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Freie Tribüne · 1919-03-07 · 9 (7.3.1919) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
9 (7.3.1919)
Date
1919-03-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Freie Tribüne i Nr. 9 nale Unterdrückung der Juden zu fördern, sondern picht einmal für die Juden in die Schranken getreten zu sein, als sie zu hpnderten und taufenden hingeschlachtet wurden. In einer Sondernummer 'der von uns herausgebeten Jüdischen . Arbeiterkorrespondenz, haben 'wir diese Behauptung dokumenltarisch belegt. Die Mumm er wird hier verteilt werden und die Genossen können sich überzeugen, ob das, was ich sage, richtig ist. Das schönste nationale Recht, die größte nationale Autonomie ist keinen Pfiffe r 1 ing wert, wenn die Angehörigen einer nationalen\Minderheit nicht ihr es! Lebens un d ihrer wirtschaftliche n B e t ä t i g u n g s i c he r s>in d. D e s h a 1 b w i r d es notwendig sein, d a ß der V ö 1 k e r b un d d arüber wacht, daß kein W i r t s c Ii a f t s k r i e g, kein physischer Krieg in den sogenannten. Formen deir Oes e t z Ii eb k e i t geführt wird gegen Nationen im allgemeinen und gegen die jüdische im besondere .n. Di« Jadenfrage. Die jüdische Frage wurde durch den Krieg in, der tragischesten Weise aufgerollt. Ich brauche .'nicht darauf hinzu(weisen, daß die Juden in Iden ver- \ sctiiedensten Ländern gegeneinander kämpfen mußt ten, diese Tragik teilen: sie mit andern Völkern. Die ' Genossen; wissen auch, daß der Krieg von einzelnen Staaten als ein Krieg gegen die Juden aufgefaßt wurde, Sie wissen, was die Juden Rußlands, Polens1 und Galiziens durch den Zarismus erlitten haben; am Anfang dieses Krieges. Sie kennen dieLeiden der Juden Rumäniens. Für. die jüdische Nation ist der Krieg noch lange nicht zu' Ende, sondern er spielt sich weiter auf ihrem Rücken ab. Pogrome slhid nicht nur in Polen vorgekomimen, sondern auch in der Ukraine und auch in Rumänien, Bessar.abien unid andern Ländern?.. / Wenn, ich von Ruimlänien spreche, so muß ich sagen, daß dieser Staat, der im Frieden von Bukarest ,als (einzigen Erfolg verzeichnen konnte, daß Im'am ihrn die jüdische- Bevölkerung in der schänidlichlsten Weise ausgeliefert hat, ein' klassisches Beispiel idafür ist,' wie notwemjdig es ist, daß die Nationen, insbesondere die kleinen Nationen sozusagen' weltunimittelbar werdein, daß im'an sie nicht mit papierenen! Bes'timlmungen abspeist, daß mian sie nicht nach1 Abschluß des Friedens den einzelnen Staaten Tauf Gnade oder Ungnade ausliefert. Es kann kein Zweifel bestehen, daß, wenn nicht in! Ruimlänien eine vollständige Revolution eintritt, wenn nicht dort die Arbeiterklasse zur Herrschaft . "gelangt, wenn in Rumänien weiterhin die Bourgeoisie und das Bojar entum1 an der Macht bleibt, id'anni sind die Juden in RjUmlänien und in all den Gebieten, die Ruimlänien sich einverleiben will, ihren Todfeinden auf Gnade unid Ungnade ausigelüefert. leb, habe heute ein. Telegramm ePh'altle'n, daß in1 Czernowitz ein Kongreß stattgefunden habe, der Feuilleton. Der Taube. Von Duwed Bor gelaon. (7. Fortsetzung.) Im Tauiben aber verwirrten sich1 schon wieder 'die Gedanken. Er sah1 der Trödlerin ins Gesicht und rührte Isich nicht. ' Ein Nachbar, ein 'Schneider mit einem weichen, heilein Bart, k'am ins Zimmer dies Trödlers1, beobachtete lange ^en Tauben unid zupfte ihn am' Aermel: — Tauber, welchen Tag haben wir-heute? Er war so welch und. gutmütig, dieser junge Schineider mit dem längein* unid weichen Bart. Er! Wollte ■•nur erfahren1, wie wirr der Taube war |unjd! ihn Is'elbst packte schon Herzklopfleni; sein blasses' Gesicht rötete sich' un'd die Augen schämten sich, (funkelten lun'd vergingen vor Schäm1. Vielleicht hatte!er eine Dummheit begangen . . . Aber der Taube spürte nicht, wer ihn arm Aermidl zog, verstand nicht, wozu unid wußte nicht, ob bei jeneim« (heute .Samstag war, oder Wochenta{gL Gebückt verließ er das1 "Zimmer, ging und' wußte nicht wohin, schlich1 sich um "die Klaus' herum uriB' Wim! (die Geschfäft£litten, und sah1 sich plötzlich wiefder im1 Hause des Bick!. Bictf stand ihm gegenüber' (Und schrie ihm' ins Ohr: — Was willst du, Tauber? Man öffnete die Tür und wies' ihn hinaus, er aber isteckte die Hände in die Aermel unid! folgte schweigend und still. 0 AVinterlidh-nebelige Stunden gähnten und gebaren kurze und frostige Tage. Das waren keine Tage mehr, sondern dunkle und furchtbar kalte D.äm'meruing. Esi fiel Schnee. Frühmorgens hüllte sich der Trödler in den Soh'ai seiner Frau und in den großen Futterpelz, machte sich auf den Weg und kehrte bald schneesich angeblich für den Anschluß der Bukowina an Rumänien ausgesprochen hat. Ich kann Ihnen mitteilen, daß die jüdische unid ukrainische Bevölkerung an diesem Kongresse nicht teilgenommen hat, 'daß noch immer keine moralische Berechtigung zur Annexion durch '"Rumänien besteht. Die jüdische Bevölkerung der von Rumänien beanspruchten Gebiete wird deren Anschluß nicht anerkennen» solange nicht volle Garantie dafür geboten 'ist, daß sie in diesem Lande die ausgedehnteste Möglichkeit wirtschaftlicher, nationaler und kultureller Entwicklung wie in allen andern Ländern bekommt. Es wird mir nicht leicht, die Polen mit Rumänien in -einem Atem zu nennen, aber es ist so, in Polen ist es genau so, wie in Rumänien; Polen wird das Rumänien des Nordens werden3 sobald' nicht der Völkerbund die Julien in Schutz nimmt. Die jüdischen Forderungen. Die Forderungen, die das jüdische Volk überall erhebt, wo es in Massen lebt, und Wo es für tein Selbsfcbestimmungsrecht kämpft, sind: volle nationale Gleichberechtigung und Autonomie, bürgerliche Gleichberechtigung, Freiheit der wirtschaftlichen Betätigung, die Forderung der offenen lür sozusagen in allen Zweigen 'menschlicher Betätigung für jeden Juden, der arbeitswillig ist. < Aber auch die restlose Verwirklichung aller dieser Forderungen kann noch immer nicht eine radikale Lösung der Judenfrage bejdeuten. Denndie Ursache der abnormen Existenz des jüdischen Volkes liegt in der Tatsache seiner Zerstreuung| in vielen Ländern. Wir Juden sind ein landloses Volk, das nirgends auf der Welt auf einem,1 geschlossenen Gebiete eine Majorität bildet. Wir haben kein: eigenes Land als' Grundlage eines normal gegliederten Wirtschaftslebens und einer gesundein Kultur. Daher unnormale Berufsgliederung und soziale Schichtung, das' Fehlen der "Landwirtlschaft, die geringe Beteiligung der Juden an der Urproduktion überhaupt, daher die beständigen Wanderungen, die geringe politische und soziale Widerstandskraft der jüdischen Volksmiaslsen, lauter Tatsachen, die auch die jjesuride Entwicklungi der jüdischen Arbeiterklasse bemhien'. Daher erstrebt die überwiegende Mehrheit des ■ jüdischen Proletariates, ja des gesamten jüdischen Volkes, die Er ri cb t un g ein er g es ch 1 o s - s1 e n e n j ü d i s e h e n "S i e' diu n g i n P a 1 ä s t >i n a. einer nationalen Heirnstätte, welche nicht nur ein politisches' und Kulturelles Zentrum1 des 'zerstreuten jüdischen Volkes werden soll, sondern vor allem*ei n e A r bl e"i tls'is t iä t ti e für d i e w a n - d em'd en; jüdischen Massen, die Grundlage;der. Gesundung des jüdischen Wirtschaftslebens durch eine radikale berufliche Umschichtung, in erster Linie durch die Zuriüdkführung eines großen Teiles unseres Volkes zür Landwirtschaft und den andern Zweigen "der Urproduktion. übersdhüttet und mit blauer Nase zurück. Er rieb, die eingefrorenen Ohrläppchen 'mit den unempfindlichen Fingerspitzen und erzählte seiner Frau über drei Erfrorene, die man irgendwo in einem verschütteten Dorf gefunden hatte. \ — Ja und was1 sonst? Leute, die zu einem' Markt führen, waren kaum' mehr lebend zurückgekehrt. Und er war sehr zufrieden, hinreichendes' Heizmaterial vorbereitet zu haben, saß mit seiner Arbeit beim! 'heißen Ofen; schaute nach den schneeverwehten Fensterscheiben hin und redete, vor Freude sogar den Tauben an: — „Bleib daheim', Tauber ... Hörst du, was m'an dir sagt?" - Der Taube hörte jedoch nicht unid tat das1 Seimige : Warf seinen kurzen und sehwerjen Rock Um1, zog den Gürtel über steinen Hüften eng zusammen, rückte die Mütze tief über die Ohren unid zupfte die Trödlerin hinten am Kleiide: — Daß sie es1 weiß: Er geht;... Er geht in die Mühle ... Zuim Bicfc, in die (Mühle . . . Die Trödlerin warf nach ihm einen bösen [Blick: — „Geh ... Zuim' Teufel, geh ... Daß du nicht wiederkommst. Er aber schüttelte noch immer seinen Kopf: Ja, ja, zum Bick, inldie M|ühl!e .... Gelassen ging er durch die Stadt, bog nach1 links' ein und schritt hinunter in das einsame Tal, wo der Schneesturm, mit Rauch ivermiengt, sich tum1 die Mühle im Wirbel drehte. Der pelzvermlumnite Mühlwädhter erblickte ihn, stellte sich vor dem Tor auf, üm! ihm) den Eingang} zu versperren, er aber begann mit ihm1 zu raufen; er zerbeulte den Wächter, der Wächter zerbeulte ihn. Endlidh brachte man den Dorfriohter herbei, der ihn zwei Bauern übergab. Hierauf folgte eine froststille, sternhelle Nacht. Vortags fuhr einsam ein Schlitten, mit schlumiihernden Insassen bepackt, irgendwo zu einem'Jahrmarkt ins nächste Städtchen. Ringsulm' war Stille. Zur rechten Seite schlummerte der christliche Friedhof; links schlief Wowe Bicks weißes Haus mit seinem' langen Obstgarten und alles war überdeckt Dieses Streben unseres Volkes steht in vollent Einklänge mit den Interessen der Menschheit und des Sozialismus, der doch um das Problem der Kolonisation nicht herumkommen kann. Das Land Palästina kann bei Anwendung moderner Produktionsmethoden Millionen von Einwohner aufnehmen. Die Erschließunjg dieses Landes und seine Einbeziehui|g in die Wertproduktion kann nur Nein Werk* der jüdischen Kolonisation sein, die mit Kolonialpolitik und Imperialismus nichts gemiein hat. Denn das jüdische Volk strebt nicht nach Absatzmärkten und Rohstoffmonopolen imi Interesse irgend eines „Mutterlandes", sondern nach der Ver- wurzelung seiner arbeitenden Massen im Lande, die in friedlicher Zusammenarbeit mit der arabischen Bevölkerung die Produktivkräfte des Landes zur vollen Entfaltung bringen werden. Die heilsamen Wirkungen der jüdischen Einwanderung für das verwahrloste Land, sind schon jetzt nicht zu verkennen. Sie hat moderne Arbeitsmethoden eingeführt, die Produktivität der Landwirtschaft gesteigert, die Lebenshaltung der, arabischen Bevölvölkerung gehoben. Es ist vielleicht nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, daß mit der jüdischen Einwanderung der Sozialismus ins Land:g ek om'men ist, daß inmiitten der halbfeudalen Wirtschaftsordnung Palästin a e i n'e jüdische Sozialdemokratie für die Grundsätze der Internationale kämpft. Für alle erwähnten Forderungen verlangen wir. internationale Garantien.' Das jüdische Volk, auf Grund des freien Bekenntnisses in der ganzen Welt als völkerrechtliche Einheit konstituiert,-soll als gleichberechtigtes Glied in den Bund der Völker aufgenommen werden. "Dieses völkerrechtlich konstituierte Volk' soll durch seine demokratisch gewählten Orgahe die ihm vom Völkerbund zuzuerkennenden Recht in Bezug auf Palästina übernehmen, an der Errichtung seiner nationalen Heimstätte arbeiten, alle Angelegenheiten der gesamten Nation verwalten und ihre Interessen vor dem Völkertribunal verteidigen. Und das jüdische Proletariat wird auf dieser Basis für die Verwirldichuixg der Ideale des Sozialismüs im jüdischen Volk' kämofen. In der Debatte über den >Völkerbund«, brachte Genosse Rudolf Kohn am 6 Februar einen Antrag der Delegation der Armenischen Revolutionären Vereinigung >Daschnakzutium<^und des Jüdischen sozialistischen Arbeiterverbandes >Poale Zion« ein und führte fol- / gendes aus: Locker hat hier schon gestern ausgeführt, daß nicht bloß!die Staaten, sondern ebensosehr, ja-vor', allem gerade die Nationalitäten durch den Völkerbund igeschiützt werden müssen. Idh will Ihre kürz blemeisseine Zeit nicht in Anspruch nehmen und'- keine nähere 'Begründüng! m'ehr geben. Locker hat das1 schon getan;. Ich1 begnüge mich damit, imi Namen ,der armenischen 'Delegation un"d des jüdischen sozialistischen Arbeiterverbandes „Poale- Zion" folgenden Antrag einzubringen: von einem morgendlichen, klaren Himmel mit ausgelöschtem Sternen, die einander noch irgendwie ein geheimes1 Nachtmlärchen zuflüsterten. Immer fcijefer sanken die Häupter der. Eingeschlafenen hinab unid dann mdkten 'sie wieder ein mit einem fromimien, zuversichtlichen Gedanken: — So Gott will, ein guter Jahrmarkt ... Plötzlich1 erscholl das1 Wiehern eines erschrockenen Pferdes1 und 'mit erscfbrockeinem1 Schrei lenkte auch der #Kutscher den Schlitten nach der anderen Seite: — „Tyrro!" Angstvoll erwachten die Schlummernden. Lauter schlug das Herz eines jeden. — Wals1 ist geschehen? Schon stand der Kutscher unten bei den Pferden Und begann mit wüsten Flüdhen: — „O, daß dich ... Fasfy fajst hätte ich einen Mensdhen |überfähren.a ■ Rasch liefen alle herbei, beugten sich hin und erkannten den Tauben. ZusaimJmengekauert lag er da, im festgeigiürteten wattenen Rock', die Mütze tief ins Gesicht gerückt und hielt in' der festverkrampften Rechten ein Beil. Er war noch' warnt; main legte ihn! auf den Schlitten und führte ihn nach Hauise. Was' sollte man auch anders tun? Und die Marktfabrer waren: so unzufrieden, s'cbautem gegen den blassen Osten und murmelten: ,/Verspätet der Jahr mar kt, so wahr ich ein1 Jude bin!" Und in: der Stadt begann imian balJdi zu deuten: — Was denn, ist es etwa neu? Der Taüble hatte den Bick zu töten vorgehabt. Irgendwo fand sieb auch bald ein Zeuge, der die Furcht Bicksl noch steigerte. Ja, wann war das hür? In später Nacht gin^ er an Bidks Haus vorbei und sah Einen im Hof herümklettern. Angst befiel ihn damals unjd er entlief. Und sonst? Wer weiß nicht, daß der Trödler an jedem Morgen seine Tür vers'dh'lossen findet? 1 .(Schluß folgt.) MT» Werbet Abonnenten und verbreitet die „Freie Tribüne".

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