Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 2 (17.1.1919)
- Date
- 1919-01-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seie 2 Freie Tribüne Nr. 2 eigentlich wahres Gesteht. Dies ist umso mehr von igtuindlegenfcier Wiohtigkjeit, als doch die neuerstandenen Staaten sich ernstlich anschicken, die Kirche vom Staat zu trennen, wodurch1 unser|e bisherigen Gemeinden in dfer gegebenen Form nicht mehr bestehen werden können; sie müßten zu Gesellschaften des Privat rechtes her abgedrückt werden, wodurch natürlich sowohl die Vertretungsalsauch die Steuerrechte entfallen würden. Es wäre also kein Verband der Juden mehr vorhanj:?/en, weshalb leicht eine Automisierung erfolgen könnte. Daß ein einheitlicher jü- 'disdher Verban(d, der allie Juden zusammenhalten mfüßte, dringend notwendig ist, braucht nach den fetzten Ereigntstejen nicht des Näheren; bewiesen zu (werden; die jüldisehje Gemeinde ist die einzige Grundlage, auf welche die jüjd&scfoe Bevölkerung Säcfh .stützen J<ann, sie ist die Zelle des künftigen gesunden Organismus. Darum darf keine noch so große Mühe geschient werden, um sie zu schaff ein. Wie berechtigtfliese Forderungen unserer Partei waren, beweist die sozusagen jüdische Revolution in Jden östlidhcn Teilen des ehemaligen Habsburgerreidhes: Altt dem 1. November 1918 begann ein Sturm gegen ,die reaktionären Kahal's', überall wurden sie ^erobjert, ojder weggesdhwemmt, in einer Reihe von (großen Städten Galiziens haben die national-organisierten Parteien mit der Losung: Keine israeiitisdhe Kultusgemeinde ..- sondern jüdische Volksgemeinde, die (alten Zwingburgen der jüdischen Ha.usmacht (erobert. An Stelle der Kultusvorstände traten National- und Volksräte. An die., radikale Aenderung der Wahlordnung wird geschritten. Unser 'Ruf ist also nicht verhallt, unser Gemeiudeprogramhr hat isich durchgerungen und Siumjächlst die Revolution, in den Köpfen verursacht, die die gegenwärtigewirkliche Revolution hervorgerufen hat. Der jüdische Nationalr'atstag Ostga- Rzien's in .Stanislau Ende Dejzemb^r 1918 proklaniiertje 'die jUmwianidlung d|er Kultusgemeinden in Volksgemeinden; dasselbe verlangt der Nationalkongreß der Juden im tschechoslowakischen Staat. IndessenGemieindeprogramm heißt es dann: Diese (die yolksgemeinldein) umfassen alle Juden ihrer Sprengel, sorgen für deren kulturelle, soziale, und isoweit isolch'e ^vorhanden sind, auch für deren religiöse Bedürfnisse;und vertreten diese Juden in politischer und wirtschaftlicher Beziehung." Der Nationalkongreß hat .also die richtige* Form gefunden, sie entspricht derjenigen, welche die „Poale- Zion" in dem1 Gemeindeprogramm sowie We.s weiteren ,von Jm$r in den' Leitsätzen betreffend den Schutz def nationalem Minderheit aufgestellt wirdj. .Wir stehen (auf dem' Standpunkt feiner einheitlichen jüdisdhen Nation iun/d nicht einheitlichen Konfesisioiii. Das gemieinsaimle Band, (obyes einem1 Bewuißtlsje'iai1 oder Unterbiewu'ßts'ein kommt, muß erhalten werden, jejdodh ohner, Zwang, d|er Austritt steht jedem frei. Auf diese Frage komhicn wir.zurück. Max R o s e n f e 1 d. Anmerkung der R e d u k. t i o n' Inso weit im obigen Artikel von den wirtschaftlichen Angelegenheiten die Rede ist, bemerken wir, daß es nicht angeht," sie. kritiklos der jüdischen Gemeinde zu überweisen, da diese doch nicht alle in den Kompetenzbereich des Staates fallenden Aufgaben erledigen soll. Ob nnd inwieweit die jüdische Gemeinde mit anderen als kulturellen Angelegenheiten zu »betrauen ist, ist eine Frage für sich, die nach dem Grada der wirtichaftlichen Entwicklung und sozialen Gesetzgebung der verschiedenen Staaten verschieden beantwortet werden wird. Hingegen ist es für uns unstrittig, daß von einer obligatorischen Erfüllung der religiösen Bedürfnisse durch die jüdische Gemeinde keine Rode sein kann. Gedanken über jüdischen Sozialismus. Wenn wir den Einfluß der progressiven Gedanken auf das jüdische Leben — auf dessen kulturelle Entwicklung aufmerk'sram verfolgen, konstatieren' wir, daß verschiedene aufeinanjderfolgende, progressive Ideen wesentlich verschiedenartige, der allgemeinen Entwicklung manchmal entgegengesetzte Wirkungen auslösten. Die .Sogenannte Aufklärungsepoche, die die Emanzipation des Menschen zum Ziele hatte, wirkte bei uns Juden zunächst rein negativ! Wähnte der Intellektuelle einer anderen kulturellen Nation, sidh erst durch die Aufklärung" gewissermaßen zum Menschen erhöhen zu können, so geschah dies niemals auf Kosten der Zugehörigkeit zu seinem Vol&e. Im Gegenteil. (Er versuchte den Gedanken d[e;r Emanzipation im!da,s Volk zu tragen, sorgte dafür, daß [das Volk diesen neuen Geidlanken in sich aufnehme, durdh seineeigenartige Weiterspinnung in sidh [assimiliere und dadurch die progrejsstve Idee der „Aufklarung" ,a.uf eigener, nationaler, WeKse verkörpere. Nicht erst dort, wo die Nation authört, beginnt der Mensch, sondern in dein Grenzein seines Volkes sollte ein jeder Mensdli sein. Anders bei uns Ju.dcn'. Der jüdische Intellektuelle glaubte der Idee der „Aufklärung" erst dann dienen zu können', iw|efnn er seine .völkisdhe. Zuge-« hörigkeit gänzlich aufgab. Er 'meinte: Das Volk kann erst dann den progressiven Gedanken in sidh' aufnehmen, wenn es aufhört Volk zu sein. Er predigte: Werde Mensch! Und in Wirklidhkeit bedeutete dies: Höre auf Jude zu sein. Das Handgreifliche, das Naheliegende — die Aasimllierung des Aufklärungs-Gelcljankens' in das jiildisdhc, nationale Bewußtsein schien ihm nnmöglidh, und 'so strebte er durch di(e Assimilieruug des jüdischen Volkes d|ass!el[be der „Aufklärung" zuzuführen. ' 1 ■ ' ' ■ i Geblendet von der Pracht d(er europäischen (Kultur, tief erschüttert vom' Elend der geistigen RüCkständigkeit seines eigenen Volkes, glaubte der jüdisdhe Intellektuelle diesen: Äbgrunidj (nur dann' überbrücken, zu! können, -wienh das jüdische Volk auf alles selbständige Leben und Denken verzichtete [und (Siidh in den Strahlen d(er Aufklaiiungs-Sonnie' solange wärmte, bis es in dieser ganz aufging'. Erst1 dort Weg am n der Mensch, wo!dji£Nation aufhorte, also dachten unsere Aufklärer. Und eben weil dt;e jTudische Intelligenz es nicht verstanden hat, die an sidh progressive Idjee der Aufklärung dem' Volke in einer im vertraulichen, mit deiner nationalen Ergen'tümlidhkeii: harmonierenden Art iun/d Weitete! zugänglich zu machen, konnte das1 Volk diese idjee in sidh nicht aufnehmen, vermochte m (dieselbe in seinem' Bewußtsein nicht zu assimilieren und ^lieb ihr innerlich fremJd. ' So geschah jess, daß während dife Aufklärungsepoche sämtliche Kulturvölker sowohl dem menschlichen Fortschritt, als auch ihren geistigen Führern näher gebracht hat, das jüldfec'he Volk allein, djem Fortschritt nicM ^viel näher gerückt ist, von sieiner. fülirenden Jntelligenz;aber sich sehr weit entfernt 'hat. Wohl jpredigte die jüdisdhe Intelligenz dem' Volke die -fortsdhrittlidhen Ideen, allein das Volk' konnte sie nidh't verstehen und den eigentümlichen, nur durdh Selbistmor^ erreichbaren Fortsch itt wollte es nicht wagen. Und so meinten beide — Intelligenz uind Volk - daß sie nicht zu einander gehörten. £ Aehnlich negativ wie die Aufklärungsidee wirkte auch die Idee der politischen Emanzipation auf das jüdisdhe Leben. War die Idee djer bürgerlidhen Revolution in dem Sinne kosmopolitisdh1, daß sie allen zivilisierten Völkern eigen war, so verstanden die volksfremdlein' jüdisdhen intellektuellen den Kosmopolitismus dieser Idee dahin, daß fer die weMtere:'Existenz selb'stständiger Völker verneine. Hat die Revolutionsidlee die Völker besfeelt, für ihre vollständige Befreiung von innerem Despotismus und äußerer Knechtschaft1 zu kämpfen, sc wollten die jüdisefhen Kosmopoliten uns einreden, unser Ziel1" wäre die Erlangung politischer Emanzipation durch vollständigen 'Verzicht auf eine selbständige nationale Existenz, durch Losisagung Ivom eigenen nationalen Ich. Wollten unsere „Aufklärer" dadurch mm „Menschen" ^; van zieren, daß sie anstatt Juden — Franzosen, Engländer uinjd Deutsche wunden, so gedachten unsere Kosmopoliten ihre. „Weltbürgetr;- t sdhaft" dadurch zu demonstrieren, daß sie wned|e!ri den Juden, nodh den iFranzosen, noch überhaupt einer Nation angehörten.; Beide Richtungen — die Aufklärerisch-Assimit- -ratorische und Revolutionär-Kosmopolitische — sind Geistesprodukte der vorksfrerrjden jüdischen Intellige'nz ^ijncl ko'nnten dahe,r keine festen Wurzeln im! jüdisdhen Volksb'eV/uißtsein schlagen. Sie konnten1 überhaupt.nur solange |den Schein ideeller Richtungen erwecken, insolangc das jüdische Volk in dem Schlummer der Passivität lag. Als aber djas jüdisdhe Volk — in der Gestalt seiner arbeitenid|ein Massen — im ökonomisdhen, politischen und geistigen [Leben, jaktiv wurde; als der geschichtliche Lauf audh die Jiflden |u:nte,r di|e'kapitalistischen, Mühlsteine schreuderte und in» Klassen trennte, als als Resultat dieser Ehtwidklurig auch auf dem' jüdischleln Himmel1 die Soätne dje,r sozialistischen Befreiung aufging, da leudhtefe auch1 Islchbn der große .Gejdanke des1 jüjdis'dh'eln Sozial'is'mius "hell auf. Anders1 |äl!s die aufklärerisdhe uinld politisch^ Emanzipationssidee, wirkte die Idee 'des Sozialismus auf die kulturelle Entwicklung des jüdischien Volkes1. Waren die Ers'terlert abstrakte Ideen, weldhe angesichts der damaligen Passivität der jüdischen Mass'en sich wohl als die dom'inieilendjen ausgeben, durften, (niemials a'b!e;r zu Volksbelwegungen. werden könlnten, s'o hatte 'die sozialistisdhe Idee von yornje.- . dessen bedeutet, was neun "Millionen Menschen im: Osten' Europas bewegt? i Oekonomis'che Klassifizierung versagf vor ihm, wie so oft vor Fragen des Judentums. Denn fin* diesem! Warschauer Kleinbürger ist die Seele djes Ghusisid lebendiger, dfen scharfen Aufstieg vom' proletarischen und dörfischein Jeschiwebücher zum! Kleinkaufmann unters'dhiägt er. Er vermittelt kleine Geschäfte am ^Vormittag, sitzt nach; dein Essen hödhstirnig mit einem litidhtssagenden- .Schnurbart vor dem Schachbrett und bespricht mit heiserer, wie von oft erlebter Geldnot'verharschter Stimme des' Abends Politik odjer Literatur, in nichts unter schieden von Hunderten seinesgleichein. Und: trägt dodh die Gnadje der reinen Stimme, des Ohrs, das zunächst lag dem1 Herzen eines Volkes und seinein ' Schlag vernahm1. Der Krieg, der die Ostjuidjeni soviel kostete, raubt audli das Leben dieses Mannes. Er stirbt 1917, inadhdem |er sich am1.Anfange des (Krieges zum' Erstaunen der österreichischen und deutscheu Juden entsdhiederi zu Rußland! bekannte. Das Bekenntnis zu Rußland — wie wird, heute darüber .gedacht? Mit djen Literaturen anderer Sprachen Vertraute weisen auf die Verwandtschaft mit Tolstoi hin. auf die Aehnlichkeit zwischen den chassidiscllien Geschichten;und dien Volkserzählungem des Russen nicht nur im' Aeußeren. Sie schmälert" nicht die idurch'aU'i originale Leistung Perc-z/, soitdiern legt uns das Problem der Beziehungen zwischen russischem und jüdischem Geist nahe. Diese|s, Verhältnis ist neu aus dem Grunde, weil es eine legitime Legende gibt von der engen Beziehung zwi-" sehen der deutschen utiß der jüdischen Grundeiinstellung zur Welt und deren Ausdiruck. Es ist gut, (daß diese von: (djen vieren,- in deutscher Sprache schreibenden und drtchtenden Juden begünstigte und Verbreitete Legende ein Settejastück erhält. Wie also: inicht nur Gle^hstimmigkeit mit dem im Grunde reflexiven und (djodh sentimentalein, lyrischen Deutschen, sondern, auch mit dem ethisierenden, religiösen und epischen Russen? — Aber es ist auch nicht diese Verwandtschaft zwischen Juden und .'Russen, dSurch1. Zeitereignissie begünstigt1, zu popularisieren, wie es..sidhcrlich künftig geschehen wird, viehnehr ist aus diesen Seiteinstücken zusammenzufügen das ganze Bild djes jüdisdhen Menschen, dieses Menschen Ostens und Welstienis*, der Neuzeit und djer heiligen Bücher der früheren1 Zeiten. riesesjßitcAim das Bilid! des ganzen iMenschen' dieser Erde willen, (d(as* sidh aus allen Literaturen aller Zungen zu ergeben hätte, also nicht >dem Chauvinismus zu Liebe. Die Frage nach1 der Beeimfl'uslsunig des Juden djurdh die Wirtsvölker ist dianeben eine andere. - Feuilleton. Bemeriiungen zum RtriiB lizckek Leib Pbfbz'. Die/Gesdhichte der jiddischen Literatur, die in verstreuten und vereinzelten Werken vcrhältinismläßig früh1 sich anmeldet (Zenu-Ureinu und etwa die Erinnerungen der Glückel von Hameln) unjdi ziur, Zeit der Aufklärung in der durch diese , entibuindenen Epoche des Nationalismus sich entfaltet, ist noch nicht erschöpfend hieschrieben, weil sie auch' nicht in einem (einzigen, deutlich zu unterscheidenden EntwiCklungsabsdhnitt abigeschlossen ist. Nicht nur auch hier, sondern gerade in d!iesem eigentlichsten 'Ausdruck einer differenzierteren nationalen Psyche aeigt sidh' die Schwierigkeit, die djem jüdischen; Pro- Iblem im .Gegensatz zu den Fragen aller anderen (Kulturgemeinsdhafteil derselben Zeit eignet. Die Literatur der Tschechen, auf die man zum Vergleiche hiniweisen könnte, weil1 sidh der aufstrebende tschechiisdhe Nationalismus zeitlich mit dem jüdischen deckt lund weil auch dieses" Volk in seiner Entfaltung behindert wurde dturdh die Greuel der Gegenreformation, die nadh der Schl'acht am weißen Berge jedies tschechische Buch verbrannte, und in der Folge unterdrückt wurde, so schwer wie dlas jüdische durch -Fanatismus nnd iPogrom, — die tschechische Literatur kennt Repräsentanten ihrer Frühzeit und, deutlich davon geschiedien, solche des bürgerlichen Nationalismus, sie steht heute vor einem neuen Abö'dhhitt. Wo aber soll m'an das Kriterium finden, Idas J. L. Perez Von MendaFe'Moiches Sforim scliei- 'det, worauf, als auf Gründe d|es allgemeiuen, ästhetischen und rem abstrakten Urteils soll man sich (berufen, wenn inüan Taigen will, daß Perez den höchsten, .geschlossensten und .reinsten Ausdruck Es ist Pflicht der Genossen und Genossinnen, für die sozialdemokratische Kandidatenliste zu werben! Sein Werk ist groß und nicht gleich wertig. Neben schlechten Ge dicht ein, und gleichgültigen Stückein' stehen die ,,volkstümlichen Geschichten" und ,hd(ie l^oldeue Kette". Diese beiden genügen, um die, Leistung zd .vermitteln. Und runter diesen volkstüm!- lidhen Geschichten .genügt eine, um den Typus zu verewigen. Von Maup.as!sant wird gesagt, er habe im1 Grunde nichts mehr gelschriCben als . diese eine Ge(- sdhi(chte von der kleinen französischem Dirne, die zur Zeit des Preußenkrieges in der Postkutsdh'e unter die Intriguen der Kleinbürger unjclj ihrer ehrsamen Gattinnen;gerät. Perez hat im! Grunde seinem Werk das Denkmal igesetzt in jenem! Lastträger/ Bomze Schwag, der überfahren wird und; in Bajsi Spital und vor das Gericht dies Himmels .kommt. ■■— Die genannten Werke sind schlecht von den! Vielübersetzer Alexander EÜasberg in's Deutsche übertragen.; Kaiman Kott.