Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 3 (24.1.1919)
- Date
- 1919-01-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Freie Tribüne Nr. 3 stalt setner schaffenden Kräfte beteiligt sich jetzt Selbst aktiv in der Ku'turbewegu ng der umgebenden Nationen, ohne dabei aufzuhören, Volk zu sein. So bringt die moderne Entwicklung das jüjdjti^che Volk als Ganzes in die Kultur gern einschalt Sder großen Nationen. Das jüdische Volk erscheint hier, als eine, in sich geschlossene Individualität, die die kulturellen Güter dfer Menschheit auf eigene Art und Weise in steh! aufnimmt, und die großen progressteven Ideen in seinem (nationalen Bewußtsein assimiliert. Freilich, auch jetzt sehen wir die herrschenden Klassen — die jüdisfche industrielle unid finanzielle Bourgeoisie - ganz in dem Banne der Assimilation. Diese jüdische Bourgeoisie strebt eben danach, nicht nur im eigenem Volke, sondern gemeinisam mit der Bourgeoisie des betreffenden Lanides hn ganzen Lande herrschend zu werdien. Dies glaubt sie am leichtesten in der Weise zu erreichen, indem sie in der herrschendien Bourgeoisie des Lan - des aufgeht. Die Ideologen der jüdischen Bourgeosic predigen daher auch heute noch die Assimilation als' einzige Lösung der Judcnfrage. Die große Mehrheit der jüdischen Intellektuellen aber, welche aus dem! werktätigen Volke stamm[em und mit demselben innig verbunden sind, diejenigen, weFche Leid und Freud mit den arbeitenden Massen teilen, miissen früher oder später zur Erkenntnis gelangen, daß sie nur dann der Idee dies (Weltprogresses' mit Geist und Seele, mit Kopf und Herz (gleich harmonisch dienen können, wenn sie sich der allgemein-menschlichen Kulturbewegung) jiteht als unpersönlicher, anationaler „Jemand", sondern als historisch ausgeprägte nationale Individualität anschließt. Denn im gdgenseitjilgen Austausch von national-kulturellen Gütern erwächst der fruchtbare,, viölkerbeifreiende Gedanke der internationalen Idee. Alexander Serpow. Das jüdiscHoiniscfae Dilemma. Die Pogrome in Polen -haben ein grelles Licht anf die Verhältnisse geworfen., in welchen ein -großer, drei Millionen Menschen zählen die r Teil des jüdischen Volkes s'eit längerer Zeit lebt, denn die •Pogrome waren auch1 eine vfol'geriehtige Erscheinung, ein Ausfluß der Stimmung, von der bis vor kurzem der größtje Teil, jetzt fast d;as ganze polnische Volk gegenüber denjudjen beherrscht wird. Die Losung der Polen heißt: Entjudung des Landes. Die Ursachen sind politischer und wirtschaftlicher Natur. Politisch haben (die Juden den Haß der Polen entfesselt, wfetT sie es ablehnten, in Ostgalüzien sich zur polnischen Nation zu schlagen und so dien' polnischen Ansprüchen auf diesen Teil 'des Lanjd|es, soweit sie sich auf die angebliche Bevölkerung mi'eh^ stützten, den Bodjtn entzogen. Hier konnten es' die ['Polen dien Juden nicht verzeihen, daß sie sich ihnen, der herrschenden Nation nicht anschließen wollten, andererseits war ünmer ein Haupt argutnent der antisemitischen Hetze, d'aß s;i(ch die Juid(em in [Posen im 'den Dienst der germanisierenden, in Rußland der russifrzierenden Politik der iherrlsichenjdlen Nation stellten. Wirtschaftlich geben die Polen . vor, d;aß die Juden das polnische Volk an dem Ausbau von lndujstrie nud Handel1 verhindern. Weil die Juden in der Mehrheit in dien Städten wohnen und einen unverhältnismäßig giroßen Teil des Handfelsstanides'bilden, wolljenrdie Polen, anstatt die Ursachen die&es au|cb für die Juden verhängnisvollein Zustjandes durch Ermogliqhu ng ihres Uebertrittes zu anderen Berufen zu beseitjigen, die Juden mit Ge,- Die Geschichte zweier Arbeiter, die djen Mendel' ohrfeigen wollten und in finsteren Nächten silch' in der Nähe Öles Bickschen Hauses herumitriebein. Bs Waben diese '[betcKen Arbeiter — wie es Wieß etwas bemerkt. Er wußte noch immer nicht, was diei Arbeiter bemerkt haben und er hielt Joissjeleu vor der Mühle auf, ihm mit dfer Hand zuwinkend : Was hat sie denn zu bedeuten, diese Geschichte mit Mendel u|nd> Esther? Und sein Herz pochte dann so sehr unter seiner breitknochigen Brust und er atmete lang" und'schwer ftuff. Er hatte sich 'vor Jossele geschämt. Sie liebt ihn — fe'cWrie ihm Jossele ins taube Ohr hinein sie, Esther, hat ihn, Bicks Burschen, liebu Sie liebt ihn? fragte er Jossele leise. Es schien ihm', daß Idfer hagere, gebückte Jossele spasse und er ölffnefe l&en Mund und lächelte mit: He, he, We ... Man vrärnah(m von ihm keinen Laut, nur eüi eigenes, iwrldes Rruünmien, das sich seinem offenen Mujnid ientriß. Seine bkniarbenen Augen blickten iso $pöttts[ch! ujnd eigen. Aber hernach erst, als er sah, idaß Jossele ernst /meine, begann er in seiner tjaufbien, istammielnlden Art zu sprechen, indiem er imit gebogener Hand Grimiaissen schlug und; riß geWaltisäm1 vereinzelte Worte aus setner kräftigen, btadtknOichigen Bruist: wart entfernen. Sie bedenken freilich nicht, daß durch Entfernung d[es 'jüdischen Mittelstandes noch immler kein polnischer geschaffen wird. Diese Hauptursalchen des Judenhasses werden nicht immer offen zugegeben. Die Bti' Polen noch tief eingewurzelte klerikale Gesinnung, die Rassen - Instinkte, der konservative Charakter der Bauernbevölkerung müssen herhalten, um den Kampf gegen die Ungläubigen, Fremdem, Umstürzler (jetzt Bol'schewtki) zu begründen, d(ie Not der Kricgkjahre wird ausgebeutet, um! d[a;s jüidische Volk als Ganzes zu Ketteuhändlern zu stempeln. Den großen Massen sind auch natürlich die wirklichen Beweggründe der offiziellen Jüd'enpolitik nicht bekannt. Aber auch die großen Parteien haben erst vor kurzer Zeit den Kern des Problems herausgeschält. Die im Jahre 1898 begründete Stojalowskipartei, die wenig zahlreichen Christltdhsozialcn (um den Krakauer „Glas narodü'^ rechneten nur mit den niedrigsten Klerikalen und Rasseninstinkten der Masse. Die Konservativen Krakauer Färbung waren „asemitis'ch", sie ignorierten die Ju^enfrlage, standen aber genau so wie die polnischen Demokraten, trotzdem id'iese mit Rücksieht auf die . jüdischen Wählet (in den Städten 'mit dm Juden liebäugelten, auch jüdische Assimtlanten bei sich beherbergten, mit der ganzen Seele d<en Juden ablehnend ge!gemjübe'n Vor dem Kriege aber enthielten srcrT d!fe beiden letzteren Parteien jed(e;r offenen antisemitischen .Propaganda. Die sozialistis'che Partei predigte Gleichberechtigung det Judien in. allen Programmerklärungen, weigerte sich aber immer die nationale Eigenart det Jüd|eu anzuerkennen. So waten es1 die arlpolnis'che Partei, die Natioualdemokraten un|d die ihnen verwandten Konservativen Ostgaliziens (podolacy) und; zum Teil die Realisten inr Kong'reßpolen, welche sich ganz offen und unumwunden1 seit mehr als einem Jahrzehnt zum' 'antijüdis!chen Programm .bekennen. Es fiel natütlich auf fruchtbaren Boden und .gewann von J;ah|r .zu. Jahr an Anhängern. Als im jahte'1907 die Juden in den politischen Kampf wnter eigener nationaler (Parole bei den Wiarden eintraten, als'sie im Kampfe der Polen tnjit den Ukrainern mfehlt!für eine der Parteien sich entscheiden wollten, sondern selbständig vorgingen, wobei .sie in zwei Stichwahlen von den Ukrainern unterstützt wurden und siegen konnten, da bra'ch' der Entrüstungssturm1 ans;. Seither werden die Juden als Verbündete der Ukrainer angefeindet und es hiPfft kein' Beteuern,;kein Beweis, um die Polen zu iühe,rzeugen, djaß1 es1 nur für die alte assimilataris'ch'e Taktik eine Notwendigkeit gab, immer mit dem1 Stärkeren zu gehen, daß aber d!as nationalibewußte jiildis'che Volk sich nur auf seine eigenen Rechte stützt und in dem' Kampf der Nationen in gem^chtsprachijgen Gebkten, Neutralität wahren will, in dieser politischen Beleuchtung fand auch der Antisemitismus bei fast .allen polnischen 'Parteien Einlaß. Im ehemaligein- Kong.reßpolen, bra'ch der Sturm gegen die Juden Fo,s, als sie vor 10 Jahren bei dien Wahlen zur russischen Duma in Warschau einem Sozialdemokraten jagiello zuni Siege verhalfen. Die Folge war ein wirtschaftlicher 'Boykott, an dem fefch alle Klassen beteiligten. Man begjnüigte s'tch nicht, wie sonst, mit der Gründung von eigenen Genossenschaften auf dem Lande, (durch Losung, nicht bei Fremden" zu kaufen, man entfernte" die Juden aus größeren wirtschaftlichen Institutionen, ja es gab1 Fälle, wo sogenannte bessere Damen vor jüdischen (Geschäften auf Posten standen, um1 die polnischen Käufer abzuschrecken. — Ja, sie soll mal ihn, den Tauben fragen . . . iKennt er sie do,cb ganz genau, Btck und) seineu Sprößling ... Eine Kleinigkeit?! 20 Jahre arbeitet er schon bei ihnen in der Mühle. — Soll es nur Jossele sagen, er wisse es doch, ha? Jossele schüttelte das boshafte 'Köpfchen: — Er wisse es, wanmt soll er es denn nicht wissen? Und ihn, id(en Tauben, -gelüstete so sehr, dahinter zu kommen, was die Menschern d[arüber, dachten, gesunde un|d keine tauben Menschen. Er ginjg den Weg zur Mühle weiter und' sprach zu sich selbst : Ja, wenn an den beiden Seiten seines großen Kopfes nicht zwei große taube Ohren, wie zweji Fetzen hängen würden, könnte er da und dort ein Wort erhaschen. Er trug sich mit dem Gedanken herum, irgend einmal zu ihr ^hinüberzugehen, in die Küchle Bicks, ium mit ihr öijn dringtend( Wort zu redem|. Abdr igerade hi jener \Zett geischah ihm d(as große» Un'gl'üick. Es wat ihm' dies scheinbar schon von: oben besehieden. — (Fortsetzung folgt.) Um die Politik der Polen den Juden gegenüber vor dem Krieg zu charakterisieren, will ich noch eines anführen. Als die ^aristrsche Duma den Polenfür die Ausscheidung des Cholmlandcs aus Kongreßpölen die staatliche Selbstverwaltung als Kompensation anbot, da verlangten diese, daß die Juden in den! autonomen Behörden nur 10 bis 20 Prozent Vertreter haben dürfen, je nachdem sie in einer Stadt die Minderheit oder Mehrheit biEden. Es wurde damals als Kuriosität erwähnt, daß es Städte gab, wo weniger Polen wohnten, als sie auf Grund einer sol'cheti Gesetzesbestimmung Vertreter zu entsenden hätten. Die Polen s'chämten sich damals nicht, von ihren Unterdrückern Beistand in ihrer Verfolgungstaktik gegen die,Juden zu erflehen. Es ist nicht meine Absicht, hier die Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehungen zu schildern. An einigen .Beispielen wollte ich nur zeigen, daß der Krieg und seine- Folgen — die Unabhängigkeit Polens — die vorhandene Tenden-z nur verstärkte und zur -ollen Entwicklung brachte. Alle Parteien, von Itnpcralismus beherrscht, nahmen die antiiüdis'che Propaganda in ihr Programm auf. Die Nationaldemokraten und Christlichsozialen sind sich nur treu geblieben, die Konservativen rissen sich die noble asernitische Maske schon im Jahre 1915 herunter, die Volkspartei faßte auf ihrer letzten Konferenz Beschlüsse, und ihr Führer Witos schreit es in seinen Wahlversammlungen hinaus, daß man das Land' von den Juden befreien müsse. . Und zuletzt hat auch die Polnische sozialisttschie Partei ,(P. P, S.) durch ihren Führer Daszynsk'i, 'der von den Juden Krakaus das erste Marudat inj) Parlament bekommen hat, ihren Standpunkt klargelegt. Qaszynski begnügt sich nicht mehr wie bisher, dem jüdischen Proletariat seine nationalen Rechte zu verweigern. Er erklärte in einer Versammlung vor einigen Wachem, 'daß die Juden unrecht tun, sich nicht wie die ehemaligen deutschen Kolonisten Polensi verdauen zu lassen und daß sie auf ihre politischen (!) Rechte warten müüssen,;bis sie denselben Weg zurückgelegt haben werden. Das jüdische Volk in Polen steht daher vor der furchtbar ernsten Tatsache, daß es mit einer entsichiedenen, bewußten, programmatischen Fetud- .sichaft des Mehrheitsvolkes; rechnen muß. Und diese Feindschaft ist in den Mitteln nicht wählerisch. Das Kapitel der Pogrome will ich nicht erörtern, weil ich es als bekannt voraussetze, und nicht annehme, daß die Pogrome eine ständi'gfe! Einrichturig des polnischen Staates bleiben werden. Aber .auch nachdem die aus Paris gekommenen -Polenführey unter dem' Druck 'der Entente abge- -Winkt und die blutigen großen Pogrome aufgehört' haben, wird das! jüdische Volk wie ein aussätziges behandelt. Rohe Gewalttätigkeit, Verachtung,'Plünderungen m kleinen. Ort'sich'aften, wirtschaftMcher ,ujnd gesellschaftlicher Boykott, das ist ungefähr das Repertoire der politischen Maß regeln in der Jiideufrage. Alle nationalen Forderungen werden ignoriert und verhöhnt. (Schluß folgt.) Notizen und Glossen. Die Empörung fnmto]l Die vorwöchentlichen Unruhen in Berlin haben große Entrüstung bei dem bürgerlichen Preljgeüchter aller Schattierungen hervorgerufen. Da gab es einen edlen Wettstreit in Empörungsausbrüchen über das' Vorgehen der Spartakisten. Da troff es nur *.o von heuchlerischen Kundgebungen gegen die „Diktatur einer Minderheit", gegen die „Vergewaltigung der Freiheit" und was dergleichen Blüten mehr sind. r, Doch all' das Gefasel der bürgerlichen Prebmeute War höchstens geeignet, dem bürgerlichen Leser Angst einzujagen. Wir Proletarier haben nicht vergessen, und solange einer von uns als Blutzeuge des Weltunterganges existieren wird, würd es nicht aufhören, tn seiner Seele zu brennen, daß es gerade die bürgerlichen Blätter gewesen sind, welche den Auttakt zur Bartholomäusnacht der 'Menschheit gegeben haben. Sie haben nur Worte des Lobes gefunden als jegliche Freiheit in einem Meer von Blut erstickt wurde, als Henker und Galgen im L,ande herrschten, als ganze Völker, von der furchtbaren militärischen Maschline gezwungen, rur die imperialistischen Gelüste ihrer Machthaber aul die Schlachtbank mußten, als die Diktator im Reiche ausgeübt Wurde von einer Anzahl unfähiger, grausamer, perverser Greise und Lebejünglinge. Die logische Konsequenz der Versklavung der ganzen Menschheit durch das Kapital ist der Skia« .venaurstanid gegen dasselbe. Man mag nun den regellosen Aufmarsch der bewaffneten Proleten schon finden oder nicht - verglichen mit d«^ dumpfen Massen der Soldaten, welche stumm', von der kapitalistischen Maschine gezwungen, dem Opfertode entgegengingen, gewähren die revolutionären behauen bewaffneter Arbeiter, einen wahrhaft erhebenden Anbli'ck. Es ist Pflicht der Genossen und Genossinnen, für die sozialdmokratische Kandidatenliste zu werben!