Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 14 (19.4.1919)
- Date
- 1919-04-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Freie Tribüne Nr. 14 Die sozialistische Taktik hatte stets und kann auch' fernerhin nur solche Fragen zum Gegenstand haben, die die Beschleunigung der. progressiven, Ent* Wicklung innerhalb der heute noch1 bestehenden geseTtechaftliehen Ordnung beinhalten. Nicht die Revolution,, sondern die Evolution Ist Gegenstand der Taktik. Darüber, ob der Generalstreik geeignet ist, dem herrschenden System günstigere Lebensbedingungen und freiere politische Gesellschaftsformen abzutrotzen,, beratschlagt und entscheidet die soziaffetische Taktik. Die Frage jedoch, ob die soziale Revolution auf dem alfeinigen Wege der bürjgier lieh-pari amentarisehen Demokratie, mittelst reinster Diktatur des ' Proletariats;, oder gar durch Vorspann beider, nach Rechts unld Links magnetisch -gravitierend er Kräfte sich verwirklichen läßt, ist keineswegs eine rrage der Taktik, sondern vielmehr eine kardinale Frage - der drei um die Herrschaft ringenden Prinzipien, ja dreier Weltanschauungen. Die Sozialreformistische sämtlicher „Scheidemänner"; die Reformistisch-Revolutionaristische aller Kautskyaner und endlich die Marxistisch-Kommunistische der Internationalisten aller Länder. Unsere Parteiberatung (hat also nicht bloß darüber zu entscheiden, welche sozialistische Taktik heute die Ibeste sei» sondern! es gilt, sich darüber klar zu werden, in welchem Lager wir stehen, welches £ntwicklungs- (und Revoliutionsph'nzip wir uns zxi eigen macheninnd welcher Weltanschauungi wir sind. Und da sich bei uns merkwürdigerweise niemand' zu Scheidemann bekennt,, unsere unentwegten Kautslkyaner a'ber bekanntlich ihren Meister ,an prinzipiellier Prinzipienlosigkejt weit (übertreffen, ist eine restlose Kl'ärung dieser kardinalen Frage foe- : sonders notwendig,- Wohin diesiejs iharffnäckigie Verteidigen des i.NidhtQrientiiertsleinwoII'ens" führt, zeigt uns die ganz Und gar irrige Behauptung, der Revisionismus ■ hiätte.in der jüdiscblen sozialistischen Arlbeiterhewe- Igung keine Wurzel geschlagen. Dänin gerade die jüdische Arbeitieirlbewegung hat es an Opportunismus! soweit gebracht, daß sie, in )Ermangeluinig eines 'mit staatlicher Hoheit ausgerüsteten jüdischen Zlwaiiigsive^bandes — wie Parlament öder Seim — laeimeinsam mit dein 'bürgerlichen Klassen; „Freie" jVer'bände — Konsneß-. Nationalräte etc. ~ geschaffen hat. Selbst, dielr Hinweis idarauf, daß der i lä^il^rialis'miu^.in.dier'$idjs'ch!ein sozialistischen Be- /iwegting keirile Rolfe g|e!s^ielt ihat; ist heutzutage, nach 'den 'traurigen; Erfahlrtun^efa in1 der Ukraine, kein atlL zuyerläßl'iches1 Angumient. A'ber geraefe dieser Hinweisv geradje diese Identifizierung dte^ Revisionismus uintitdinier jünigstienP undlsdhmähH'dh^tein1 sAbart, dem .liVlinfeti^riälismüsl, offeribarit lunlsi welche unselige Ver- : .Wiitftm© \ ^dfer. 'Oppörtiunisim!uis , »«gestiftet hat. Das Ch'araHeirls'tische dier sozial-reförmisItiBidhen Weltanschauung^ liegt im Wesientliehen; d|arin,, daß s i e Sich stets aüf "dein Boden des1 jeweilig Biei{9;te:hieinden stielt. Der Ministerialismüs ist (bloß eline logisch' notwendige Folge dieses teilweisen Bejahens: des Seienden. Npni glauben unsere Kaützkyainer sich1 vor d'em Fluch des Revisionisniiusi dadurch retten zu, können, , indem siei denselben mit radikalen Wortiefni wie: „wir sind! unld.(bleiben TodJfleintde der blü'rgerlichftni GeselT- •.$$x$ftu Jbesdhweren. Sie nleriken dabei nicht daß die 'bü^ sehr gut Weiter beistehen kann, ^vemndie Todfeindschaft ihrer Gegner [nur Ün^ Worten izfurh Ausdruck gebracht wircL Die grundsätzliche Gnundsatzlbsigkeit unserer 'Kautzkyaner , Wird ei st dann voll erfaßt, wenn man früher; die Diktatur des Proletariats als die wahre!pemokratie,'als' eine unumgängliche Voraussetzung für die^erstörung des bürgerlichen Staates unft?ür den Üefbergang. zum Sozialismus preisen hört, jim dann .vor?der „völligen Abkehr vom Parlamentarismus " ■ gewarnt zu werden. Dazu die ganz» lund gar junzjutrefflende Herbeiziejhung,, des.Anti^Parlamentauismus der französischen Syndikalisten. Damals handelte es Sich um dient ParlamentaiJismuS als Kampfmittel in dem Rehmen'des kapitalistischen Staates. Heüte handelt es sich diarum, oib der PartanTentärisniius fiahig ist, den kapitalMisdhen Staat zu überwinden. Besonders gro- ^eislkvWirkten düe gegen eine klarte: politisch^ Orientiejriing ejrMbetiiew ^speziel'l1 jüdischen" Einwände; wie ,Wnser Antiparlamentarismus würde den klein'bürger- ISch(ein Natipnaflmus izjur Folge 'halben un^, wir würden dadurch die tausende jüdischen Angestellten den Ziönisten untatig iülbierlassien,, und weiten man iden'kfe nur an 'die älfzUvielen von TClal-Israel Psvchologie erfüllten Bank- und Büro-Beamten,. Seit wann festimmen gieradle diesie rückständigen Elementie der jüdischen Wirklichkeit unser sozialistisches Pro - gjratrtm? Seit wann Üben die Ibürgerlidhen Ziönisten EinlliißMauf ljunser proletarisches Tiun ünd Lassen,? Und nun die Warnung vor der „,Festlegung" vermeng mit dtem inhaltlosien ^orte von id^r Einii||g|!^s! Fi^^ria&f '^jÄ ^^Öllier polnischen SFlattform"twgf^-.^Ift'rtfo§ Proletariat einigen? Auf derjeiii||^. W^#^)^man!%^^^ Ipijer auf dier!MarKis.t|idh:Konimun^ti^? Beantwortet Ihr idjesj^ Frag4 dann haot Ihr Eudb schon fe^tfeele!g|t., Oder wojR iWf vlelfeidht Rro'letatjat auf äRe 'drei!Plä^ormeh'einigen? Nun, und wie wäre es^ wenn "Euere Prophezeiung über München sich nicht bewahrheitet, wenn vGenosse" Hoffmann den ^Genossen" Noske auf das Münchener Proletariat foslaßt. Ja, was dann:? Und — was; das Wichtigste ist — auf welcher von den drei Plattformen woflt Ihr die grölten''Massen des jüdischen Proletariats organisieren; für welche von den drei Weltanschauungen wollt Ihr es gewinnen?; Am Ende doch nicht für alle drei. Gewiß: doch nur für eine von den dreien. 'Für weichet also 9 Sagt es gerade heraus. Wir sind für die einzig mögliche, für die Marxistisch-Kommunistische. Alexander Serpovv. Die PartEiberatung findet Sonntag, den 20 April (Beginn halb P Uhr) im Saale der ..Sozialen Hilf3gemeinschaft Änittar Müller", Praterstraße 17, (Oas'seneingang) statt. TAGESORDNUNG: 1. Bericht (Ref. Schorr). 1 2. Taktik! (Ref. Alexander u, Sokal). 3. Organisation .(Ref. Rudel). 4. Palästina (Ref. Nagler). Das EndscIiBidende in der Tabtikfrage. Der vorstehende Artikel findet in den ^Anmerkungen zur Taktikfrage" nicht die richtige Antwort über unsere Stellung in der sozialen Revolution; er will' eine klare 'Erklärung für eines der drei Prinzipien : für das sozialreformistischie'der;„S'dheidemännera, das! „reformistisCh-revolutionaristis'c'he aller Kautskyaner" oderji das „Kommunistische". Ist dklsieTragictiel unj^ n uri^ie r e rPartjei 'ztitlreffend? Daß sie es nicht ist, weil die! ,erste der drei Richtungen nicht vertreten ist, weiß Genosse A. S. sehr wohl; darum wendet er all seine Argumente zur 'Bekämpfung des 'zweiten Prinzipes an. Wenn er also weiß, welche Orientierung in Rede steht, wenn er weiß, daß (die Diktatur;des Proletariats mit Einschluß des Parlamentarismus als Kampfmittel propagiert wird, wenn er selber feststellt, daß ^sich 'bei uns; merkwürdigerweise niemand zu SchddiemaniT iblel.iennt'1, fweinln demnach auch folgerichtig all seine Ausfiühr;unjg;ein gegenf „unsere unentwegten Kautskyaner" gerichtet sind — was soll1 dann die Tirade am' Schlüsse fbedeuten, daß man orientiert sein miissie? Weshalb trotz biesfseren Wis'- sens die pathetische Frage: Auf welcher voni den drei Plattformen wollt1 ihr' die großen Massen des jüdischen Proletariats orgianisierein,?" Wozu trotz Klarheit die Ironie : JOder wollt Ihr vielleicht1 das iproieTariat auf aFfe;dreiPlattformen eifrigen'?" „Arn Ende doch nicht für alle drei. Gewiß doch nur für eine von den 'dreien1!" Nun,, das1 iPathös1 'der Fragen, die Ironie der Ausrufe und die wlederholtien iVariatio'nien heildler,, Wringen nur Verwirrung, :de,nn sie erwecken den Anschein., daß in unseren Reihen!dr;ei Prinzipien gegenander stehen^, während das erste .(der „Scheidemänner" nicht in Frage steht. Es wäre also: konsequenter gewesen, den Streit ^wischen den 5Jreformistisch - revomfionaristischen" und dem „komniuniis'tischehi"* Standpunkt (die Berechtigung'diesier Definition wollen wir hier nicht untersuchen) auszutragen. Darum sei auch von den „Freien Verbänden, Kongressen, Nationalräten etc." abgesehen, denn sie halben nie, wie die diversen „Gemeinibiürgschaften" der Anderen, z. B. der Tschechen, die gemeinsame b!ü rger lieh -sozialistische Kandidatenlisten aufgestellt nahen, den Klassenkampf ides jüdischen' Proletariats vertuscht oder geschwächt. 1 Wir bleiben vielmehr bei der Frage, die allein heute zu beantworten ist, obi es richtig ist, die refor'm'istisch-revolutionaristisdie Plattform mit der kommunistischen zu vertauschen. Worin besteht der Unterschied? In der programmatischen Kundgebung der Unabhängigen, die auch1 'in djer „Freien: Tribüne" abjgjedruckt war, heißt es': „Die LTnabhiiiigige Sozi^ldeniokratische Partei »'.eilt sich a it' den Boden des Rätesystems. Sie unterstiitzt die Iiät( in ihrem Ringen um die wirtschaftliche und politische Macht. Sie erstrebt die Diktatur des Proletariates". Dieser Standpunkt war in den „Anmerkungen zur Taktikfrage" in 'unmißverständlicher Weise wiedergegeben. Worin also liegt „die prinzipielle Prinzipienlosigkeit die grujidfeätzliche Grundsat^losilg'keit unserer Kautskyaner"? Ange'blich in der Warnung von der Abkehr vom 'Parlamentarisinus! Nun, erstens liegt kein Grund vor, ums er e Kautskyaner hervorzuhieben, denn 'die Verwerfung des Parlamentarismus' ist auch von den deutschen Unabhängigen in der zitierten Programmatischen Kundgebung abgelehnt (unld wir nahmen gerade dar - auf auch ausdrücklich Bezjüg. SZweitens) muß festgestellt werden, daß. auch die Sozialdemokratie jener Länder, die sich dier dritten Internationalie angesc^rössen ha'beh (Schweiz, fcaliea u. a.L die also un-m^erliCh mit orrhzibieJler' Prinzipienlosigkeit belastet sein köninäen, den Parlamentarismus nicht aufgegeben haben. Drittens sei daran erinnert, daß auch die auf der Moskauer Konferenz angenommene Entschließung nicht von einer Verwerfung, sondern nur von einer Unterordnung des Parlamentarismus unter die anderen revolutionären Kampfmetljoden spricht. Viertens. Sowohl in der Programmatischen Kundgebung als auch in unserem Artikel ist vom Parlamentarismus nur als Kampfmittel die Rede,, nicht aber als System den Kapitalismus zu überwinden, weshalb der heute propagierte Antiparlamentarismus mit dem der französischen Syndikalisten wohl verglichen werden kann. Fünftens muß nijt aller Deutlichkeit gesagt werden, daß die Sozialdemokratie „sich stets auf! di'en Boden des jeweilig Bestehenden stellt", nicht um; es zu verewigen, sondern es1 zu beseitigen. Darin ibat sie sich immer vom Anarchismus lunterschivden, der sich nur durch Abstinenz ausgezeichnet hat. Sie aber wendet alle Kampfmittel an, die auf dem; Boden des Bestehenden zur Verfügung sind. Nun stehen aber die Kommunisten in Deutschland und in Deutschösterreich auf antiparlamentarischem Standpunkt und sie sind namentlich in Deutschösterreich der Sauerteig der Arbeiterbewegung. Aber sie sind der Sauerteig der deutschen Arbeiterbewegung, und diese Funktion kann nach unserem Dafürhalten die jüdische Sozialdemokratie mit ihnen nicht ohne Weiteres teilen. In^gleicher Weise sei daran erinnert, daß die jüdischen sozialistischen Parteien in Polen (Bund und Poale Zion), die Fälschung des Sozialismus durch die P. P. S. bekämpften, aber darum sind: sie noch nicht eins mit der kommunistischen Partei. Aehnlich unsere Situation. j Das deutschösterreichische Proletariat wird die Diktatur erstreben müssen, es steht abler noch nicht vor ihrer Verwirklichung, es steht im deiner großen Masse auch noch nicht auf diesem Standpunkte. Um es v o r w ä r t s z u t r e'j b e n, wollen;es die Kommunisten vom Parlamentarismus fernehalten. Nach unseren obigen Ausführungen ist diese Methode verfehlt. " Sie kommt darum auch für uns nicht in Betracht. Die speziell1 jüdischen" Einwände beweisen nur augenscheinlich, daß 'bei uns ein Vorwärtstreib!eji gar nicht in Frage kommt, denn im Bereiche des jüdischen Sozialismus .gibt es1'keine Scheidemannanhänjffer, es kommt äfoier ein Riüdkwärtstreib'en und Seitwärtstrieiben in Betracht das Treiben in die Arnie dier iblürgerlichen Ziönisten. .; - V So „besonders grotiesk" fällt unser ^Nichtörfentierts'ein wollen" aus und wir wollen1 weider die philosophische noch die stilistische" Frage stellen, ob! die Frage des Parlamentarismus eine der TaktnY oder 'der pölitisch'ein Orientierung ist. Wir häben aber keinen Grund;, die Gegensätze zu verwischen «nd sie treten mit aller Schärfe darin hervor, worin 'das eigentlich UntersCheidenide zwischen den Unabhängigen lund den Kommunisten, zwischen den „Linken" in Deutsch Österreich und den Kommunisten liegt. 'Nicht die Diktatur trennt sie, sondern „die Ueberzeuguing, daß durch die Zusammenfassung al'l'er proletarischen Kräfte, der vollständige und dauernde "Sieg dies Proletariates beschleunigt und gesichert Wird" (Kundgebung der Unabhängigen), während die Kommunisten auch ohne diese Z u s a m m c n f a s s'u n g, auch ohne daß die Einigkeit des [Proletariats hergestellt isifc, die Diktatur begründen zu {können glauben, wie sie auch Genosse A. S. von „dem i nh a 111 o s e n Worte von der Einigkeit des Proletariates" spricht. Darin allein liegt, der Unterschied zwischen .der Diktatur des Proletariates und der Gewaltherrschaft einer Gruppe unä dieser Unterschied ist von den Unabhängigen ebenso wie :von der „Linken", in Deutschösterreich klar betont. ■ Weil auch wir die Gewaltherrschaft einer Gruppe ablehnen, haben wir die Einigkeit hervorheben müssen. Welche Einigkeit gemeint ist, kann für Niemand zweifelhaft sein. „Die notwendige Voraussetzung der Einigung;der Arbeiterklasse ist das Bekenntnis in Wort und Tat zu den Grundsätzen jund. Forderungen der wiederholt erwähnten Kundgebung. Diesie Voraussetzung der Einigkeit, notwendig gegen die Mehrheitssozialisten schien uns erspart' zu bleiben, da sich bei uns merkwürdigerweise niemand zu Scheidemann bekennt". Unsere Plattform schien also gegeoen. Umso notwendiger die Betonung der _ Einj^keit als Voraussetzung der Diktatur, der revolutionären Einigkeit des deutsehösterreichischen Proletariates. Sie existiert heute nicht. Wer trotzdem äh die J^öglichkeit der Diktatur auch ohne die revolutionäre Einigkeit des deutschösterreichischen' Proletariates glaubt, idfer Will bewußt oder uhbiewußt die Gewaltherrschaft einer Gruppe. Wir wollen 'das riieht. Das Beispiel Münchens beweist, welches "Unheil1 ohne die revolutionäre Einigkeit entspringt Und diese spezielle Feststellung auf die extreme, die revolutionäre Einig-