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Freie Tribüne · 1919-01-24 · 3 (24.1.1919) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
3 (24.1.1919)
Date
1919-01-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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REDAKTION und VERWALTUNGs Wien II, Glockengasse 6 Tür 17. Erscheint jeden Freitag. ie Tribüne BEZUGSPREIS samt Zustellung t Ganzjährig . . . K 15.— Halbjährig . . . K 7.50 Vierteljährig . . K 3.80 Einzelnummer 30 Heller. Organ dei« jikdisselien sozialdemokratischen Partei „Poale Zionu Proletarier aller Völker vereinigt Euch! I. Jahrgang Wien, 24, Jänner 1919 Nr. 3 Wählet sozialdemokratisch! Unsere Organisationen haben ihre Stellung zu Partei vorstand dargelegt: An den Parteivorstand der deutschen — . . * ■ im n..i.UM.LL in Die jüdische sozia lid emok r atisch e (Partei „Poalle-Zion:" hat den Beschluß gefaßt, bei den Wahlen zu'r deutschösterreichtsehen •Konstituante füt die K an d;i da teil der de ut's c bös t e r re ic h is c h en Sozial de m'okratie zu st|imnre;n und für ihre Wahl be*t der arbeitenden jüdischen Bevölkerung zu agitieren. Diese unsere selbstveretändlkhe Stellungnahme ^vürde keiner Erläuterung bedürfen, wenn die Partei des deutschen' Proletariates in Oesterreich, für die utn1 ihr Selbstbestimmungsrecht ringende jüdische Arbeiterschaft aller Länder, für ihre Leliiden und Hoffnunjgen,' Verständnis und brüderliche Solidarität bewiesen hätte. ' Das ist aber nicht der Fall. Wir wollen nicht den Anschein erwecken, als würden wir die Haltung, welche die deutschöster.- retchische Sozialdemokratie in der Judenfrage einnimmt, je billigen, 'Wir messen im Gegenteil feststellen, daß hiedirreh1 der Verbreitung des Sozialismus unter den jüdischen Massen große Hindernisse erwachsen. Maßgebend für uns' ist jedoch die Mitw^rfcung des jüdlischepn Proletariates bei (der sozialistischen Neugestaltung der Gese-ll|SiC'iTaf t. Der erste Schritt hiezu ist die kommende Wahl zur deutschösterreichisehen Nationalversammlung. Die jüdischen Arbeiter wer- (den nicht die wählen, die sie expropriieren wollen, in To dfeinLdsch atlft gege n das m ens chhetts- und vo Ikssclh än dende jüdische Großkapital, ein grundsätzlicher Gegner der bürgerlichen Demokraten und kleinbürgerlichen Jüdisehnattonalen, ,w i r d d a s j ü jd i s c h e P r o e t ariats'eine So>li daiffit ät m'it den deutschen Arbeitern bekunjlden unfd seine Stimmle für die sozialdemokratische Kandidaten liste ge b en, ' Wir werden alle Hindernisse überwinden, die der Verbreitung des Sozialismus; unter den jüjd'i- VYien, am 21. Jänner 1919. den Konstituantewahlen in folgendem Briefe an den sehen Massen durch die opportunistische Haltung der deutschösterreichisehen Sozialdemokraten^ der Judenfrage entstehen. Wir werden unsere proletarische Pflicht in Vpllem Maße erfüllen und mitarbeiten an der sozialen Befreiung aller Völker.. Stärker als aller Opportunismus des Tages iwird die soziale Gerechtigkeit sein, die die Basis schaff|en wird für die br.üdierliche Vereinigung der Proletarier aller Völker.' Wir konstatieren mit freudiger Ergriffenheit, daß der nationale Befreiungskampf der jüdischen Arbeiter aller Länder bei der großen Mehrheit der sozialistischen Internationale und unter beiden fParteien des Proletariates in Deutschland warme Freunde gefunden hat.'Die Tatsachen können de|r deutschösterreichisehen Sozialdemokratie ebenso wenig unbekannt sein, wie das volle gegenseitige Einvernehmen zwischen der'^schecho-slowakischen Sozialdemokratie ,uu!d der dortigen jüdischen Sozialdemokratie „'Poale-Zion;". Als Sozialdemokraten wissen wir, daß der Sozialismus eng verknüpft 'ist mit der Sache der Gerechtigkeit und Freiheit für alle Völker. Diese' Erkenntnis wird sich auch die deutschösterreichijsche Sozialdemokratie nicht entziehen können und ihre Stellung in 4der Judenfrage ändern müssen. Darum1 verschmähen wir £s, die Erfüllung unserer sozialistischen Pflicht von der momentanen1 Stellung, die die 'deutSjChösterreiehisehe Soztalidieimokrtttie .in der'Judenfrage einnimmt, jibh^ngi^..^; machen. i N ü,r de'r'K amrp f f ür deiiT S 6 z i a lism\us kä|iin uns'miit der sozialen Erlösung auch die n atlio nalje <Freih eit bringen und nur die soztalistiiSicheni'Parteien können Und müssen unseren Befreiungskampf fördern. Dieser Solidarität kann 'sich keine sozialistische Partei auf die Dauer entziehen. Unsere Solidarität mit den deutschösterreichisehen Proletariern ist vorbehaltlos und ohne Einschränkung, denn vorbehaltlos ist unser Glaube, daß die internationale Solidarität und der gemeinsame K a m p ,f z u m i n t e r n ajjt i o n a 1 e n S o z i a 1 i s m u s und zur Freiheit alliier Völker führen m'üss'.en. Angemeiner jüdischer Arbeiterverein „Poale 25i<m", Wien, II. Jüdischer sozialistischer Arbeiterverein Vereinigung jüdischer Sozialdemokraten „Poale Zion", Wien, XX. „Poale Zion", Wien, l Akademischer Verein jüdischer Sozialisten „Ghejruth". Bedanken Ober jüdischen Sozialismus. Es hat sich geschichtlich gefügt, daß sowohl die innere, materielle und geistige Verfassung dies jüdischen Volkes, als; auch die dasselbe mit eiserner Faust umschlingenden äußeren Kräfte es der Volksmasse unmöglich machten, sich aktiv an dem Tfötanenkampf der Weltgeister zu beteiligen. iDföe großen, das Schicksal der Völker bestimmendien kulturellen Bewegungen vermochten nicht, die passiven jüdischen Massen aus ihrem historische« Schlummer zu erwecken; an den toten Mauern dies Ghetto brachen sich sämtliche Wellen des Prozesses. (Kein Wunder, wenn alles Lebensfähige, alles Geistige hinter diesen Mauern verschmachtete. Und wenn einzeln« die Kraft 131 sich fühlten, sich üben diese Mauern hinweg zu der menschlichen, Kultur ztt gesellen, so konnten sie dies nur um den furchtbaren Preis der Selbstverleugnung vollbringen. Nach und nach verließ alles wahrhaft Geistige und Menschliche das Ghetto, um sich in den großen1 Strom des: Ideenkampfes zu werfen. Gar viele kehrten nicht mehr wieder. Die Wenigen aber, dtej nach der ersten entzück enden Berauschung, nachdem sie vom Baume der Erkenntnis genossen hatten, sieh an das hinter den Mauern zurückgelassene schmachtende Volk erinnerten und zu demselben zurückkehrten, mußten sehr bald die tragische Entfremdung zwischen sich und dem Volke erkennem und an dem inneren seelischen Zwiespalt zwischen! Jude und1 Mensch leiden. Das jüdische Volk, das materiell und geistig! von der übrigen Welt abgesondert lebte, konnte unmöglich von dem Ideengang dieser ihm fremdem , Welt wesentlich beeinflußt werden. , ... -a Erst die alles nivellierende kapitalistische Wirtschaftsordnung vermochte d ie Ghetto-Mauern zu überwinden unid das' jüdische Volk in, den mächtügen Strom der allgemeinen weltlichen Entwicklung zu reissen. Das jüdis'che Volk in verschiedene gesellschaftliche Klassen differenziert, wurde werktätig und! schaffend, ,und gewann sonach den gesunden Bo* den, der die einzige Voraussetzungaller Kultur ist^ Ein Volk, dessen Existenzbedingung nicht mehri wie früher ein einziger unproduktiver Zweig den ihn umgebenden Volkswirtschaft ist, ein Volk', in dem schaffende Arbeit von einer Kapitalistenklasses exploittert wird, in dem' zielbewußtes Handwerk! neben lebensfähiger, auf .Klassenexploitation aufgebauter Kaufmannstätigkeit Platz hat, ein derartiges Volk benötigt eine groß-? mit der weltlichen Kultur vertraute, führende Intelligenz. Die Industrie benötigt einen großen) Stab geistiger Arbeiter; Handwerk und Handel benötigen zweckmäßige Finanzinstitute; beides setfzt gute, weltliche Bildüngsßchulen Voraus. Das; jüdische Volk, in der Ge- Feuilleton. Der Taube. Von Duwed Bergelaon. I. Zu Beginn des Herbstes ereignete sich wiejder irgendetwas zwischen Mendjel1, Wowe >Bicks schönem1 und stämmigen Burschen undt zwischen Esther, des Tauben 22jährigem' Mädchen, die bei Bick als Köchin im1 Dienste stand. Man sprach darüber bei den Marktbuden drinnen in; der Stadt und in der Mühle bei Wowe Bick, wo der Taube überall hin seine übermüdeten, zugetanem Ohren stopfte und jeiden mit Argwohn musterte, der in seiner Nähe den Mund) zum1 Lächeln verzog. Und doch gelang es'ihm' eine Zeit lang nicht ein Wort zu erhaschen. Mendel unterhielt sich noch cjmmer mit dien Jlungen .Leuten, den Gefreidehändlern, die* Weizen! in die Mühle brachten, indem er sie immer mit dem' Ellenbogen in d[en Rippen kitzelte: i — Hör mal1, weißt Du, was Max Nordau sagt? Und (das solltje immer .bedeuten: Weißt Du, wieviel1 in tftnem! Rubel Kopeken vorhanden sind(? Man konnte am ihm' 'nichts merk;en;. Er selbst kam! erst vor kurzem' mit neuen, glanzenden Stiefeln aus d(er Kreisstadt und spiegelte sich in ihnen, während er im1 Mühlhof herumlspazierte. Jedesmal1 blieb er neben Schulz, djemi jungen Müller stehen und winkte ihml zu : — Wie gefallen Dir kleine Stiefel, ha? Und Schulzen, d(eml ernsten Deutschen, schien es nicht überflüssig, imm;er wieder hinzuknien, um;di,e neuen Stiefel1 auf Men(d(els' Füßen zu streicheln. So sehr begeisterte sich' Schulz über die glänzenden1 Stiefel1 und so sehr wuchs täglich in ihml 'die Gier, sie zu besitzen,. Er wjar soga'r nicht <faul, an Ort und Stelle einen Stiefel von Memfdels \Fuß zu ziehen und ihn «auf dem' seinen zu probieren. Dies beobachtete der Taube vom Fenster d^es höchsten Mühlstockes aus', wo ,er bei der Hebelvorrtchtung arbeitete — er schaute immer verstohlen um sich, ob' ihm1 nicht irgendein Arbeiten zusehe. Esther brachte täglich aus der Stad|c das Essen für Mendel1. Dann begleiteten sie Mendels und Schulzens Blicke aus dem Mühlhof; Mcndlel schwieg, unid lächelte versunken, während: Schulz, der Müller, auf Esthers Schultern deutete und! Mendel ajn einer geradezu empfindlichen Stelle kitzelte. Und als djiesi die Mühlenarb eit er irgendwie erblickten, drängten sie sich alle an d|ie Mühlenfenster: — Laß mich vor, laß mich vor. ihn, den breitknochigen Tauben, mit dlemi erschrockenen, übermüdeten Gesicht, ärgerte jdfies so sehr, und wie gelüstete es1 ihn, über d,as Lachen djerl Arbeiter mehr zu erfahren. Aber er war sehr taub' und er schämte sich! vor jedlem, und vor sich selbst; er konnte keinem' ins Auge blicken und djachte imn mer über die Sünd(e Mendels und Schulzens nach, die sie einst gemeinsam -an einem' schwanger^nj Bauernmädichen aus dem1 nahen Dorf Ribhice begangen hatten. Sie schickten dann lauch tatsächlich djas Bauernmäidichen für eine Zeit lang fort. Später einmal! traf ihn irgendwo Josscle Bablsies|, der d|ürre und gebückte Mühlenkassier und schrie ihm irgendwas ins;taube Ohr hinein. Unter zehn: Worten verstand er meist nur eimes und; dochl winkte er jedesmal Jossele mit dfcm' Kopf zu: Ja, ja, er höre. — So schamhafter Natur war ' dieser Taube, er nickte immer den Menschen Imit dlem Kopf zu und versicherte: : «' Ja, natürlich, er höre! Zwei Wochen hindurch behielt (er dUe abgerissenen Worte Josseis in seinem tauben Kopf und hernach'erst begann er, die Geschichte zu begreifen: Sammelt Abonnenten und verbreitet die „Frei© Tribüne"!

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