Mannheim
Compact Memory

Freie Tribüne · 1919-04-19 · 14 (19.4.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
14 (19.4.1919)
Date
1919-04-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2827798-2827856-2827869--063-2828040
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

REDAKTION und VERWALTUNGs Wl«a Hi Glockengasse 6 Ersi&eint jeden Samstag. Freie Tribüne BEZUGSPREIS samt Zustellung] Ganzjährig . . . K 15.— Halbjährig . . .K 7.50 Vierteljährig . . K 3.80 Einzelnummer 30 Helhr. Ox»gga,ra dei« j^aiiB<ehen sozialdemokratiBChen Partei „JPcmle Zior*4' Proletarier aller Völker vereinigt Euch! I. Jahrgang Wien, 19. April 1919 Nr. 14 3udmvBFtpeibung. Inf zionistischen Rußland waren die Tage der jüdischen Ostern die furchtbarste Zeit für die Jutfien, denn Ummer -erhob* sich damals das Gespenst dler Pogrome und oft wurden sie Tatsache. Das waren "immer die Tage, in denen sich die wildlestenl Instinkte der rohen Massen austobten,, in denen die Konjunktur der verbissenen Judenfeinde blühte. "Nun sind die guten Tage der russischen Judenfresser zugleich mit der 'Macht! der anderen Henkersknechte des: Zaren für Rußland geschwunden, alber in anderen Ländern lebt seine heilige Tradition fort. Deutsch Öste rreich a ber,, "seit lange, das Land des zivilisierten Antisemitismus, will ihn heute in erbarmungsloser Weise betätigen. Es; hat bisher eine gewisse Scheu davor gehabt, die Feindschaft gegen 'die Judlen in ausdrücklichen Ausnahmsgesetzen gegen sie öffentlich zu gestehen, aber immer intensiver wurde der Groll', der nun! in Beschlüssen hervorbricht, die beinahe auch formell nur Beschlüsse betreffend 'die Vertreibung, der Jusden ausi Wien sind. Schon bei der Schaffung des Gesetzes' über das Staatsbürgerrecht wurde den 'aus Galizien eingewanderten Juden eine Ausnahmsstcllung; zxigewiesen; aber damals schämte sich die junge. Republik noch; ihre antisemitische 'Blöße vor der Welt zu zeigen und die ahnungslosen, unbeteiligten Länder Istrien und Dalmatien, wurden dem allein in Betracht kommenden Galizien gleichgestellt, damit so dte'BIöße bedeckt würde. ' Nun aber wurde 'auf das Feigenblatt verzichtet .und es ist nur noch von den ösltt:Iich\e'w National1- Staaten die Rede.-..............• Erst hieß es; daß nur der Zuzug; verhindert! werden sollte. Es wäre gewiß auch in dieseml Falle beirzlos». unglücklichen^Menschenhaie voin Pogromen aus! der Heimat getrieben, eine Zuf üueht suchen, deni Eip 1 a ß zu verwehren; 'aber die bittere Not int 'der sich 'die Wiener Bevölkerung befindet, würde diesen; Akt des Notstandes' 'begreiflich machten. Selbstverständlich wäre es'auch, wenn vor allem Jenen, die aus dem kommunistischen Ungarn ihren Mammon hieher herüberretten wollen, die Türe zugeklopft würde. Aber man soll nicht die Flüchtlinge aus Ungarn in heuchlerischer Weise zum Vorwande für die schändlichen 'Maßnahmen nehmen 'und man möge von Ungarn überhaupt 'nicht sprechlen, denn dieses teilt die Menschen nur in Arbeitende und Nichtarbeitende ein und 'macht' unter den Arbleitentflen keinerlei Unterschiede* ob sie nun Inil'änlder s%!d oder, Ausländer. Nein, nicht die 'neuein Zuzügler sind unerwünscht, man will auch die alten Fremden, die £alizischen Juden,, los werden. Erst hieß) es': „Vor einigen Tagen ist an die gegenwärtig in Wien wohnhaften F r e ui den. die aus den östlichen T e i 1s t a a t e n der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie nach Deutschüsterreich geflüchtet sind, die amtliche Mahnung ergangen, ehestens wieder abzureisen. Der Appell hat bisher nicht gewirkt, und der Zuzug solcher Fremden da n e r t a n. tn den Wiener Hotels und Pensionen wohnen dermalen tausend» Angehörige dieser Teilstaaten nnd treiben zum Teil einen Aufwand, der im Gegensätze zu der Not weiter Kreise der einheimischen Bevölkerung steht. Die s o. h w i e r i g e n Wo hnunes- und Lebensverhältnisse, machen es den Behörden zur Pflicht, der Frage der weiteren Behandlung der Flüchtlinge näheren treten. Es besteht vorläufig die A b s i c h t, sie entweder a u s zuweisen oder sie an solchen Orten unterzubringen, vvo ihre Beherbergung und Verpflegung der schwei geprüften Wiener B e v ö 1 k er u!».g n i c h t s o zum Schaden gereicht, wie es dermfiJenVde!^ beniitzung eines oder des anderen der ehemaligen Flüchtlingslager gedacht. Die bezügliche Aktion wird Donnerstag, den 17. d, einsetzen und wird hiebei auf Standes- und Vermögensunterschiede nicht Rücksicht genommen werden.* Aber bald wurde 'man deutlicher unjd; der Stadtrat faßte folseniden Beschluß: Feuilleton. Drei Gedichte.*) Von Rudolf P nchs. Heins Väter. Meine Väter, die Propheten, eifern mir im Blute; Sinti in meinem Rock dler Winid, üWdl G'riuß in imeinemi Hute. Kjonfmen an mit 'Aexten breit, und Zornesfackeln flammen durch die Klippen, Brechen die verruchte Welt mit Stern und Nachjt aus1 meinen armen Rippen. Hebten an auf meinem roten Strom zu fahreni unid zu singen; Den befreiten Geist als Wimpel auf dem Mast iri Gott zu schwingen Daß die Stunde Alleluja — (neu sich ihm. gewähre — Daß er lebe! Datt er zeuge! Trage!! Und gebäre!!! In Duiheln. Frau Amme4 Frau Aimnile! Und idehkt sie noch' mein? Der Wind kam herein, und1 das Licht ging! ein* Ging flackernd ein, Frau Amme. *) Wir entnehmen diese Verse mit Genehmigung des Ver- : assers aus seinem soeben im Verlag Kurt Wolff, Leipzig, erebieaen en Gedichtband .Karawane*. Die Red: Wie bin ich erfahren, wie bin ich leer! Die Blumen, die 'sprachen, erzählen nicht mehr; Kein Sterbenswort mehr, Frau Amme? Wer zeigt mir den Garten, wer zeigt mir den Sand! Wer führt mich an lieber, an herzlicher Hand! An heiliger Hand:, 1 Frau Amme? Und ist sie von driüiben, tritt doch zuj mir ein, Dir werde ich niemals' verschlossen sein, Undi wieg sie mich ein, Frau Amme! Und wieg sie mich ein, Frau Amme. ' Her neben seinen Pferde. Wer neben seinem1 'Pferde1 Mutlos und scheu einhergeht, Der Zlügel streift die Erde,, Ihn widert der Wind ... Der Jäger mit Tieren behängen Begrüßt ihn mit Zuruf uri'd Lachen. Des Abgewandten Verlangen Geht nur nach Traum. Schon zittert ein goldener Regen Auf fächern und Kuppeln iunld Krönten.» Schon lösen sich Von den Stegen. Die Segel' ins Meer. Schon ahnt er die Brücke bereitet Vor seine Füße sich spannen. Aus Kränzen und Kerzen un!dl Pfannen Mit bläulichem Rauch. Von seinem besänftigten Karren Aufknospende Lilien schwanken Hoch über seinen Gedanken Der Habicht der Gotteslust! „Der Stadtrat verl-ngt, daß im Hinblick anf die steigende Wohnung*- und Lebensmittelnot an Personen, welche weder die deutsdiostemdchisehe Staatsbürgerschaft erlangt haben, noch die Voraussetzungen zu ihrer Erwerbung besitzen, Lebensmittelkarten nur mehr für einige Tage ausgegeben werden, und daß die bereits ausgegebenen Karten nach Prüfung der Verbalti.'isse ungezogen werden. Ferner ist von dem bestehenden Aiisweisnngsrecht gegenüber Ausländern ans den östlichen Nationalstaaten angemessener Gebrauch zu machen. Zum Zwecke dieser Maßnahme wird die Polizeidirektion ersucht, raschestens und unter wirksamer Kontrolle des Meldnngszwanges eine genaue Uebersicht der hier wohnenden Ausländer aufzustellen und auf Grund derselben unter Stellung angemessener Fristen für die Entfernung der hier nicht ansässigen obgenannten Personen, eventuell für ihre Unterbringnnir in Flüchtlingslagern Sorge zu tragen." Die Christlichsozialen sehinen sich nach ider, Palme der zarischen judenheinker, der polnischen Pogromsoldateska und der 'rumänischen Aushahinegesetzgeber. Der Beschluß entspringt :der christlichsozialen Gesinnung. Aber 'auch die deutschesterreichischen Sozialdemokraten haben die Senmach der Ausnahmebestimmung 'mitbeschlossen und sie verteidigen sie noch. Wie werden sie es rechtfertigen* daß den Ausländern aus den östlichen Nationalstaaten eine andere Behandlung zuteil werden soll, als den übrigem Ausländern? Und iwas soll das heißen, diaß gegen sie vom Ausweisungsrecht ein; ä n ge m e s s e n e r Gebrauch zu machen sei? Glaubt Jemanldi, daß maniden' Krielgsgewininjern und Preist reibe rini, dem Prassern und! Schlemmern wehe tun *wird? Welcher blutige Hahn, unsi glauben machen 'zu wollen» daß di ese Herrschäften in die Fluchtlingslager kommen .werden? Man muß nur 'das Wort Flüchtlingslager .äustr :^§Rg^il!Sift^ und Zeit wiederzuerlleben, fd$e Blei Höllle iiir das! arme Volk bedeutete. Und diese Hotte diroht den armen Massen wieder. Jenen "Massen, die hier schwere Arbeit und karget 'Brot gefunden halben und die jetzt vertrieben wer dien sollen.. Welcher Jesuitismusi von!der ,„Arbeiterzei tunig:", mit frommem1 Augenverdrehen, zu behaupten: „Es wäre gewiß allen Wieiern viel angenehmer, wenn wir alle Fremden, die nach AVlen kommen möchten, gastfreundlich aufnehmen könnten; doch es geht nicht. Der Trieb zur nackten Selbsterhaltung zwingt uns, jeden belastenden Zuzug fernzuhalten." Ist das1 nicht Heudhelei, in ein System' gefaßte Heuchelei, nach dem 'Beschlüsse des1 Stadtrates, der kein Wort mehr über den Zuzug verliert sondern; die,,hier lebenden; Ausländer" fejetrifft', die Aktion als Aktion gegen "Z u züig I'er -darzustellen? Welche Schande Wird'dem: Sozialismus von diesen deutschöstierre'ichis'chlen Sozialdemokraten angetan; die sich nicht sCbämen, zu verkünden;: ,JDen Antrag wurde mit 'den Stimmen der. Sozialdemokratie und der Chri§tlichsozialen 'angekommen*' — gegen die Stimmen der bürgerlich1 Freiheitlichen. Nun,v noch ist nichts gesehenen1. Die bis letzt feridenü'ahme Koalitionsiregieruri^ hat noob keinem' der protzigen TDiener .'des Mammon ein Haar gekrlümmt; wenn sie gerade die f rem den Mammohs'diener packen will!, wird niemanld1 in ihrem Vorhaben reine Motive sehen. Aber wir wiürdien nur mit jubeln zu jeder 'derartigen Tat. Umso energischer fördern wir den "Schütz der fremden Werktätigen, der jüdischen Arbeitenidten, die in Läden ünd Werkstätten^ in Kontoren Junjcf Büros' ihre ehrliche 'Arbeit verrichten und die nicht das Opfer der antisemitischen Seuche werden dürfen. Den deutschösterreiehis'Chen Sozialdemokraten obliegt <#e Pflicht, kein Unrecht geigfen sie zuzulassen,, denn sie sind keine Zuzügler, sondern hier Le ben de, keine Mitesser bloß, sondern "Mitsehaftende. Die geplanteniMaßnahmen dürfen die. arbeitenden Juden nicht treffen, es *darf keine Juidlenaustreibung geben. ___; Zur ^ordinalen Frage unserer politischen Orientierung. Ganz und gar unzutreffenid ist es, das große Problem, das heute die gesamte Arbeiterbewegung in fieberhafter Spannung hält, als fyloße „Taktik- 'fragie" hinzuistellSen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.