Mannheim
Compact Memory

Freie Tribüne · 1919-03-07 · 9 (7.3.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
9 (7.3.1919)
Date
1919-03-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2827798-2827856-2827864--038-2828052
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

REDAKTION und VERWALTUNGs Wien II, Glockengasse 6 Tür 17. Erscheint jeden Freitag. Freie Tribüne BEZUGSPREIS samt Zustellung a Ganzjährig . . . K 15.— Halkjährig . . . K 7.50 Vierteljährig . . E 3.80 Einzelnummer 30 Heller. Örggir* der jüdLiselien soziaJ«lenriolx:ra/fcl£ehem Partei „Poale Zion" Proletarier aller Völker vereinigt Euch! I. Jahrgang Wien, 7. März 1919 Nr. 9 Jüdische Arbeiter! Parteigenossen 1 Die »-Freie Tribüne", das Ormt.» der jüdischen Sozialdemokratie „Poale Zion", hat sich das Ziel gesetzt, das Proletariat über die sozialistische Bewegung der jüdischen Arbeiterschaft aufzuklären. Die. Bedeutung dieser Aufgabe zu erörtern, ist wohl nicht nötigt Jeder von F.uch iveissi dass die Sache des jüdischen Proletariates eng verknüpft ist mit der gesamten Internationale. Die „Freie Tribüne" soll die Brücke bilden von uns zu unseren Klassengenossen in aller W€lt.<- Sie soll der Ausdruck unserer Wünsche und unseres KlasßenwiIleus sein. Damit aber unser Blatt seinen holten Zielen gerecht werden kann, muss vor allem sein Bestehen gdgen alle. Zufälle gesichert werden. Unser Blatt ist das einzige-, das, nur auf die Kraft der jüdischen Arbeiterschaft vertrauend, unentwegt für den Sozialismus kämpft. Deshalb, jüdische Proletarier, müsst Ihr wie ein Mann , hinter uns stehen. Jeder träge das seinige dazu bei, unsere Lage zu festigen. Jeder klassenbeivusste jüdische Arbeiter abonniere die ,,Freie Tribüne", verbreite dieselbe allerorts und sammle Pressfond.' Die Krise der Hevoiution. Die Bahnbrecher der Revolution in Deutschland, Luxemburg, Liebknecht und Kurt Eisner sind von den Feinden der Revolution getötet worden. Aber anstatt der reaktionären Erhebung folgen nur neue revolutionäre Kämpfe. Bayern, Sachsen und Berlin stehen bereits in einer zweiten Revolution und auch die anderen Teile' Deutschlaridls' befinden sich in einem» ähnlichen Zustand. All das •bedeutet jedoch nicht die Perm'anenz der zielbewußten Revolution, sondern ihre Krise. Der Sozialismus vd'er ganzen! Welt hat in gespannter Erwartung und' doch voll Zuversicht die " X/<&^SBh3S^'ia Deutschland!miterlebt, die Xlmiwälzung, die anders als' in! Rußland ein entwickelte^ und reifes! Proletariat zur Macht? bringen sollte. Der Anfang der, Revolution war auch! soviel1 verheißend, und freudigen Herzens1 sahen wir die', erste Regierung des revolutionären Deutschland aus allen proletarischen Parteien hiervorgehen. Doch die Zeit der Einigkeit währte, nicht lanjg(e und seither tobt der Bruderzwist ti'er dejutschlen1 Arbeiterklasse, der zu völliger Anarchie und Ohnmacht führen kann. \ Es" fällt einem1 gewissenhaften Sozialisten' Schwer, zu beurteilen, inwieweit der Bruderkampf aus' der versChiedenen Taktik entspringt und inwieweit auf die einzelnen Parteien die Schuld fällt. Sicher ist jedoch1, daß die Fuhrer djer Meihlrhjeits!- partei, die durch die ganze Kriegszeit die geisti- . gen Hörigen: des1 preußischen Militarjsimuis waren, iimi Kampfe gegen die Raidikaleh nun auch zu den Verbündeten der Bourgeoisie wurden. Ob sie nun . , die Angreifer sinfd oder die lÄngiegfriflenen, in Jedlemi Falle bleiben sie hn Unrecht, weinn sie gegen eine proletarische Richtung den1 K.a'mpf im Bunde miit den konterrevolutionären Elementen führen. Wenn sie diesen Kampf vermeiden wollen oder müssen, so sind sie zur Untätigkeit verurteilt und darin liegt derzeit das' Verhängnis jder Mehrheitspartei. , So wird die Nationalversammlung machtlos, da sie nur dann ihren Sinn hat, wenn nicht draußenf die Proletarier gegen einander Krieg führen. Siel wir d machtlos, weil das1 voreilige Weg dekretieren: der durch die Reyolutioni geschaffenen Arbeiter^ rate die Verbindung zwischen Räte-System und Demokratie verhindern; wollt«. So wird das Landi von unaufhörlichen Kämpfen, erschüttert und das Proletariat zerfleisclhit. v Die Unabhängigen aber, die aus1 der Kriegsj zeit unbefleckt in die Revolution ^treten sind, und1 .denen, wohl die Zukunft im deutschen Proletariat gehört, können trotzdem1 nur theoretisch die Wege suchend auf denen der Ausgleich zwischen der po* litischen und der Arbeiter-Demokratie zu erreichen wäre, weil praktisch die Verbindung der Parteien: nicht zu erzielen1 ist. ' , Dies aber ist das Gebot der Zeit,' wenn die! Sehnsucht der arbeitenden Massen erfüllt und der Sozialismus verwirklicht werden soll. Nur dann kann die revolutionäre Kriese überwunden werden,- wenn die proletarische Solidarität wiederhergestellt und die Einheitsfront des Sozialismus errichtet wird. Die Delegation der jtkcl. ssojziaJ» ÄrJbreit«ax»]p&K»t;©I „Poale-Zion" saujP der int^rnatiomalen Sozialistesikonferenz in jBer>xi. Wie bereits bekannt ist, nahm unsere Partei an den Beratungen der internationalen Sozialistenkoniferenz in Bern teil. Unsere iDelegation bestand aus den'folgenden Genossen: Leon Chasanovitscb, Berl Locker (Allweltlic'h|es Verbandsbureau), Salmim Herz (Lemberg), Mendel Singer (Wien), Rudolf Kohn (Prag). Der i „Bund" war durch zwei Vertreter, und zwar Kosewsky und Kursky vertreten. Es1 war zum' erstenmale, daß infolge unserer Anwesenheit bei einer internationalen Sozialisterikön!- ferenz auch der „Bund" in klarer 'Weise zum' jüdischen Problem! Stellung nehmen mußte. Ueber diese St ellungn ahmte berichten wir an anderer Stelle. Wir wollen jedoch jetzt nur darauf hinweisen, daß die jüdischen! Proletarier den Vertretern des „Bunides" für diese nicht sehr dankbar sein werden. Im' übrigen1 War die Vertretung ide» Bundes ganz belanglos1 und von keinerlei Bedeutung. ■ , ' ( . : , ': j ) Im Folgenden bringen1 wir die (Reden und: Resolutionen unserer Genossen zu den verschiedenen Fragen: Rede des Genossen B. Locker, in der Vormittasssitzung vom 5. E'ebruar 1919 zum Punkte »Völkerbünde Gestatten Sie mir, vor allem1 mieiner Freude darüber Ausdruck1 zu geben, daß es mir vergönnt ist,'hier zum1 ersten "Male als Vertreter des Ptoletariats(dier jüdischen Nation zur Internationale sprechen... zu dürfen', piz üblerwiegende Mehrheit 'd'eS; jüdischen Volkes, das in; der Wiei'f'"sövi^j'gilit^i'- hat uindi noch leidet, * sieht in der Internationale/ ihren bedeutendsten Freund und Helfer. Wir haben jsCbon am Anfang des Krieges, als noch' überall' die Internationale tot gels'agtt' wurde, als sich1 alle von ihr abwandten; im' Jaihre 1915, dem' internationalen! Bureau eine Denkschrift über;die Bestrebungen und- Forderungen des! jüdischen Volkes überreicht. Ich glauble, nicht nur-im1 Namen der [überwiegendjeri Mehrheit der jüdischen Arbeiterschaft, ja der ganzen jüdischen; Nation, Sondern im1 Sinne aller unterdrückten Nationalitäten überhaupt zu sprechen, wenn ich verlange, daß der Völkerbund die Aufgabe hat, nicht nur Kriege zu verhindern, nicht nur die Beziehungen der Staaten zu regeln, isoni dern, daß es* seine Aufgabe, ist, die iRolle zu übernlebmen, die gewisse Staaten und iStaät'ehkoalitionen für sich in Anspruch nehmen, der Beschützer der schwachen Nationen zui sein, nämlich: Ich werde später einen schriftlichen Antrag, vni diesem Sinne einbringen. Der Völkerbund und die unterdrückten Nationen. iWir müssen hier feststellen1, daß der V ö 1 kerb'u n d nicht njur ei ne Föderation von Staaten sein: darf, sondern er muß eine wirk11 iche K onf öjde ,r a iiod von Nationen s ein, o,hne je de AuSnah1 mle. Man darf das! nicht nur in dient Sinne verstehen, daß nicht etwa Deutschland ausgeschlossen: bleibt, sondern es (müssen alle Nationen oibne Rücksicht auf die s t a a 11 i chen G renz e n, oh n e Rü c ksi ch t dar au1 f, ob sie s e 1 bst än di g siti d oder nicht, ohne Rücksicht darauf, ob ihr n,at i o n a 1 e S T e r r i t o r i uiim durch s t a a 11. G r e n - zen zerris sen wir dund ob s'iielü b er h a u pt e i g e n e T e r r i t o r i e n besitz e n. Alle Nationen im üssen im1 Völkerbund vertreten sein und vor dem Tribunal des' Völkerbundes ihre Beschwerden vorbringen können. Es wird nötig sein, im Völkerbund nicht nur einen Gerichtshöf. zu errichten für die 'Beschwerden der einzelnen Staaten gegeneinander, für territoriale Konflikte, Handelskon - flikte und dergleichen, sondern es muß ein Tribunal errichtet werden, für die Konflikte der Nationen, die auf dem 'Gebiete, der nationalen Kultur und des nationalen Lebens liegen. Die nationalen Minderheiten. Man muß sich klar sein darüber, daß dieser Krieg, zu dessen hauptsächlichen Ursachen die Unterdrückung von Nationalitäten und nationalen Minderheiten, insbesondere im1 Osten und in der Mitte Europas gehört hat, die nationale Frage keineswegs restlos lösen wird. Während wir hier beraten, gehen im1 Osten Europas noch Kämpfe vor zwischen den verschiedenen Nationalitäten/die im Laufe deS Krieges ihre Selbständigkeit erworben haben „oderdie im Begriffe sind, dies zu tun. iEs kämpfen gegen einanlder Polen, Ukrainer, Litauer usw. Wie auch! diese Kämpfe abschließen werden, welches Resultat auch daraus hervorgehen wird, die Tatsache können wir nicht aus1 der Welt schaffen, daß es in mehreren Staaten nationale Minderheiten geben wird'. Dasi.g'ilt insbesondere für Osteuropa und den Balkan. Wir Juden f ühlen als Minorität par exzellence mit aller Wucht die schwere Lage dieser Minoritäten. Diese nationalen Minderlheiten laufen Gefahr, unterdrückt zu werden. Es sind das Fragen, 'die für die internationale Arbeiterschaft nicht gleichgültig1 sind, denn es 9ind ja geralde die arbeitenden . 'Klassen, die den nationalen Druck am schwersten zu ertragen haben. Dieser Druck von der einen Seite -erzeugt Verbitterungi und Chauvinismus auf der andern Seite iund das', Schadet der Sache die» Sozialismus. Es ist die Aufgabe der Internationale1, dafür einzutreten, daß den nationalen Minderheiten, die in fremden Staaten bleiben müssen, die volle 'Möglichkeit nationaler Entwicklung; gewahrt bleibt. Aber es genügt nicht, entsprech en de Bestimmungen in; die Konstitution der einzelnen Staaten auf zuneihmlen, sondern diese Frage muß international geregielt werden. "Der V,Öte , wachen,1 daß die Zusicherungen, die den nationalen! Minderheiten gegeben werden, auch eingehalten werden. v ' Die wirtschaftlichen Unterdrückungen. TDiese Garantie müssen1 wir haben, nicht nur (auf kulturellem Gebiete, Standern auch auf wirtschaft- JiChem Gebiete. Denn die herrschenden Nationalitäten1 "kommen sehr leicht dazu!, "ihre 'Macht imi Staate zu benutzen, um! dienationale Minderheit; aus ihrer wirtschaftlichen Position herauszudräni gen. ICh erinnere Sie an iden wirtschaftlichen Boykott, der vor dem' Kriege gegen die jüdische Bevölkerung Polens ausgebrochen ist, und zwar deswegen, weil die jüdische Bevölkerung; — nicht nun die jüdischen Sozialisten,, sondern die gesamte jüdische Bevölkerung — es1 wag|te, bei den, Wahleini für die Dumä einem polnischen Sozialisten eineimj Antisemiten vorzuziehen,. Aus diesem'Grunde wurde! der wüsteste Boykott gegen die jüdische BeivöN kerung inszeniert ünd tausende,fsvon 'Juden wirtschaftlich ruiniert. Es wird Aufgabe des Völkerbundes sein, derartige wirtschaftliche Boykotte und die wirtschaftliche Bedrängung: bestimmter Bevölkeruingsgruppen: wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit zu verhindern, kurz, jeden Wirtschaftskrieg zu vermeiden, nicht nur zwischen den glroßen Nationen, nicht nur etwa den Ausschluß Deutschlands vom' Weltmarkt, sondern den Wirtschaftskrieg der bestehenden oder neu zu bildlendie'n Staaten gegen ihre nationalen Minderheiten unmöjg-- lich zu machen. B e i d e im' T r i b u n'a 1 d e S V ö l - k e r b u n d e S mrü s s e n d i e u n t e r d r ü c k t e n Nationen: auch gegen physische Unterdrückungen und V e r f o lg u n g e n Schutz finden können. Sie werden begreifen, warum ich hier gerade davon spreche, denn ersl' vor wenigen Wochen'haben wir in Polen einen der fürchterlichsten Pogrome der Weltgeschichte erlebt. Es tut mir leid, daß die polnischen Sozialisten1 nicht da sind. Wenn man von 'sozialistischen Parteien gesprochen hat, die auf die Anklagebank gehören, ist es zuerst die Mehrheit der polnischen Sozialisten wegen ihres Verhältnisses zu den Nationalitäten in Polen und insbesondere zu der jüdischen Nation. Ich will nicht den Ankläger spielen bei Abwesenheit des Angeklagten, aber die .polnischen Sozialisten, ich erkläre vor der Internationale, daß die Mehrheit der polnischen Sozialisten das Verbrechen begangen haben, nicht nur die natio- Organisiert Euch politisch und gewerkschaftlich!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.