Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 6 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 Freie Tribüne Seite 3 IfldisclinationalBn. Der Sturz der Habsburger und Hohenzollern hat den slavischen Völkern die nationale Freiheit ermöglicht, er hat für das deutsche Volk den Weg zur nationalen Einheit freigemacht. Nun da die deutschen Herrenklassen nicht mehr vereint mit den Dynastien über die slavischen Nationen herrschen können, ist das alte Ideal der deutschen Demokratie, die Vereinigung Deutschösterreichs mit dem übrigen Deutschland wieder lebendig geworden. Freilich gibt es reaktionäre Elemente, die gegen den Anschluß Deutschösterreichs an Deutschland sind, weil sie die Angst vor der roten Republik gebannt nalt, aber was das Staunen aller erregen muß, ist die Gesellung der Wiener Zionisten zu diesen Feinden der deutschen Einheit. Noch mehr, die Wiener Zionisten überheben sich so weit, daß sie Gegner des Anschlusses sein wollen, auch wenn die Anderen, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe ihre Gegnerschaft aufgeben. Sind die Jüdischnationalen wirklich so von allen guten Geistern verlassen, daß sie ihre Isolierung anstreben, wo sie am verwerflichsten ist? Verstellen sie nicht die Sehnsucht der Demokratie von Deutschösterreich, mit dem ganzen deutschen Volke in Einheit und Freiheit verbunden zu sein? Wir wollen gar nicht darauf hinweisen, daß vor unseren Augen, auf den Trümmern der alten Monarchie sich die Nationalstaaten aller Völker, der g e e i n i g t e n Völker, erheben und daß das Volk Deutschösterreichs zur gesamtdeutschen Republik gehören will wie die Slovenen und Kroaten zum südlavischen, wie Slovaken zum tschechischen Staat gehören. Wir glauben, daß |Jlas Einheitsbestreben dier Deutschen gejade bei einem nationalen Judjeii warmes Verfetäntlnis findiejn muß. Denn auch die nationale Bewegung dies jüjdtechen Volkes in allen üindiern ist ein Streben nach nationialer Einheit und» «uns, gerade uns m'uß eis klar sein, djaß 'das dcutschösterreich isidlie/ VoH'k' fejein'e VteJrfcmigUng mit dien Äifcren deutschen Stjämimfcsi in der vollendetsten Form des eine;n Staates erstrebt Es kann daher nicht genug scharf gdbrandmarikt iwte'rjden, icllaß die( Zionisten von ' Wien, diels'e Bewegung, anstatt sie zu Versteiften, gleich den "anderen Reaktionären anfeinden. Es ist aber unerhört, idlaß sie stich beraiushejhmlerc, dien 'eifrigsten Verfechtern dies Ansk^hlus'ses, den Sozialdemokraten und insbesondere dem Dr. Bauer mit der Drohunlg zu begegne/n, die Entente wereüe die Vereinigung nicht zulassen. Wir wis'sen1 nicht, was den drohenden \ Leitairtikjle.r des zioniisti^chejn Tajgiblattes (siehe Wiener Morgenpost vom' 8. Fejbruar) zu einem' Freunde des Eutentqimperialfetnuis gemacht hat. Wir wis'sen auch nicht, o'b der Imperialismus dfer siegreichen Alliierten dem Anschlüsse Hindernisse in den Weg Ätiellen wird, aber das wissen, wir, d!a;ß jeides unterdrückte Volk die Mafchtgebote ium)d MalchtVerbote der Imperialisten verdammen muß, denn das Diktat dier starken Mächtq wräre ein Grab d!er schwachen •Völker. Daher muß dias jü^isch'e; Volk, das seine Freiheit u|njd seine Eitnhlejrt mir verwirklidhen kann, Wenn die Geirechtijgkeit. seiner Sa^he siegt, .diejenigen als Brunne(n|veirgitfter bezeichnen, die so. setbistvergelssen sind, die Ansichlußbestrebungen der unterhängt und begrejrft, dja'ß sie sich erhangt hat; er möchte fragejn „warum'?", und schaut nach der arten1 Frau, die zu Häuptejn der Toten steht. Diese alte Frau, die in sich zusammeingesiunken, eingekauert dasteht, tJ^in1 zahnlosen Mund geöffnet, den Kopf wach rückwärts geworfen, das Gefeicht verzerrt. Wahrschein lieh weint siej mit einer herzzer^ reisisemiefi Stimme, aber er ist taub und kann nicht hören* Auch in seiiiejmiGjejsfcMe zuckt es; er möchte weinen und kann nicht. Es entsteht Lärm, man treibt die Leute ausem&n$er, der alte Schameis der Chewre-Kedische schreit vor dter Tür: —- Nun, genug, genug; ge^ht in Frieden. Die Küche wird leer. Man weist aueb ihn hinatts, aber er wöl nicht gehen. Man schleppt ihn bei tdein, Schultern, doch er wirft trö&ej Blicke um sich und klammert sich mit beiden Hängen an der Pritsche der Toten fest. Man versucht ihn mit Gewalt fortzureisseai, da zieht er die Plritsche mit der Toten nach steh. Menschen icrmatten, lassen ihn los. Da erblickt er jemanden im Türrahmen tijer Küche, ernnert sich an einen Traum, den Mühlhof, Mendjel, die Bäuerin; Esther. Er lätßt die Prttöche los, um irgendwohin m laufen. Doch bald vergißt er, wohin er laufen möchte, eilt dennoch in dfcei Gasse hinaus und läuft mit aller Kraft. Tief, tfäf' ve^mken seine Stiefel imj aufgehäuften Schnee, er atmet schwer und fühlt, wie sein>ei Kräfte sjchwindSen und ieilt dennoch weiter. Deutschösterreicher mit höhnendien Grimassen zu begleiteh. Die Herrein mö&en auch nicht mit der Ausrede kommeln, dfaß sie aus1 wirtschaftlichen Gründen! gegejn djen Anschluß sind. Die Jüdischnationalen wollejn doch das ganze jüdische Volk beglücken und verwerfen doch jede Klassenpolitik. Es ist ihnen allerdings einmal d<as Geständnis entschlüpft, djaß das jüdische! Kleinbürgertum seine eigene Politik machen müsse, (um nicht im! Kampfe zwischen Großkapital und Arbeiterschaft aufgerieben zu werden. Aber sie werden sich doch nicht erdreisten, zu behaupten, daß sie aus demselben Grurtde vor dem sozialistischen Deutschland „warnen". Nun, dann mögdn sie aber erklären, weissen ökonomisches Interesse es ist, djem zuliebe! düet Zionisten sich feindlch der deutschen Einheit hekeinnen. Die Drohun|g aber, daß sich geigen den Anschluß schon ein härterer Widerstandertheben werde, als man ahriei, ist ebenso unklar und ebenso verwerflich, wie| die Drohungmit dem Machtgehlote deir Entepteimperialisten. Im Ganzen ist diese! Stellungnahme der Jüdischnationalen ein klas!sis'che(r Beweis ihrer Idjcenlosijgkeit ,und ein Zeüchen der Verwirrung, die im den Köpfen derer herrscht, die im Namen des ganzen Volkes refden wollen. So vertreten sie dann keine Klasse desselben, das ganze Volk aber muß sich sagejn: „Herr, beschütze midh vor meinerti Freunden!" 3üdiscfie öolhspolitik. Wie bei allein! Völkern, ist auich im jüdischen Volke der Kampf |d|e(s Proletariates um die Befreiung von jeglücheir Klassenherrschiaft ein Kampf zur Befreiumg de.'s ganzen Volkes. In;diem die breiten Volksschichten eöner höheren Lebenshaltung zugefüh rt wer dem1, ist auch jdpje Möglichkeit rzluir1 freien Entfaltung, deis! Volks&eniiusgegeben. Die Quelle alleir Volkskultfulr ist die Demokratie. Nur wenn Bildung «midi. iWohlfaihrt aufhören, die Domäne einelr gesellschaftlichen Oberschicht zu sein, ist es möglich, alle imi Voikei latenten Werte zutage zu fördern. Deir Strom Idler nationalen Kultur entspringt dem Volke! und; mlündfet iml Meere der Kuilturmenisichheit. Damit ist auch der oberstei Grunldsatz für jede wirkliche Volkspolitik gegiejbenj. ^icht an die Mächte der Vergangenheit #\ß\ri sidb der, Volksr Politiker anslchließein, n.'lcht an jene darf er dlast Schicksal ßleiniesi Volkeis knüpfen, die gestern geweisen sind;, aber o^as geschieht liehe; Morgen; nicht mehr erleben weüidjen. Es' entsprichlt vollkömmen dem1 Leibensinsitinkt dies jüdislchen Volkes, daiß es überall die, Avantgardfe dfer Freiheit', der Vorkämpfer der Revolution1 gewesen ist; djenn nur dler Sieg des Soziaifemus kann idtßtm über dd.e ganze Erde zerstreute^ jüid{isehen Volke die alten nodh lUiierftillten Fordeirungen laller :Revoiutione.n „Gleichheit, Freiheit unid Brü^dieirKlchl^ett^ gewähren. Gegen dein gesun^fen Lebenswillen des jüdisthen Volkes kann eine Partei, die düle .Schlagworte einer .übctrwitindenen peisehichtseipoche auf ihre Fahne geschrieben hiat, nicht aufkommen und mfeg sie sich noch so national drapi^rein. Eine Partei die (dtie Sozialdetmokratie bekämpft, die gegen den Vorkampfer der Eheirechtsreform Sturm\ läuft, weil er „jüdischer Abstammunig'', sich für eine Kulturforderung einsetzt, dSe mit eiaiem kleinbürgerlichen Pfrogramm vor die OeffeaiJtiich|kejt tritt in dlern; Momente, da ü(ie ganze Welt nach Sozialisierungi der Volksgüter ruft, hat nicht rJjas .Recht, ihr politisches Getue einie Vollkspoli/ttk zu nennen. Was wir von einer wirklichen nationalen PohV tik! heiüächeni, idas^rößtm^gjlichle; Heü unjdidiehöchistmögliche Wohlfalhrt (der, breiten Massen unseres Volkes, können fwir nur er reichen, indem wir in die Reihm treten zum gemeinsainfen Kampfe gtgetn1 den Fei nd(al lies Vol kstWmes, gegfen deW Unteriditrücjter jedes Vo Iksgeniü[s, gegen den völkierverhetzendien Kapitalisimus- Das jüdische Volk ywß so rad{ikalisieTt werden, d\af> es! deir v£,rläßhohlste; Bundesgenosse aller Kämpfer für eine! neue, freie, bessere Vol'ksordhung «"wird. Das jüdische Volk wird nur im Bunde m# allen Nationen, nur im Einlklanjg mlit der ganzen Menschheit sein oder es wirjdl mfohlt sein. Es wHfrd enitweder in jden Karren oder unter die Räder dtr Weltgeschichte köm!m<eii'. Deshalb mRiß die Politik des jüdischen Volkers eine geschichtlich voralusschaueliiide s,e^n. Sie kann mir geführt werdien im Zeichen dejs SozialfeMufef. (Fortsetzung folgt.) Die Rahlen in Polen. Was.vorausgesehen und befürchtet wurde, trat ein. Die Reaktion siegte bei den Wahlen zur polnischen Konstituante. Schon vor den Wahlen sah man, daß die antisemitischen, reaktionären Allpolen die ganze /Macht an sich rissen. Der sonderbare ..Sozialist" Pilsudski hatte wohl zuerst eine sozialistische Regierung eingesetzt, aber diese herrschte nur formell, während faktisch die Herrschaft von den Allpolen ausgeübt wurde. Die Ohnmacht der sogenannten sozialistischen Regierung war noch dadurch vergrößert, daß sie zur radikalen Arbeiterschaft in Gegnerschaft stand, so daß sie ohne jede Bedeutung blieb und schließlich dem auf Geheiß der Entente herbeigeeilten Allpolen Paderewski weichen mußte. So hatte Polen schon vor den Wahlen eine reaktionäre Regierung, die nun auch die überwältigende Majorität in der gesetzgebenden Versammlung hinter sich haben wird. Aber dieser Wahlsieg der Reaktion wird auch auf den polnischen Sozialismus seinen heilsamen Einfluß ausüben müssen, da das Proletariat, nach dem kurzen Rausche des Ministerialismus, ernüchtert und in die Opposition gedrängt, sich auf die eigenen Kräfte besinnen und eine konsequent sozialistische Politik wird treiben müssen. Dem polnischen Proletariat obliegt die schwere Aufgabe, das Land davor zu behüten, daß es zn einem Werkzeuge gegen die russischen Bolschewiki werde und ganz in Reaktion und Antisemitismus versinke. Es ist bekannt, wie sehr die polnische sozialistische Partei in letzterem Punkte versagt hat, und es muß abgewartet werden, ob sie nun die nötige £ Wandlung vollziehen wird, nachdem sie bei den ] Wahlen am eigenen Körper hat empfinden müssen,; welches Unheil das antisemitische Gift angerichtet hat. Diese Sachlage hat natürlich auch für die jüdischen Massen ihre überragende Bedeutung. Das ganze jüdische Volk kann aus den Wahlen nur den Trost schöpfen, daß kein einziger der politischen Assimilanten ein Mandat eirang. Ansonsten zeigen die Wahlen nur das Chaos, das im jüdisch-politischen . Leben herrscht. Vor allem ist der Mischmasch bemerkenswert, der den bürgerlichen. Parteien innewohnt. Die Zionisten führten den Wahlkampf unter der Fahne des provisorischen Nationalrates, gleichsam um so das eine und einzige Judentum zu repräsentieren; es gelang ihnen jedoch keineswegs, auch nur die bürgerr liehen Gegner zu verdrängen. In Warschau wurden sie sogar von der Volkspartei derart überflügelt, daß diese 2 Mandate (Prilutzki und Hirschhorn) erhielt, während den Zionisten nur eines zufiel. Darin liegt wohl die verdiente Strafe für das passive Verhalten der Zionisten gegenüber der jüdischen Sprache und den aktuellen Nöten des Tages, während die Volkspartei die Rechte der jüdischen Volkssprache und die Notwendigkeiten des Tages warm vertritt. Freilich ist es schwer, von programmatischen Unterschieden zwischen diesen Parteien zu sprechen, da keine von " ihnen sich durch klare politische oder wirtschaftliche Anschauungen auszeichnet: Es wäre auch nicht möglich, einen grundlegenden Gegensatz zwischen einer dieser Parteien und den Orthodoxen aufzuzeigen und wir begnügen uns daher mit der Feststellung, daß diese 3 Parteien zusammen 8 Mandate erhielten. Gegen die bürgerlichen Parteien kämpften die jüdisch-sozialistischen Parteien, die allerdings untereinander in heftigem Streit liegen und die überdies durch die antiparlamentarische Strömung in ihrer Festigkeit sehr erschüttert waren. Wir lassen es dahingestellt sein, ob nicht die Abwendung vom Parlamentarismus, die bei einem Teile der polnischen und der jüdischen Arbeiterschaft hervortritt, auf die Enttäuschung zurückzuführen ist, die der sozialistische Ministerialismus der in Wirklichkeit unsozialistischen Regierung verursacht hat. Man mag den Antipartamentarismus als syndikalistisch oder als bolschewistisch deuten, es läßt sich auf keinen Fall leugnen, dafj er die Agitation de? jüdisch-proletarischen Parteien geschwächt hat. So kam es beispielsweise in Warschau dazu, daß die lokalen Organisationen des „Bund" sich gegen das Zentralkomitee auflehnten und es dort keine bundistische Kandidatur gab. Immerhin führten die jüdischen sozialistischen Parteien einen energischen Wahlkampf und namentlich die Poale-Zion können mit den Tausenden von Stimmen, die sie erhielten, zufrieden sein. Diese Stimmen gewannen sie in den meisten Städten im Kampfe gegen die Zionisten und gegen den „Bund". Namentlich der Kampf gegen die Zionisten, den sie besonders im früheren Russisch-Polen auf der ganzen Linie führten, wurde den Poale-Zion von den Bürgerlichen sehr verübelt, weil so Stimmen zersplittert wurden und »jüdische- Mandate verloren gingen. Allein die Poale-Zion können mit Recht darauf hinweisen, daß es allgemein jüdische Vertreter nicht gibt, sondern nur Vertreter des Bürgertums oder des Proletariats, und daß dieses bloß von der nationalen Redensart nicht befriedigt ist, sondern seinen nationalen Freiheitskampf nur im Zusammenhange mit dem revolutionären Kampfe für die soziale und wirtschaftliche Umwälzung der Gesellschaft führen kann. Auf diesem Standpunkte, der im Onjnn der polnischen Poale Zion („Arbeiterzeitung- Nr. 0) ausgedrückt ist, wird auch der Vertreter der Partei stehen, der als Vorkämpfer des jüdischen Proletariates; in die Konstituante Polens einziehen wird. Arbeite?» und Angestellt: foes^öSv-: £j3$&er»e Vev*sammly&igeira um dl werdet Parteimitglieder!