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Freie Tribüne · 1919-02-28 · 8 (28.2.1919) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
8 (28.2.1919)
Date
1919-02-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Freie Tribüne Nr. 8 Die jüdische Autonomie in der Ukraine.*) Die jüdische Autonomie hatte drei Ausgangspunkte: 1. Anerkennung der Jutfen als Volk; 2. den Gedtenken, daß die Juden dort, wo sie wohnend keine Gäste, sondern ein Element d(er Bevölkerung sind, djas mit der übrigen Bevölkerung zusammen alle Befreiungskämpfe 'mitgerwacht und sich so das Recht erkämpft hat, die errungenen Freiheiten mitzugenießen; 3. den Oedfanken, daß nur die Revolution in Rußland zur jüfclSsdien Freiheit führen kann. Die Idee dler jüdischen Autonomie war keine politische Spielerei, sondern verkörperte d;äs blutigste intereäse des jüdischen Arbeiters. Der Arbeiter hatte z. B. in seinem "Klassenkampf ein Lebiensinteresse daran,!d(aß die Institutionen, bei denen er Schutz für seine Rechte suchte, von Juden gefeitet werden. Er hatte weiter Interesse an einer Fachbildung, brauchte aber als geborener Städter ganz andere Fachschulen als dler russische, vom Dorfe stammende Arbeiter usw. Die Autonomie wurde d(urch den Beschluß der Rad'a vom 9. Jänner 1918 ins Leben gerufen, in welchem den nationalen Minoritäten die Autonomie garantiert wurde. Gleichwie die ukrainische Rada nicht durch Wahlen, sondern durch Delegierte der Parteien zusammengesetzt wurde, so bildete sieh dieser Natiotnalrat entsprechend der Zusammensetzung' der jüdischen Parteien (cllrei sozialistische Parteien, Volkspartei, Zionisten, Orthodoxe). Als ausführendes Organ dies Nationalrateis wuitüe den Juden das Ministerium für jüdische Angelegenheiten eingeräumt. Das Ministerium hat drei Departements: Bil- <hmigs!d(eparteinent (Schulwesen), Departement für allgemeine jüdische Angelegenheiten - diesem oblag der Schutz der bürgerlichen und politischen Rechte der Juidlen, der iKämplf gegen judenfeindliehie Uebergriffe der lokalen Beböndjen, gegen Pogromeusw. — un'd|dlrittenls!!diais!:Dep.arteimieint$ für 'nationale Selbstverwaltung, das Neuwahlen in dfie jüdischen Gemeinden auf Gründl des breitesten Wahlrechtes fiür beide Geschlechter djur einzuführen iund damit djer Autonomie erst tifie/ Basis zu geben ihatte. Das Ministerium hatte durch' ein halbes Jahr existiert und in (diiesier Zeit einte 'Fülle fr-ou Arbeit [geleistet. Man 'muß bedenkjen, daß die ganze Psychologie $es Jufdien dieser Selbstverwaltung entgegenstand; Idjer Julde war wohl gewohnt, Befehle der russischen Regierung zu befolgen, aber er niußtje seelisch vollständig umlernen, um zu begreifen, daß ein jüdisches Ministerium' mit -jüdischer Arnjts - spräche Regierungsrechte ausüben sollte. Aus den alten Klahatstüben, in denen ein paar Gemeinldbgewaltige nach freiem Gutdünken geschaltet hatten, wurden nunmehr demokratische Regierungsinsti - *) Der erst« Teil din-scr Ausführungen is^ einem Artikel der LVager ,Selbstwehr* entnommen, die weitere Saclirorhajlsdarstellung folgt der Warschiiuor „Arbeiterzeitung*. tutionen. In 192 Orten wurden derartige demokratische Neuwahlen eingerichtet, mehr als 100 jüdische Volksschulen eröffnet, mehr als 50 Bürgerschulen eingerichtet. Die Regierung bewilligte dem. Nationalrat eine halbe Million Rubel für jüdische Lehrbücher, für Lehrer wurde ein zweimonatlicher Kurs durchgeführt, ein Lehrerseminar wurde vorbereitet. Die jüdische Autonomie war von der Demokratie erkämpft worden; als die Reaktion in der Ukraine siegte, mußte auch sie fallen. Am' 14. Juli hob der Ministerrat dfi-e nationale Autonomie der Minoritäten auf, preußische Soldaten jagten die letzte Sitzung des Nationalrates auseinander. Erst als die Ukraine nachleiern Zusammenbruche der Zentralmiächte vom fremden Joche frei wurde, wurde auch dtie Frage der jüdischen Autonotmie wieder aktuell. Das Direktorium, däs nach dem Abzug der fremden Gewalthaber den heimischen Hetman verjagte, war gleidh bereit, die von ihm1 vernichteten Anfänge der Autonomie wieder herzustellen und das jüdische Ministerium wieder ins Leben zu rufen. Die Zionisten und die jüdischen, bürgerlichen Parteien lehnten es ab, für* die allgemeine Politik der Regierung djie Verantwortung zu übernehmen und sammelten sich um! d'as jüdische Sekretariat, das jüdische Ministerium, das vor dem preußischen Regimes von einem jüdisehen Sozialisten besetzt war, fiel auch jetzt den jüdischen Sozialisten zu und der Poale Zionis't Rewutzki erhielt das verantwortungsvolle Amt. Hier einige Sätze aus seinem ersten Erlaß vom' Jänner dieses Jahres: „Mit dler Ueberniahme der schweren, verantwortungsvollen Pflicht, das Gebäude der nationalen Autonomie zu errichten, erklärt das Ministerium' für jüdische Angelegenheiten, daß seine Tätigkeit dfie Interessen der breiten MasJ sfen und d'ie Ideale der jüdischen, revolutionär^!! Demokratie im Auge haben wird. Es fordert djie jüdische Demokratie auf, mit allen Kräften den Kampf der ukrainischen Bauern und Arbeiter, für ihre volle soziale unjdi nationale Befreiung zu unterstützen und dler ukrainischen; Volksrepublik mitzuhelfen in ihrem Kampfe gegen die schwarzen Mächte, id/ie ihren Bestand von außen und im Inneren bedrohen. Wir fordern dlie breiten jüdischen Massen auf, das Ministeriuim' für jüdische Angelegenheiten am Aufbau der nationalen Autonomie zu unterstützen' ulnd nicht zuzulassen, Ütaß die bourgeoisen Schichten im jüdischen Volk' wieder die Macht ergreifen/' So muß man gespannt sein, welchen Verlauf die Dinge nehmen werdlen. Freilich darf man nicht übersehen, daß dlas Direktorium' selber, das mit dien Bolschewiki uim! Idfre Macht ringt, seine Existeuzfähigkeit erst erweisen muß; andererseits abei' wird idfe aufbauende Arbeit unmöglich gemacht, wenn die Macht der Soldateska wächst, die ihre Verwilderung Linie? ihren "Mutwillen an der jüdischen' Bevölkerung ausläßt. Die Sozialpolitik in der Revolution. Bei Kriegsausbruch im August 1914 dachten die Regierungen an alles andlere^eher als an Sozialpolitik. Die gesetzlichen Bestimmungen zum- Schutze der Arbeiter wurden zum Teil aufgehoben^ zum anderen Teil eingeengt. Die Leistungen $er Krankenkassen an die^ erkrankten Mitglieder wurden eingeschränkt, wer nicht bettlägerig war, wurde nicht in den Krankenstand! genommen, leichte Erkrankungen wurden nicht entschädigt, die Entsendung dler Mitglieder in Erholungsheime oder Kurorte wurde eingestellt, ebenso d'as Entbindungsheim des Wiener Kasscuverbändies und das zahntechnische Ambulatorium. Aehnliche Maßregeln wurden auch in Deutschland ergriffen. Man fürchtete das Eintreten großer Arbeitslosigkeit und ein Anwachsen des Krank enstandles, wodurch die Kramkenkässen stark in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Es kam jedioch anders. Die Arbeitslosigkeit hörte bald auf, die industriellen Betriebe hatten sich rasch den Anforderungen des Krieges angepaßt; es gab nicht nur keine Arbeitslosen, sondiern es herrschte vielmehr ein großer Mangel an geschulten Arbeitern. Um dem Arbeitermangel abzuhelfen, wurde das Verbot der Nachtarbeit der Frauen und Jugendlichen zum Teil aufgehoben, ebenso das Sonntagruihegesetz. Es wurden in deri Betrieben Nachtschichten eingeführt; ohne Rücksicht auf die Gesundjheit der Arbeiter wurde in dert Munitionsbetrieben Tag und Nacht gearbeitet. Die meisten Betriebe waren militarisiert. Die Arbeiter waren wehrlos. Uebrigens wurden sie durch die schon im Jahre 1915 gesteigerten Löhne zur Mehrarbeit gelockt. Von AVbeiterschtrtz war keine Rede mehr. Es kam nicht selten vor, daß unzweifelhaft kranke Arbeiter gezwungen! wurden, zu arbeiten. Andierseits bemerkte man, d!aß einzelne kranke Arbeiter Gesundheit simulierten, um dien Lohn nicht zu verlieren. Das Krankengeld war zu jener Zeit noch sehr karg bemessen und reichte miont aus, um den Lohn auch nur zur Hälfte izu ersetzen. So ging es bis zum' Jahre 1916. Das dritte Kiriegsjahr hatte bereits seine traurigen Wirkungen auf den Gesundheitszustand der arbeitenden Bevölkerung auszuüben begonnen, und die Arbeiter trugen den militärischen Zwang in dien Munitionsb'etrieben sehr unwillig. Mari schien das in „maßgebenden Krehen" zu merken,, denn die Zügel wurden etwas lockerer. Um dieselbe Zeit begannen die Arbeiterorganisationen in den kriegführenden Ländern sozialpolitische Forderungen zu stellen. Die Vertreter des Proletariats djer alliierten Länder Frankreich, Englanldj, Italien und Belgien, hielten im1 Juli 1916 in Leedls (England) eine internationale Konferenz ab, in welcher s o z i a 1 po 1 j - t is che Fo r d1 e r u n ge n an d(ie Regierungen gestellt wurden. Die Konferenz erklärte, d|aß der'Friedensvertrag, der den Krieg beenden und den Völkern die Freiheit, politische und! wirtschaftliche'' Unabhängigkeit geben wird, gleichzeitig der Arbeiterklasse aller Länder ein Minldiestmaß von Garan- Feuilleton. Der Taube. Von Duwed Bevgelson. (d. Fortsetzung.) Irgendwo, jl'ent heißen Ofen .gegenüber, schnarchte ein armer Jude, ein Bettler, der von fernen Ländern zu Fuß hieher kam, 'sichniarjchte in gesundem Na'dhmittaglslsichhinnmer und träumte von vielen, vielen einzelnen Kopeken. Und der Taube iäaß schwermütig da, hörte nicht einmal und wußte es sogar nicht, ob' dort dent Ofen gegenüber ein Mensen liege. Sein Hirn ist versiegt, kalt und entislann sieh schwach und nebelhaft eines traurigen Ereignisses mit einem' verwundeten Schulterblatt und einer Pritsche, m'ijt einem! Toten und eüiem/ eisernen Haken, an dem ein Seil angebunden war. Un(d all dieses umkreiste ein unvollendeter Gedanke mit einem nicht beendigten Wort. — Der Bick . . . o! Josisele, der Kassier,kam herein, legte den Pelz a!b' und setzte sich zu ihm hin. Bedächtig und verträumt streichelte er sein spitzes Bärtchen Und fcchon schien es, als wollte er seine immer traurigen Gedanken aushecken, Gedanken eines Menschen, der viel Kinder hat und ohne Beschäftigung sitzt. Besaß dieser Jossele aber auch ein Herz, daß zuzeiten auch von wildfremden Dingen gerührt Iwurde. Er schrie irgendwas tn's zugetane Ohr deis Tauben und ider Taube beugte sein beengtes Haupt und stimmte ihm; bei: — Gestorben? . . Was son§t? Gewiß. * "Er wollte etwas sagen, aber Josjsele lachte. Sein gestutzter Schnurbart faltete sich mit der Oberlippe zusammen und m»an sah seine gelben, verrauchten Ziähne. Er (schrie wieder und blickte in die Augen. Des Tauben Antlitz verfinsterte sich, seine bleifarbenen Augen wurden starr und matt, und doch fingen sie Josse Lös uubeendete Worte auf und übermittelten sie dem engen Hirn: — Bick ist ein Schwein . . . "Ein reiches Schwein. Es s'chien ihrn), daß Jas'sele ihn foppen wollte und er ärgerte sich darüber. Aber bald vergaß er auch daran und dachte nunmehr nur an Bicks hohes und weißge tüncht es Haus mit den schattigen Akazienbäumen vor den Fenstern und seinen sauberen, blauen Holzplankeu. Es verdunkelten sich mählich die frostblumigen Scheiben. Mens'chen kamen herein, er aber matchte sich langsam auf die Beine, schob seine Hände in die Acrmel und ging irgend wohin. Er schritt bedächtig und mit gesenktem Hatipt, aber bald vergaß er wohin er gehen wollte. Er wußte nicht, ob er ging und ob draußen' Som'mer oder Winter sei. Junge Burschen verließen eine Weile den Eislaufplatz und liefen ihm nach. Sie ßlchrien ihm etv^is zu, aber er hörte nicht, schritt durch zwei Reihen von Holzbuden und beachtete sie nicht. Leute mieden seinen Weg und er empfand es nicht. Hinter ihm fuhr ein .Schlitten. Der Kutscher, zu faul, die Zügel in.die Hand zu nehmen und auszuweichen, schrie: „Achtung'^ aber er hörte nicht. Die Deichsel fuhr ihm' in den bueklige.n, breiten Rücken — er aber sah nicht nach rückwärts, schützte mit der Hand die verwundete Stelle und ging weiter. In Bicks finsterem Korridor blieb er stehen und wußte nicht, wohin er solle. Die rechte Tür, die ins Eßzimmer führte, war fest und wie von innen verschlossen. Die linke, küchenwärts, war ein wenig geöffnet. Ein länglkher, schmaler Schein floß von der Küche her, fiel auf den Fußboden des finsteren Korridors und rührte sich nicht. Und da stellte auch er sich in einen Winkel, dser Tür gegenüber ,und rührte sich nicht. Von innen kam man miit einer Lampe herbei^, «aichritt rasch den Korridor ab und entdeckte mit Schrecken ein Paar abgewetzter Stiefelspitzen. Es entstand ein Getümmel und isichon umstanden ihn alle Leute des Hauses. Bick .selber schrie etwas in sein taubes Ohr, aber er .'hörte nicht und dachte immer: — Bick ist ein Schwein . .. ein reiches Schwein . . . kein .Schaden . . Und als er dann nach Hause kam', stellte er (sich ziUmipfen hi(n und dachte noch immer djaruber nach '. Mählich erinnerte er sich, daß er bei Bick im Hause war, und ihn dort in seiner Nähe stieben; sah. Und weiter entsann er sich: er sei ein Tauber, ein armer Träger, der einstmals eine Frau namenis! Leah "hatte und eine Tochter — Esther. 'Er machte sogar ein mitleidiges Gesicht und Pizuim Trödler gewenfdfet, wies er auf seine Brust;. Essen ... Er habe Krämpfe, tief innen im Herzen ... Und der Trödler saß ruhig neben ihm, hielt ein' kleines', schmutziges Kind am Schoß und streichelte sein unreines Köpfchen. "Seine Stimme war dünn! xtnd monoton, wie die Stimme eines' Weibes. Er! hatte keinen Bart. Einige vereinzelte Härchen sprossen ihm auf Kinn und Oberlippe und sie bewegten sich, wenn er sprach. Er gähnte, erhob sich nn'd schrie dem Tauben ins Ohr: (Er soll nur zahlen, Bick . . Das schmutzige Kind schnitt Grimassen, öffnete sein kleines, zahnloses: Mündchen und der; Trödler hörte nicht und schrie noch im'mer zum1 Tauben: \ Hole Bick der Teufel! Die Trödlerin stürzte* von der Gasse herein, packte das Weinendp Kinld» mit ihren kalten, mageren Händen und begann ausf beengter Kehle: - - Für ein solches Unglück soll er nur gut bezählen, dieser Bick ... Er wußte aber, mit wem er es zu tun hatte. Sie zog ihm bei der Hand und schrie: Tauber Tölpel! . . . Warum schweigst "Du? (Schluß folgt.) Werbet Abonnenten und verbreitet die „Freie Tribüne11

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