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Freie Tribüne · 1919-01-31 · 4 (31.1.1919) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
4 (31.1.1919)
Date
1919-01-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Freie Tribüne Nr. 4 men — nicht unwillkommen war und trotz Umsturz, Revolution, es noch weiter ist. Wenn nun Jdtas alte konfessionelle Band es sein konnte, das angeblich alle Juden ohne Ausnahme vere.n gen Konnte, wenn ferner das religiöse Moment angeblich so hervorstechend, grundlegend war, dati es m dem Kriterium bei der Bildung von staatlichen Zwangsorganisationen erhoben werden konnte und infolge der gesetzlichen Statuierung kein einziger Jude der „Geniein|dle", die nicht immer seine Ge- (meinsichaft war, entrinnen konnte, wenn i er nicht den Mut hatte, form etil der Gemeinde den Rücken zu kehren, so ist es nicht zu begreifen,» Iwarum die nationale und völkische Wahrheit nicht lein ebenso starkes Band sein kann, wie jjemc sorgfältig gepflegte konfessionelle Lüge. Warum kann JnJcht das wahre Gesicht ebenso gelten, wie eine jahrzehntelang getragene Maske? Die bisherigen Oestoren sollen nur dien richtigen Mut haben, zu tfaseta, -das religiöse Band sei das einzige, das düe Juden vereinige und wir werjden ihnen dann die Gallerte der Kahalsvorsteher von Podwoloczyska Ibis Wien zeigen: sie Sailen dann selbst urteilen, ob die Männer jener Gastierte, natürlich mit winzigen Ausnahmen, auch eine schöne Kollektion für das Korrespondenzbüro der Po.izei oder Staatsantwalltschaft sein könnte, in religiösen Sachen Betscheid wissen. Sie so(llen dann urteilen, ob die Kahajlsgewalligen wenigstens ohne Stottern das einfachste GeT>et hersagen können! "Das Kapitel jü- IdisChe Kaha;!sVertreter ist im übrigen so traurig, Idaß man Heber nicht weiter darüber spricht. Man lasse also lieber diejse kurzbeinige Lüge iun!d habe den Mut, den wahren Grund zu sagen;!man sei einfach antinationa, richt'gier antijüd'tsoh. Denn eigentlich sind die Gegner der juidischem iVc^ksgemeinde lischt antinatlonal', weil sie doch selber die Nationalität der andern anlegen; sie sind lediglich gegen das Nationalsein der Eigenen. Was ihnen das Interesse des! Geldschrankes unid Sch eck- Ibuches richtig diktiert!;In Punkto Nationalismus sind sie ebenso stark und zuverlässig, wie ihre (Klassen- und Interessengenossen arischer und christlicher Observanz. So wie die Deutschen in Oesterreich nicht mehr reichsdeutsch orientiert isind, {sondern das allte liebe Oesterreich in welcher Form immer exhumieren möchten, so tun es die Groß- |uwd Gejldsackjuden im eigenen Lager; in einer Qe- Imeinde, die das1 ist, was sie ist, oder wenn man fwilt, das .wieder wenden soll, was sie längst schon jvvar, fühlen sie sich1 nicht behaglich aus wohlverstandenem wirtschaftlichen Interesse, das > ihnen hoher ist afls das nationale. Und weil dies der Fall ist, so glauben die Verstockten, daß ihr Interesse, lebenso auch Interesse des; Volkes ist, weshalb in ihrem Qeimrn; die Vorstefl'Üung spukt, die Volksgemeinde ~ die Feindin der Geldjsäckc und1 Vertreterin; der Demokratie —- ein Unglück des; Volkes ist. Dies die „Ideologie" dies jüdischen Bürgertuims, jenes, das nie jüdisch war unid das zum Unjgtlü'ck der Juden doch immer bis auf den heutigen Tag die jüdische „Politik", oder die Politik in Bezug auf die Juden bjest im|men:d beeinflußt hat. Diese Mißstände, die wir Poaie-Ziort jahrelang ur.ibjarmherzig geschildert haben — abzuschaffen ist die näCnste Aufgabe der jüdischen/ Politik überhaupt. Es wird zu wenig an den Zuständen gerüttelt, zu wenig das soziale Gewissen getweckt, zu wenig erfährt die Masse von dem volksfeindlichen Treiben der Kahalsgewaltigen. Die jüdische Masse wird zu wenig für die einz.ge Gemeinde interessiert. Dies ist ein — immer noch gut zu machender — Fehler der nationalen Organisationen. Es 'handeilt sich' da um eine unab;äsiisige, systematisch geführte Erziehung zur Demokratie, eis gilt, die Gemeinde für die Demokrat:© dauernd zu erobern und sie sodann im demokratischen Geiste umzuwandeln. Denn die Gemeinde soll die einzige Repräsentantin der jiddischen Bevölkerung sein, was natürlich zur Voraussetzung haben muß, daß das Subjekt der Gemeinde sämtliche Juden bilden; mit anderen 'Worten, das formale Organisationsprinzip bleibt nach wie vor Id'asselbe: allle Juden der einzelnen Sprengel gehören der Gemeinde mit Ausnahme derjenigen, die formell ihren Austritt anmelden. Es ändert sich bloß das sozusagen innere Kriteriuni: Jude. Was früher inhaltlich wohl falsch, äußerlich als „mosaisch" oder israelitisch war, ist nunmehr innerlich und äußerlich wahr und heißt jüdisch. Wir sind seit Jahren gegen die Favorisierung derjenigen, welche ihre schändliche Politik unter fremfderi nationaler Flagge auf Kosten der Juden getr.eben haben und sind nicht willens, zuzulassen, djaß bei der Zugehörigkeit zur Gemeinde die Option maß!- gebend sein soll;, wenn es auch' anscheinend ein (reaktionärer Standpunkt ist. Wir wollen, das mag unterstrichen werden, niemanden vergewa'.t gvm, aber auch niemandem den Verrat erle.chtern. Wer austreten will, möjge den Mut haben. Aber die bloß dem Anscheine nach1 reaktionär sind, können und dürfen wir nicht zulassen, daß ein wertvoll er, ein zahlreicher Teil! des1 jüdischen Volkes nur aus, dem Grunde verloren geht, weil! er sich in dem Gewirr der neuen Verhältnisse nicht auskennemr wird. Man, denke sich djas abzugebende Bekenntnis der breiten Massen, sie sind jüdisch bis ins Mark. jWozu sollen, sie sich1 bei der Umwandlung) der Gemeinde bekennen? Sie verstehen nicht, worum der Kampf geht; sie interessiert nicht die formale Seite, sondern das Wesen, der Inhalt der, Gemeinde. Für sie isJt die H ü;ll;e „Jü disch" ü|!berhaupt nicht iw Fragfe, für sie gtplt e)&: völkisch1 oder volksfeindlich. Während für die iVolksfremden,: für die Pluto -. k'raten, für dieVerführer, dielösung nicht national, sondern israelitisch1 oder jüdisch ist. Sie"stellen die inatlonaile Frage als den Feind hin, den die Massen nicht sehen, weiff sie wohl nicht formal, doch Wesentlich nationall sind. Die Volksgemeinde als1 pemetnde aller s*oII nun das völkische Programm der Massen und für die Massen verwirklichen; dal* wird dann auch dem Inhalte nach national sein. Dazu muß sich die jüdische Bourgeoisie hergeben, schon aus historischer Gerechtigkeit, weil sie so lange die breiten Massen auf das Prokrustesbett der Konfession legte. Die jüdische Volksgemeind« soll, nun soll es wiederholt werden, drie Gemeinde der Juden werden, sie soll eine Zwangsorganisatio« bilden, der sich jeder entziehen wird können, der den Willen zum Austritte formell bekunden wird. Das nennen wir negatives Erklärungsprimzip. Diesen unseren Standpunkt, den wir letztens*) vertreten haben, wurde auf dem jüdischen NatxmaÜkbnjgreß in Prag, ferner auch in dem Entwürfe des! jüdischen Nationalrates in Krakau angenommen, üeber den weiteren Ausbau der Gemeinde nächstens. Max Rosen fei d. Das jüdiscli-polnische Dilemma. (Schluß.) Wie ist die Haltung des jüdischen Volkes? Es genügt wohl, wenn ich sage: es hat sich bisher setner Aufgabe gewachsen gezeigt». Die Not und Verfolgung hat seinem Mut nicht gebrochen. Alles Krankhafte und Schwache ist abgefallen, die assimilita Hachen Parteien/ rieh liger Personen, welche von dem Polen für -jahrzehntelangesiLakaientum jetzt einen Fußtritt bekamen, verloren} jeden Einfluß in der jüdischem Gasse und 9tn|d krampfhaft bemüht, sich Programme /zu zimmern, die ihnen eine Brücke zum' Judentum schlagen sollen. Es wirkt komisch, wenn man anhört, wie ,einer dieser Politiker, Dr.. Groß aus Krakau, der jahrelang im1 Polenkluib gesessen ist und jede nationale Forderung der Juden als Umgilück für sie bezeichnete, jetzt mit Pathos (erklärt, es sei 'Lüge, (daß er je Assimilant <wan Die assimilatorische Politik, die so viel tflnhjeil in den polnisdr-jüdfischetf- Beziehungen gestiftet hat, weil sie die Poljen daran« verhinderte, idie wahre Geisinnumg der jüdische»* Masfeen kennen zu l'ernien, hat jetzt endgültig Bankerott gemacht und die <£terren, die solange vorgaben, Vertreter des jüdischen Volkes zu sein, zogen, es jetzt vor, siieb ins Privatleben zurückzu-f ziehen oder winden sich itn der Suche nach Kotny promißlosungen. v Es wirkt geradezu' erhebend, wenn man sieht* wie geschlossen jetzt das ganze polnische Judentum,- von jdem trägsten Teil1, »Jen Orthodoxen, bis zu* den radikalsten sozial ist'ijsjchen Parteien einig ist jm? deir Forderung nicht nur nach bürgerlicher Gleichberechtigung, sondern mach Sicherung, (der nationalen;Minderheits!rcicbte > in der Form« der Autonomie. \In den meistern Städten wurden die Kanals, fböä jetzt Schlupf wink ei* des korrumpierten und kor-1 rumpierenden Aissimirantemtuims und Fanatismus, vom iden hationaljüdisichen Parteien im Sturm1 erobert, um der Volksgemeinde, der untersten Zielte *, In dorn Buche: Di» polnisch« Judenfrpge. Wion,; 1918. Feuilleton. Der Taube. Von Duwed B e r g e 1 s o n. (Fortsetzung.) Es hingen dann kurz» und weinende Novembertage. Törichte, Schwermut ge Himmel sehugen Gesichter und greinten auf die nasse, schwarz* Erldjej hjlickend!. Wie Kvenu.ein Sterbender klagen würde: Weh Mtfcn. . . was1 ward aus Dir . . . Itfnd dort im einsamen Tal, außerhalb der Stadt flackerten auch schon bei Tag in der Mühte Bicks die elektrischen Lampen, sie leuchteten Tag und Nacht in (die Tiefe des gramen Nebels und winkten mit müden, gelben Augen der nahen novembenr duxchsfckerten Stadt: — Wir mahlen Mehl!, wir. mähten, Mehir . * *In feuchten Nebel war die vier Stock hoWe Müble gehüllt. Still, wie versunken ließ sie ihr uraltes1 Brummen vernehmen und schüttelte sich ^usamwieW (mit ihren 40 Mensctoeu, den (Arbeitern. Im Geräusch und Getümmel arbeiteten sie mechanisch und ernst-stumm, wie die Maschinen und Räder, die sich um! sie bewegten; sie sprachen weder, noch dachten sie, als Hägen in ihrem Hirn die großen, mit Weizen vqllgepackten Mühlen-Scheunen und nahmen ihnen <len Verstand: — Die Scheunen sind sio dicht mit Weizen gefüllt b . ( Gibt es denn einen Ausweg? Man muß mahlen. Manchmafl aber zitterte das Mühlengeräusdh aut und hallte in traurigem Echo wieder : StopU . h Stop! Jl#, Aber niemand antwortete jdarauf und man wähnte das Echo fern und veidloren, hieirher verirrt, Ui eine fremde, unbekannte Welt, um jemanden zu suchen, den es nicht finden konnte. Barfuß, mit gleichgültigem, staubigem Gesicht saß der Taube in der beudlenen Hebelvorrichtung und fuhr vom1 vierteniiStock hinab. Jemand hatte im Vorbeieilen irgendwas' an der Hebervorrichtung bemerlkt und begann mit schrecMicher und wildler Stimme zu schreien: Haltet ein! Haltet ein! Im Herzen des! Tauben riß etwas jäh ab, goß sich in sein Hirn und blitzte mit furchtsamem Oft* danken jäh auf: » ' Das Seil r . . das Seil platzte .:. . In nervöser Gelenkigkeit packte fer mit beiden Händen das zur,ü dagebliebene ganze SeiL Er begann sich sogar zu wundern: — Stürzte er denn wirkflich von solcher Höhie? Aber um dieselbe Zeit schleuderte es ihn kräftig zur Seite. Er spürte den Sturz, aber es schien ihm, es bedauere ihn jemand und flüstere in seine tauben Ohren: — Zu spät,,. . . zu spät, . . Später, allsl er die Aulgen wieder auftat, umstanden, ihn schon viele, verstaubte Arbeiter, beugten sich zu ihm! hin und! sdfrrien in seine taubem Ohren: — Wo, wo tut es weh? Mit blassem, fast totem Gesicht lag er am FuJß^ boden und hatte nicht einma)! (die Kraft auf. sein verwundetes Schulterblatt und weiterhin auf die Rippe zu zeigen. Hernach trug) mlan ihm in sein enges Häuschen, das im! schmalen Klau&Xjäßchein lag. Der Trödler und die Trö/dUdrin, dile seüne bei*- ,den übrigen Zimmer bewohnten, gestatteten nicht, daß er zu ihnen getragen werde und so legte man ihn #ns höflzerne Bett, das in der Kütohis. sÄaJnd.. — Der bösartige Jossele Babzies trug in seinemboshaften Köpf{chen noch immer hinterlistige Erfindungen herum: In Gegenwart Mendens hielt er den Vorfall mit dem Tauben für nebensächlich: — Kein Malheur , . . Der Teufel wird den Taubein nicht Ihoilen. Und hernach ging er in die Küche> zum Tauben und schrie in sein Ohr: Wie denn? Hoffte et sich etwa mit gesunden Beinen aus den Klauen BickS zu retten? — Und soi welchem Zweck benützte er diesen zwiefachen, heuchlerischen Weg?^ Ihm selbst hatte doch Bick auch einmal eine& argen Diebstahles verdächtigt. Einina1, es war im Wintefr, hatte er ihn sogar mit ai lier Kraft diö steineren Mühlenstufen hinabgeschlleudert, daß er„ der dürre Jossele, zu Tojde erschrocken, das blUttrie^. fende Naschen anfaßte und wie ein Weib plärte: — Weh . . . (mein Kopf . . e-r zerschlug mir meinen Kopf,;. . . Es war ihm dieses Leben voll Hinterlist vielleicht schon selbst zuwider und er wollte reiner und aufrichtiger werden, aber er vermochte es nicht und so hielt er es wenigstens für notig dem' Tauben ein gutes Wort zu sagen: Es werde ihm nichts geschehen, gar nichts. Er müsse nur einige Tage im Bett bleiben und Schul1* terlblatt und Rippe warm halten. Aber der Taube verstand keinen Spaß und schwermütig bejahte er: — Gut, gut —- e# werde (im Bett bfle&fejnif Er selbst schien es, dachte weder über das Leben noch über den Tod nach1; ,er (lag im Bett mit gleichgültigem, bleichem Gesicht und konnte den schweren Gedanken nicht aufgeben: — Hinuntergestiirzt :- . . vom1 vierten Stock hinunter. Es war ihm, schien es gleichgültig, ob et da» Bett je verlassen werde, oder nicht. Hernach kam einmal Esther zu ihm, schlank und frisch, mit einem neuen, schwarzen Herbstmantel und mit noch neueren, schwärzeren, ernsten Au&en. Eine Weile stand sie neben seinem Bette erstaunt und verträumt zugleich, hielt einen Finger vor ihrem Munde und; bedauerte ihn versunken: — Wert, schön 'weH "brachtest Du es . . . Im Hause des jüdischen Arbeiters upid „Freie Tribüne"! «3g Angestellten die

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