Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 2 (17.1.1919)
- Date
- 1919-01-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2 Freie Tribüne Seite 3 herein auf die Bewegitng der bereiten Volksmassen giebaut unld konnte sonadh nur daraiif rechnen, innerhalb! (nationaler örenzen zu wirken, wie Marx sich ausdrückte: „Obgleich nicht dem.1 Inhalt (d|er Inhalt des Klassenkampfes ^t tebm international) ist der Form nadh der Kampf d'es Proletariats gegen tfie Burgoisie, zunächst ein niattonalier". Wohl' steckten die Gründer der sozialistischen Theorie, sowie die ersten aktiven Sozialisten der judischen Arbeiter-Bewegung teilweise in den assimifotorisdhen und in den kosmopolitischen Schuhen. Es genügte jedoch nur einige Zeit näherer» Berührung mit den jüdischen Arbeitermassen, urntijen großen Gedanken des Internationalismus richtig zu verstehen und der jüdischen Arbeiter-Bewegung nationale jFormen zu geblen. Der sozialistische Gedanke, getragen von den lebendigen Kräften des jüdischen Volkes', konnte flicht lange die Fehler der volksfre'mden „Prediger" und „Beglücker" mitmachen und nach schwerem inneren Kampfe erklomm er lendlich' die Höhe, von! der aus' d|ie Entwicklung 'den richtigen historischen Weg gehen kann. Und welch ein Wuinjder! Die alte Tragödie: Jude, uinfd Mensdli. — Jude uinid) Weltbürger löst sich — im Lidhte der richtig veristan(denen historischen Entwicklung in schönster Harmonie auf. Denn das1 ist das große Verdienst des jüdischen Sozialismüs, daß er nidht inur die Möglichkeit schuf, gleidhzeitig Jude und Miens'ch zu sein, sondern deutlich' offenbarte, daß wir nur alsi^Juden, Menschen, Weltbürger und Sozialisten werden können. Alexander Serpow. Diktatur oder Sozialismus? Bis nun glaubte man; naiv: Der Marxismus und seine buntfarbigen Interpreten haben alle Welträtsel unseres ökonomischen ,Setns zur völligen Klarheit gelöst.;Sdhon ,der Ausbruch des Weltkrieges hat uns eine ,der schmlerzlichsten Enttäuschungen gebradht: Oer Zusammenbruch der Internationale. Sie erwies sich als platonische — nicht als reale Wirklichkeit. Miah jhatie sich in Friedenszeiten mit Kongreßresolutiönen und Festreden begnügt, aber nie darüber nachgedacht, 'wie einen* Krieg gegen ä|e!n Krieg zu organisieren, Die Internationale hat die Feuerprobe nicht bestanden, sie hat nicht den geringsten Widerstand gegen d}iese blutige Sintflut geleistet. Und bei der Liquidation des Krieges stehen wir wieder vor den Toren eines unbekannten Landes: Der sozialen Revolution! Wir 'haben so oft in Versammlungen von,ihr gesprochen, ihr Kommen prophezeit — allerdings1 den Zeitpunkt in fernste Zidamft,'gesetzt — und nun stehen wir, vor der riesiiglsten Aufgable, die je, das Menschengeschlecht zu .vollbringen 'hatte — ohne die richtige — zumindest theoretische Vorbereitung für den Uebergang und die .Organisierung der neuen Gcsellschaftsoixlinuing. Deshalb darf m'an sidh 'nicht .wundern, wenn ein völliges Tohuwabohu um;die Frage des* Weges tund der Mittel entstanldjen ist. Es ist nicht mehr ein iPrtnzipienkampf — alle bekiennen sich zum Kommunistischen Manifest als sozialer Heiltheorie. Der (Kampf geht um die Methode, djie die schmerzloseste Wäre- — um' die Linie des geringsten Widerstandes. So erscheint s'ehon die Problemeinstcllung „Nationalversammlung oder*.Diktatur." falsch. Die Anhängeder Nationalversammlung unter den Sozialisten hoffen bei dein Ueberwiegen des werktätigen Volkes in ihr (die Mehrheit zu erringen. Bs1 ersdheint ihnen deshalb die Diktatur dier Arbeiter- und Solldaten rate als überflüssig, dja man dbdh imi Wege Redhteas die Diktatur im „weiteren Sinne" als' parlamentarische jMebrheit'[errichten kann. Schon dasi Kriterium tot von Grund aus falsch. Es ist nicht 'einzusehen —■ warum eine wenn auch „faktische" Mehrheit durch den Wahlzettel eher die Berechtigung zur Vergewaltigung der Minorität erwirbt. Wollen wir die Diktatur — dann kommt es auf den Wahlakt nicht an, der nur als' Feigenblatt gegen dem Vorwurf der Gesetzlosigkeit (dienen soll. Wie ist eine gesetzliche Gewalt für die Vergewaltigten leichter? Ist es in einer hundertköpfigen Versammlung für den zu Entrechtenden ^eine Beruhigung, d|aß neunun'dneunzig von fien Ainwesend|eu dies zu einem , ordnungsgemäßen Beschluß" erhoben hatten, Ist man gegen eine Diktatur vor der Nationalversammlung, so muß man auch gegen eine solche in derselben sein, auch wenn sie eine legale Mehrheit hinter sich hat. -Es ist nicht einzusehen, warum es 'moralischer ist, wenn sechzig Prozent — vierzig, als wenn' vierzig Prozent sedhzig vergewaltigen. Ist man für die Diktatur, dann ändert die „gesetzliche" Form an dem Inhalt nicht das geringste. Der Inhalt aliein: Die Sozialisierung ist es, der das Bürgertum1 zum schärfsten (Widerstand treiben wird!. Dasselbe gilt für das Problem der feindlichen „Invasion". Dem' Entente-Imperialismus sind die »deutschen Arbeiter und Soldlateuräte ein Dorn int Auge, nicht weil sie neue Formen eines. Militarismus Von „unten" sind, sondern weil sie die sozialistisdhe Wirtsdhaftsordnung erstreben. Aber auch der Charakter der Wirtsdhaftsordnung in Deutschland; wäre den Westmächten gleichgültig, wenn sie nicht das „Hinüberströmen des bolsdhewikisichen Qiftes" - - „'das' rote Gespenst der sozialen Revolution" be- ' fürchteten. Sie sind für die National-Versammlung, weit sie von ihr idas Hinausschieben des Sozialismus erwarten und weil sie für 'die langsame undj gesetzmäßige Verwirklichung des^ Kommunismus — allerdings in Deutsdh'Fanfd, sind". Von einer ruhigen und sicheren Methode hätten sie mehr zu befürchten, als von einer Diktatur, die zum Bürgerkrieg und Zusammenbruch führen würde. An einem „Vorwaud" zur Wiederherstellung der Ruhe und1 Ordnung wird eS ihnen nie mangeln. Ihr Kreuzzug gegen die Bolsdhewiki geschieht nicht wegen der Demokratie gegen eine Autokratie — Sondern im Interessfe des internationalen Kapitals gegen den „internationalsten" Sozialismus. Deshalb "hat sich die Entente nicht mit der russischen Demokratie verbündet. Ihre Verbündete sind: Der Würger dier ukrainisdhen Volksm;as!sen Skoropadski, die Kosaken Attamans, Krasnor und Dutor — alte zarisdhe Knechte. Die historische Nemesis wird den Entente-Imperialismus ebensowenig versdhonen, wie die preußischen Junker und zarisdhen Banditen. Vorläufig herrscht Festesstimmimg und Siegesrausch in Frankreich, gegen die die Sozialisten nidht aufkommen können, InSo lange ist die Gefahr einer Invasion nicht gebannt. Es gibt jnur einen Trost: Auch1 der Eintenteimperialismus kann sidh zu Tode siegen. Also'auch die Invasions-Gefahr entscheidet nicht über dS.e Wahl der Methode — sie wenicffet sidh überhau pflegen den Söziahs'inus' als soldhen;. Wenn man trotz alledem bereit ist, eine sozialistische Wirtschaftsordnung aufzubauen — muß man sich über das wichtigste und eigentlichste Problem' klar werden;. Verstaatlidhüng der Pro|djuktionsmitt'el oder Vergesellsdhaftuing derselben. Das ist keine theoreti'sch-akademfefchei Frage, sondern von eminenter Bedeutung für die Praxis. Main möge fo'genidles .beachten. Die Arbeiter-, Soldaten und Bauernrätc sind politisdhe Formen — nicht ökonomische Organisationen,. Der Räte-tKongreßiwäre nur eine Fortsetzung des. Parlaments ohne Vertreter der Bo»u!rgeosjie — eine Art Rumpfparlament. Wie der Parlamentarismus als Tribüne für den Sozialismus überschätzt wurde, so die Räte als Organe der Verwirklichung. Es ist eine schwere Krise imi Representationssystem als Söldnern1— und eis (ist iraiglidh, ob es überhaupt möglich ist, irgend eine Minorität oder Majorität zu fvertjreten, da doch das! Mehr oder Mindermehr eine Sache des Zufalls und der momentanen Stim'müng ist, als der nüchternen Uebertfeu'gung und klaren Erkenntnis1. Unter diesen Umständen kann jede Majorität von beute diie Minorität von morgen sein — und umgekehrt. Will :eine Mehrheit einer Minderheit loder eine Mindjerheilt einer Mehrheit den Willen diktieren — in, betdlein; Fällen — kann 'sie 'das nur ün'it Hilfe je in er brutalen Gewalt erreidhiem. Das! gilt tauch für das nur-Arbeiter-Parlament, lda:s! sdhließlich auch zu einer Diktatur, und zwar einer! Partei führen muß. Gerade für das letztere ist das Fehlen töesi Bürgertumls von größtem' Nadhteil. Diesies ist idrauißen mehr schädlidh und gefährlidher als drinnen. Das galt ja seinerzeit au'cjh für die Sozialdemokratie.'Die Sessionen absorbieren die besten jK-räfte, mäßigen den Stturm' — (man kann sidh Luft '.machen;. 1 ' /Politisdhe Enlrechtung der Bougoesie ist nodh nicht identisch hiit der ökonomischen Befreiung d|es Arbeitsvolkes. Sie schafft .eine Atmosphläre der Unfreiheit und Nervosttatf— ,die (Cfjie ungünstigste Situation ist .für soziales Schaffen und Neusichaffen. Der Wiederaufbau der ^zusammengebrochenen Wirtschaft kann nicht, ohne die größte Anspannung der physisClhen und (geistigen Kräfte d(er ganzen Gesellsdhaft zustan'dekomnien. Wer nicht ^mittut ist fahnenflüdhtig. Der Sozialismjusl ersicheint als die eiserne, objektive Notwehdigkeit. Es ist eine naive Verhienduug der Entente, wenn sie glaubt, djurdh harte Friedensbedingungen — id[urch hohe Krieglsentsdhädigung die Verwiri,cklichung jd(es Sozialismus zu hemmen. Ihre Härte ist Wasser auf unsere Mahlen — audh auf idie ihrigen, D<enjn\eiiie je schwerere ArbeitsH'ast das deutsdhe Volk d(ii'ück't, um die^ For-!derungen der Entente zu erfüllen — ünfd; die; Arbeitskraft ist das ieinzige Mittel1 — desto einleudhten'der muß ,es audh den Verstocktesten werden, daß das Proletariat [nidht imi Standie — und nicht Willens ist — Vinter kapitalistischer Herrschaft diese Sdhuld seiner Fürsten und Parasiten zu tilgen. Das iRollmaterial, das bare Gold, d|as der Entente äbzuiliefern ist, ist Arbeitskraft..Und sollte dert Deutsdhen die Verpflichtung auferlegt werden, Belgien wiedier aufzuridhteu— wer soll sie dann erfüllen? Der deutsdhe Maurer, - SchToSser, Zimmiermann, Techniker, Künstler. Wie im Kriege alle mobilisiert wurden, gegen den „gemeins'amlen" Feind — so werdjen alle im Frieden zur „Arbeit" mobilisiert werden müssen, urn die SdhüM djes preussischen Militärts;- mus zu tilgen un!d das eigene Haus wiedler aufzuridhteu. Der Sozialismus hört auf, Sache einer Klasse Zu sein, er wir'd das brenn;end;e Problem' für die ganze Nation: Ihr einziger Weg des Lebens. Diese Erkenntnis wird sidh schneller Bahn brecfheh, als wir glauben. Jedwede Diktatur ist ihr ein Stein im Wege. Damit (diese Erkenntnis ausreife, und zum Gemeingut der Nation werde — tut Freiheit — unbedingte Freiheit not! A. Z. G. Die Berliner Tragödie. Zwei Armeen, die sich bekämpfen, sind eine große Armee, die Selbstmord an sich Obt. Henry Barbusse. Wir haben immer diejenigen Pharisäer genanjrttf, weldhe das Volk als das unschuldige Lamm1 hinstellten und ,die Sdhuldl am Weltkriege fiur seineiri Führern »oder „Verführern" aufbürden wollten. An den Bestialitäten der letzten vier Jahre» sowohl an ,der Front als auch im Hinterland, ha;t jeder von uns sein vollgerüttelt Maß von Schuld;'. Unredht dulden maiCht mitschuldig. Allerdings ist die Beurteilung djer Sdhuldfrage von der landläufigen ganz versdhieden, wenn sie Sozialisten oder sozialistische Parteien betrifft, Diei Internationale galt ,vor dem Weltkriege als 'der; ominenteste, pazifistische Faktor uinjd so oft kEafe imperialistisdhe Säbelrasseln in der Welt erklang*, fwar es',die irnternational!e, auf die alle Friedliebenden ihre Hoffnung setzten. Die Internationale der schaffenden Mensdhheit gegen die Internationale djeis kriegswütigen, alles verschlingen'den Im'perialismiuis.^ So war es' vor dem' Kriegie die Ueberzeugung: aller sozialistisdh Denkenden, daß eine Kriegserktär rung mit einem Generalstreik der arbeitenden Massen beantwortet werden m;üsse. » Weder bei uns, nodh' in Deutschland ist djrei Probe auf .das!(Exeim'pel1 bestanden worden. Es wurdfe; im Gegenteil das ganze 'Lainld als dne Burg erklärt1, innerhalb weldher Friede herrschen und zu derein. Verteidigung das ganze arbeiteind(e Volk auf die Ram'pe mußte. ' ' | Der beispiellose Zusammcnbrudh feines dergröß^ teu Kulturvölker (heisllht Sühne. Dasl Volk hat seine Sdhuld, daß es dem Imperialismus nicht widerstand, schwer gebüßt. Axm taiu^ Sen'd Wunden blutend!, liegt es am! Boden. Die Führer aber, die während dies WeltkrtegleS 'im weidhen Pfühl1 parlamentarischer Sinekure saßen und vom' Volke die größten Qpfer verlangtcnj sind! noejh immer am! Rulder. Und ,da ,ist es nur ,'eine gerechte Mindlestfor;- derung, dfe .von d|en unabhängigem Sozialisten aufgestellt wird, ,daß Jdie Führer, welche anstatt das heiliige Feuer ,der MenSdhlichkeit zu hüten, der, allgemeinen Kriegspsychose .erlägen, nun zurücktretlejti ujnd Männern Platz mac|h'ein|, {die niemals d^ie sozialistische Richtschnur für ihr Tun; verloren haben. Durdh .Erfüllung (dieser Forderung djer UnaWiliiäwgigen wäre izweifelloS Oel auf die hochgeheniden Wogen der lEmpörung der arbieitenidien Masisen gegossen worden, ,wenin sie sofort erfüllt worden) (wäre. Jetzt ist es sdhbh sehr, sehrisipät. Unsere Ansieht (ist, daß die Einigkeit, Kainipfbereitsdhaft und Größe der Armee d[es Proletariats ein wichtigeres' Gegenwartsproblem darstellen, als die genaue lUmSdh'reibung seiner Kl'assenkriegsziele, Wenn das Proletariat siegen wird, dann wird nichts geschehen, Avas seinen Interessen, seiner Forderungder ihöchstm'öglirhen 'Lebenshaltung entgegenstehen könnte. Aber damit;es siege, ist vor allem1 notwendig, "daß es1 über allen Brüderzwist binweg zur höhereai Einheit gelange, dab'es einen inneren „Burgfrieden" scfhließe zum: j'gemeins;amen Kampf gegen den Kai'- pitalismus tund die |mit ihmi verbündetem reakttonär,e,ni Punkelmädhte. ' -t i ,! j -! Trotz id.er Düsterheit dieser Stunde könnenj 1 wir der MofÜnung inicjht entsagen, daß d|er, Lebenis'- (vville des großen deutsdhen Proletariates stärken seih wird, ,als das Fieber, d[as jetzt seinen Körper, durch rast. - j Das Sdhicksal ,des Sozialismus aller Völker ist. mit dem ,des; jdfeutsdhen Volkes eng verknüpft. Die neue Internationale wird nicht bestehen können', ohne das deutsdhe Proletariat, dlem1 sie ihre 'besten! Traditionen verdankt .unjd' weldh'es1 selbst in seinem) gegenwärtigen Moment unsagbaren LLeidens ein leudhtendes Flam'menzeichen ist auf dem Wege zum Sozialismus. Zwischen Krieg und Frieden. Die nachkriegerischen Kriege. Nach1 der Menschensthläc'hterei irh Großen hat! der Krieig im'Kleinen ängefaingen. Der Krieg zwisdhen den feindlichen Staaten hat nicht d;em' Frieden Platz gemadh't, sondern djem! Krieg zwisdhejni den feindlidihen Völkern!. Kann jemandf all die, neuen? Kriegsschauplätze aufzählen? Sie existieren, obsdhon," keine Krieg-erklärungen vorangegaln^gen'sind-'Es gtübKi einen ungarisch-rumänischen, ungarisch-tschecWisdhen, italienisch-südslalwischen, polnisch-deutschen1 und polnisdh-rutheni's'dhejn Krieg, per Menschheit ganzer Jam'mer faßt einen an, da man die Völker) auf diesen Bahnen sieht. Ist ihnen der Krieg so zur! Natur geworden, daß sie obne djen Waffengebraudh sidh •nicht einrIch!en können? Soll das Selbistbcstimmuingsredht der Nationen so zur Geltung kom'*« Arbeiter» und Angestellte, besucht unsere Versammlungen und werdet Parteimitglieder!