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Freie Tribüne · 1919-02-14 · 6 (14.2.1919) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
6 (14.2.1919)
Date
1919-02-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Freie Tribüne Nr 6 Stimmung unter Entscheidnng durch den Völkerbund Grenz- Saderungen vorzunehmen. * 6. Schutz der Bevölkerung der abhängigen Gebiete, Kolonien und Protektorate durch die Gesellschaft der Nationen, die dahin zu wirken hat, daß Einrichtungen getroffen wirden, welche die eingeborne Bevölkerung rasch au staatlicher Selbstbestimmung zu entwickeln vermögen, wie Gründung von Schulen, Gewährung zunächst lokaler Autonomie, der Preß-, Vereins- und Versammlungsfreiheit und anderer politischer Rechte. Die Konferenz protestiert gegen jeden Versuch, die genannten Grundsätze zu verfälschen und verwirft deshalb: 1. Das Recht des Siegers auf Beute und die Bündnisverträge, die einem Staate für den Eintritt in den Krieg Gebietszuwachs auf Kosten fremder Nationen zusichern. 2. Terwirft die Festsetzung der Grenzen nach strategischen Gesichtspunkten. 3. Verwirft gewaltsame oder verschleierte Annexionen auf Grund sogenannter h i s t. o r iseh er Ansprüche oder angeblicher ökonomischer Notwendigkeiten. . 4. Verwirft, die Schaffung von vollzogenen Tatsachen durch vorgreifende militärische IJ1 e setzung strittiger Gebiete. 5. Verwirft die Schaffung von ökonomischen oder politischen Einflußsphären. Die Konferenz ruft, die Proletarier aller Länder auf, mit aller Kraft auf die Regierungen einen Druck auszuüben, im! diese Grundsätze bei Abschluss des kommenden Friedens zur Geltung zu bringen und diese» dadurch zw hinein dauernden zu gestalten. IV. üSlhepbund und üudenfpage. In ebenso klarer Weise legte die Konferenz die Richtlinien für de« zu schaffenden Völkerbund dar, der nur dann kein Bund der Sieger sein wird, wenn das internationale Proletariat entscheidenden Einfluß auf seine Bildung ausübt, wenn es vor allem die Stellung Wilsons gegenüber dessen imperalistischen Verbündeten und Gegnern unterstützt und wenn es eine st uke sozialistische Internationale errichtet, deren Geist und Kraft die Bürgen für die Gerechtigkeit des Völkerbundes sein müssen. Darum setzte die Konferenz eine Ueberwachungskommission ein, die für die Unverfälschtheit des Völkerbundes zu wirken and die geeigneten Mittel anzuwenden hat. Die Konferenz sah auch in der internationalen Arbeitergesetzgebung einen wichtigen Zweig der dem Völkerbunde obliegenden Aufgaben und rechtfertigte die Hoffnung der unterdrückten Völker durch das besondere Verständnis für die vom jüdischen sozialistischen Arbei-terverbande „Poale-Zion" vertretenen Forderungen. So nahm die Konferenz in Berücksichtigung unserer Wünsche auf Antrag des Genossen Huysmans einen Zu*afzantrag zur Völkerbundresolution an, dahingehend, daß die'Internationale die Anwendung der Grundrechte, die sich aus dem Vö!- kerbn n de ergeben, zu überwachen hat und daß diese Grundrechte a 11 e n N a t i un a 1 i t: ä t e n, auch wenn sie nicht über eine eigene staatliche Organisation verf ü g e n, /. u .<.>; e vv ä h r 1 e i s t e n ha t. Dieser Beschluß zeigt, daß dank der unermüdlichen Aufklärungsarbeit des in unserer Partei organisierten jüdischen Proletariates und dank der Solidarität des internan'onalen Sozialismus das jüdische Volk zum Rechtssnbjekt inj Völkerbund erhoben wird. Wir können auch mit Genugtuung feststellen, daß erst durch unser Auftreten der „Bund" gezw mgen wurde, jüdische Dinge vor dem internationalen Forum zur Sprache zu bringen und seine Schweigetaktik, die er bis zu dieser Konferenz befolgt hatte, aufzugeben. Leider haben wir noch bis zur Stunde keinen Bericht über die Stellungnahme der Konferenz zu all den Problemen der schmerzensvollen Judenfrage, Aber schon aus der oberwähnten Resolution Huysmans geht hervor, daß das jüdische Proletariat mit der Internationale nicht nur ewig verknüpft ist, sondern in ihr auch den einzigen Hort für seine nationale Freiheit sehen kann. ,Denn nun erst geht ganz in Erfüllung, was Troelstra 1912 in Basel begeistert ausgerufen hat, daß auch die kleinen Nationen eine Macht''haben: die Hoffnung auf den großen Sozialismus. Vor M Pohlen. Die Wahlen viur deto'schösterrekhis'chen Konstituante stehejn 'bereits! vor dier T;ü!r und1, die Parteien, die; alle; Agitationsmittel schon erschöpft ha<- ben, warten nur noch auf diel Ents'chleidung der Wähler. Bevor aber noch deir Wähl kämpf beendet wiujrde, erfaßte) das Friedensbedürfnis die verschiedleinen bürgerlichen Gruppen und! Grüppcfoen und sie reichtejn einander ,tl/>e geschäftskundigen und nach Mandaten iiasohienülstn Hände, obschon jede noch ihre Streitaxt hält. Das ist ja das Charakteiristische des Bürgertums, :d|aß es längst aufgehört hat, voni einem fdeial erfüllt zu sein und: .dSa'hier ein' Tummelplatz für allejrlei Cliquen ist, aber dennjofeh die Gemeinsamkeit nicht völlig verloren Wal, uinid wenn idie Gemeinsamkeit auich in keiner positiven Ideei besteht, so wirkt siie doch! ajsl sö)tdlairische Ablehnung dels Sozialismus. , Darum1 koppeireai setchs verschiedene deutschnlationaie, miefbr odieir weniger antisemittvsiche iUsteii: miteinandeir und! ebenso Verbanden sechs liberale und d(efmokratbche Parteien ihre Listen, um eine gegenseitige Mandatenversicherung zu schließen!. ■Eist miaig ja sein, daß dadurch da und dort ein Mandat vor (dient Verlust an diel Christlichsoz'alen gerette|t wird, aber djas-' Entscheidende bleibt, daß die Nichtklerikalie|ii ijn; zwei Blockss;üch< einigten uinjd' sö .jerdtp Gnuippe^ auch die scheinbar sehr demokratische die offenbare Gegensätzlichkeit zum' Sozialismus' verrat. So entwickelt auch deir Wahlkampf den vollen Gegensatz deir Sozialdemokratie zu allen bürgerlichen Parteien, wischt nur zu dten Chinisth'chsozia.- len und Deultsehnaitionalelfl, sondern auch' m allen hürger liebeln Demokraten von Friednianin bis Ofnen Es gibt keine StichwaMqn, bei denen manche Bürgerliche für diei Sozialtflemakraten stimmen;, majnche Bürgerliche) von den Sozialisten gerettet werden können. 0er Gegienisatz beherrscht den Wahlkampf vollkommen und rfüe Trennung ist endjgliltig. Es ist überflüsls% zu sagen, daß auch die; Jür ferimiationalen koppeltem luntlv ein Tei^l des liberaldemokratischen Blocks (wuT;djem. Wir haben aueto nicht einen Augenblick daran gezweifelt, o(aß all ihr Gerede von der nationalen Politik des gesamtem jüdischen Volkes, die kleine Klassenpolitik sein djurfeb efae Beere P|hrase ist,, wir haben ihre Reld.ensart.en nie ernst genommen unid nun haben sie geteeigt, dftß sie n^cht fdie um» mögliche Solidarität des jüdischein Proletariates unid idfer jüdirchen Bourgeoisie verwirklichen, sondern dSe Solidiarität a llieir bürge ritchen Parteien befestigen!. Wie schal klingen jetzt ihre Argumente, daß sie keine! Gegner des Sozialismus sind',; wie albern Wias Geschwätz, friß ihre Politik keine Partei politik ist. # Wie töricht waren a;uch jeine jüdischen Angestelltem und Privatbeamten, PJLb ihnen auf dien Leim gegangen sind1, Idie ihr proletarisches Klassenjnieressie geopfert haben, um d;*m Phantom dter klassenlosen, jüdischnalionalbtn Politik rachzujagen und nun t'tie naltibnsilose bürgeirliehe PolHik retten! Denn es darf nicht vergessen wer dien, daß in dieser Koppelung infcht nur d!as bürgerliche Kfpssseninterejsse obsiegte, isondern daß auich der bürgerliche Nationalismusmit dttrm Assimtlationsjutfeni.um sich zusamm»exifand. v Wür haben keine! Lust, vorher zusagen, wem von den streiteindjen und doch einigen Bürgern che Koppelung das' Mandat verschaffein wird, aber unabhängig von dieser Ents'chefrliung des ZHrfaülesbleibt das Bünidlnis der jüdischnationaletn Kleinbürger mit ihren assimilatorischeai Klassengenossendie bemerkenswerteste Tatsache der jüdischen Wahüpolitik. r -; Wie überhelblich war da der Vorwurf des' nationalen Verrate^, den diie JüdischnationaLen gegen uns erhoben, die) wir von allem Anfang an erklärtem), es gebe keine gesamtjjürdlsfcshe Politik, tföe wir die jüdischen Arbeiter und Angestellten vor dem Verrat an ddel bürgerliche Politik warnten. •Das nationale Schlagwort alilein ist noch keiine Plolitik, das jiijdiJsche Proletariat und die: arbeitenden' jiülditschen Volklsmassein müssen an der wirtschajltlichen und jpoldtischen Umwällzung djejr Gesellslchaft teüjnjelhmen, sie müssen vereint m('t dem deu;s;'cheni Pfroleltariat antue Stelle, der bürgerlichen Ordnung d|je sbziale Oeh-ejchtiglkeitt' herbeiführen. Slo muß che Koppeluh'g ihr Gute{s: tun und die j^döslchen Madse[n belehren, cüaß die lendenlah^ men' Versuchet der biürireä-lichjen ,unid; kleinbürgerlichen Politiker, 'der jüdjscihlnationalen und' assimilatorislchen nur ein Helnwnaiils der sozialen1 Befreiun'g sind Diese kainln nur im sozialistischen Kampfe der jüdischen unidi nicht jüdfechen Massen errungen werden. ' : ' . ' : | Die bürgerliche! Politik steckt im Sumpfe des Kapitalismus und schafft wejdjer soz:ialei Gerechtigkeit no;ch nationale Freiheit. Daher müssen die; arbeitendien jüdischen Massen unsere Parole befolgten untf geschlossen für die So zial d e mokrati e st vnvniein. Berichtigung. 1;m (n ikhl: „Die Flucht ror Jßhow»hu enttial aus Vnrsöhftn di-i- Nam^ ti*>» Autors. — Es atammt von M«iloch Ravri tsi: h und ist. seinem oben ©rschiemenen Gedichtbiuii „Spinoxa11 tmtttoniiii»!! Di« Redaktion. Feuilleton. Der Taube. Vom Duwed Berg«l»»«. (4. Fortsetzung.) IV. Es war eine frostige) Nacht. Dem1 Tauben träumtei, daß er vom höchsten Mühlenfenisier hinabscha^te und) selve, wie Mrndel im Mühlenhof der Bedienerin dies Kontors nachstellt. Die Befcitenei-rn hüohte, gleite auf dem Eise, fürchtend, Meiüdejl werkle sie im Augenblick erreichen. Und rr^iinjdiwo in einer Ecke stehe der Müller Schulz und winde sich vor Lachet: Back 9ie . . . raisjeh . , . rasch . . . Uttd plötzlich wirtl1 ihm rnne, daß Mendel nicht djer Bedteiuertn nachstellt, somlfcrn seiner Estlier. Schjau.dem djurchrinnt ihin. Esther flüchtejt, streckt die Hände ejnipor unU-. ©eihrett vor Furcht. Wäre er nicht tm% Icönnte er ifa!r)e^x hjeiriZ2CTjeißfe^nd!eii-Schrei tiörea. Die liagere, und boehaftie; Tmdllfeirtn fluchte ihm diann ae'hon den ganzen Morffejn' lang: Die Pest überkomme ihn . . . Hörest Du, wie er nachts gehejult hat? Sie ging sogar auf ihn zu und zupfte ihn am Aermel: — Warum, waruta hatte er nachts so gelheult? Er! (wunderte sich uinld hob |dÄei Schultern. Er hätte geheult? Er habe! nicht geheult. Er selbst konnte sich des Traumes nicht meint entsinnen und dachte weder an Melndlel, noch an die Bedienerin. Und mdem! er $e) alten Stiefel ajuf die Füße zog, maß er eie von allen Seilten und Ibetsann sich, daß es vorteilhaft wäre, sie einzufetten. Dann ging er in die Klaus. Dort saß er lange beiim heißen Ofen iuut daciitc nach, wie sejhir, er, djer Taube, Wätnme lic^be, auch mundia ihm dfc;r Kopf eines Fisches, heißes und frischejs Gebäck und fettes Fleisch dasselbe, das Bick einmal in setner Gegenwart gegegessetn hatte. — Ia, Bick weiß, was gut sei. Die Klaus füllte sich regelmäßig. Leute gingen herum und sprachen. WunSdiejrlieh, d)aß man das: Gehet noch nicht bejgann. Es kamen immer neue Menschen; sie; fielen rasiend> hinein und gingen in tdier Menge auf und dje..Menge verschlang sie und ward größer und größer. Der Taube schaut mit seinen bleifarbenen Augen und bemerkt, daß die Gesichter der eben Anoekommeneui erschrocken sind und ihre Augen den Eindruck furchtbaren Geschehens tragen. Sie fragen scheinbar die Anwefeenüien; iWirkltcb? Ist es1 wahr V Jene nickein mit den Häuptern, diese aber bleiben erstarrt und voll Wehnuut ste!hn. Welch Erbarmen. Alan sieht j$cH, wie ie^ scheint, nach ihm um. Menschen tue^i geheimnisvoll, rotten sieh zusammen und werfein nach ihm seltsame Blicke un:i er umschleicht s<iei uinid stopft überallhin seinen taubeni Kopf. Man rückt ihm näher. Jeimand deutet nach ihm mit dem Finger. Er schaut um sich und mustert seüiCi. Kleider: Mag sein, d|aß er die Hose nicht recht zugeknöpft hat. Man gejht zu ihm! hin und schreit in sein Ohr. cjr solle bingehn zu Wowe Bick; er schaut nur verwundert auf und 'bejgre$Pt nicht: was liegt den Leinten daran, daß er zu Wowie Bick gehe? Ein angesehener Bürger kommt auf ihn zu und schreit in sein Ohlr, d!aß er zum1 Bikilc1 gehen soll. Da deutet er mit einem Finger au* seine Brust: — Ich soll gehen'? Er begreift nicht und jjejht dennoch hin. zum Bick. zuckt mit den Achseln untf; gielht. Aber hier, vor Bicks Haus, stehen auch viele .Menschen. Ihm1 schietint, daß es dieselben sind, die er in der Klaus zurückjgeilassen hat. Sie dirängen in die "Zimmer Bicks, ,aüs dim Zimmern in die Küche und zusammen mit" ihnen dränjgt er der Taube. Er möchte siCb nicht drängen, weiß niebt warum* er es tut und tut es diennoch. Schon ist die Küchie mit Menschen angifüllt, daß es finster ist — es flünmert ihm v~or den1 Au{ge|n, alles zittert und« schwankt, wie die Sielbe in Biicks Mühle. Es zittern und wanken die Küchel die Menschen und selbst die Pritsche mit diejm eingeschnumpften, blaufarbenen Toten, dein er endOich erreicht Sofort erkejxnt eir den Toten: ••- Ja, da ist Esther, gewiß. Er wundert sich* nicht einmal. Im Gegenteil, ihm scheint, diäß er schon einmal vor derselben Pritsche mit demselben Toten gestanden habe. Schon lange war d|aß, sehr langv, aber es war doch. Selbjst dje gleiche Anzahl Menschen war da undi ein ebenso düsterer, winterlicher Frühmorgen wie; heute! Jemand zupft ihn beim Aejrmel und zeigt nach oben.. Er sieht ein Seil, das von einem Balken her- P*s*» FäM^©1! Abonnenten und verbreitet die „Freie Tribüne".

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