elkährpftinig der sozialein Gerechtigkeit, die endlich die Fesseln der Nationen gesprengt, die eine Solidarität vor allfe andjeren gestellt hat, die Solidarität dler Aiiisjge^bieiUteten aller Völker, darf und kann auch1 nicht vor Palästina halt mfachiejn, ebensowenig wie die wirtschaftliche Entwicklung es kann. Ganz abgesehen davon, daß dfer Zionismus bis heute nur eine Sache idealistischer Volksfreundei War, jetzt aber in Gefahr ist, (unter der Sachwalter- ^dhaft der kapitalistischen Hodhbiurg der Entente ejrnie Aktion zur Erstfhließujnig eines neuen Marktes für das zinshluingrig^Kapital1 zu werden. Umsomehr. miüsser. jetzt alle Kräfte daran gesetzt werden^ ,das jüdische Proletariat zum1 klassen- Ib'elwiußten Kämpfer für dem Sozialismus zu erziehen. Nicht aber dürfen es angeblich1 „Sozialisten" veir- 6|uchlen, nach .dem' Muster der „Gelben" Zwietracht in seine Reihten1 zu. säen. Nun hoch ,etwas für Tälmudüsten: „Wollt ihr dulden", dröhnt' der Waad, „daß politischf wirtsthaftlichcr Priizipien halber, die für die Arbeiterklasse industriell-höchstentwickelter Länder erdacht w^rdea, das Jüdischwerde« aller Arbeit in Palästina verhindert und trotzdem der friedliche Ausgleich mit dem arabischen Brudervolke unmöglich gemacht werde?" ^Richtige Auslegungen sind an die Redaktion der „Fr. Tr." zu ridhten. Und schließlich noch etwas für Freunde eines giuten Humors: i „Wollt ihr dulden, daß die Tat werdung der Idee „Ein sozial gerechtes Erez Jisroel vom ersten Spatenstich an" hintertrieben werde ... v. . . damit eine dem Lande vollkommeu ferse Ideologie ia die Lage versetzt werde, ungesunde ökonomische Grundlagen zu .konstruiere!, um dann erst die ßev»lutionierung durchzuführen? u Nun, keine Anlgist, ihr Herren Volkssozialisten, wir wollen die Tatwerdtung der Idee ^ein sozial-», gerechtes Erez Israeli vom ersten Spatenstich an" nicht hintertreiben, höchstens das Wort „Tarwerdüng". 1 t Keine Angst! Dodh' einem gjuten Rat: Lasset das Wort „Volkssozialis'mius" und sletzet dafür 'bescheiden „Gymnasiastiensiozialismiuls". - M. A. Sch. - IflteriBtionalB SozialistEDfflhPtp fibep Paul Axelrad, ein 'bekannter Fjührer der Soziali'srtiein in Rußland:*) „Ich bin überzeugt, daß die Revolution, wenn sie den Sieg davontragen wird, die Forderung der Juden in Rußland, sei es'in Bezug auf ihre bürgerliche oder nationale Gleichberechtigung, verwirklichen wird. Die Verwirrung der Bolschewiki hat die Existenz des freien Rußland in Gefahr gebracht. Wenn ein Kale- ' din zur Macht gelangt, so kommen mit ihm zusammen auch die Purisdhkewicz. und alle Hoffnungen der Juden .gehen dann verloren. Die Eroberungen der Revolution können nur von Wert sein, wenn die Bolschewiki nicht durch Waffengewalt beseitigt werden, sondern wenn sie allein durch ihre, beinahe überrevolutionären und in Wirklichkeit kontrarevolutionären Taten, sich von der revolutionären Demokratie isolieren. Sollte in kurzem die Konstituante, dem demokratischen Wahlrecht gemäß, zusammentreten, dann dürfte man ganz bestimmt erwarten, daß die Gleichberechtigung der-Juden mit großer Mehrheit proklamiert werden wird. Die nationale Anerkennung und Gleichberechtigung der Juden ist für das demokratische Rußland genau so selbstverständlich, wie die Gleichberechtigung der Juden als Bürger. Was Rumänien anbetrifft, kann man das offizielle Rumänien nur durch eine gute, internationale Kontrolle zwingen, die Beziehungen zu den Juden zu ändern. Eine solche Kontrolle zu schaffen, ist die Aufgabe des internationalen Sozialismus. Wird nun der Frieden unter dem Einflüsse des internationalen Proletariats zustande kommen, dann wird man von der rumänischen Regierung große Verpflichtungen in Bezug auf die Behandlung der Juden erlangen. Dagegen kann man von einem Frieden, der durch Diplomaten ohne den Einfluß der Demokratie geschlossen wird, keine großen Verbesserungen erwarten. Mit der Judenfrage in Polen muß sich das internationale Proletariat ernst beschäftigen. Ich stehe Vor einem Rätsel. Ich kann, nicht begreifen, wie es kommt, daß man in einem Lande, wo seit so vielen Jahren eine proletarische Partei besteht, welche noch marxistisch sein will, den Antisemitismus so gleichgültig toleriert. Ich kann es mir nicht erklären, wie der Antisemitismus ernstester Art den-Gejst eines Volkes verführt hat, das sogar auf eine zivilisatorische Rolle in der Menschheit und faktisch auf Traditionen hinweisen kann. Leider haben mir glaubwürdige Beobachter und sichere Dokumente bestätigt, daß der Antisemtismus in Polen zu großer Macht gelangt ist Das internationale Proletariat wird nun seine Stimme erheben müssen, wenn die proletarische Internationale nach dem Kriege keine Phrase bleiben soll. Wenn der sozialistische Gedanke im Laufe des Krieges sich als nicht genug energisch erwiesen hat, wird die In-? ternationale nach dem Kriege mit der größten Energie die gleichen Garantien für die Rechte der Juden in *) (Anra. d. Red. Der Vollständigkeit halber drucken wir auch Axelvads Ausführungen über Rußland, die heute überholt sind). Polen fordern, genau so, wie sie für die Juden iri Rumänien wird erstehen müssen. Ich meine darunter sowohl die bürgerlichen Rechte der Juden als' auch ihre Rechte als nationale Minderheit in Polen. Die polnische Arbeiterklasse muß ja das Faktum anerkennen, daß das jüdische Proletariat die schwersten Opfer für die Freiheit, sei es in Rußland, sei es in Polen, gebracht hat und schon mit Rücksicht darauf müßte es im Kampfe für die jüdischen Rechte, von den polnischen Klassengenossen aufs kräftigste unterstützt werden. Von den Polen muß man in erster Reihe fordern, den Juden Lebensmöglichkeiten zu lassen^und aüf die jüdische Bevölkerung das Prinzip des nationalen Selstbestimmungsrechtes, die nationale Autonomie auf personaler Grundlage anzuwenden. Ich bin nicht so optimistisch zu glauben, daß der Völkerbund, der von vielen Seiten vorgeschlagen wird eine so reale Macht besitzen werde, alle internationalen Verpflichtungen zu überwachen Der Völkerbund wird, wenn er zustande kommt, die erste Zeit nur formell existieren können. Die Aufgabe des internationalen Proletariats wird es nün sein, aus dem Völkerbunde ein wirklich nützliches Organ zu schaffen und die Regierungen zu zwingen, die< übernommenen, internationalen Verpflichtungen zu erfüllen. Was den Zionismus anbetrifft, habe ich leider keine Gelegenheit gehabt, die Frage gründlich zu . studieren und ich muß gestehen, daß in meiner Brust zwei oder drei Seelen kämpfen. Während ich die Voraussetzung hege; daß eine glückliche Vereinigung " der Menschen zustande kommen kann, halte ich die Energie,' die die Juden für die Kolonisations-Arbeit in Palästina verwenden, für überflüssig. Wenn ich aber an die traurigen Tatsachen denke, an Pogrome und verschiedene andere jüdische Verfolgungen, erwacht in mir das Gefühl für Palästina und ich hege den Wunsch, daß der Zionismus, als Rettung für das unglückliche Volk, verwirklicht werde. Oft scheint es mir, daß man das ärmste Volk der Welt, das auf eigenem Boden lebt und ein eigenes Territorium besitzt, welches für sein historisches Eigentum betrachtet, um sein Schicksal beneiden könnte. Ueber die Aussichten der Zionisten habe ich keine feste Meinung. Dagegen halte ich die konkreten Forderungen der Juden in Bezug auf, die Palästina-Kolonisation, wie sie in der Erklärung der Partei „Poale Zion" an der Stockholmer Konferenz formuliert worden sind, für durchaus berechtigt. Die freie, kolonisatorische Arbeit der Juden muß jeder fordern, der auf dem Boden demokratischer Emigrations-Politik steht." Notizen und Glossen. Was ist Sozia1isiBi>ung? I Daß mit einer Vierstaatlidhtun|g der einjen und der anderen Unternehlmjungen oder Industriezweige, die ges äm't e Volkswirtschlaft nicht auf einei neue Grundlage gestellt wird; (empfinjdleln alle und es entsteht daher das beklemmein;d!e Gefühl, daß nur djer Staat'skapitalisjmlus seinie Madht mehren könnte;. ' Daß der Arbeiterschaft einei 'Mitwirkung oder . Selbfetverwaltuing in dier Organisation der -Produktion eingeräumt werden .wlürdle, lbie|d|eutiet gjewiß leine Aeniderfing gegenlülblelr demi gegenwärtigen Zustand in den Privatunid1 S t a a ft s ibetrieben, abelr hier empfinden alle, daß damit allein nicht idie Ueiblerfiührung der kapitalistisdhien1 Wirtschaft in 'die sozialistische vor sich' ginge'. Worin also liegt das Wiesen der Sozialisierung? ' Das versucht Otto Neurath zü erklären und wir folringen einige dler wielslenitlichlsften Sätze : „Was heißt sozialisieren? Sozialisieren heißt die Produktion planmäßig durch die Gesellschaft für die Gesellschaft gestalten und das Prodakt nach sozialistischen Grundsätzen verteilen, das heißt niclit auf ,Grund vererbter Vorrechte, auf Grund von Zufall, Schiebereien oder Spiel, sondern ausschließlich auf Grund von persönlichen Leistungen und persönlichen Eigentümlichkeiten, wie Alter, Gesundheitszustand Geschlecht u. s. w. ' ' Es kommt darauf an, daß jedem Staatsbürger Wohnung, Nahrung, Kleidung, Bildung und Vergnügungen öffentlichrechtlich gesichert werden, daß Sorge und Alter und Krankheit restlos entfällt. ' Aus dem Wesen der Sozialisierung erfließt bereits die Notwendigkeit, vor allem die Herstellung der Verbrauchsgüter planmäßig zu sichern; die Sozialisierung der Rohstoff- und Energieverwendung ist drängender als die Sozialisierung der Rohstoff- und Energiegewinnung. Dies hat die Reichsgesetzgebunff übersehen, welche fasziniert vom Gedanken der bürokratisierenden Verstaatlichung, an eine 'allmähliche Verstaatlichung der „hiefür reifen Betriebe" denkt. Als ob ^den Arbeitern und Bauern viel damit geholfen wäre, daß Staatskohle statt Privatkohle verwendet wird, solange die Kohle der Erzeugung von Batisthöschen statt der Erzeugung von Proletarierhemden dient, solange die Kohle in unrationellen Betrieben verheizt werdem darf, weil es dem Profit irgend eines Unternehmers dient, während in einer planmäßigen Wirtschaft diese Kohle^anderer Verwendung zugeführt würde! Solange der Reingewinn die Produktion beherrscht, solange der Inlandshandel für die Bewegung der Waren ausschlaggebend ist, können die verstaatlichten Betriebe vielleicht" ihre Arbeiter etwas besser steilem — was ab«r gar nicht erwünscht ist, da die Gesamtheit der Arbeiterschaft gehoben Arbeiter und Angestellte, besucht unsere Versammlungen und werdet Parteimitglieder!

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