Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 6 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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REDAKTION ■ad VERWALTUNG« WIM U, aitekeigasst f Ttr t7. Rrscbftiut jeden Fnittf. ie Tribüne BEZUGSPREIS samt Zustellu«a> i «amgphrif . . . K 11,— Halbjährig . . ,K 7.60 Titrteljährig . . K 3.80 ElDZilnnmmer 30 Hellir. Organ d62>> jüdischen sozialdemokratischen Partei „Poale Zion(c Proletarier aller Völker vereinigt Euch! L Jahrgang Wien, 14. Februar 1919 Nr. 6 Soeben schmettert Müs die Nachricht vom' TacTä nÄföeres Genossen Max Rosenfeld nieder. Er verschied gesiteirn, den 13. Februar 1919 in Wien, wo er sich für kurze Zieit auifiil'lcilt, wnj zJitir* internationalen Sozialistiein'konferenz nach Bern zu reisen. Vor wenigen Tagen erst erreichte ihn am Krankenbettel die Siegesboischaft, da!) er als erster jüdischer Sozialist tn ';(te polnische, Konstituante gewählt w-utde. Nu|n vvirtl! eir wedier. in Bern vor der Internationa kl tffer.' Leid des' jüdischen Prolefariates klagen, noch jeimals wieder die jüdische Arbeiterschaft fuhren'. Der erste; und bisher einzige parlamentarische Vertreter des jüc'tschen Pl-oleiariates sollte den Tag des Emizuges in dJiei poIn siehe K^.slttituante' nicht erlebein. Ziu groß ist der Schmerz unli zu sich-weir der Sehlag, der lums mit tilem Tode! Max' xRDs.er».(eldls« getroffen: hat, Wtn jeitzt schon siagen /:ui können, was er Our uns war, und was1 wir an ihm. verlieben. Max Roseinifie'd gefhörlie, seitylem1 er denken kotf/hte, >u,t jüdHsichen sozialistisichen 'Arbeiterpartei .,P]oale Zion' in Oesterreich und war gleichzeitig einer &är beerte halteten TheoreUikv»r der au', strebenden iVationakjn Bewegung dfas jüdischen Volkes. War er doch eindr von jenen wenigen PiersönliChkeiten, dieMfye Fäh.'^keit hallten, steh an die schwersten juirkf verwicklelts'ten "Probleme unseres Volksleibens heranzuwagen und Wege für ihre Lösung z!U suchen. Trotz seinen jungen Jahren — er erreichte kaum d|ie. Mitte der Dreißig — hatte Max RoseüLeld dde! grfuiidikgien.<lsten Arbeiten über das Problem der jüdSsch-efn. Aiutonom'iie geschrieben, die überall größtes1 Ilntejresse fanden. Als einer der besten Ke;mier der Geschichte d(es Wirtschaf t>lehesio des jüjdSscheJn Volkes in Polen wair er unentwegt be*m<üht, unsere nationalen Forderungen in- Pfoten zu vertreiten und d(en Weg für den praktischen Ausbau der nationalen Autonomie zu fin- ,den, wie cir tf&e.s sb kßalr un\d deujtlich i|n seinem! imi Vorjahre erschk|nenen Bu'chie „Die polnisichte! Juden frage" zum AüisicKruck gelbracht hat.!Ms die Revolution ausbrach, fan$ sie. ihn am! Orte seineir militär;*techen Dienstleistung in Przeinrysl und' hier imt Sfturm der Jte(vo!flj(tion beganni er* zu verwirklichen, was1 er theoretisch begründet hiatte: .die] jücKisdie, Autonomie. Er war FühJrer des jüidfschejri Proletariates und stand oald an! der Sjpitze $e(s dortigen jüdischen Volksrates und dier jüdischen Gelmeindfe, die als erste aus der reaktionären Kultusgemeinde zu einer modernen de* mokratisenen Volksgemdinde umgestaltet wurde. Nun. da sich der Verwirklichung seines theoretischen Gcidankens so viele Möglichkeiten bieten, wird er nicht meihr am Werke! mithelfen' können. Er war ..Vorsitzender dteir Pjarteiexekutive d;er jüdischsozialistischen Arbeiterpartei in Oesterreich) un;d Mitglied! dies Veirbands'büros des allweltlichen jüdis chs o zia 1 ist ischen A rb ei teir ve r band.es ,, Po aki Zaon;Doch tvveit über die; Piarte.fkireisfe hinaus! hatte er;Frelunde unter d(en jüdischen Sozialisten aller Richtungen. Noch stehen wir allei un*ter dem! Eindrucke1 dies: Ablebens unseres unvergeßlichen Bei* Borochow, der vor einelm Jahr von uns ging, geradle zu einer Zeil, als er Führcjr des revolutionären Rroletariates in der Ukraine! war. Nun wurc'ie uns auch Max RosenTeld eintrissen, zu einer Zieit, als djas ganzö klassenbewußtei jüdische Proletariat in Erwartung der Worte t'fck ersten jüdischsoznalis't;sehen Velr-' treters in dejr polnischen Konstituante stand. Auch Rosenfeld wurt'iet mitten imi Kampfe, auf der Höhe »eines Lebens stehendl von einerm unbarmherzigen Geischidke (uns entrissen. In der Satüide d|es Schmelrzes1 lebt für ums nur djer eine; Trost, daß c'(ie^ kämpft hat1, npn, da er nicht m|ehr untelr den Lebenden weilt, einen mächtigen Widerhall bei den jüdischen Proletariern aller Länidfer finden. Unsere Parteji verliert in ihm ihren geistigen Führer, die jüdfiischcj Demokratie ihren mutigen Vork'ämipren, c'jas jüdische Volk einen seiner besten) Söhne. Das jüdische Proletariat wird dein Namen Max Rosenvelds in steter Erinnerung halten. Die Berner Sozialistenkonferenz. I. trat, um gegen ihn zu wirken, so dürfen wir uns doch freutn, daß der gemeinsame Weg endlich wieder beschritten ist Zwischen der französischen Linken und der deutschen (Unabhängigen) besteht überhaupt kein Mißverständnis und die Internationale wird es gerade als ihre Aufgabe ansehen, es dort, wo es besteht, zu zerstören. Die Scfluldfrage. Die Hoffnung, daß dlas Proletariat alWr Länder dien durch dein Krieg zerrissenen Zusammenhan|g wieder finrJfeln werde, ist erfüllt. Die sozia-; ilsitische 'llnternationale(, die d|urch die Menschheitskatastrophe zerstört worden war, v/urdle wieder hergeslelllt und «die internationale Solidiarität detr« Proletarier dtfr ganzen Welt ist wiedler im Be-i griffe, ein mächtigeir Faktor in d'cr Entwicklung! der Menschheit zu werden. Die internationale! Sozialistenkonferenz, die in Bern a'bgehaltein wurde, hat dien Grundstein zur Wiederaufrichtung dieir Internationale gelegt. fcDie Gefahr, die aus djejr Erörterunlg der Schuldfrage zu entsprin<gen dlrohtel, trat nicht ein tmdi dies is<rf rti nationaler Bezielhung' das wichtigste Ereignis, obschon leider noch lange; kerne Eüimütigkeit zwischen den Parteien der früher feindlichen Staaten herrscht. Hat doch die Anhäufung von \ Feindseligkeit auf beidien Seiten dlazu geführt, daß die sozial istische Partei Bejigiens die Konferenz überhaupt nicht beschickte uiid ist ja auch der Gegensatz zwischen dien Methrheitssozialisten Deutschlan;ds unit Frankreichs auch auf der 4tonft(renz sehr sichtbar hervorgetreten. Aber der Fortschritt gegenüber den vier Jahren djes menschlichen Jammers besteht eben darin, daß die Konferenz zustande kam und ihr Werk anlangen konnte trotz der noch nicht völlig überwunöteneu \Entfremdung zwischen den Mehrheitsparteien, trotz dem noch lebencjeu Uespenste der SchiUdf'rage. Aber vvenn es aucn schmcrzliche Wahrheit bleibt, daß die Haupischuld darin besttht, daß die internationale nicht wahrend des Klieves zusammen- Dil Tafetiiifpage. Allerdings kann niemand verkennen, daß außer der bald überbrückten Kluft zwischen den Parteien der verschiedenen Staaten ein neuer Gegensatz im Proletariat jedes Landes und der ganzen Welt entstanden ist, der die Einheitlichkeit der sozialistischen Aktion aufheben muß. Es ist der Gegensatz in der Frage der Taktik, der Gegensatz zwischen Bolschewismus und Demokratie. Genau wie die internationale Entfremdung die Belgier von der Konferenz ferngehalten hat, sind die schweizerischen Sozialisten und die russischen Bolschewiki wegen ihrer Ablehnung der bisherigen Taktik der verschiedenen Sozialdemokratien von der Konferenz auageblieben Aber auch die Vertreter all der proletarischen Parteien, die in Bern den Wiederaufbau der Internationale unternahmen, waren in der Stellungnahme zum Bolschewismus nicht eines Sinnes. So klar «-s ist, daß der Kapitalismus die Welt in den Jammer und Hunger gestürzt hat, so unklar ist es, welche Methoden das Proletariat anwenden muß, um das Elend zu beseitigen. Die früher herrschenden Mächte sind in Rußland und Deutschland, in Oesterreich urd in Ungarn von den proletarischen Revolutionen zerstört worden, aber das Proletariat steht nicht vor der lachenden Fülle des Reichtums, sondern vor der schreckenden Leere der Armut Umso schwerer wird, die Antwort auf die Frage nach den Methoden und der Taktik, nach denen sich die Sozialdemokratie im Kampfe für die soziale Neuordnung der Gesellschaft zu richten hat. Wenn auch die überwiegende Mehrzahl an dem Prinzip der Demokratie festhält und entschieden gegen die neuniilitaristische Machtpolitik der Bolschiwiki ist, so nahm sie doch keine Resolution in der Taktikfrage an. Zu verantwortungsvoll wäre es gewesen, gegen die Revolution der Bolschiwiki zu entscheiden und diese in ihrer Abwesenheit zu verurteilen, und zu umstritten ist noch überall die Frage, welches der Weg zum Sozialismus ist. Wenn es auch gewiß ist, daß mit der Einsetzung einer Kommission aum Studium der russischen Verhältnisse die Taktikfrage nur aufgeschoben ist, so ist doch klar, daß die Internationale auf dem Boden der Demokratie sich sammelt und auf die Weltpolitik einzuwirken beginnt. III. Die terrjtoriGlen Fragen. Das zeigt sich bei der Behandlung der Fragen, in deren Erledigung die Bedeutung der Berner Konferenz ruht. Die Konferenz stellte für die Unzahl der territerialen Probleme, die jetzt in Schwebe sind, einheitliche Gesichtspunkte auf, die keinerlei Rücksicht auf die Macht der Stärkeren nehmen, die nur die demokratische Gerechtigkeit verwirklichen sollen. In diesem Beschlüsse zeigt sich die wiedererstandene Kraft des sozialistischen Gedankens, denn die Sozh allsten, der! siegreichen Länder drüctö^ Annahme ihre . Willen aus, die Machtgelüste ihrer Regierungen aufs schärfste zu bekämpfen. Diese Resolution lautet: Wie der Sozialismus die Befreiung des einzelnen in*«rhalb der Gesellschaft in der Schaffungeines nenen Produktionssystems erblickt, das die bürgerliche Ansbeutnig aufhebt, so ist er auch überzeugt, daß die wirkliche Beseitigung nationaler Unterdrückung und Ausbeutung nur mit dem völligen Verschwinden der Klassenherrschaft, möglich ist. Die wirkliche Befreiung der Nationen mnß die Belreinng: vom Joche des Kapitalismus sein. Aber wie die politisch« Demokratie den Obrigkeitsstaat vernichtet und die Mauern awischen Volk und Staat, wegschafft, bedeutet sie in Anwendung] auf die internationalen Verhältnisse die Abtragungder Mauern zwischen den Nationen. Der Sieg der Demokratie in allen Ländern bezeichnet einen Kiesenh«hritt sack vorwärts mit dem Wege der internationalen Verständigung- und legt die Schicksale der Völker in deren eigene Hände. Die Konferenz sieht in der ä> demokratischen Lösung der Nationalitätenfrage die beste Gewähr für einen dauernden und gerechten 'Knoden. Die Vereinigung von Völkern, die einander widerstreben, m einem Zwangsstaat, war immer und wird immer die Ursache internationaler Verwickhuigen und damit eine Gefahr für den Frieden sein. Die Nationalitätenfrage hat internationale Bedeutung und kann nur durch internationale Vereinbarungen, am besten im Rahmen eines Völkerbunde«, gelöst werden. Den zu Tage tretenden Tendenzen, die Grenzen der Staaten unter Ausnutzung der durch den Krieggeschaffenen Machtverhältnisse festzusetzen, stellt die Internationale sozialistische Konferenz folgende Grundsätze gegenüber, indem die. Konferenz fordert: 1. Zweifellose Geltung des Kedite» der Völker, ihr .Schicksal und ihre staatliche Zugehörigkeit, innerhalb des Rahmens des Völkerbundes selbst zu bestimmen. 2. In den umstrittenen Gebieten Entscheidungü b e r die Z u g e h ö r i g k e i t d n r c h V o 1 k s a bs t i m ra n n g tmter Kontrolle des Völkerbundes, der in letzter Instanz entscheidet. B. Das Hecht der Nationen ist gesichert diureh eia Minimum von Hechten, ausgearbeitet von der Diga. .der Nationen und von dieser bei ihrer Anwendnag garantiert. 4. Bei einer Neubildung von Staaten oder bei Neuangliederungen an bestehende Staaten muß der VöüterbunÄ darüber wachen, daß allen von den Neugestaltungen berührten Nationen die wirtachsftlichen Lebensinteresseu durch. Handels- und Verkehrsverträge gesichert werden. .). Die Möglichkeit, auch in Znkuim auf Wuiii^ä «w Völker oder von Volksteilen nach vorhergehender Velksab- Die k asseeibewussten jüdischen Arbeiter* wählen am 5omr«&g, 1ö. Fehri&üB» sozialdemokratisch.