Mannheim
Compact Memory

Freie Tribüne · 1919-02-07 · 5 (7.2.1919) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
5 (7.2.1919)
Date
1919-02-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2827798-2827856-2827861--024-2828029
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Freie Tribüne Nr 5 Es ist wahr: Als die Sozialdemokratie erkannte, dafr Österreichs „Erneuerung" gänzlich Schiffbruch gelitten hatte, entschloß sie sich zur Annahme des so oft ausgelachten Nationalitäten-Programmes der „Linken" Sie bewies, daß sie in den vier Jahrej der Wirrnis doch nicht zur Oänze den proletarischen Instinkt verlor. Das mutige, wenn auch etwas verspätete Eintreten für das Nationalitätenprogramm der „Linken" war gewiß eine revolutionäre Tat. In jenen Tagen, Ende September, Anfang Oktober, konnte man meinen, daß die Sozialdemokratie den wahren Weg des sozialistischen Klassenkampfes, der revolutionären Arbeit gefunden habe, aber ein paar Tage später mußte man daran schon zweifeln und verzweifeln. i Nachdem das alte und das „ erneuerte" Österreich, wegen des Willens der slavischen Völker, die •historische Bühne verlassen und beide zugleich aufgehört hatte , zu existieren, mußte man von der deutschösterreichischen Partei die zweite revolutionäre Tat erwarten. Anstatt dessen erlebten wir das tragi' komische Spiel der Koalition. Nein! Man kann dies gar nicht Koalition nennen. Als Kerenski das Bündnis mit der Borgeoisie schloß, hatte er doch ein liberaldemok atisches Bürgertum vorsieh, eine Klasse, die selber schon gegen das alte Regime gekämpft, die sehr oft die Arbeiterklasse in ihrem politischen Kampf unterstützt hatte. Obwohl •Kerenski und Miljukow nicht dasselbe Endziel hatten, konnten sie sich doch beide sagen: eine gewisse Strecke, ein großes Stück Weges können wir zusammengehen. Als die deutsche Mehrheit in die Regierung des Prinzen Max eintrat, konnte man von •einer liberal-sozialistischen Koalition sprechen, weil die Sozialdemokratie mit gesunden, aufstrebenden, für ihre politische Macht kämpfenden Klassen zu tun hatte. Ueberdies, die deutsche Mehrheit hatte sich damals koaliert, um das Alte zu retten. Hier in Deutschösterreich mußten wir zuschauen, wie die Sozialdemokratie die alten faulen Bretter des eben zusammengefallenen Oesterreich nahm und mit diesem schlechten Material den neuen freien Staat zu bauen anfing. , ' Die deutschösterreichischen bürgerlichen Parteien, dieselben, die vom Mürkh-Absolutismus ihre ganze Nahrung zogen und immer für die Unterdrückung der fremden Völker arbeiteten, dieselben Christlichsozialen und Deutschnationalen, welche die Grundlagen des alten schwarz-gelben Gebäudes waren, eben diese Parteien sollen jetzt die Pfeiler werden, auf denen das neue Gebäude zu ruhen hat. Das Tragikomische dabei ist, daß all dies geschieht, während sie selber, die Christlichsozialen und Deutschnationalen, gar nicht die Kühnheit gehabt hätten, ihr schwarzes Gesicht zu zeigen, während sie sich irt ein Mauseloch hätten verkriechen müssen, um das Volk nicht zu erinnern, daß sie, die Volksfeinde, noch leben. Denn dies ist schon der G^ng jeder revolutionären Bewegung, daß sie alles zertritt, was früher auf der Erde kroch, und daß ihre Wellen alles wegspülen, was früher das Wasser trübte. Ja, die Mäuse und Ratten können nur in der Nacht herumkriechen Hier aber kamen die Sozialdemokraten, packten diese schwarzen Mächte unter den Arm, führten sie vor das Volk und erklärten: Hier sind deine anserwählten Vertreter, gib ihnen deine Vollmacht, damit sie dich hinführen, wohin du strebst: zur demokratischen Republik. Man sage, was man will, es muß jedem Sozialisten das Herz wehe tun, zuzuschauen, wie man mit Pauken und Trompeten die schwarz-gelben Reaktionäre, die Teufel, Panz und Hummer — ins Parlament führte und ihnein sagte: Ihr se;kl unsere Nationalversammlung, Ihr seid unsere Krone und Schmuck. Ihr seid das souveränei, sich se bstbestimimende dejutschösterreichische 'Volk. Tut, was Ihr wollt, wir folgen Euch. Vielleicht ist diiels sehr klujg, vielleicht ist es so auch notwendig, damit, behüte] Gott, die Ordinung nicht gestört werdef, sozia.istisch ist es gewiß nicht. Und mit Revolution oder gar mit proletarischer Resolution hat dies Schon gar n.chts zu tun. Darum' war es ein Velrbrechen, zur Krömiungl der finsterejn Reaktion die gainze~WKner Arbeiterschaft zu versammeln und ihr e[tnzurci:lem, daß sie gesiegt und ejine Volfksregierung eingesetzt habe. Der Bcwejis hiefür ist die gekrönte Finsternis selber; dejnn schon am' Tage nach dem Siege der Wiener Re(voIuaon hetzte die Reiehspost gegen dieselbe demokratische Republik, welche die Arbeiterzeitung mit Freii'igrath beisang. Die Deutsch-bürgerlichen, welche immer vor dW Gerichtstag zitterten, wollten* ihren eigenen Augen, nicht trauen, als ste| sahen, daß die deutsche Revo'lütion sie eirhob 'und in dem 'Sattel setzte. 'Allmählich aber bekommein sie Mut, setzen sich fester und strecken diel Hände mach dien Zügeln aus, welche der StaatsfcawzBejr'hält, oder glaubt zu halten. Vielleicht ist e]s sehr klug und praktisch, den Zufall auszunützen und die Bürgerlichen zu sich ins Zimmer zu locken, wo sie! plötzlich erfahren, daß sie, die tre!uesrten und verstocktesten der Momarehsitenj heiße; und gute Republikaner sjnjd. Sozialistisch und revolutionär ist es bestimmt nicht. Und war diese „republikanische Staatsverfassung" der sogenannten Nationalversammlung denn wirklich etwas anderes als ein Schwindel, von dem beide Gegner dachten, dass der andere der Betrogene sei? In der neuen Verfassung steht kein einziges Wort, das an einen Kaiser gemahnen könnte und es heisst somit, wir sind eine Republik. So ist die Lesart des Gen. Renner. Die endgültige Staatsform zu bestimmen bleibt der ^konstituierenden Versammlung überlassen, folglich sind und bleiben wir eine Monarchie. So die Lesart des „Revolutionärs" Hausner und seiner Sippe. In einem solchen Moment ist eine starke sozialdemokratische Partei und ein klassenbewusstes Proletariat eine unbedingte Notwendigkeit, mir sehe nt dies hätten auch unsere sozialistischen Vorfahren getroffen. Auf dem Parteitag empfand es nun Friedrich Austerlitz, dass der Weg. den die Partei jetzt betreten hat, in seinerFolge auf Glatteis führe und versuchte ein anderes Tempo einzuschlagen. Mit bewunderungswürdiger „Klarheit" gab er diesem Gedanken Ausdruck: TZuweilen hat man den Eindruck, dass die wahren Siegfriedler jetzt zur Macht gekommen seien.'4 Dies die Wahrheit. Und diese Wahrheit kann auch nicht der routinierte „Umdenker" und Staatssekretär Otto Bauer verhüllen, der da meint: Die Demokratie wandle sich selbst in Sozialismus; so aber sprach nicht der Linke von gestern, der uns heute überzeugen will, die jetzige Regierung sei nicht mehr als ein Revolutions-' 1 Iii' der Klaus' traf ihn etosniiaj "Josselle, der Kassier^ (und schrie ihm ins Ohr: > — Der Bick . . Bick! Er sagte ihm irgendwas, das ihm, JosS'ele, den Klassier, betraf: Daß Bick' ihn ungerecht entlasse^ hätte. Dann sprach er über den Tauben selbst. — Ja;, ja, er, der Taubei, müsse Bickt vor Gericht (be lange n ... — Belangen? wunderte sich der Taube. Er hatte nicht begriffen, hob die Hand empor (und richtete sie gegen Bidk, ließ sie dann wieder stnken iaiif sich, dem' Taüibejn 'deutend ... Und das sollte heißen: Bick', sei so groß, |sb. groß und er, der Taulbe so klein ... so klein . r. oefwiß werde der Große den Kleinen bezwingen. ' Josselle kniff die Stirn zusammen'. un(d hielt seün Bärt.chen, in Gedanken versunken. Untd dem! Tauben schien es schon, eir hätte ein klluges Mnd tiefes Wort gesprochen. Und so verfiel auch er tu öed|a|hken und fügte dann hinzu: —-' Wollte Bick' ihm', dem Tauben; wenigstens Ruhe gönnen . Er (meinte damit nicht sich Und Bick, sondern Esther umd den 'braunen, kräftigen Mendel. Er wollte Jossele darüber befragen, wußte ja!ber nicht, wie zu "beginnen. Es folgte dann ein kalter Abend voll Schnee. Ein! Verträumter, ging ejr zu Esther und wollte) imit thr über etni Wichtiges sprechen. Er trug es ül sich den ganzen Weg und prägte; es sich ein, wie er beginnen solltei: —!Ein Mensch muß wissen, muß begreifen . Als er aber die -Außeinjtür von Bücks Küiqhei öffnete, bemerkte er, wie der stämmige Mendel' mit einem Satz aus etneini KüChemwinkel' sprang und! jäh die zweite weiße Tür'zuseblüg, die in die Zimmer des Bick führte. Er erschraek sehr, empfand starkes Herzklopfen und wieder entging ihm1 das nötige Wort,.- In seinem1 taube{n Hirn irrte ein. Verdacht: " 1 — Mendel sei ein ekelhafter Patron, ein Scheusal!. Aber schon! saß Esther neben ihm, drückte ihm einen gebratenen Erdaipfel in die Hand und! sshrife auf ihn,vein: { ■ Er war hier, Nute der Schajdcheu. —, Des Tauben. Antlitz erhellte sich schon und die bleifarbenen Augen fragten lächelnd: Wirklich? Belügst Du mich nicht? Sie schrie in sein Ohr: Pinie, des Färbers Sohn — JoiHke. Der Taube biß ein Sttück der heißen Kartoffel' ab und 'hielt es in seinem Mund. Sein breit knochiges Ge&l'cht zerknüllte sich und bat flehend: Aber dieser ScHldech ist ja unwürdig . . Sie schrie in sein taubes Ohr: Joilke ist ein, Lump . . . ein Odessaer Lump «\, Und an dem Erdäpfel weiterkauen^ st tautet er bei: » \ Ja, ja, ein Lump . . . gewiß . (Fortsetzung folgt.) komitee, das die Aufgabe hat, die Revolution weiterzuführen. Den wahren Pulsschlag proletarischen Denkens und Fühlens tastet Austerlitz an, wenn er sagt: Es sei gar nicht so einfach, cie Gegner der n*uen Weltotdnung, die wir aufzurichten beabsichtigen, Sich als Werkmeister d r Zukunft und als Mita beiter bei diesem Werke vorzustellen. Ja, dies ist das Problem, das jetzt von der ganzen internationalen Sozialdemokratie gelöst werden muss. Man muss wissen, ob wir die ne ie Gesellschaft nur für uns und deshalb auch nur mit eigenen Kräften aufbauen sollen, oder ob wir mit der Bourg. osie vereint und für sie selbst das neue bürgerliche Paradies aufzurichten haben, um erst dort unseren Klassenkampf führen zu können. Proletarische oder bü-gerliche Revolution, dies ist die Frage. Würde die Sozialdemokratie sich klare Rechenschaft in dieser Frage geoen, so würde sie sienerlich nient die bürgerlichen Parteien d e, wie Gen Austerlitz es oft sehr richtig nachwies, voilkom nen bankrott sind, in die Nationalversammlung fünren und Würde sich oeileibe nicht mit dem Scnatlen einer revolutionären U.nwaMzu ig begnügen. Es ist nicut unsere Aufgabe, die bürgerlichen Parteien, deren politisches Bekenntnis nur im Unterdrücken und Henscnen besteht, zur Macut zu führen. Nicm unsere Berufung!stes, der senwarzen Reaktion, die ein so scuieciites Ende nahm, zu Hilfe zu kommen und sie in einem neuen ücscnlecnt und in neuer Gestalt auferstehen zu lassen. Das Alte ist tot. Wir wollen' ihm e,in tiefes Grab! schaufe.n. Mit demx Aiteju mjdssen aber auch aliet seine he[iiershelfer von der his.oi Ischen Bühj.ie verschwinden. Das neue) GeschJecni muß sien se'.bsrtf seine neue Weit in eigoier Uestait schauen und desaJb hätte dejr zweite RevouKtonsakt der; deulschösterrejichischen Sozialdemokratie mciit c.ne bürgeritch reakciunärei NaJonaive.samm.ung *etim dünen, sondern eim sozia.is^sch-revo.utionarer Arbeite rrat. L , , ( , Nicnc jene Männer, die vor dem Kriege gewählt) wurden urdd lilr diesen miiveramtwoftlicii Sind,, werden das Voi'k jetzt tn das ge.lobte LamuL iuhrem.können. Nein! Freigewähliie Vertreter der Aroet.erkllasse haben, in o'^lsem großen hioiortschem Moment das Schicksal! des Volkes in inrei Hamid zu nehmen. Es soii nie-wieder das kapitalistische System, däsi das Volk in eine solche] Katastrophe verwicAdt hat; zur Macht gelangen. Nein. Das Proletariat,, dos vor dem Krieget gewarnt hat» kampjfte und Mutete,, nur dieses anein hat das, Reche, eine GetseH'-1 schaftsordnuiig aufzubauen, im der es weder arm noch reich, weder Herr noch1 Knecht und darum) auch keine Kriege geben wird. Und das Proletariat hat nicht; nur das Recht, sondern auch die Macht,e£ zu vollziehen. Deshalb: die ganze Macht de!m'"freigewählten Arbetterratie. Alexander 'S e r p o w. Anm. der Red. Wir drucken diesen Artikel, der noch im November geschnoben wurde, obwohl wir auf dem Boden der Demokratie stehen, deshalb, um den gegenteiligen Anschauungen, die in manchen Panei- und Arbeiterkrdisen verbreitet sind, eine Stätte der lreien Äußerung zu geben. KautsHy fibep die fVdei'iinp der Poale-Zion*) In der sozialstisChen Auslam|dspolitik' ers'chtein' eine Serie Artikel1 über die Nationalitätenfragen im Allge mein en, sowiei besondjers über die po.a Je -zionistischen Forderungen betreffs Palästina. Die Anti- ' palästinapresse klamtmerte sich tfaran, froh, endlich einen poale-zion.»tischen Gegner im der sozialistischen Welt gefundlein zu haben. ' Wahrlieh, der beste Theoretiker des Marxismus' unserer Zeit, Kart Kautsky, der jede gesellschaftliche Erscheinung als mäTßgebravier wissens'chaftlicher Marxist zu analysieren und s?ine Aeußerungen mit tiefer Sicherhell: wiederzugeben pflegte* nahm' tn der nationaüen Frage eiie sehr unbestimmte Stellung, ein. Seine Meinungen über diese Frage sind nicht feste un|d ändern sich oft. Ilm dler, erstem Zeit pfUegte Kautsk'y überhaupt das nationale Prrnzip zu. leugnen, in welchem' er nicht mehr |a1si einen zeitweiligen Faktor der kapitalistischem Gesellschaft sieht. Kautsiky erkennt im elementarstem Sitnne die Losung des kommunis-ischen Manifesteis! an: „der Proletarier besitzt kein Vaterland1'. So wie viele The.ore.iker der ersten Epoche irf der zweiten Internationa e, bezog sich auch Kautsky mit schwacher Sympathie zu der nationalem Bewegung der kleinen und ünterdrückten Völker. Diet Theoretiker standen in der nationalem Frage auf dem1 Standpunkt der imperia'istischem Bourgeoisie! und Dynastie — auf dem1 Standpunkt der Großk Staatlichkeit und sie erklärten, "daß die Interessen der kapitaktischen Entwi'ck.ung, sowie die des Sozialismus es erfordern1, daß alle kleinen Völiker. *) Aus dem Warschauer Poale-Zioa Organ >Die Arbiiterzeituhg« Nr. % übertragen von Wolf Löwenhof. Mensch mUD wissen, muü oegreiren .. „.« zeuung< wr. a, uDeru»g«n vuu nun ^uwoum». Im Hause des jüdischen Arbeiters und Angestellten die „Freie Tribüne"! ^9Sk

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.