Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 5 (7.2.1919)
- Date
- 1919-02-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 5 Freie Tribüne Seite 3 fln die werktätigen jüdischen Frauen! Die kapitalistische Wirtschaft hatte es lange vor dem Kriege mit sich gebracht, daß die jüdische Frau aufhörte, ein idyllisches Dasein im jüdischen Familienkreise zu führen. So sehr sich .auch die alte Tradition, das hochentwickelte Familiengefühl der Juden dagegen sträubte, die durch das kapitalistische System hervorgerufenen iNöte zerissen alle alten Bande und trieben die jüdischen Frauen und Mädchen in die Werkstätten, Läden und Schreibstuben. Die Zersetzung der jüdischen Familie hat ihren Höhepunkt während des Krieges erreicht. Man kann sich kein grauenhafteres Schic<sal vorstellen als das der jüdischen Frauen besonders aus Oalizien, deren Oatten, Väter und Söhne eingerückt waren, und die •durch die Kriegsfurie, von Haus und Heimat vertrieben, ats „Flüchtlinge" in der Fremde ihr kärgliches Dasein fristen mußten. Es kam dazu, daß auch diese Aermsten der Armen, Objekte der Profitgier unternehmender Kapitalisten wurden. .Leute, welche nie in de** Bekleidungsbranche tätig gewesen waren,gründeten plötzlich große Uniformwerkstätten, in welcherj sie hauptsächlich geflüchtete jüdische Frau? n beschäftigten, durch deren Arbeit sie große Reichtümer erwarben. Die jüdische Frau wird also durch dieselben Ursachen zum Erwerb gedrängt wie die Frauen anderer Völker Sie haben alle denselben Feind, den 'Feind ihrer Mutterschaft, den Würger des menschlichen Geschlechtes — den Kapitalismus. Was unsere Frauen während des Krieges erduldet haben, den Verlust ihrer Gatten und Söhne, alle wirtschaftlichen Nöte, die letzten Endes auf ihren Schultern lasteten,* hat sie längst in eine Front gedrängt mit den Kämpfern für die kommende sozialistische 'Gesellschaftsordnuno. .Es ist unsere Überzeugung, daß die Hoffnung der Reaktionären an dir werktätigen Frau zuschanden werden wird. Das Wahlrecht gibt der Frau die Möglichkeit,. ©Ifen ihren Willen kundzutun, daß der besiegte Militarismus nie wieder auferstehe,-daß ihre Kinder, mit Schmerz geborerf, nie dem imperialistischen Moloch zum Opfer fallen. ' Die jüdische werktätige Frau wird am Wahltag gemeinsam mit allen arbeitenden Frauen, ihre Pflicht tun. S i e wird die Stimme abgeben für d i e einzige Partei, welche verläßlich ist im Kampfe geg.en den Militarismus!. für die Völkerverbrüderung! gegen den Kapital ism us! für die neue sozialistische O rd n ung! Jüdische Arbeiterinnen und -Angestellte wählet die Kandidaten 4er Sozialdeitiökratk! nationale erkannte das territoriale Prinzip an. Für sie existierte Großrußlandl, das auf räuberische Art de r "Romanow Dynastie entstand; tot ihr existierte /Oesterreich, das durch ditel Habsburger Dynastie in gleicher Weise ein' s tan dien ist, und die deutsche imperialistische Bourgeoisie!. Bei fhlr. existierte; Ungarn usw. Die zweite Internationale wußte nicht, oder wahrhaft gesägt, wollte nicht wissen, daß alle die Igeniartnten Länder Gelfängnisse für die lebendigen (Völker waren, die sie; ignorierte, und daß die .VöT- .;ker die Regierung haßten unid 'dieses Gefängnis bei der ersten Gelegenheit zerstöre(n wenden. Die zweite Internationale und ihre Theoritiker führten auch dieselbe Pfoli ik wie die imperialistische Bourjgeosie: „Eine, Polüijk der großen Staaten", die in einem1 Gegensatz zu dien Interessen der kfiteffnen1 Völker kam, z. B. die ungarische Sozialdemokrat^ sprach im Namen; des ganzen ungarländischen Sozialismus. Unid dje Stitmnre der Slowenen? Der Serben? Der Kroaten? Ueber deren' Haß gegen idie •ungarische Regierung und sogar gegen dt2 magyarisch« Sozial'demokra 12 wegen ihrer zcntralistischG« Politik? Die Theoretiker der zweiten International^,- insbesondere Kautsky, führten in dieser Hinsicht eine Politik, die durchaus antidemokratisch und antisozialilBtiiso'h ist. Der Weltkrieg unid' hauptsächlich seine Folgen, beweisen in konkreter, Art, wie schädlich die Handlung;en der kosmopoli'- tischen Theoretiker in der nationalen Frage war. In' letzter Zeit verbesserte sich die Lage. Unter dem' Druck der proletarischen Masse der unterdrückten! Völker ist die nationale Frage auf die Tagesonf* •nturtg der sozialistischen Internationale gestellt worden. Die Arbeiter der kleinen Nationen protestierten gegen die Privilegien der großen Völker und! 'schüttelten die Vormundschaft der herrscheniden Sozialisten von sich ab'. Ein Teil der Theoretiker? verstand die neue Lage, vertiefte sich in sie und ver* trat dlas Recht der kleinen Völker, gleich mit deni Großen ihr Schidksa! selbst zu bestimmen. Jaures^ iPiernerstorfer, Otto Bauer und anjdere vfetrtratehi das Pirinzip der Völker und Nationen; doch bliebe« der verstorbene Viktor Adler un!d Carl Kautsky bei ihren alten Anschauungen; zwar erkan den beide das Recht der Selbstbesttmmunfg der Völker tn der Theorie aji, sprachen von Freiheit der Nationen un(d! dergleichen; "doch wurde dies alles nur gemacht, um den neuen Stimtntingeln den Tribut zu zollen. In halben Worten wurde das nationale R-itutp aberkannt. In der Tat aber bezogen sie sich antjpathisch zur nationalen Bewegung. Besonders zeigt sich das in Bezug auf dijujdenfrag:{. H.er Warn!- merten sie sich an dt alten kosmopoIüHschen Anschauungen fest. Ad!er hietlt es für seine P.riiofot,. ftfcif jeder Gelegenheit die nationale Forderung, die die Pfoale-Zion in der sozialistischen Wejt zu stellen •pflegten, zu bekämpfen. Bei Kautsky herrschte da- ■ gegen ein Chaos übe(r diese Frage: „Die Judem sind eine Natron — die Ju,di?(a s/nl:l [keine Nation." Bis heute noch hat das palästinensbchel Klima Einfluß auf den jüdischen Charakter, auf di:( jü Jische Ras:e: usw. Man kann sich schwer ein klares Bild ,üb:(r iCautskys Stellung zur Judenfrage mach (n. Iiiu Gegner der nationalen AuHebunjg bleibt er doch. Die, neuen. Strömungen in defr sozia ist.schen Internationale in dieser Frage ließen ihn unberührt. Dia ' sozialrs;ische Internationale Hatto die Lo:ung der Schaffung eines jüdischen Zentrums in Pa äst na. Hingegen hielt Kautsky es für notwendig, dagegen vorzugehen. Die Argumente des großen Theoretikers sind sehr schwache; siebewiesen, daß* Kautsky sich nicht die Mühe gab, den poalet-zionistischen Gedanken gründ.tch kv Innen zu lernen. Die Einwohner Palislinas, doch nicht die Juden Londons oder New-Yorks h!ab:in diesem Fall zu „entscheiden". Kautsky b.fweist seine Behauptungen durch Ziffern; in Paästt.ia. lebJn 700.UU0 Einwohner, davon nur 100.000 Juidem, d. h., d|aßi die Jujden etnej Minderheit diarste.len. Sollen nun die Araber vertrtJbcn werden, um' den Juden den Piliatz zu räulmen? Nicht von diesem Standpunkt aus wird1 die Frage bei 'd#en Poailq-Zionts.en behandelt. Wcam Kautsky der Sache mehr Inteiresse entgegengebracht hätte, hätte er sich1 übelrzeugen können, daß es sich hier nicht darum 'handeltet daß 'die außenstehendefn Mächte das Schicksal Palästinas bestimmen sollen. piz( 700.000 Einhvohner, Juden wie Araber, haben'-ihr Refcht auf das Gebiet, Idas sie bewohnen. Und ni^mapd ist belugt, nemand1 denkt daran, ihr .Recht auf irgenid efhe Art zu begrenzen. Die Poalcf-Zion beanspruchen die gro?err Gegenden defs Palästina-Territoriums und Umgebung, die von niemand beseüzt sind. Warum haben nur die 700.000 Einwohner das Recht auf das nicht besetzte und von ihne(n nicht bearbetlete Gebiet? Warum sind diese . 'bevorzugt, gejgen die Londoner und New -Yorker J'uiden? Kautsky muß zugeben:, daß diejenigen das Recht auf ein nicht besetztes Land haben, die es besetzen wollen und auch dazu-gezwungen sind, um es mitt eigenen Kräftefn zu bearbeiten. Das sind die elementarsten Forderungen einer freien Emigrattonspoütfk. W{r sind gegen Kolonialpolitjk, denn die Kplonialpolilik ist nicht identisch mit Bes (tzung freier Erde zwefeks Bearbeitung durch eigene Hand; weder Araber, Ju)defn, noch, andere E'emcnte Pialästtnas sind in der Lage, die, Londonelr oder, New-Yorkrer Juden1 Ifllaran zu hindefrn. j ' Das Besetzen de(r freien, noch nicht eingenommenen Gegtjnden des Palästinalanjdes durch Juden führt nach unserer 'ttefstefn Ueberzeugung zu einer Schaffung jüdischer Mehrheöt im1 Lande, zu einein! jüdischen territoriale(n Zentrum. Dies wird das Resultat der allgemelinen Entwicklung der jüdischen Emigration und Kolonisation sein. Das, was die. iPtoale-£ion fordert,_ist: „Dte[ nötige Garantie für unsere Tätigkeit im' Lande." Kautsky darf nicht vergessen1, daß wir Kräfte genug für das Land geopfert und es bei den schlechten Umständein' gewissermaßen entwickelt * haben. Und die Hauptsache: der jüdische Arbeiter sammelt seine Kräfte weiter, um sie» dort zu opfern, und für steh normale Bedingungen zu schaffen. Dadurch wird' däs Recht der dortigen; Einwohner — wie Araber und andere — nicht verletzt. Dies haben die Haupt'- führer der sozialistischen Internationale anerkannt, die sich auf unseren Standpunkt gestellt haben. Die sozialistische Internationale proklamierte unsere Forderungen betreffs Palästina, da sie keinem Gegensatz zu den Prinzipien der nationalen Selbstbestimmung der IPalästinaeinwohner fand. Kautsky ist iim Irrtum, wenn er von einem1 pegensatz spricht, er schafft ihn selbst künstlich, da' er 'steiner bisherigen Gegnerschaft zu unseren Forderungen treu bleiben wtlJ. Kautskys Stellung befindet sich im Widerspruch mit den Prinzipien /der sozialistischen Internationale, weshalb er keine Wirkung ausüben wird^ Kautsky wird in der Internationale einsam bleiben; unsere Gegner in der jüdischen G.assc machen einen zu großen Tumult wegen des Kautsky-Artikelsj. Die Internationale hat In dieser Angelegenheit ihr Wort schon gesprochen und wird es auch halten. Die Internationale Sozia hten-Hontonz. Nach Redaktionsschluß erhalten wir die Nachricht, daß die Genossen Mendel, Singer und Dr. Max Rosenfeld als Vertreter der Poale-Zion zur internationalen Sozialisten-Konferenz nach Bern abgereist sind. Notizen und Glossen. Die Not der A bzitslmen. Der Jammer dejs Krieges, den die kapitalistische Gesef.lschaftsordiming verunssicnt hat, findet nun, da das erzwungene/ Morden urt4 Sterben aufgehört hat, sein:! Fortsetzung rm» "Hunger und in> der Arbeits!.pssigki|it der Massen. Immer .stärker schwillt die Zahl der Arbeitslosen an, die auchl nach demi Kriegcj büßen müssen, obschon nicht sie ihn verschuidec habe(n. Es sintf solange die Produktionsmittel: in frevle}r?scher Weise zerstört, diei Arbeit ^verhindejrt worden, djaß heute cie Mt.lionejn' Hände, die zur Arbeit frei sirus^, 'trotzdem' feie-rrt mjüssen. Es ist der FIluch KapitaJjmusj vda.ß» die ihm innewohnende auf Ausbeu.ung beruhenkle! Konkurrenz zum Kriege) geTührt hat und daß jetzt 11 tciii: efnmali die ausgebeutete Arbeit möglich ist- So erfahren dte( Massen aim eigenem hungerrÜen) und frierenideln Körper, daß d|er Kapita.ismus ihr Todfeinld ist unid d|aß erst dann das ganze] Elenjd gebannt werde[n kann, wenn sein 'Fluch von der Gesellschaft gekommen wird!. Heute kann de[r Not nur zu eimern geringen Teil} gesteueirt werdfen: und es ist kaum' der Scnulz 'vor völligem Verdcirben, den dfie arbei.Slosen Massejm vom Staate erhalfjejnL Doch auch dieses Wenjtge) ist den: jüjdfechen Arbejtslbsen a,us dem: Osten versagt. , Der Krieg und diei I^ogrome, der soziale Druck} und die wirischaft.ic'he Not treiben sie von ihrem Wohnorten weg, in d'l^ Hauptstädte der frühereoil Mciiarchie, wo sie Bejsclhäjriigung und Brot fanden. Nun teilen siq<dte Beschäft/gungslosigkeit mit dem anderen Arbeittern und Angeste.iten, entbehren jedoch jeder staatliich'cjn Fürsorge.;* Mag die staatliche Arb.(itslGseniUnterstützung asm i so manchen Mänigelfn und UnzülänglichkL.t en Iet- ' den, die jü^dischejn Ar'betlslosen stehen größtenteils! sogar ohne staatliche Arbeit slosenunters'tützung dja,, d'er unsäglichsten Not prejisgegeben. Wo bJeibt da die Hilfe/ der,jüdischen Gesamt hett? Der organfetefrten jüdfechen Pihilantropie?, Der ,,israeIiJsche{n ' Gemieinde? Das Schicksal der jfldischen Studenten. Ni»cht von ihrem materiellen Elend redetn. wijrf jetzt, dem die; Mehrzahl! der jüdischen Studenten) in gleichem: Maße wie ihre niehi?jüd!isicnen Kollegen! oder in verstärktem' Maße ausgesetzt ist. Wir wolk len. neilte .iurh nicht von ii.-ir geistigen Zwangslage sprechen, in der sie sich befiNden, weil feie,' ihren nationalen Idealen auf den Uni/ersitäten Ausdruck geben, wollen umü auf herzlosen Widerstandl stoßen. Nein, eine andfere'Gefahr droht [Unseren studüereniden Jugen(d : die Gefahr, vom Stüdtuin ausgeschlossen zu weirdfen. Die deutsche Studenten- ' sthaft unseres Landeis, die zum' allergrößten Tefilei die Ideale aus ihrer heroischen Zeit vergessen niatV isit längst von niedrigster, t/inüuldisahikeit erfüllt^ aber nun S'eheineln auch die akademischen und politisehon Behörde^ den antisemit'iischen Kurs mit'- machen zu wollen. Bedenken aber die akaidlenrißehen Behördefn, auf welche niedrige'Stufe sie steh stellen, wenn stet niedrigen Instinkten höhnen? Und bedenken dfiej 1 politischen Faktoren, in welchen Ruf und in welche] Situation sie das La nid bringen, Avenn sie dem1 intoleranten Verhalten der Hochschulein nicht ener- jgtech Halt gebieten. Ddr Friede zwischen den Völkern darf nicht entweiht werden durch Feindsel!igLkeiten in den Stätten des Unterrichtes umd diafe schwergeprüfte1 Deutschösterreich, das sein Heil von der internationalen Gerechtigkeit erfleht, darf nicht gegen unsere studierende Jugend barbarisch! sein. Darum! ist es höchste Zeit, daß die freie Republik sich ihrer P$i<cM "besinne' und die Hotch)- schulen ,attf den' re'dhten Weg weise, damit ^&eref 1 Studenten von dein lästigen Schikanen und dier Geiwähr der Aussperrung belfreit we,rden. Der Streift der Gelehrten. Die- RepuKtk hat alle Kräfte frei gemacht Allen Mut und Trotz gegeben. Wenn Steuerträger, aut*d'ie Straße gehen, warum sollen Universität»- Professoren nicht in den Streik treten? Clder zmmindest mit ihm1 drohen?, Freilich, der Streik dler Gelehrten von 'Greifswaiden hat mit einem Stre.id der votm.1 Kapital Oekiiiechteten ebenso wenig gemeinsames, wie die Demonstration der Steuerzahler von Wien mit einer Demonstration der Hun^jri- |gen. Nein, die Männer der Wissenschaft haben nun die Freiheit der Wissenschaft retten wollen, die in Gefahr geriet, weil! dier Arlbeiterunfl Soldaten- Arbeiter und Angestellte, besucht unsere Versammlungen und werdet ParteimitgBieder I