Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 2 (17.1.1919)
- Date
- 1919-01-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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REDAKTION und VERWALTUNG s Wien II, Glockengasse 6 Tör 17. Erscheint jeden Freitag, EI- BEZUGSPREIS samt Zustellung t Ganzjährig . . , K 15.— Halbjährig . . . K 7.50 Vierteljährig . ,K 3.80 Einzelnummer 30 Heller. Organ des» jikdLisohen sozialdemokratischen Partei „Foale Zion" Proletarier aller Völker vereinigt Euch! I. Jahrgang Wien, 17, Jänner 1919 Nr. 2 Honstituaiite. Imf Monate Februar werden in Deutsdhösterr reiejh die .Wahlen zur Konstituante stattfinden und das' jüdische Proletariat wird! in den Wahlkampf eingreifen, um1 dife ^deutsche Arbeiterklasse im' l^ampfe für den Sozialismus1 zu unterstützen, uürnj die eigenen Losungen bei! den jüdischen Volksmas-' s*en zu verbreiten, i, _ v •>irDer Streit darüber, ob der Parlamentarismus überhaupt und die Konstituante im besonderen noCh brechbare Werkzeuge im; Befreiungskämpfe desi Pi ^fictariates sind, wirft1 gewiß durch das deutschr österreichische Beispiel1 nicht aus der Welt geschafft werden; so geben wir uns keineswegsvder Illusion hin,, daß |in dein bequemen Mittel d^rßtimmzetteläbgabe die .zur Verwirklichung des Sozialismus' (notwendige Arbeit sich' erschöpft, allein es spricht alles dafür,;daß djas Proletariat in unserem! Laride die Wahlen zur Konstituante uncH diese sei'- - ber benützen muß, um1 die Sacjhe des Sozialismus zu fördern. Dadurch soll weder jd^mi Opportunismus, von dem1 die djeuitschösterreichische Sozialdemokratie erfüllt ist, das' Wort gerejdeit, noch' soll in t'jer jetzt zu) wählenden Konstituante die oberste und letzt« Instanz imi Streite ^wischen kapitalistischer Ausbeutung und sozialistiscjher Gerechtigkeit gesehen, wein- (dien. Der Sozialismus kann mit einem Meisterwurfe, nkjht (erreicht', durch1 fiinjejni Handstreich odjer. Zufall nicht .vernichtet .werden. Auf-jede mögliche) Weisie wifird für iiinfd gegen! ihn gestritten und) die,' ".;dir<ektej SteflungnahmSe für (un|d geger^ ihn wird; aucW f^i,'[df.en Konstituantewahljen die Bürger des Landes in zwei feindlich-e Lagejr teilen;. Denn nun1, da die -Monarchie zerstört ist, djas * Volk zur Entscheidung über sein Geschick aufgerufen wird, muß im; iWahlkampfe in voller Schärfei zum1 Auadrucke k'ornmlen, .wer für den Weiterbestand der kapitälisttsetfien Ordnung ist und wer für ibre Abhebung. . >: In diesem' Kampfe, den dtas deutsChösterreicjhisthle Proletariat jetzt führt,' mulß es von den indischen (Proletariern mit 'Hingebung unterstützt! (werden * Es1 ist die uns* gemeinsame Sadhe, djeia So- * ziaislimüs, unii (die wir kämpfen müssen und 'die Über die nationale Ver^dhiedenheit hinweg 'uns verbinden muß. Diese Solidarität ist so selbstverstänidV Üdh) und elementar, da!ß sie aiueh: d[ann und /erst' recht dann wirksam! werden muß, wenn bürgerliche, jüdisch-nationale! Kajnldid^ten gleichfalls1 uiml die Stimmen des jüdfechen Proletariates werben sollten. Es ist das ber vorstehendste Merkmal unserer Bewiegung, vd:aß> wir im' jüdischen Vollce (die Bahn für den Sozialismus frei und* das jüdisChie* Proletariat zum* treibenden Factor machen wollen. In! den jüdischen VölKsrnfassen wierdlen wir auch; während des1 Wafolkamfpfes «djas Banner des Sozia- Jij&müis aufrollen. Er muß der Leitstern sein, der in1 jeder Friage der Politik un4l Wirtschaft den' richtigen Weg zeigt. Ob ies; sich fulmi die «Kritik des Vergangenen mit all feinen schauerlichen im MeiU- Sidhenmord zutage getretenen Folgen handelt odfcr um» die Vorschläge der 'gegenwärtigen Gestaltung! unseres Staates -~, wir müssen bei der Betrachtung jedes Gegenstandes diie jüdischen Volksrnassen zu* sozialistUChem1 Denken {erziehen. Das jüdische »Proletariat und die besitzlosen jüdischen Vol'ksiklassen. müssen mit der deutschen Arbeiterklasse alle Kräfte vereinigen, damit der Aufbau djer Wirtsschaft auf Kosten (der besitzenden Klassen vonstatten gehe und deren Vermögen undj Einkommen diel JVUtte!1 für den Aufibau dfer neuen Gesellisjohaft:' liefern. ' ' In diesem Kampfe gegen den Kapitalismus ist die Vereinigung mit dem deutschen Proletariat ebenso notwendig wie der Krieg gegen die jüdischen Kapitalisten. Mögen sie ihre Geldquellen für die Christlichsozialen und Deutschnationalen erschließen, wir müssen mit unseren moralischen Kräften bei den deutschösterreichischen Sozialdemokraten sein. Mag die Wahlpolitik der Parteien nur vom jüdischen Großkapital reden, unsere Mitwirkung muß dessen Widerpart das arbeitende jüdische Volk erweisen. So wollen wir die, breiten jüdischen Massen im' Wahlkampfe über jede sozialistische Losung aufklären und sie für die Vergesellschaftung der Produfktionsmittel gewinnen. Und unsere nationalen Forderungen? Die Stellung der deutschösterreichischen Sozialdemokraten fcur. Judenfrage? Wir haben keinen Grund, zu verschweigen, daß außer den polnischen Sozialisten, die von einem1 nationalen Chauvinismus reaktionärster Art erfüllt sind, es in ^^sozialistischen Internationale nur noefh eine Partei gibt, die der nationalen Bewegung der Juden feindjtdh gegenübersteht : die deutschös!tteirretchisch'e .Sozialdemokratie. Doch nein, das ist keine feindliche, d(as ist überhaupt keine Stellungnahme, da in der Judienfrage das Totschweigen Trumpf ist. Mit großem Weh müssen wir dies1 zugeben, aber ist denn d,ie falsche, unsozialistische Meinung der .Parteiführer für uns ein Grund, von unserem' richtigen sozialistischen Weg •abzuweichen? Wenn für sie der Sozialismus aufihört, wo die Judenfrage anfängt, d|a;ri 'für uns die internationale Solidarität aufhören, wo der Sozialismus beginnt? Wir sind Sozialisten .um1 unser und der Menschheit willen ündj in sozialistischem Sinne werden wir auch dort wirken, wo uns unsozialisttsCIi begegnet wird. So handeln wir nicht etwa als; Dulder, die, auf die eine Backe gesidhlagen, änch »die; andjere zum1 Schlag darbieten, sondert ,weü wir., wissen, d|aß der Sozialismus nidht bestehen kann, ohne überall Gerechtigkeit auszustrahlen und daß uns, dem jüdischen Proletariat und jüdischen Volk ebenfalls Gerechtigkeit werden rnuiß. So kämpfen wir für den Sozialismus nicht bloß zur Beseitigung des kapitalistischen Joches, sondern auch zur Erringung der nationalen* Freiheit. Nach Schluß der Redaktion trifft die erschütternde Nachricht ein, daß Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg den Märtyrertod gefunden haben. Sie sind die Opfer ihrer Ueb'erzeugung, ihrer heiligen Ideale. Das Proletariat, für dessen Erlösung sie lebten,, wird ihrer in Erschütterung und Begeisterung ewig gedenken. Organisiert Euch!: Der Zerfall;des österreichischen. Gewaltstaates in viele nationale Gemeinwesen hat wohl den Imperialismus der herrschenden Klassen noch nicht befriedigt, aber übe;r die neugeschaffenen Grenzen hinweg reichen sich die, Proletarier aller Nationen die Bruderhand. ** Sie wollen nicht teilhaben an dem Streite, der anhebt, weil .siegende Imperialisten besiegten Imperialisten ein möglichst großes Stück aus dem' Leibe schneiden wollen. Sie wissen, daß die; Kapitalist euklassen der .verschiedenen Läinder. die sich jetzt spinnefeind sind, gemeinsame Front machen werden in dem1 Momente', ate' <s sich darum handeln wird, der „roten! Gefahr" entgegenzutreten. In den gewerkschaftlichen Organisationen ist der nationale Hader läjngst in den Hintergrund'getret'en. Furchtbares «Erleben, MühisaJ und Entbehrung haben den. Proletarier geilehrt, nur auf seine eigene Kraft, seine Organisation zu bauen und allen bürgerlich-nationalistis)ch;en Schönrednern mit Mißtrauen und Verachtung zu begegnen. Um so notwendiger ist der geschlossene Kampf der Arbeiter und Angestellten für günstige ma,ter rielle Lebensbedingungen. Ihre Organisation mtiß daher stets auf der Hut für ihre materiellen Interessen sein, dazu kommt die Rolle der Gewerkschaften bei der Umörganisierung der Gesellschaft. Es ist heute schön ein Gemeinplatz aller geworden, rl&ß der Wiederaufbau unserer Wirtschaft nur auf sozialistischerGnundlage erfolgen kann. Den Profit des' einzelnen muß; gegenüber dem Interesse1 der Gesamtheit ifallen. Die Gewerkschaften kommen jetzt dazu, ihre wirkliche, ihre ideale Aufgabe _zu erfüllen. Si e müssen darüber wachen, daß die Sozialtsierung der Arbeitsstätten und Arbeitsmittel irr fachlich und technisch richtiger - Weise geschieht, daß der Bourgeoisie und ihren Helfershelfern nicht wie in Rjußlajnd die Möglichkeit gelassen wird, den' Sozialiftierüngsprozeß <lurch Sabotage zu stören;und zu erschweren. Angesichts dieser Tatsachen kann ^'für kernen jüdischen .Sozialdemokraten zweifelhaft s>;in, welcher Weg der rfechte ist. — Wir können niemand als1 Genossen anerkennen, der nicht in seinem: Berufs verband, üi der zentralen Gewerkschaft sehijer Branche organisiert" ist. Wir werden nicht aufhören, die jüdische Arbeiterschaft über die Bedeutung der Gewerkschaften aufzuklären, bisder letzte. jüdisChe. Arbeit er seiner. Fachorganisation ^beigetreten ist. zur Aut dem IV. Parteitag der poale-zionisttschen Partei des früheren Oesterreich im Juni 1918, wurden nach eingehender Beratung die Thesen zum; Programm! der „Kultusgemeindien" aufgestellt. In der Einleitung zu den Thesen heißt es: „Die bestehenden israelitisChjeu Kültus'gemeinden^ müssen aus sich heraus' eine Rjeivision der Gemeindepijdhung im' Sinne deiner größiejren Selbständigkeit gegenüber den Staatsbehörden anstreben.* Sie müssen, des religiösen pharakters' entkleidet, in nationale Körperschaften verwandelt wftrjden." * Als konkrete Forderungen wurden aufgestellt: I. Allgemeines', direktes, geheimes, gleiches; Wahlrecht für Männer und .Frauen, Beseitigung, des1 Bestätigungs- und' Vetorechtes der staatlichen Behörden;' - 1 IL Deckung des1 Gemjeinjieha^us halt es durch direkte und.progresisiviei Einkommen und Erbscha;fts> steuer; sämtliche Ainstälten. und Vereinigungen zw gemeinnützigen £wjecken sollen der Gemeinde unterstehen; . * III. .Umgestaltung der Wohlfahrtsinstitutionen der jüdischen Gemeinden imi sozialen Geiste, im? Sinne moderner Sozialpolitik und neuester Verwaltungsprinzipien; ■ IV. Zweckdienliche Verwaltung der Gemeindeeiinküjnfte zur Förderung a) der Voiksbildjimg, b) der/ Völksgesundheit, c) sowie der sozialpolitischen Maßnahmen. Das (Programm enthält eine detaillierte Zusammenstellung der Formierungen auf den hier berührten Gebieten. Die umgewandelte; urijd umgestaltete, nunmehr} jüdische Gemeinde soll nun die Grundlage? des gesunden Aufbaues des jüdischen Volkskörpersi im J.Lande biljden; der Zusammenschluß der einzelnen) Gemeinden jsoll herbeigeführt werden, wod'urcW auch1 praktisch die nationale Autonomie gegeben wäre. In diesem Programm1 sind tvon grundlegenden Bedeutung: 1. daß "die israelischen Kultusgemeinden" säkularisiert und in Volks gemeinden umgewandelt werden; 2. d£s formale OrganiSiationsprcnzip (das1 genossensohaftWc(he, personale, an Stella des gebietsrechtlichen, .territorialen). Die Ausg/estaltung der Gemeinide mit nationaleni (kulturellen Und speziellen wirtschaftlichen Agenden) wird umso eher leicht sein, weil1 ja „Konfession" und Nationia.- tität zusamnienfallen und die heutigen Kultusgemeinden eigentlichi do;ch schon als Surrogate nationaler Organisationen geltem können. Fejrher niluiß unterstrichen werden, daß die &o umgemodelten Gemeind|en mit Repräsentativ- und! Steuerhoheit ausgesaltete Körperschaften des öffentlichen Rechts bildien werden un0 daß ihre Mitglieder ebjenso wie jetzt sämtliche Jujdein des gegebehen Sprenget sein werden; die Listen djer Kultusgemeindemitglileider werden zugleich die Listen der neuen Volksgjemeinden bilden. Darin wird also nichts geändert, die Glemeinklie erhält lediglich ihr Sammelt Abonnenten und verbreitet die „F r e i e Tribüne"!